Stu­die­ren an der Sophia Universität

Wenn der Japa­ni­sche Som­mer beginnt, star­ten die Stu­die­ren­den in die Prü­fungs­zeit. Jan Lukas Kuhn berich­tet über die Leh­re an der Sophia Uni­ver­si­tät und zieht sein Fazit zum Aus­lands­se­mes­ter in Japan.

6_Sophia Universität Gebäude 1

Sophia Uni­ver­si­tät Gebäu­de 1

Nach dem Ende der Regen­zeit, die von plötz­li­chen und hart­nä­cki­gen Schau­ern geprägt war, beginnt nun im Juli mit 36 Grad und 87 Pro­zent Luft­feuch­tig­keit der Hoch­som­mer in Japan. Mit Schweiß­tü­chern gewapp­ne­te Pas­san­ten flie­hen vor der brü­ten­den Hit­ze in gefrier­tru­hen­ar­tig her­un­ter­ge­kühl­te Züge. Die Wenigs­ten über­ste­hen den japa­ni­schen Som­mer ohne Erkältung.

Gleich­zei­tig mar­kiert der Juli den Beginn der Prü­fungs­zeit. Ich ret­te mich vor der Hit­ze in die Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek und bli­cke vor Ende mei­nes letz­ten Aus­lands­se­mes­ters zurück auf die bis­he­ri­gen Lehrinhalte.

Advan­ced Japa­ne­se 1

Noch vor Beginn der Lehr­ver­an­stal­tun­gen müs­sen alle neu­en Stu­die­ren­den, die Japa­nisch ler­nen möch­ten und schon Vor­kennt­nis­se haben, einen Ein­stu­fungs­test able­gen. Unter­teilt wird in fol­gen­de Stu­fen: „Japa­ne­se 1–4“ (inten­siv oder nor­mal), „Advan­ced Japa­ne­se 1–2“, „Aca­de­mic  Japa­ne­se“ und „Busi­ness Japa­ne­se“. Wer eine Aver­si­on gegen Frei­zeit hat, dem sei der „Inten­si­ve Japanese“-Kurs wärms­tens empfohlen.

Ich selbst habe im letz­ten Semes­ter mit „Japa­ne­se 4“ begon­nen und bele­ge nun den Kurs für Fort­ge­schrit­te­ne. Die­ser ist in Sprach­übung und Lese­ver­ste­hen unter­teilt und wird von zwei Leh­re­rin­nen abwech­selnd gelei­tet. Der Fokus liegt aller­dings auf der Sprach­übung: Fast jede Woche muss ein Skript abge­ge­ben und eine etwa fünf minü­ti­ge Prä­sen­ta­ti­on gehal­ten wer­den. Der Unter­richt ist von der ers­ten Stun­de an fast minu­ti­ös durch­ge­plant. Jeder Ter­min, jede Haus­auf­ga­be und jeder Test ist im Pro­gramm fest­ge­legt und es ist erstaun­lich, dass der Plan bis jetzt fast ohne Abstri­che umge­setzt wur­de. Der „Advanced“-Kurs erscheint mir per­sön­lich zwar weni­ger for­dernd als der Sprach­kurs im letz­ten Semes­ter. Davon abge­se­hen hal­te ich die Japa­nisch­kur­se der Sophia Uni­ver­si­tät für eine effek­ti­ve Fort­füh­rung der Sprach­aus­bil­dung in der Trie­rer Japanologie.

6_Illustrationen von Nakahara Jun'ichi für frühe Mädchenmagazine

Illus­tra­tio­nen von Naka­ha­ra Jun’ichi für frü­he Mädchenmagazine

The Aes­thetics and Histo­ry of kawaii

Die meis­ten Aus­tausch­stu­die­ren­den sind über die “Facul­ty  of Libe­ral Arts“ (FLA) imma­tri­ku­liert und kön­nen sich in eng­lisch­spra­chi­gen Vor­le­sun­gen und Semi­na­ren zahl­rei­cher geis­tes­wis­sen­schaft­li­cher Dis­zi­pli­nen ein­tra­gen. Bedin­gung hier­für ist der Sprach­nach­weis via TOEFL (iBT 79 Punk­te). Für Aus­tausch­stu­die­ren­de wer­den zu jedem Fach Ein­füh­rungs­ver­an­stal­tun­gen ange­bo­ten, meist mit oder ohne Jap­an­be­zug, zum Bei­spiel „Ein­füh­rung in Welt­li­te­ra­tur“, „Ein­füh­rung in japa­ni­sche Lite­ra­tur“ oder „Ein­füh­rung in Kunst­ge­schich­te“ und „Ein­füh­rung in japa­ni­sche Kunstgeschichte“.

