Von der Studentin zur „Profesora“

So schnell kann es gehen: gerade schreibst du noch eine Hausarbeit und plötzlich wirst du dauernd mit „Profesora Elisa“ angesprochen! „Hola Profesora!“, „Profesora, ich muss aufs Baño!“, „Meine E-Saite ist wieder gerissen, Profesora!!“ Aus meinen letzten beiden Einträgen hätte der Eindruck entstehen können, ich würde hier von einem Event zum nächsten laufen. Nebenbei habe ich allerdings tatsächlich eine (planmäßig) 40-Stundenwoche. Ein kleiner Schwank aus dem Leben einer „Profesora“ und dem ganz normalen peruanischen Wahnsinn…

Stundenplan Bild

Mein Stundenplan, mit Einzelschülern (grau) und Orchestern (bunt). Weiße Felder sind „freie“ Zeit.

Ich habe nachgezählt, ich unterrichte 28 Einzelschüler, dann noch einige größere Schülergruppen und leite die Stimmproben der 1. Geigen – von 4 Orchestern. Teilweise ist das unheimlich anspruchsvolles Repertoir, was ich selber eigentlich richtig gut üben müsste. Glücklicherweise sind meine Schüler häufig aufgeschmissener als ich, so dass eigene kleine Versagen glücklicherweise nicht auffallen…

Die Stücke der meisten Orchester sind deutlich zu schwer für das eigentlich vorhandene Potential. Entgegen der Aussage der dafür Verantwortlichen habe ich eher den Eindruck, dass dies eher demotiviert als antreibt. Auch habe ich teilweise Zweifel an den pädagogischen Maßnahmen, die ergriffen werden, um die Schüler zum Üben anzutreiben. Man muss kein Pädagogik- oder Psychologiestudium absolviert haben um zu wissen, dass das Vorspielenlassen Einzelner vor dem gesamten Orchester eher Angst macht als motiviert. Und Angst ist keine Quelle von großem Erfolg.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Meine Schüler – zumindest ein Teil derer – in Porvenir, einem ärmeren Außenbereich Trujillos.

Letzte Woche habe ich das Orchester OLAS selber geleitet. 35 Schülern Orientierung auf ihrem Instrument beizubringen ist eine ganz besondere Herausforderung. Zu meinem Leidwesen besonders beliebt: Weiterspielen, obwohl ich schon längst abgewunken habe. Oder erst nach meinem Einsatz so langsam das Instrument und sich selbst aus dem Stuhl heben. Und geduldig erinnere ich auch alle beim 20. Mal noch daran, dass F nicht das selbe ist wie Fis. Erstaunlich, einige hören das wirklich nicht!

Um die Motivation meiner Schüler zu steigern, habe ich mit großem Erfolg zwei gemeine Tricks eingesetzt:

  1. Gib den Schülern Noten der Musik, die sie gerne hören! Warum sollte jemand „Hänschen Klein“ spielen, der sonst Sia oder Rihanna hört? Und so kam es, dass ich mich hingesetzt habe und eine Geigenversion von „Drag me down“ von One Direction geschrieben habe. Obwohl ich in meinem Leben nie mit dem Phänomen des Schwärmens für irgendeine Boygroup konfrontiert wurde, kann ich (nachdem ich das Lied circa 30 mal gehört habe) eine gewisse Faszination doch nachvollziehen, die ich vielleicht mit 13 und mit Interesse an einer solchen Gruppe entwickelt haben könnte. Es trifft bei mir zwar beides nicht zu, trotzdem freue ich mich diebisch über die Motivation, die meine sechs kleinen Geigerinnen plötzlich an den Tag legen. Danke, One Direction!
  2. Noten von einem langweiligen Blatt ablesen?! Warum auch? Meine ganz jungen Schüler haben da entschieden keine Lust drauf und spielen lieber irgendwas anderes, was Ihnen gerade in den Sinn kommt. Ganz anders jedoch ist das, wenn man die gleichen Noten von einem Tablet abspielt! Die Demoversion eines sonst für nichts zu gebrauchenen Notenschreibprogrammes war meine Rettung: auf einmal hatte ich jegliche Aufmerksamkeit! Und wenn man die Notenlinien berührt, hört man sogar die entsprechende Note! Das ist ja der Wahnsinn! =)

Ganz so einfach geht das bei Orchesterwerken natürlich nicht. Meine zehn (!) Jungs der 1. Geige aus dem „Orquesta de Tierra“ kann man damit nicht packen. Da muss man durchgreifen und einige klare Ansagen machen – auf Spanisch. Das läuft so langsam aber stetig an, allerdings muss ich mich neben der ganzen Musik auch immer regelmäßig mit Vokabeln und Grammatik beschäftigen. Wenn ich denn die Zeit dazu finde.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Die Schüler Bexi und Bejamin – Geschwister – mit mir und Profesora Isabelle

Aber nicht nur durch meine unzulängliche Sprache falle ich auf, sondern besonders auch dadurch, dass ich etwa 98% der gesamten peruanischen Bevölkerung um einige Zentimeter überrage. Das ist auch gar nicht so schwer, bedenkt man, dass der Durchschnittsperuaner etwa die Größe besitzt, wie in Deutschland ein gewöhnlicher 14-jähriger. Mittlerweile stoße ich mich nicht mehr ganz so regelmäßig den Kopf, man gewöhnt sich dran.

