Die „Mau­er­af­fä­re“ und Sexta­bus in Japan

Ich muss umzie­hen, denn es wird eine Mau­er gebaut. In mei­nem Aus­tau­sch­jahr in Tokio woh­ne ich in einem Wohn­heim, das dem inter­na­tio­na­len Anspruch der Sophia Uni­ver­si­tät gerecht wer­den soll. Neu ist die Geschlech­ter­tren­nung in den Wohn­ein­hei­ten. Kei­ne Sel­ten­heit an japa­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten. Vom Sexta­bu und Geschlech­ter­mau­ern unter jun­gen Japanern.

Das Sophia Soshi­ga­ya Inter­na­tio­nal Hou­se, in dem ich die meis­te Zeit mei­nes Aus­tau­sch­jahrs woh­ne, liegt im Wes­ten Tokios und ist ver­gli­chen mit den hek­ti­schen Zen­tren des Beton-Dschun­gels gera­de­zu idyl­lisch. Zur Kirsch­blü­ten­zeit kann man in den Alle­en auf dem cir­ca 25 Minu­ten lan­gen Weg zum Bahn­hof Sei­jôgaku­en­mae ein Meer von rosa Blü­ten bestau­nen. Unter allen kit­schi­gen Post­kar­ten­mo­ti­ven aus Japan ist die Saku­ra, die japa­ni­sche Kirsch­blü­te, das belieb­tes­te. Auf dem­sel­ben Weg­stößt­der inter­na­tio­na­le Pas­sant zu sei­ner Ver­wun­de­rung auch auf aus­län­di­sche­Lu­xus­au­tos, von Por­sche bis Ferrari,und eine kurio­se Ansamm­lung von geräu­mi­gen Eigen­hei­men, meist im west­li­chen Stil. Hier­bei muss erwähnt wer­den, dass Eigen­heim und Auto in Tokio, wo Bau- und Park­plät­ze astro­no­mi­sche Prei­se erzie­len, meist den Rei­chen vor­be­hal­ten sind. Vie­le Fami­li­en leben wesent­lich beschei­de­ner, meist auf engem Raum in rie­si­gen Wohnblocks.

7_1 Das Sophia Soshigaya International House

Grü­ne Idyl­le im Bonzenviertel

Die Ein­zel­zim­mer des Soshi­ga­ya Inter­na­tio­nal Hou­se sind mit 15 Qua­drat­me­tern für umge­rech­net ca. 350 Euro ver­gleichs­wei­se güns­tig. Da das Wohn­heim erst im Jahr 2012 eröff­net wur­de, sind die Zim­mer und Gemein­schafts­räu­me – die Gemein­schafts­kü­chen aus­ge­nom­men – in makel­lo­sem Zustand. Es han­delt sich beim Soshi­ga­ya Inter­na­tio­nal Hou­se um ein Pres­ti­ge­pro­jekt, das den inter­na­tio­na­len Sta­tus der Sophia Uni­ver­si­tät beto­nen soll, offen­bar­te man uns in der Ein­füh­rungs­ver­an­stal­tung. Japa­ni­sche und aus­län­di­sche Stu­die­ren­de kön­nen hier in inter­kul­tu­rel­lem Aus­tausch mit­ein­an­der woh­nen, aller­dings mit einer Aus­nah­me: Ab der 3. Eta­ge beginnt der Wohn­be­reich der hol­den Weib­lich­keit und die­ser darf von den männ­li­chen Bewoh­nern nicht betre­ten wer­den. Ein Theo­lo­ge, der eben­falls im Wohn­heim lebt – Notiz: Die Sophia Uni­ver­si­tät ist eine Pri­vat­uni­ver­si­tät unter der Trä­ger­schaft der katho­li­schen Kir­che – ermahn­te uns mit iro­ni­schem Lächeln, wir sol­len eine psy­chi­sche Mau­er zwi­schen der 2. und 3. Eta­ge in unse­ren Köp­fen errich­ten. Doch wo von psy­chi­schen Mau­ern gespro­chen wird, wer­den bald ech­te Mau­ern hoch­ge­zo­gen. Und so begann der „Mau­er­bau“ die fried­li­che Idyl­le im inter­na­tio­na­len Wohn­heim zu überschatten.