Das Kunst­ge­schichts­se­mi­nar, das ich in die­sem Semes­ter bele­ge, beschäf­tigt sich mit der kawaii bunka, zu Deutsch: der Nied­lich­keits­kul­tur Japans. Ich erin­ne­re mich noch dar­an, wie ich vor eini­gen Jah­ren in einem Trie­rer Elek­tro­nik­ge­schäft drei Japa­ne­rin­nen sah, die vor bun­ten Was­ser­ko­chern stan­den und mit schril­len Stim­men kawaii rie­fen. Wo liegt der Ursprung des Wor­tes und wie­so beti­teln Japa­ner heut­zu­ta­ge alles Mög­li­che als niedlich?

Die Rei­se führt zurück ins Vor­kriegs­ja­pan, wo für jun­ge Mäd­chen Zeit­schrif­ten mit Illus­tra­tio­nen und Kurz­ge­schich­ten über euro­päi­sche Schlös­ser und unschul­di­ge Roman­zen in hohen Zah­len ver­kauft wur­den. Die Ent­wick­lung die­ser Kul­tur lässt sich naht­los bis zu glo­ba­len  und geschlech­ter­über­grei­fen­den Phä­no­me­nen wie „Sailor Moon“ oder „Poke­mon“ weiterverfolgen.

Am Ende des Semi­nars bleibt, neben reich­lich aka­de­mi­schen Know-how von Freud bis Ador­no, die ernüch­tern­de Erkennt­nis, dass die gelieb­ten Anime­se­ri­en der eige­nen Kind­heit oft­mals nur 25-minü­ti­ge Spiel­zeug­wer­bun­gen waren.

Inter­kul­tu­rel­le Kommunikation

Um an einer „nor­ma­len“ Ver­an­stal­tung für japa­ni­sche Stu­die­ren­de teil­zu­neh­men, muss man den JLPT (Japa­ni­scher Sprach­test) auf der höchs­ten Stu­fe, N1, bestehen. Da ich über das deutsch-japa­nisch Aus­tausch­pro­gramm in der Ger­ma­nis­tik ein­ge­schrie­ben bin und nicht in der FLA, ist es mir mög­lich, eine Aus­wahl an regu­lä­ren Kur­sen zu bele­gen. In den Kur­sen „Kom­pa­ra­tis­tik Deutsch­land-Japan“ geht es unter ande­rem um den Län­der­ver­gleich in Poli­tik, Wirt­schaft und Linguistik.

Das Semi­nar „Inter­kul­tu­rel­le Kom­mu­ni­ka­ti­on“ wird auf Japa­nisch gehal­ten. Deut­sche Stu­die­ren­de gibt es, mich ein­ge­schlos­sen, nur drei. Pro Unter­richt­stun­de wird ein Kapi­tel aus einem japa­ni­schen Ein­füh­rungs­buch zum The­ma vor­be­rei­tet und von einem Stu­die­ren­den prä­sen­tiert. Zwar gibt es auch deutsch­spra­chi­ge Text­aus­zü­ge, die Prä­sen­ta­tio­nen und den Abschluss­essay müs­sen wir aber auf Japa­nisch hal­ten bezie­hungs­wei­se schrei­ben, was zumin­dest auf sprach­li­cher Ebe­ne eine Her­aus­for­de­rung für uns Aus­tausch­stu­die­ren­de dar­stellt. Denn ver­gli­chen mit den FLA-Semi­na­ren fühlt man sich hier wie­der wie in der Schu­le. Der Unter­richt beginnt: Ein Stu­dent schaut stumm aus dem Fens­ter, als wüss­te er gera­de wirk­lich nicht, war­um er im Unter­richts­raum sitzt, eine Stu­den­tin schläft unver­hoh­len vor der Dozen­tin. Nicht, dass ich das nie­mals an deut­schen Uni­ver­si­tä­ten gese­hen hätte…

