… und sie schraubten ihn wieder ans Kreuz.

Und schon ist meine zweite Woche in Peru mit vielen neuen Erlebnissen vorbei, darunter meine zwei „Highlights der Woche“, von denen eines skurriler war als das andere. Diese Woche hätte auch den Titel „Festbankett mit 500 Schönheitsköniginnen“ tragen können, „Wie Jesus erneut ans Kreuz geschraubt wurde“ beschreibt es aber einfach besser.

Wer jetzt denkt „hmm, das ist aber makaber!“ – habt ihr Recht, hab ich auch gedacht. Aber dazu später mehr.

Die Woche begann erst einmal damit, dass ich nach dem Schreiben des ersten Blogeintrags letzten Sonntag erschöpft wieder ins Bett gefallen bin und ordentlich krank war. Wahrscheinlich hatte ich so alles abbekommen, was man abbekommen konnte. Sonntag und Montag habe ich mich im Grunde nicht viel aus dem Bett bewegt. Allerdings wurden ich und meine Schüler bestens von meinen Mitbewohnern versorgt, die mir ordentlich Tee ans Bett und meinen Schülern die richtigen Noten und Fingersätze beibrachten.

An diesem ersten Abend ist dann auch die erste Freiwillige gefahren. Da es schon Luises zweite Jahr in Arpegio war, fiel es ihr umso schwerer zu fahren und der Abschied ist allen sehr schwer gefallen.

Montag und Dienstag Abend habe ich allerdings doch noch die Stimmproben der 1. Geigen der zwei besten Orchester übernommen. Während die fünf Jungs des „Tierra“ Orchesters sehr lebhaft und aufgedreht waren – mein Spanisch hat wohl dort zur allgemeinen Erheiterung beigetragen – waren die vier Jungs des „Barro“ Orchesters super bemüht, ehrgeizig und haben sogar noch weitergespielt und geübt, als ich eine Pause angesetzt habe. In diesem Zusammenhang muss ich mal den Namen Jonathan erwähnen, unseren 13-jährigen Konzertmeister (in beiden Orchestern), der seit knapp drei Jahren Geige spielt und so talentiert ist, wie ich selten jemanden gesehen habe. Er ist mein Schüler – vielleicht kann er mir ja noch was beibringen ?! =)

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Meine Gastoma Morayma und ich vor der Fiesta

So auch an diesem Abend, und direkt wurde ich vom Schwiegersohn von Morayma zu einer „Fiesta“ anlässlich eines Jubiläums eines Krankenhauses eingeladen. Da habe ich dann mal zugesagt – nichts ahnend, was mich dann am nächsten Abend erwartete.

Glücklicherweise war ja Sonntags Konzert, weshalb ich mein Konzertkleid dabei hatte. Als wir um 11 Uhr abends dann vor dem riesigen Festzelt vorfuhren, war ich extrem dankbar darum, nicht hoffnungslos underdressed zu sein: um mich herum standen lauter Sissis mit langen Kleidern – oder extrem kurzen. Die Peruaner scheinen Freunde der Extreme zu sein. Das ganze erschien mir wie eine Art Abiball der Superlative: an die hundert mit goldenen Tischtüchern bedeckten runde Tische, goldene Stühle, in der Mitte eine riesige Tanzfläche und dahinter eine Bühne mit einer fantastischen Liveband. Als ich dann meinen Gastgeber an der langen Tafel vor der Tanzfläche in der Mitte sitzen sah, wurde mir auch klar, dass er wohl der Chef des Krankenhauses sein musste. Wir wurden dann an dem runden Tisch direkt dahinter gesetzt: Logenplatz mit perfektem Blick auf die Tanzfläche. Ich habe diesen Platz nur 3 mal verlassen: Einmal bin ich direkt wieder von der Tanzfläche geflohen, beim zweiten mal habe ich es (wahrscheinlich unter großer Belustigung aller umstehenden) ausgehalten und beim dritten mal hat der Chef mich aufgefordert zu tanzen. Da macht man nix…

Donnerstag bin ich wieder nach Chimbote gestartet (die Stadt 2 Stunden entfernt, wo wir auch unterrichten). Diesmal habe ich allerdings nicht bei Silvia gewohnt, sondern bei einer unglaublich netten älteren Dame, Morayma. Ich unterrichte ihre Enkelinnen, die nach der Schule und allen anderen Aktivitäten immer noch mit zur Oma fahren, bei der sie dann zu Abend essen und um 9 von ihren Eltern abgeholt werden.

