Die „Maueraffäre“ und Sextabus in Japan

Ich muss umziehen, denn es wird eine Mauer gebaut. In meinem Austauschjahr in Tokio wohne ich in einem Wohnheim, das dem internationalen Anspruch der Sophia Universität gerecht werden soll. Neu ist die Geschlechtertrennung in den Wohneinheiten. Keine Seltenheit an japanischen Universitäten. Vom Sextabu und Geschlechtermauern unter jungen Japanern.

Das Sophia Soshigaya International House, in dem ich die meiste Zeit meines Austauschjahrs wohne, liegt im Westen Tokios und ist verglichen mit den hektischen Zentren des Beton-Dschungels geradezu idyllisch. Zur Kirschblütenzeit kann man in den Alleen auf dem circa 25 Minuten langen Weg zum Bahnhof Seijôgakuenmae ein Meer von rosa Blüten bestaunen. Unter allen kitschigen Postkartenmotiven aus Japan ist die Sakura, die japanische Kirschblüte, das beliebteste. Auf demselben Wegstößtder internationale Passant zu seiner Verwunderung auch auf ausländischeLuxusautos, von Porsche bis Ferrari,und eine kuriose Ansammlung von geräumigen Eigenheimen, meist im westlichen Stil. Hierbei muss erwähnt werden, dass Eigenheim und Auto in Tokio, wo Bau- und Parkplätze astronomische Preise erzielen, meist den Reichen vorbehalten sind. Viele Familien leben wesentlich bescheidener, meist auf engem Raum in riesigen Wohnblocks.

7_1 Das Sophia Soshigaya International House

Grüne Idylle im Bonzenviertel

Die Einzelzimmer des Soshigaya International House sind mit 15 Quadratmetern für umgerechnet ca. 350 Euro vergleichsweise günstig. Da das Wohnheim erst im Jahr 2012 eröffnet wurde, sind die Zimmer und Gemeinschaftsräume – die Gemeinschaftsküchen ausgenommen – in makellosem Zustand. Es handelt sich beim Soshigaya International House um ein Prestigeprojekt, das den internationalen Status der Sophia Universität betonen soll, offenbarte man uns in der Einführungsveranstaltung. Japanische und ausländische Studierende können hier in interkulturellem Austausch miteinander wohnen, allerdings mit einer Ausnahme: Ab der 3. Etage beginnt der Wohnbereich der holden Weiblichkeit und dieser darf von den männlichen Bewohnern nicht betreten werden. Ein Theologe, der ebenfalls im Wohnheim lebt – Notiz: Die Sophia Universität ist eine Privatuniversität unter der Trägerschaft der katholischen Kirche – ermahnte uns mit ironischem Lächeln, wir sollen eine psychische Mauer zwischen der 2. und 3. Etage in unseren Köpfen errichten. Doch wo von psychischen Mauern gesprochen wird, werden bald echte Mauern hochgezogen. Und so begann der „Mauerbau“ die friedliche Idylle im internationalen Wohnheim zu überschatten.

Geschlechtertrennung im 21. Jahrhundert

Blick in ein Einzelzimmer vom Eingang aus

Blick in ein Einzelzimmer vom Eingang im Sophia Soshigaya International House

„Men and Women for Others, with Others“ lautet das Motto der Sophia Universität. Dieses Motto sieht allerdings kein gemeinsames Zusammenleben, Tür an Tür, vor. Ich kann nur vermuten, dass die Motivation für diese Umbau-Aktion entweder von den Verwaltern der Universität oder von irgendwelchen katholischen Beauftragten kam. Doch wenn es um die Trennung der Geschlechter geht, wird in der katholischen Kirche und im konservativen Japan, wenn auch aus verschiedenen Gründen, die gleiche Meinung geteilt.