Geschlech­ter­tren­nung im 21. Jahrhundert

Blick in ein Einzelzimmer vom Eingang aus

Blick in ein Ein­zel­zim­mer vom Ein­gang im Sophia Soshi­ga­ya Inter­na­tio­nal House

Men and Women for Others, with Others“ lau­tet das Mot­to der Sophia Uni­ver­si­tät. Die­ses Mot­to sieht aller­dings kein gemein­sa­mes Zusam­men­le­ben, Tür an Tür, vor. Ich kann nur ver­mu­ten, dass die Moti­va­ti­on für die­se Umbau-Akti­on ent­we­der von den Ver­wal­tern der Uni­ver­si­tät oder von irgend­wel­chen katho­li­schen Beauf­trag­ten kam. Doch wenn es um die Tren­nung der Geschlech­ter geht, wird in der katho­li­schen Kir­che und im kon­ser­va­ti­ven Japan, wenn auch aus ver­schie­de­nen Grün­den, die glei­che Mei­nung geteilt.

So wur­de das Wohn­heim in zwei Berei­che auf­ge­teilt und ein Groß­teil der Mit­be­woh­ner muss­te in den jeweils gegen­über­lie­gen­den Gebäu­de­teil umzie­hen. Nicht nur der Umzugs­auf­wand war enorm, die betrof­fe­nen Stu­die­ren­den muss­ten für eini­ge Zeit eine ande­re Unter­kunft suchen. Immer­hin fiel in die­sem Fall die Mie­te für einen Monat aus. Jeder Stu­die­ren­de bekam einen Schlüs­sel mit elek­tri­schem Sen­sor, der nur den Ein­tritt in den eige­nen Wohn­be­reich erlaubt. Wenn ein männ­li­cher Stu­die­ren­der ver­sucht mit dem Schlüs­sel in den Wohn­raum des ande­ren Geschlechts „ein­zu­drin­gen“, sag­te man mir, wür­de ein Alarm aus­ge­löst und Wach­per­so­nal käme her­bei­ge­lau­fen. Zudem wur­den Kame­ras und Ein­gangs­schran­ken instal­liert, wie man sie sonst nur von japa­ni­schen Bahn­hö­fen kennt. Die „Mau­er“ sah in letz­ter Kon­se­quenz uner­war­tet unspek­ta­ku­lär aus. Es ist erschre­ckend wie schnell man sich an Über­wa­chung und die Ein­schrän­kung der eige­nen Rech­te gewöhnt.

Ver­geb­li­cher Pro­test und Boy­kott des Wohnheimfests

Der Umbau und die Instal­la­ti­on der Sicher­heits­sys­te­me kos­te­ten umge­rech­net fast 600.000 Euro. Auf die Fra­ge war­um die­ser Auf­wand not­wen­dig sei, wur­de uns in einer „Brie­fing Ses­si­on“ nur mit einem sehr vagen „Es habe Vor­fäl­le gege­ben“ geant­wor­tet. Die­se Sit­zung wur­de an der Uni­ver­si­tät abge­hal­ten und dien­te eher als Ven­til für den Ärger der frus­trier­ten Mit­be­woh­ner und nicht als Mög­lich­keit für kon­struk­ti­ve Dis­kus­sio­nen. Schließ­lich war das Geld zu die­sem Zeit­punkt schon inves­tiert. Der Mit­be­woh­ner, der die Pro­test­grup­pe lei­te­te, sag­te am Ende die­ser Far­ce in aller Direkt­heit, wor­um es bei der Akti­on eigent­lich gin­ge: Die Stu­die­ren­den sol­len kei­nen Sex haben. Dabei gibt es aller­dings ein Pro­blem: Aus­län­di­sche Stu­die­ren­de im Alter von 18 bis 32 haben in der Regel das Bedürf­nis nach sexu­el­ler Aktivität.

