Perdon, no hablo español!

Plötzlich Peru! Einer langen Reise ging eine relativ kurze Vorgeschichte voraus: Wer nach vier Jahren Studium plötzlich bemerkt, dass zwar Credits und Klausuren immer pünktlich und zuverlässig unter Dach und Fach gebracht wurden, man die Welt hinter den Grenzen der EU jedoch nicht kennt, sollte..

..sich überlegen, nicht vielleicht doch einmal der Gemütlichkeit des Unialltags den Rücken zuzukehren und eine der letzten Chancen zu ergreifen, die einem durch das Studium geboten werden.

So erging es mir Ende Juni. Plötzlich zu bemerken, dass die Semesterferien über 2 Monate freie (in meinem Fall sogar lernfreie) Zeit bieten, eröffnet eine Fülle von Möglichkeiten. Dass ich einen Monat später in Peru – genauer gesagt in Trujillo – Kindern jeden Alters, jeder sozialen Herkunft und jeden Talents das Geigenspielen beibringe, habe ich vor allem meinem alten Kontrabass-Freund Armin zu verdanken, der als einer von neun Freiwilligen seit letzten September in der Küstenstadt das Projekt Arpegio unterstützt.

Eine der vielen Grundideen besteht darin, über Musik Kindern Türen zu öffnen, die sie auf Grund ihrer Herkunft vielleicht gar nicht durchschreiten können. Das Musikschulorchester von Trujillo kann auf viele inner- und interkulturelle Ereignisse zurückblicken – wie beispielsweise eine Konzertreise nach Deutschland in diesem Frühjahr.

Meine Schülerinnen Bexi, Lisbeth und Angeli beim Spielen – zumindest beim Versuch dessen =)

Was qualifiziert mich nach Peru zu fahren und Geigenunterricht zu geben? Eine gute Frage, ein Musikstudium ist es jedenfalls nicht. Ich studiere seit vier Jahren Psychologie, erst in Bonn, seit einem Jahr in Trier. Meine nicht vorhandenen Spanischkenntnisse sicherlich auch nicht. Vielleicht ist es eine enge Beziehung zur Musik, die ich durch jahrelangen Unterricht, großartige Erfahrungen in Orchestern, auf Konzertreisen und mit anderen Musikern aufbauen konnte. Den gewaltigen Einfluss von Musik habe in meinem Leben oft spüren können. Ansonsten ist Liebe zu Kindern, sehr viel Geduld (!) und Offenheit für neue Erfahrungen (und vielleicht auch ein wenig musikalisches Potential =) bei dieser Aufgabe unentbehrlich.

Also hab ich statt für Statistik lieber Spanisch gelernt, den großen Familienrucksack und meine Geige gepackt und bin nach einem kurzen Familienurlaub von Frankfurt nach Lima geflogen. Kurz gesagt: Nach über 36 Stunden Reise, frei von Zwischenfällen, stieg ich schließlich in Trujillo aus dem – übrigens sehr komfortablen! – Nachtbus und wurde von der Freiwilligen-WG mit einem großen und ausgiebigen Frühstück herzlich empfangen.

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Meine WG bis zum September – dann kommen die Neuen.

Blick aus meinem Zimmer. Glücklicher Weise wohnen wir direkt neben einem Park. Der Obst und Gemüsemarkt und ein kleiner Laden sind auch direkt unten um die Ecke.

Das ist eine Woche her und seitdem ist viel passiert. Ein großes musikalisches Theaterstück wurde direkt am Folgetag meiner Ankunft mit drei von vier Orchestern der Musikschule aufgeführt (Der kleine Prinz). Ich habe diverse Schüler kennengelernt und bereits selber unterrichtet. Ich war zweimal am Strand von Huanchaco, habe gelernt Maracujas und Krebse zu essen (eine Kunst für sich…), drei Tage in der Außenstelle Chimbote verbracht, Armut und Reichtum gesehen und die Herzlichkeit vieler Peruaner erfahren.

Strand von Huanchaco inklusive Sonnenuntergang mit Dosenbier und Reis aus der Tüte!

Strand von Huanchaco 2
Wichtiger als das, was ich erlebt habe, erscheinen mir allerdings die Schlüsse, die ich aus diesen Erlebnisse ziehen kann.

Deswegen kommen wir jetzt zu meinen

„Erkenntnissen der Woche“

1. Straßenverkehr
Mittelmarkierungen auf der Straße darf man keineswegs missverstehen: eine Mittellinie ist lediglich ein Vorschlag, so dass hier zwei Autos nebeneinander fahren könnten! Außerdem gilt hier die Devise, wer das größte Auto hat und am lautesten und penetrantesten hupt, hat Vorfahrt. Die Hupe wird dabei eher präventiv verwendet.

2. Keine Selbstverständlichkeiten
Keine Selbstverständlichkeiten sind fließendes Wasser, Seife, manchmal sogar Licht und Klopapier schon mal gar nicht. Das unsere WG alles hat – sogar Warmwasser – ist für einige Teile Perus sicherlich ein großer Luxus. Ach ja, wichtig (weiß ich auch erst seit kurzem!): Das Peruanische Abwassersystem kommt nicht mit Klopapier klar. Deswegen steht immer ein Eimer daneben….

3. Jesus sieht alles
Keine Küche, kein Taxi, kein Geschäft, in der nicht irgendwo ein Heiligenbildchen (den Diminutiv an dieser Stelle nicht falschverstehen) hängt. Wir haben es hier tatsächlich mit einem sehr gläubigen Volk zu tun. Leider schlägt das manchmal ins Negative um, beispielsweise bei den Adventisten. Ein Kind, dem die Deutschlandkonzertreise verboten wurde, weil an einem Sonntag eines der Konzert stattfinden sollte, ist ein trauriges Beispiel dafür.

4. Sauberkeit
Ist schwierig zu halten. Es wird hier weniger Wert drauf gelegt. Allerdings macht die Wüste, die hinter Trujillo anfängt, ein staub- und sandfreies Leben nahezu unmöglich. Meine Ansprüche habe ich also bereits runtergeschraubt…

5. Armut
Viele Menschen sind arm, was jedoch keinen Einfluss auf Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit hat. Im Gegenteil: Eine sehr arme Familie eines Orchestermitgliedes hat uns nach dem Konzert – das bei ihnen veranstaltet wurde – zum Essen bei sich zu Hause eingeladen, etwa 13 Leute!

6. Wenn du denkst, der Bus ist voll, falsch gedacht!
Es wird gestapelt und gedrückt, bis jeder drinnen ist. So haben wir gestern Abend beispielsweise die Erfahrung gemacht, dass 10 Leute in einen Hundai i10 reinpassen. Das Auto ist danach sogar noch gefahren! Interessanter Weise passieren hier wenige Unfälle. Verkehrstote gibt es auch wenige. Wie das zustande kommt, ist mir bei den Überholmanövern schleierhaft…

Diese Liste wäre um Abschnitte, wie „Kinder können ganz schön süß aber auch unglaublich anstrengend sein“ oder „Katastrophale Verhältnisse der Instrumente“ beliebig zu ergänzen. Ich will mir aber nicht gleich den Stoff für meine Berichte der nächsten Wochen vorwegnehmen. Es ist ohnehin schon reichlich!

Die nächste Woche werde ich vollends ins kalte Wasser geschmissen – die Schonfrist ist dann vorbei! Ein neuer Bericht über das Leben in einer anderen Welt wird folgen!

Ganz liebe Grüße aus Trujillo!
Elisa