So wurde das Wohnheim in zwei Bereiche aufgeteilt und ein Großteil der Mitbewohner musste in den jeweils gegenüberliegenden Gebäudeteil umziehen. Nicht nur der Umzugsaufwand war enorm, die betroffenen Studierenden mussten für einige Zeit eine andere Unterkunft suchen. Immerhin fiel in diesem Fall die Miete für einen Monat aus. Jeder Studierende bekam einen Schlüssel mit elektrischem Sensor, der nur den Eintritt in den eigenen Wohnbereich erlaubt. Wenn ein männlicher Studierender versucht mit dem Schlüssel in den Wohnraum des anderen Geschlechts „einzudringen“, sagte man mir, würde ein Alarm ausgelöst und Wachpersonal käme herbeigelaufen. Zudem wurden Kameras und Eingangsschranken installiert, wie man sie sonst nur von japanischen Bahnhöfen kennt. Die „Mauer“ sah in letzter Konsequenz unerwartet unspektakulär aus. Es ist erschreckend wie schnell man sich an Überwachung und die Einschränkung der eigenen Rechte gewöhnt.

Vergeblicher Protest und Boykott des Wohnheimfests

Der Umbau und die Installation der Sicherheitssysteme kosteten umgerechnet fast 600.000 Euro. Auf die Frage warum dieser Aufwand notwendig sei, wurde uns in einer „Briefing Session“ nur mit einem sehr vagen „Es habe Vorfälle gegeben“ geantwortet. Diese Sitzung wurde an der Universität abgehalten und diente eher als Ventil für den Ärger der frustrierten Mitbewohner und nicht als Möglichkeit für konstruktive Diskussionen. Schließlich war das Geld zu diesem Zeitpunkt schon investiert. Der Mitbewohner, der die Protestgruppe leitete, sagte am Ende dieser Farce in aller Direktheit, worum es bei der Aktion eigentlich ginge: Die Studierenden sollen keinen Sex haben. Dabei gibt es allerdings ein Problem: Ausländische Studierende im Alter von 18 bis 32 haben in der Regel das Bedürfnis nach sexueller Aktivität.

Zahlreiche Unterschriftenaktionen, die Miteinbeziehung von Universitätsprofessoren und der Boykott des Wohnheimfestes konnten letztlich den Bau nicht verhindern. Um die 200 von den ca. 350 Einwohnern des Internationalen Houses gaben ihre Unterschrift gegen die Maßnahmen der Wohnheimverwaltung. Ein resignierter Student schrieb scherzhaft: „Jetzt können endlich die homosexuellen Studierenden ungestört von den Heteros Sex haben.“

Von „Gesellschaftsmenschen“ und Massenüberwachung

Die Schuld für die Maueraffäre nur bei der Universität oder der Kirche zu suchen wäre wohlfeil. Von japanischen Freunden anderer Universitäten habe ich bereits von dem einen oder anderen Skandal gehört. Sobald ein Vorfall erst einmal von den Massenmedien aufgegriffen wird, stellt das eine Gefahr für die Reputation der jeweiligen Universität dar. Bilder von betrunkenen Studierenden oder Schlimmerem, die in den Kontext der Universität gerückt werden könnten, will man mit allen Mitteln vermeiden (siehe Skandal an der Meiji Universität 2014). In Japan sind Studierende keine „Gesellschaftsmenschen“ (社会人: shakaijin), d.h. kein arbeitendes Mitglied der Gesellschaft, sondern gewissermaßen noch ein Kind und die Universität trägt die Verantwortung für sie.

Des Weiteren scheint es in Japan kein kritisches Bewusstsein gegenüber Kameraüberwachung zu geben. Man findet kaum ein Haus auf, das nicht mit einem Aufkleber von Secom oder dem eines anderen Überwachungssystemherstellers ausgestattet ist. Der Künstler Murakami Takashi verglich diese Aufkleber einmal mit magischen Siegeln, die Unheil abhalten sollen. Dieser Sicherheitsglaube wirkt selbst auf uns eher verängstigte Deutsche absurd. Der Slogan 安全第一 (anzendaiichi: Sicherheit zuerst) durchzieht jeden Bereich des japanischen Lebens. Wichtiger als die Freiheit des Individuums sind die Sicherheit und der Frieden in der Nachbarschaft, und was könnte diesen mehr stören als sexuell aktive Jugendliche?