Zahl­rei­che Unter­schrif­ten­ak­tio­nen, die Mit­ein­be­zie­hung von Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­ren und der Boy­kott des Wohn­heim­fes­tes konn­ten letzt­lich den Bau nicht ver­hin­dern. Um die 200 von den ca. 350 Ein­woh­nern des Inter­na­tio­na­len Hou­ses gaben ihre Unter­schrift gegen die Maß­nah­men der Wohn­heim­ver­wal­tung. Ein resi­gnier­ter Stu­dent schrieb scherz­haft: „Jetzt kön­nen end­lich die homo­se­xu­el­len Stu­die­ren­den unge­stört von den Hete­ros Sex haben.“

Von „Gesell­schafts­men­schen“ und Massenüberwachung

Die Schuld für die Mau­er­af­fä­re nur bei der Uni­ver­si­tät oder der Kir­che zu suchen wäre wohl­feil. Von japa­ni­schen Freun­den ande­rer Uni­ver­si­tä­ten habe ich bereits von dem einen oder ande­ren Skan­dal gehört. Sobald ein Vor­fall erst ein­mal von den Mas­sen­me­di­en auf­ge­grif­fen wird, stellt das eine Gefahr für die Repu­ta­ti­on der jewei­li­gen Uni­ver­si­tät dar. Bil­der von betrun­ke­nen Stu­die­ren­den oder Schlim­me­rem, die in den Kon­text der Uni­ver­si­tät gerückt wer­den könn­ten, will man mit allen Mit­teln ver­mei­den (sie­he Skan­dal an der Mei­ji Uni­ver­si­tät 2014). In Japan sind Stu­die­ren­de kei­ne „Gesell­schafts­men­schen“ (社会人: shakai­jin), d.h. kein arbei­ten­des Mit­glied der Gesell­schaft, son­dern gewis­ser­ma­ßen noch ein Kind und die Uni­ver­si­tät trägt die Ver­ant­wor­tung für sie.

Des Wei­te­ren scheint es in Japan kein kri­ti­sches Bewusst­sein gegen­über Kame­ra­über­wa­chung zu geben. Man fin­det kaum ein Haus auf, das nicht mit einem Auf­kle­ber von Secom oder dem eines ande­ren Über­wa­chungs­sys­tem­her­stel­lers aus­ge­stat­tet ist. Der Künst­ler Mura­ka­mi Taka­shi ver­glich die­se Auf­kle­ber ein­mal mit magi­schen Sie­geln, die Unheil abhal­ten sol­len. Die­ser Sicher­heits­glau­be wirkt selbst auf uns eher ver­ängs­tig­te Deut­sche absurd. Der Slo­gan 安全第一 (anzen­daiichi: Sicher­heit zuerst) durch­zieht jeden Bereich des japa­ni­schen Lebens. Wich­ti­ger als die Frei­heit des Indi­vi­du­ums sind die Sicher­heit und der Frie­den in der Nach­bar­schaft, und was könn­te die­sen mehr stö­ren als sexu­ell akti­ve Jugendliche?