Auf dem Logenplatz im goldenen Festzelt mit Morayma und ihrer Tochter Monica

Ganz anders die Peruaner: sobald die ersten Takte erklingen stürmen alle auf die Tanzfläche – meine Gastoma hat wahrscheinlich an diesem Abend zig-mal häufiger getanzt als ich! Wenn das Lied vorbei ist, gehen alle wieder auf ihre Plätze, nur um ein paar Sekunden später wieder auf die Tanzfläche zu stürmen. Außerdem war die ganze Zeit der Ruf nach „Solteras“ sehr laut – nach den Singles. Am Ende gab es sogar noch eine Tanzcompetition von den Solteras (ich bin unbemerkt sitzengeblieben =), die damit endete, dass das Publikum entscheiden sollte, wer von den Solteras am besten tanzen konnte, wobei als Kriterium primär das Hinterngewackele herangezogen wurde. Da bin ich schon fast vom Glauben abgefallen.

Noch viel mehr vom Glauben abgefallen bin ich dann aber am Sonntag beim Konzert. Über das riesen Chaos, was in den Tagen und Stunden vor dem Konzert herrschte, berichte ich nicht. Da fällt mir auch nichts mehr zu ein.

Meine Geige und ich im Orchester beim Konzert in Chimbote

Das Orchester, Antoine der Dirigent und Jesus unter dem roten Samttuch. Da ahnte ich noch nicht, was das große leere Kreuz in der Ecke bedeutete…

Viel einprägsamer waren die Erlebnisse während des Konzerts. Wir kamen an einer Art Kirmesplatz an, an dessen Seite eine Kirche lag, in der wir spielen sollten. Wir bauten also im Altarraum unser Orchester auf – nur dass an Stelle eines Altares ein lebensgroßer aufgebahrter Jesus auf einem Totenbett lag, der bis zum Gesicht mit einem Roten Samttuch bedeckt war. Drumherum standen Leute Schlange, um ihm mit Taschentüchern über das Gesicht zu streicheln – und von außen dröhnte die Kirmesmusik. Dann fingen wir zu spielen an (Beethovens 5….), und der Jesus lag immer noch da, mitten im Orchester!

 

Wir nach „How to train your Dragon“ und im Hintergrund die Kreuzschraubung

Nach zwei Stücken kamen drei Leute und hingen Jesus wieder an sein lebensgroßes Kreuz in der Ecke hinter uns. Da er aufgebahrt jedoch nicht mit ausgebreiteten Armen liegen konnte, hat sich der Konstrukteur schlau überlegt, dass man doch die Arme abschrauben könnte. Jetzt schraubten sie also den Korpus wieder ans Kreuz – und dann einzeln die Arme wieder an den Korpus. Und wir saßen da und spielten dazu die Filmmusik von „Drachenzähmen leichtgemacht“.

 

Anscheinend war ich übrigens die einzige, die sich permanent das Lachen verkneifen musste – die anderen schienen völlig ernst. Wahrscheinlich kommt so eine Kreuzschraubung häufiger vor.

An dem Abend gings wieder zurück nach Trujillo und am nächsten morgen (Montag) fing der ganz normale Musikschulwahnsinn wieder an. Ein wenig Wochenende wäre auch schön gewesen…

Als Highlight des gestrigen Tages kann ich stolz verkünden, dass ich es geschafft habe vom Musikunterricht in Porvenir nach Trujillo zu unserer Wohnung zu fahren. Alleine – mit dem Bus!

Gleich kommt mein erster Schüler – Jonathan – und vorher gehen wir noch mit Martha (die am Donnerstag zurückfliegt) essen. Ansonsten warten wie jede Woche Chimbote und das Chaos auf mich. Und die Sonne, die ist jeden Tag dabei!

Viele Grüße nach Trier, Aachen, Bonn, wo auch immer!

Eure Elisa