Love Hotels – „Asyl der Liebe“

Die Sexualität der Japaner scheint mir ein Lieblingsthema der deutschen Presse zu sein. So übertitelt „DIE ZEIT“ einen langen Artikel über Japan mit den Worten „Jugend ohne Sex“, und „DIE WELT“ beschäftigt sich mit der Frage: „Warum haben Japaner keine Lust mehr auf Sex?“

Als ich vor zwei Jahren das erste Mal nach Japan geflogen bin, hatte ich jenen Zeit-Artikel intus und war danach überrascht, gar perplex, wie viele händchenhaltende Pärchen ich gesehen habe, in einem  Land, wo jeder öffentliche Ausdruck von intimen Gefühlen geächtet sei. Natürlich wollen auch junge Japaner Sex haben. Das widerspricht jedoch vielen Statistiken. So heißt es in einem Artikel in „DER WELT“, dass laut einer Studie aus dem Jahr 2010 „68 Prozent der 18- bis 19-Jährigen in Japan an[gaben], Jungfrau zu sein.“ Was im Artikel keine Erwähnung findet mag banal klingen, ist aber einer der offensichtlicheren Gründe für dieses Phänomen: Es gibt schlicht keinen Platz für junge Japaner ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Die Wohnungen sind zu klein, die Wände zu dünn und die Häuser „überbevölkert“.Man kann also warten bis die Familie mitsamt den Nachbarsfamilien in Urlaub fährt, oder verschlägt sich in einen abgelegenen Wald oder auf eine öffentliche Toilette.

Übrigens ist es durchaus üblich, dass man selbst in privat gemieteten Apartments nicht einladen kann, wen man möchte. Als ich das erste Mal davon hörte, dass wahlweise kein Männer- oder Frauenbesuch gestattet sei – da Vermieter keinen Ärger wollen – , war ich entsetzt und fragte sofort bei japanischen Freunden nach, wie das möglich sei. Die Antwort folgte wie selbstverständlich: „So ist Japan“.

Die Eingangsschranken nach dem Umbau im März

Die Eingangsschranken ins Wohnheim nach dem Umbau im März

Typisches Love Hotel-Zimmer

Typisches Love Hotel-Zimmer

Als Lösung dieses Platzproblems gibt es sogenannte „Love Hotels“, in denen für ca. 50-100 Euro pro Nacht so privat wie möglich und ungestört dem Beischlaf gefrönt werden kann. Diese Hotels sind sicher und bei weitem nicht so zwielichtig wie es zuerst klingen mag. Die Rezeption besteht meist nur aus einer Wand, an der man ein Zimmer auswählt. Bezahlt wird mit einem Automaten im jeweiligen Raum. Man hat also in der Regel keinen Kontakt mit anderen Menschen. Die Hotels fallen meist exotisch aus, erinnern manchmal an Märchenschlösser. Von der Karaoke-Anlage bis zum Whirlpool im Bad ist für jeden möglichen Komfort gesorgt. Wer mit seinem Partner in Japan unterwegs ist und eine kuriose Unterkunft sucht, sollte auf jeden Fall in ein „Love Hotel“ hineinschauen.

Allerdings stimmt mich die Idee, Geld bezahlen zu müssen, nur um private Zeit mit meiner Freundin verbringen zu können, zutiefst traurig.

 

3 Kommentare

  1. Jan Lukas Kuhn – ein deutscher Godzilla in Japan

    „Ich muss umziehen, denn es wird eine Mauer gebaut.“ – Mit dieser geschmacklosen Mauerbau-Anspielung beginnt Jan Lukas Kuhn seinen Japan-Blog zur Geschlechtertrennung in den Wohnheimen der japanischen Sophia-Universität.

    Doch auch im weiteren Verlauf des Artikels scheut sich der Verfasser nicht, unbequeme „Wahrheiten“ auszusprechen. So wird der Sitz des „International House“, der Unterkunft des Verfassers, in Bildunterschrift eins schnell zum „Bonzenviertel“ degradiert – durchaus abwertend im heute gängigen deutschen Sinne zu verstehen, nicht abgeleitet vom japanischen Ausdruck für einen buddhistischen Priester. „Eigenheim und Auto in Tokio“, so der Verfasser weiter, seien „meist den Reichen vorbehalten. […] Viele Familien leben wesentlich bescheidener, meist auf engem Raum in riesigen Wohnblocks.“ Diese Feststellungen halten den „Japankenner“ jedoch nicht davon ab, über einen erneuten Umzug nachzudenken; die „Bonzen“ kritisieren, aber unter ihnen wohnen? Kein Paradoxon für ihn.