Love Hotels – „Asyl der Liebe“

Die Sexua­li­tät der Japa­ner scheint mir ein Lieb­lings­the­ma der deut­schen Pres­se zu sein. So über­ti­telt „DIE ZEIT“ einen lan­gen Arti­kel über Japan mit den Wor­ten „Jugend ohne Sex“, und „DIE WELT“ beschäf­tigt sich mit der Fra­ge: „War­um haben Japa­ner kei­ne Lust mehr auf Sex?“

Als ich vor zwei Jah­ren das ers­te Mal nach Japan geflo­gen bin, hat­te ich jenen Zeit-Arti­kel intus und war danach über­rascht, gar per­plex, wie vie­le händ­chen­hal­ten­de Pär­chen ich gese­hen habe, in einem  Land, wo jeder öffent­li­che Aus­druck von inti­men Gefüh­len geäch­tet sei. Natür­lich wol­len auch jun­ge Japa­ner Sex haben. Das wider­spricht jedoch vie­len Sta­tis­ti­ken. So heißt es in einem Arti­kel in „DER WELT“, dass laut einer Stu­die aus dem Jahr 2010 „68 Pro­zent der 18- bis 19-Jäh­ri­gen in Japan an[gaben], Jung­frau zu sein.“ Was im Arti­kel kei­ne Erwäh­nung fin­det mag banal klin­gen, ist aber einer der offen­sicht­li­che­ren Grün­de für die­ses Phä­no­men: Es gibt schlicht kei­nen Platz für jun­ge Japa­ner ihre Jung­fräu­lich­keit zu ver­lie­ren. Die Woh­nun­gen sind zu klein, die Wän­de zu dünn und die Häu­ser „überbevölkert“.Man kann also war­ten bis die Fami­lie mit­samt den Nach­bars­fa­mi­li­en in Urlaub fährt, oder ver­schlägt sich in einen abge­le­ge­nen Wald oder auf eine öffent­li­che Toilette.

Übri­gens ist es durch­aus üblich, dass man selbst in pri­vat gemie­te­ten Apart­ments nicht ein­la­den kann, wen man möch­te. Als ich das ers­te Mal davon hör­te, dass wahl­wei­se kein Män­ner- oder Frau­en­be­such gestat­tet sei – da Ver­mie­ter kei­nen Ärger wol­len – , war ich ent­setzt und frag­te sofort bei japa­ni­schen Freun­den nach, wie das mög­lich sei. Die Ant­wort folg­te wie selbst­ver­ständ­lich: „So ist Japan“.

Die Eingangsschranken nach dem Umbau im März

Die Ein­gangs­schran­ken ins Wohn­heim nach dem Umbau im März

Typisches Love Hotel-Zimmer

Typi­sches Love Hotel-Zimmer

Als Lösung die­ses Platz­pro­blems gibt es soge­nann­te „Love Hotels“, in denen für ca. 50–100 Euro pro Nacht so pri­vat wie mög­lich und unge­stört dem Bei­schlaf gefrönt wer­den kann. Die­se Hotels sind sicher und bei wei­tem nicht so zwie­lich­tig wie es zuerst klin­gen mag. Die Rezep­ti­on besteht meist nur aus einer Wand, an der man ein Zim­mer aus­wählt. Bezahlt wird mit einem Auto­ma­ten im jewei­li­gen Raum. Man hat also in der Regel kei­nen Kon­takt mit ande­ren Men­schen. Die Hotels fal­len meist exo­tisch aus, erin­nern manch­mal an Mär­chen­schlös­ser. Von der Karao­ke-Anla­ge bis zum Whirl­pool im Bad ist für jeden mög­li­chen Kom­fort gesorgt. Wer mit sei­nem Part­ner in Japan unter­wegs ist und eine kurio­se Unter­kunft sucht, soll­te auf jeden Fall in ein „Love Hotel“ hineinschauen.

Aller­dings stimmt mich die Idee, Geld bezah­len zu müs­sen, nur um pri­va­te Zeit mit mei­ner Freun­din ver­brin­gen zu kön­nen, zutiefst traurig.

 

3 Kommentare

  1. Jan Lukas Kuhn – ein deut­scher God­zil­la in Japan

    Ich muss umzie­hen, denn es wird eine Mau­er gebaut.” – Mit die­ser geschmack­lo­sen Mau­er­bau-Anspie­lung beginnt Jan Lukas Kuhn sei­nen Japan-Blog zur Geschlech­ter­tren­nung in den Wohn­hei­men der japa­ni­schen Sophia-Universität.