Nachdem ich auch diese Woche das zweite Wochenende durchgearbeitet habe, haben wir die Orchesterprobe am Sonntag geschwänzt und sind zu einer Familie nach Esperanza gefahren, die uns zum Mittagessen eingeladen hat. Esperanza heißt übersetzt „Hoffnung“ – eine böse Ironie des Schicksals, gehört Esperanza doch zu den ärmsten und gefährlichsten Stadtteilen Trujillos. Die Straßen sind nicht befestigt und die Wüste, die hinter Esperanza liegt, erstreckt sich bis in die Straßen. Die Familie jedoch ist herzlicher und offener als alle, die ich bis jetzt hier kennengelernt habe. Hinter ihrem Haus hat Aurora, die Mutter einen Garten, hat uns mit Auberginen und Papajas aus ihrem Garten eingedeckt und uns fürstlich bekocht – und das, obwohl wir zu siebt in Esperanza angerückt sind!

Garten Aurora

Das Haus und der Garten von Aurora und ihrer Familie. Erdbebensicher ist keines der Häuser. Fast nirgendwo.

Aurora

Auroras Tochter, die praktischer Weise auch Aurora heißt, und ich

 

 

 

 

 

 

Ein letzter (erfreulicher) Sachverhalt hält mich zusätzlich zur Zeit auf Trab: die Organisation meines nächsten halben Jahres. Ich habe nämlich beschlossen, meinen Aufenthalt hier zu verlängern und ein Urlaubssemester einzulegen. So eine Chance wie hier bekomme ich nicht mehr. Ich meine das nicht nur auf die Sprache bezogen, sondern vor allem auch auf die vielen Erfahrungen, die ich hier sammeln darf. Ich gebe beispielsweise den Kindern viel – aber lerne gleichzeitig auch unheimlich viel durch sie und von ihnen. Und nachdem ich beim Studierendensekretariat in Erfahrung gebracht habe, dass ein bescheinigter Freiwilligendienst einen Grund für ein Urlaubssemester darstellt, habe ich alle weiteren Weichen gestellt und komme erst Ende Januar zurück!

Jetzt gilt es natürlich, Pläne zu schmieden. Eine Reise nach Chile zu meiner Freundin Meggie über Weihnachten und Silvester ist sehr wahrscheinlich, zumal ich aus visumstechnischen Gründen spätestens am 27. Dezember das Land verlassen muss. Außerdem – und darauf freue ich mich am meisten – kommt mich meine Schwester im Januar besuchen und abholen. Deswegen heißt es jetzt: Urlaub aufsparen und bis Weihnachten durchackern!

20160819_122627

Einer meiner Jobs in Chimbote: ein kleinwenig (deutsche?!) Ordnung ins Saitenchaos bringen.

Jetzt ist schon wieder ein kleiner Roman entstanden. Gleich geht’s wieder nach Chimbote ins Chaos! Ich freu mich wirklich darauf =)

Ach ja, als kleiner Teaser für nächste Woche: ich bin angefragt worden, am Dienstag Abend in Lima bei einem mexikanischen (hier sehr bekannten) Sänger bei einem Auftritt in einem Stadion im Orchester mitzuspielen. Montag Abend geht’s also im Nachtbus nach Lima, und nach dem Konzert im Nachtbus zurück, damit ich Mittwoch morgen um 8 wieder unterrichten kann. Man gönnt sich ja sonst nichts =)

 

Ganz liebe Grüße in die Welt,

Eure Elisa

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Mein Schüler Benjamin, der kleine Sonnenschein =)

4 Kommentare

  1. Hallo Elisa, vielen Dank für die spannenden Berichte aus Peru! Wir freuen uns sehr, dass der Auslandsaufenthalt so viel Spaß macht und deshalb sogar gleich verlängert wird!! Alles Gute weiterhin!

  2. Hallo Elisa,

    ich habe deinen Bericht voller Spannung gelesen! Es ist wohl eine ganz andere Welt in der du da gerade lebst. Aufregend! 🙂

  3. Liebe Elisa, wir wünschen Dir, nach den Berichten zu urteilen, eine spannende Zeit und freuen uns wieder auf Deine nächste spannende Erlebnisschilderung .
    Liebe Grüße Ralf und Gerti aus der fernen Heimat

  4. Hallo Elisa, toll wie du uns einen Einblick in dein Leben in Peru gewährst. Ich wünsche dir sehr , dass du die Zeit dort noch genießen kannst. Bestimmt stößt du auch hier und da auf ungewohnte Reaktionen vorwiegend männlicher Machos – ist halt landestypisch ( die Frau sei dem Manne Untertan). Mach das Beste draus, denn an dir liegt es ganz bestimmt nicht, sondern nur daran, dass die Herren nicht an starke und eigenständige Frauen gewöhnt sind.
    Alles Gute!!!

Keine Kommentare.