    „Ab der 3. Etage beginnt der Wohnbereich der holden Weiblichkeit und dieser darf von den männlichen Bewohnern nicht betreten werden“, bemerkt Jan Lukas leicht ironisch und erhebt sich zur „Jeanne d’Arc der sexuell Frustrierten“: Unerhört, dass eine seit über hundert Jahren bestehende, katholische [sic!] Universität den Studierenden das Ausleben ihrer Sexualität nicht gestattet! Ein handfester Skandal!

    Der „Mauerbau“, so der Autor weiter, habe die „friedliche Idylle“ des Wohnheims zu überschatten begonnen [sic!] – Selbstverständlich erst nach Ankunft des Verfassers in Japan. Unmöglich hätte er vorher von den Gegebenheiten an japanischen Universitäten (an denen Geschlechtertrennung in Wohnheimen keine Seltenheit ist) Kenntnis erlangen können; jetzt muss er sich künstlich entrüstet geben.

    „Ich kann nur vermuten, dass die Motivation für diese Umbau-Aktion entweder von den Verwaltern der Universität oder von irgendwelchen katholischen Beauftragten kam“ – Und bei Vermutungen belässt es Jan Lukas Kuhn dann auch; eine Einbindung der Sicht der Gegenseite bleibt in seiner „Darstellung“ weitestgehend außen vor; stattdessen echauffiert man sich weiter. Ein wahres „1984“, das der Verfasser hier durchleben muss, weil ihm das „Vorrecht des Vögelns“ verwehrt bleibt.

    „Der Mitbewohner, der die Protestgruppe leitete, sagte […] in aller Direktheit, worum es bei der Aktion eigentlich ginge: Die Studierenden sollen keinen Sex haben. Dabei gibt es allerdings ein Problem: Ausländische Studierende im Alter von 18 bis 32 haben in der Regel das Bedürfnis nach sexueller Aktivität.“
    Unwahrscheinlich, dass der Leiter einer Protestgruppe ein ausgewogenes Bild der Motive des „Mauerbaus“ geben wird; da kann man gleich Walter Ulbricht fragen, ob jemand die Absicht hat, eine Mauer zu errichten. Warum das Alter ausländischer Studierender mit sexuellen Bedürfnissen auf 18 bis 32 eingeschränkt wird, bleibt ebenfalls ein Geheimnis des Autors.

    Ein Motiv der Universität zur strikten Geschlechtertrennung (Vermeidung von Skandalen) wird dann immerhin im nächsten Absatz erwähnt, gleichwohl nicht ohne das Konzept des „Gesellschaftsmenschen“ in ein negatives Licht zu rücken und mit dem Wort „Massenüberwachung“ zu verbinden.

    Dann wird jedoch wieder im Sinne des Verfasser bewusst fehlinterpretiert: „Wichtiger als die Freiheit des Individuums sind die Sicherheit und der Frieden in der Nachbarschaft, und was könnte diesen mehr stören als sexuell aktive Jugendliche?“ – Also erst zugeben, dass Geschlechtertrennung der Vermeidung von Skandalen (durchaus legitimes Motiv, wie ich finde) dienen soll, dann aber ein anderes Motiv ins Spiel bringen, um dieses „anzugreifen“? – Nicht sehr überzeugend.

    „Als ich das erste Mal davon hörte, dass wahlweise kein Männer- oder Frauenbesuch gestattet sei – da Vermieter keinen Ärger wollen – , war ich entsetzt und fragte sofort bei japanischen Freunden nach, wie das möglich sei. Die Antwort folgte wie selbstverständlich: „So ist Japan“.“ – Ja, so ist Japan. Ein bisschen mehr historisches Bewusstsein und Verständnis für andere Kulturen und ein bisschen weniger „Darum nerven Japaner“ wäre dem Verfasser durchaus zu wünschen.

    Zuletzt wird noch das Konzept der „Love Hotels“ als „Behelfslösung“ vorgeschlagen, um „private Zeit“ mit der Freundin zu verbringen. Ob der Vorschlag seitens des Verfassers ernst oder ironisch gemeint ist, erschließt sich mir nicht ganz, denn das, was er als „typisches“ Love-Hotel-Zimmer deklariert, sieht eher aus wie bei Oma in Deutschland. Nutzt der Autor hier die Macht des Bildes, um indiekt seine Abneigung gegen die „Behelfslösung“ auszudrücken?