    Doch auch im wei­te­ren Ver­lauf des Arti­kels scheut sich der Ver­fas­ser nicht, unbe­que­me “Wahr­hei­ten” aus­zu­spre­chen. So wird der Sitz des “Inter­na­tio­nal Hou­se”, der Unter­kunft des Ver­fas­sers, in Bild­un­ter­schrift eins schnell zum “Bon­zen­vier­tel” degra­diert – durch­aus abwer­tend im heu­te gän­gi­gen deut­schen Sin­ne zu ver­ste­hen, nicht abge­lei­tet vom japa­ni­schen Aus­druck für einen bud­dhis­ti­schen Pries­ter. “Eigen­heim und Auto in Tokio”, so der Ver­fas­ser wei­ter, sei­en “meist den Rei­chen vor­be­hal­ten. […] Vie­le Fami­li­en leben wesent­lich beschei­de­ner, meist auf engem Raum in rie­si­gen Wohn­blocks.” Die­se Fest­stel­lun­gen hal­ten den “Japan­ken­ner” jedoch nicht davon ab, über einen erneu­ten Umzug nach­zu­den­ken; die “Bon­zen” kri­ti­sie­ren, aber unter ihnen woh­nen? Kein Para­do­xon für ihn.

    Ab der 3. Eta­ge beginnt der Wohn­be­reich der hol­den Weib­lich­keit und die­ser darf von den männ­li­chen Bewoh­nern nicht betre­ten wer­den”, bemerkt Jan Lukas leicht iro­nisch und erhebt sich zur “Jean­ne d’Arc der sexu­ell Frus­trier­ten”: Uner­hört, dass eine seit über hun­dert Jah­ren bestehen­de, katho­li­sche [sic!] Uni­ver­si­tät den Stu­die­ren­den das Aus­le­ben ihrer Sexua­li­tät nicht gestat­tet! Ein hand­fes­ter Skandal!

    Der “Mau­er­bau”, so der Autor wei­ter, habe die “fried­li­che Idyl­le” des Wohn­heims zu über­schat­ten begon­nen [sic!] – Selbst­ver­ständ­lich erst nach Ankunft des Ver­fas­sers in Japan. Unmög­lich hät­te er vor­her von den Gege­ben­hei­ten an japa­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten (an denen Geschlech­ter­tren­nung in Wohn­hei­men kei­ne Sel­ten­heit ist) Kennt­nis erlan­gen kön­nen; jetzt muss er sich künst­lich ent­rüs­tet geben.

    Ich kann nur ver­mu­ten, dass die Moti­va­ti­on für die­se Umbau-Akti­on ent­we­der von den Ver­wal­tern der Uni­ver­si­tät oder von irgend­wel­chen katho­li­schen Beauf­trag­ten kam” – Und bei Ver­mu­tun­gen belässt es Jan Lukas Kuhn dann auch; eine Ein­bin­dung der Sicht der Gegen­sei­te bleibt in sei­ner “Dar­stel­lung” wei­test­ge­hend außen vor; statt­des­sen echauf­fiert man sich wei­ter. Ein wah­res “1984”, das der Ver­fas­ser hier durch­le­ben muss, weil ihm das “Vor­recht des Vögelns” ver­wehrt bleibt. 

    Der Mit­be­woh­ner, der die Pro­test­grup­pe lei­te­te, sag­te […] in aller Direkt­heit, wor­um es bei der Akti­on eigent­lich gin­ge: Die Stu­die­ren­den sol­len kei­nen Sex haben. Dabei gibt es aller­dings ein Pro­blem: Aus­län­di­sche Stu­die­ren­de im Alter von 18 bis 32 haben in der Regel das Bedürf­nis nach sexu­el­ler Aktivität.”
    Unwahr­schein­lich, dass der Lei­ter einer Pro­test­grup­pe ein aus­ge­wo­ge­nes Bild der Moti­ve des “Mau­er­baus” geben wird; da kann man gleich Wal­ter Ulb­richt fra­gen, ob jemand die Absicht hat, eine Mau­er zu errich­ten. War­um das Alter aus­län­di­scher Stu­die­ren­der mit sexu­el­len Bedürf­nis­sen auf 18 bis 32 ein­ge­schränkt wird, bleibt eben­falls ein Geheim­nis des Autors.