Ver­spä­tun­gen und Nicht­er­schei­nen kön­nen in der japa­ni­schen Arbeits­welt die Kün­di­gung bedeu­ten, an der Uni­ver­si­tät hin­ge­gen gehen die meis­ten Dozen­ten, ins­be­son­de­re wäh­rend der „Job-Hunting“-Phase (sie­he vori­ger Bei­trag), sehr locker damit um. In den Kur­sen für Aus­län­der, ins­be­son­de­re den Sprach­kur­sen, wird die Anwe­sen­heits­pflicht, so scheint es mir, wesent­lich stren­ger gehandhabt.

War and Post­war in Japa­ne­se Literature

Die letz­te Ver­an­stal­tung in der Lis­te hat auf mich per­sön­lich den größ­ten Ein­druck hin­ter­las­sen. Direkt in der ers­ten Sit­zung übte die Dozen­tin mit schel­mi­schem Grin­sen schar­fe Kri­tik am natio­na­lis­ti­schen Kurs des der­zei­ti­gen Pre­mier­mi­nis­ters Shin­zô Abe und plä­dier­te für Meinungspluralität.

Begüns­tigt wird der Mei­nungs­aus­tausch durch die kul­tu­rel­le Diver­si­tät des Kur­ses: Die Stu­die­ren­den kom­men aus Eng­land, Russ­land, Chi­le, Ita­li­en, Chi­na, Deutsch­land…. Dar­un­ter befin­den sich auch eini­ge Aus­tausch­stu­die­ren­de ame­ri­ka­ni­scher Eli­te-Uni­ver­si­tä­ten.  Flei­ßi­ge japa­ni­sche Stu­die­ren­de gibt es natür­lich eben­falls. Man­che Kurs­mit­glie­der lesen die Tex­te auf Japa­nisch, sodass die Dis­kus­si­on nicht nur an die eng­lisch­spra­chi­ge Über­set­zung gebun­den ist. Sel­ten habe ich so vie­le erhel­len­de und anre­gen­de Dis­kus­sio­nen und Gesprächs­bei­trä­ge in einem Semi­nar erlebt. Dank des guten Unter­richts­kli­mas fiel es umso leich­ter, sich dem enor­men Lehr­stoff zu stel­len (4 Roma­ne und 15 Kurz­ge­schich­ten) und ich sage mit Stolz, dass ich bis­her alle Tex­te tat­säch­lich gele­sen habe.

Fazit

Die japa­ni­sche Sprach­aus­bil­dung an der Sophia Uni­ver­si­tät ist her­vor­ra­gend struk­tu­riert und for­dernd. Von aka­de­mi­scher Sei­te bie­ten vor allem die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten eine sehr gro­ße Aus­wahl an Inhal­ten, auch für Stu­die­ren­de ohne Inter­es­se an japa­ni­scher Kul­tur. Die Dozen­ten der FLA moti­vie­ren die Stu­die­ren­den zur Arbeit an eige­nen For­schungs­the­men. So konn­te ich im Kunst­ge­schich­te Semi­nar bereits im Rah­men einer Haus­ar­beit Inhal­te mei­ner geplan­ten Bache­lor­ar­beit vorbereiten.

Im Gespräch mit aus­län­di­schen Stu­die­ren­den an der Sophia Uni­ver­si­tät, die dort ihren Abschluss anstre­ben, wur­de mir aller­dings davon abge­ra­ten dort für län­ge­re Zeit zu stu­die­ren. Das Lern­pro­gramm für regu­lä­re, meist japa­ni­sche Stu­die­ren­de sei wenig loh­nens­wert, hieß es.

Für ein Aus­tau­sch­jahr ist die Sophia Uni­ver­si­tät aber vor allem für die aka­de­mi­sche Wei­ter­bil­dung und den Ein­blick in ande­re geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Dis­zi­pli­nen sehr emp­feh­lens­wert. Zumal es nicht nur Exper­ten auf den jewei­li­gen Fach­ge­bie­ten (Poli­tik, Kunst­ge­schich­te, Lite­ra­tur) gibt: Loh­nend sind vor allem die Muse­en, Biblio­the­ken und Events im Zen­trum Tokios.

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