  2. Mit meinem Artikel wollte ich bewusst polemisieren, Gegenmeinungen sind also willkommen, sofern sie konstruktiv sind. Auf einige Kritikpunkte muss ich allerdings eingehen, insbesondere wenn es nicht gegen Inhalte, sondern gegen meine Person geht. Die Bezeichnung Godzilla nehme ich gerne an, Godzilla ist toll.

    „Doch auch im weiteren Verlauf des Artikels scheut sich der Verfasser nicht, unbequeme „Wahrheiten“ auszusprechen. So wird der Sitz des „International House“, der Unterkunft des Verfassers, in Bildunterschrift eins schnell zum „Bonzenviertel“ degradiert – durchaus abwertend im heute gängigen deutschen Sinne zu verstehen, nicht abgeleitet vom japanischen Ausdruck für einen buddhistischen Priester. … Diese Feststellungen halten den „Japankenner“ jedoch nicht davon ab, über einen erneuten Umzug nachzudenken; die „Bonzen“ kritisieren, aber unter ihnen wohnen? Kein Paradoxon für ihn.“

    Ich bezeichne mich weder als „Japankenner“, noch sehe ich es als meine Aufgabe „unbequeme Wahrheiten“ auszusprechen, beides sind Unterstellungen. „Bonze“ ist in der Tat abwertend. Ich habe nach einem adäquaten Wort zum japanischen 大金持ち gesucht, und das ist ebenfalls nicht wertungsfrei. Für den Standort des Wohnheims bin ich nicht verantwortlich und mir war nichts über die Gegend im Vorhinein bekannt. Allerdings waren für mich und für viele andere bei der Auswahl des Wohnheims sehr wichtig, dass Männer und Frauen zusammenleben, dass keine strikte Geschlechtertrennung stattfindet. Ohne Ankündigung wurde das den Studierenden erst viel später nach dem Einzug gewahr.

    „Der „Mauerbau“, so der Autor weiter, habe die „friedliche Idylle“ des Wohnheims zu überschatten begonnen [sic!] – Selbstverständlich erst nach Ankunft des Verfassers in Japan. Unmöglich hätte er vorher von den Gegebenheiten an japanischen Universitäten (an denen Geschlechtertrennung in Wohnheimen keine Seltenheit ist) Kenntnis erlangen können; jetzt muss er sich künstlich entrüstet geben.“

    Die Geschlechtertrennung, wie vorhin beschrieben, war mir und den anderen neuen Einwohnern nicht bekannt und erst Monate nach dem Einzug erfuhren viele von dem Umbau. Wäre es von Anfang an klar gewesen, dass eine strikte Geschlechtertrennung stattfindet, dann gäbe es keinen Grund zur Empörung. Das ist aber nicht der Fall gewesen. Übrigens sind viele andere Universitäten Japans, vor allem abseits von Tokio, die keinen internationalen Status besitzen, wesentlich toleranter im Umgang mit beiden Geschlechtern.

    „Und bei Vermutungen belässt es Jan Lukas Kuhn dann auch; eine Einbindung der Sicht der Gegenseite bleibt in seiner „Darstellung“ weitestgehend außen vor; stattdessen echauffiert man sich weiter. Ein wahres „1984“, das der Verfasser hier durchleben muss, weil ihm das „Vorrecht des Vögelns“ verwehrt bleibt.“

    Das „Vorrecht des Vögelns“ ist mir persönlich reichlich egal. Anderen Studierenden weniger. Polemisierung und ironische Überhöhung sind, wie in deinem Kommentar angedeutet, Stilmittel des Textes. Einen polemischen Text zu kritisieren, weil er Merkmale einer Polemik aufweist, ist daher wenig sinnvoll.

    „Unwahrscheinlich, dass der Leiter einer Protestgruppe ein ausgewogenes Bild der Motive des „Mauerbaus“ geben wird; da kann man gleich Walter Ulbricht fragen, ob jemand die Absicht hat, eine Mauer zu errichten.“