    Ein Motiv der Uni­ver­si­tät zur strik­ten Geschlech­ter­tren­nung (Ver­mei­dung von Skan­da­len) wird dann immer­hin im nächs­ten Absatz erwähnt, gleich­wohl nicht ohne das Kon­zept des “Gesell­schafts­men­schen” in ein nega­ti­ves Licht zu rücken und mit dem Wort “Mas­sen­über­wa­chung” zu verbinden.

    Dann wird jedoch wie­der im Sin­ne des Ver­fas­ser bewusst fehl­in­ter­pre­tiert: “Wich­ti­ger als die Frei­heit des Indi­vi­du­ums sind die Sicher­heit und der Frie­den in der Nach­bar­schaft, und was könn­te die­sen mehr stö­ren als sexu­ell akti­ve Jugend­li­che?” – Also erst zuge­ben, dass Geschlech­ter­tren­nung der Ver­mei­dung von Skan­da­len (durch­aus legi­ti­mes Motiv, wie ich fin­de) die­nen soll, dann aber ein ande­res Motiv ins Spiel brin­gen, um die­ses “anzu­grei­fen”? – Nicht sehr überzeugend.

    Als ich das ers­te Mal davon hör­te, dass wahl­wei­se kein Män­ner- oder Frau­en­be­such gestat­tet sei – da Ver­mie­ter kei­nen Ärger wol­len – , war ich ent­setzt und frag­te sofort bei japa­ni­schen Freun­den nach, wie das mög­lich sei. Die Ant­wort folg­te wie selbst­ver­ständ­lich: „So ist Japan“.” – Ja, so ist Japan. Ein biss­chen mehr his­to­ri­sches Bewusst­sein und Ver­ständ­nis für ande­re Kul­tu­ren und ein biss­chen weni­ger “Dar­um ner­ven Japa­ner” wäre dem Ver­fas­ser durch­aus zu wünschen.

    Zuletzt wird noch das Kon­zept der “Love Hotels” als “Behelfs­lö­sung” vor­ge­schla­gen, um “pri­va­te Zeit” mit der Freun­din zu ver­brin­gen. Ob der Vor­schlag sei­tens des Ver­fas­sers ernst oder iro­nisch gemeint ist, erschließt sich mir nicht ganz, denn das, was er als “typi­sches” Love-Hotel-Zim­mer dekla­riert, sieht eher aus wie bei Oma in Deutsch­land. Nutzt der Autor hier die Macht des Bil­des, um indiekt sei­ne Abnei­gung gegen die “Behelfs­lö­sung” auszudrücken?

  2. Mit mei­nem Arti­kel woll­te ich bewusst pole­mi­sie­ren, Gegen­mei­nun­gen sind also will­kom­men, sofern sie kon­struk­tiv sind. Auf eini­ge Kri­tik­punk­te muss ich aller­dings ein­ge­hen, ins­be­son­de­re wenn es nicht gegen Inhal­te, son­dern gegen mei­ne Per­son geht. Die Bezeich­nung God­zil­la neh­me ich ger­ne an, God­zil­la ist toll.

