Der Tod an der Uni

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Die Kanzlerin holt Poetry Slam mit hochkarätigem Teilnehmerfeld an die Universität Trier. Zu Gast waren der Tod, Trauernde und Leichen. Tränen blieben aus. Stattdessen gelang mit dem Abend ein humorvoller Auftakt für eine ganze Veranstaltungsreihe.

Obwohl Sie noch nie zuvor einen Poetry Slam erlebt hat, bringt die Universitätskanzlerin Dr. Ulrike Graßnick den Poetry Slam in den Hörsaal. Das Motto des Slam-Abends: Sterben und Tod. Gedimmtes Licht, ein Mikro und der Moderator Peter Stablo. Wer schon Mal einen Poetry, Comedy oder Singer/Songwriter-Slam in Trier besucht hat, kennt die Atmosphäre und das Gesicht Stablos. Neun Kandidaten treten mit selbstgeschriebenen Texten gegeneinander an. Sie erhalten eine Publikumswertung und der Gewinner des Abends ist der mit den meisten Punkten.

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Slamer Markus Becherer

„Ich bin der Tod“, spricht Markus Becherer mit leiser und krächzender Stimme in das Mikro. Dann schnippst er, schnippst noch einmal. Eins und eins: „Jede Sekunde stirbt ein Mensch.“ Der Slamer spielt den Tod. Der weiß, dass ihn die Menschen hässlich und grausam finden. Er beneidet die Menschen um ihre Vergänglichkeit und Ahnungslosigkeit – um ihr Leben. Manchmal versteht er sie nicht. Als Tod bekommt er nie, wie andere, eine Postkarte mit der Aufschrift „Ich denke an Dich“.

Das Teilnehmerfeld des Slams setzt sich ganz unterschiedlich mit dem Thema auseinander. Alex Geiger will keine To-do-Liste im Leben abarbeiten und am Ende vielleicht nur 15 Prozent gelebt haben, weil er nicht mehr Haken auf der Liste setzten konnte. Francis Kirps führt das Publikum auf den Friedhof und zeigt, wie es ist, wenn die nächtliche Ruhe von Ungeziefer oder Okkultisten gestört wird.

Das Publikum vergibt die höchst mögliche Punktzahl an Markus Becherer. Er gewinnt den Poetry Slam. In der Szene ist er bekannt. 2014 gewann er die Poetry Meisterschaft Rheinland-Pfalz, 2015 und 2016 wurde er Vize-Meister.

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Hörsaal als Kleinkunstbühne

Sonst haben Poetry Slams kein bestimmtes Thema. Die Studentin Alina besucht sie regelmäßig und geht mit einer Erkenntnis nach Hause: „Mir ist klar geworden, dass der Tod nicht nur das Ende ist.“ Die Idee zum Slam an der Universität Trier kam auf, weil die Hospizbewegung Triers diesen Sommer gleich ein dreifaches Jubiläum feiern: 20 Jahre Hospiz Verein Trier, 15 Jahre Ambulanter Hospiz- und Palliativberatungsdienst und 10 Jahre Stationäres Hospiz. Alle drei beschäftigen sich in Ihrem Arbeitsalltag mit dem Sterben. Sie wollen Menschen ein würdevolles, selbstbestimmtes Leben bis zuletzt ermöglichen.

Der Hospizverein organisiert mit anderen Institutionen und Vereinen der Stadt eine Reihe von Veranstaltungen unter dem Titel „Letzte Inszenierung“. Das Thema Sterben soll nicht länger ein Tabu sein sondern in die Öffentlichkeit gelangen. Dafür ist die Universität genau der richtige Veranstaltungsort, findet Tobias Sauer, Praktikant im Dekanat Weichbillig und Student der Theologischen Fakultät: „Im Studium geht es darum, wie man sein Leben gestaltet. An der Universität stellt man Weichen, die uns bis zur letzten Inszenierung begleiten.“

Der lange Applaus am Ende des Poetry Slams zeigt, wie gut dem Publikum und der Uni-Kanzlerin der Abend gefallen hat. Die „Letzte Inszenierung“ geht auf dem Campus weiter. Bis 5. Juni kann man an Schiefertafeln auf dem Forum gegenüber der Mensa und vor dem Eingang des A/B-Gebäudes den Satz ergänzen: „Bevor ich sterbe, möchte ich …“