    Das Argument der Gegenseite beschränkte sich auf die Phrase, es ginge um die Sicherheit der Einwohner. Weiter wurde nicht argumentiert, daher finden weitere Argumente der Gegenseite im Text keine Erwähnung. Wenn die Univerwaltung ausführlich geschildert hätte, was das alles soll, dann hätte das im Text Erwähnung gefunden.
    „Dann wird jedoch wieder im Sinne des Verfasser bewusst fehlinterpretiert: „Wichtiger als die Freiheit des Individuums sind die Sicherheit und der Frieden in der Nachbarschaft, und was könnte diesen mehr stören als sexuell aktive Jugendliche?“ – Also erst zugeben, dass Geschlechtertrennung der Vermeidung von Skandalen (durchaus legitimes Motiv, wie ich finde) dienen soll, dann aber ein anderes Motiv ins Spiel bringen, um dieses „anzugreifen“? – Nicht sehr überzeugend.“

    Da wurde Ironie bewusst falsch verstanden. Gemeint ist: sexuelle aktive Jugendliche bringen die Welt nicht aus den Fugen. In Trier funktioniert es ja auch ohne Mauer und Wachpersonal. Wenn du Geschlechtertrennung für gut hältst, dann ist das vollkommen in Ordnung. Wenn viele Japaner diese Meinung teilen, dann bin ich der letzte, der dort zur Kritik ansetzt.
    Jedoch wurde hier den Bewohnern ohne ihr Vorwissen und gegen deren ausdrücklichen Protest diese Maßnahme oktroyiert. Nochmal: wäre die Geschlechtertrennung (nicht nach Stockwerken, sondern durch eine Mauer und Überwachungssoftware) von vornherein bekannt gewesen, hätte niemand Grund zur Empörung gehabt. Es wurde gegen den Willen der Einwohner entschieden, nachdem diese eingezogen waren.

    „Ja, so ist Japan. Ein bisschen mehr historisches Bewusstsein und Verständnis für andere Kulturen und ein bisschen weniger „Darum nerven Japaner“ wäre dem Verfasser durchaus zu wünschen.“

    Ich weiß, dass der arrogante Blick von oben aus dem „aufgeklärten Westen“ selten angebracht ist und mich selbst nerven Kommentare wie „Darum nerven Japaner“. Allerdings schreibe ich hier nicht über eine „traditionell japanische Institution“, sondern eine internationale Universität, die sich weltoffen, aufgeklärt und liberal gibt. Ginge es hier um eine Universität, die sich dies nicht auf die Fahne schriebe, gäbe es wenig Grund zur Empörung. Dann müsste man sich schlicht mit den kulturellen Unterschieden abfinden, auch wenn es der eigenen Vorstellungen widerspricht.

    „Ob der Vorschlag seitens des Verfassers ernst oder ironisch gemeint ist, erschließt sich mir nicht ganz, denn das, was er als „typisches“ Love-Hotel-Zimmer deklariert, sieht eher aus wie bei Oma in Deutschland. Nutzt der Autor hier die Macht des Bildes, um indiekt seine Abneigung gegen die „Behelfslösung“ auszudrücken?“

    Nutzt hier der Kommentator die Mittel der Psychoanalyse, um in den Text hineinzuinterpretieren, was im Text nicht gegeben ist? Ja. Und Ironie ist hier ebenfalls beabsichtigt. Und nein, es handelt sich um ein ganz normales Love Hotel-Zimmer. Diese kommen in allen möglichen Designs daher, und darunter taucht schon mal ein Zimmer im Omakitsch auf (eigentlich soll es ein romantisches Bild Frankreichs darstellen).

  3. Ich möchte mich nicht in die obige Diskussion einmischen, bin dir, Jan Lukas, aber dankbar für den Beitrag. Es ist mal ein anderes Thema, was sicher auch nicht jeder ansprechen wird.

    Ich war selbst als Gast vor 3 Jahren in besagtem Wohnheim und fand die Regeln schon sehr streng (Ich musste mit der Verwaltung zusammen meine Freundin mit dem Handy anrufen und durfte erst später in den Gemeinschaftsbereich, als wir sie ausfindig gemacht hatten.) Dass es inzwischen sogar noch strenger zugeht, ist bedauerlich.

    Die Thematik Geschlechtertrennung habe ich in meinem Wohnheim genau anders herum erlebt. Wir waren sogar im selben Flur zusammen, nur die Sanitär-Bereiche waren unterteilt. Wie oft waren japanische Freunde erstaunt oder gar entsetzt über diese Tatsache. Dabei ist die Gakugei Daigaku nicht gerade eine kleine Uni und so gut wie jedem Japaner bisher geläufig gewesen.

Keine Kommentare.