    Doch auch im wei­te­ren Ver­lauf des Arti­kels scheut sich der Ver­fas­ser nicht, unbe­que­me „Wahr­hei­ten“ aus­zu­spre­chen. So wird der Sitz des „Inter­na­tio­nal Hou­se“, der Unter­kunft des Ver­fas­sers, in Bild­un­ter­schrift eins schnell zum „Bon­zen­vier­tel“ degra­diert – durch­aus abwer­tend im heu­te gän­gi­gen deut­schen Sin­ne zu ver­ste­hen, nicht abge­lei­tet vom japa­ni­schen Aus­druck für einen bud­dhis­ti­schen Pries­ter. … Die­se Fest­stel­lun­gen hal­ten den „Japan­ken­ner“ jedoch nicht davon ab, über einen erneu­ten Umzug nach­zu­den­ken; die „Bon­zen“ kri­ti­sie­ren, aber unter ihnen woh­nen? Kein Para­do­xon für ihn.“

    Ich bezeich­ne mich weder als „Japan­ken­ner“, noch sehe ich es als mei­ne Auf­ga­be „unbe­que­me Wahr­hei­ten“ aus­zu­spre­chen, bei­des sind Unter­stel­lun­gen. „Bon­ze“ ist in der Tat abwer­tend. Ich habe nach einem adäqua­ten Wort zum japa­ni­schen 大金持ち gesucht, und das ist eben­falls nicht wer­tungs­frei. Für den Stand­ort des Wohn­heims bin ich nicht ver­ant­wort­lich und mir war nichts über die Gegend im Vor­hin­ein bekannt. Aller­dings waren für mich und für vie­le ande­re bei der Aus­wahl des Wohn­heims sehr wich­tig, dass Män­ner und Frau­en zusam­men­le­ben, dass kei­ne strik­te Geschlech­ter­tren­nung statt­fin­det. Ohne Ankün­di­gung wur­de das den Stu­die­ren­den erst viel spä­ter nach dem Ein­zug gewahr.

    Der „Mau­er­bau“, so der Autor wei­ter, habe die „fried­li­che Idyl­le“ des Wohn­heims zu über­schat­ten begon­nen [sic!] – Selbst­ver­ständ­lich erst nach Ankunft des Ver­fas­sers in Japan. Unmög­lich hät­te er vor­her von den Gege­ben­hei­ten an japa­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten (an denen Geschlech­ter­tren­nung in Wohn­hei­men kei­ne Sel­ten­heit ist) Kennt­nis erlan­gen kön­nen; jetzt muss er sich künst­lich ent­rüs­tet geben.“

    Die Geschlech­ter­tren­nung, wie vor­hin beschrie­ben, war mir und den ande­ren neu­en Ein­woh­nern nicht bekannt und erst Mona­te nach dem Ein­zug erfuh­ren vie­le von dem Umbau. Wäre es von Anfang an klar gewe­sen, dass eine strik­te Geschlech­ter­tren­nung statt­fin­det, dann gäbe es kei­nen Grund zur Empö­rung. Das ist aber nicht der Fall gewe­sen. Übri­gens sind vie­le ande­re Uni­ver­si­tä­ten Japans, vor allem abseits von Tokio, die kei­nen inter­na­tio­na­len Sta­tus besit­zen, wesent­lich tole­ran­ter im Umgang mit bei­den Geschlechtern. 

    Und bei Ver­mu­tun­gen belässt es Jan Lukas Kuhn dann auch; eine Ein­bin­dung der Sicht der Gegen­sei­te bleibt in sei­ner „Dar­stel­lung“ wei­test­ge­hend außen vor; statt­des­sen echauf­fiert man sich wei­ter. Ein wah­res „1984“, das der Ver­fas­ser hier durch­le­ben muss, weil ihm das „Vor­recht des Vögelns“ ver­wehrt bleibt.“

    Das „Vor­recht des Vögelns“ ist mir per­sön­lich reich­lich egal. Ande­ren Stu­die­ren­den weni­ger. Pole­mi­sie­rung und iro­ni­sche Über­hö­hung sind, wie in dei­nem Kom­men­tar ange­deu­tet, Stil­mit­tel des Tex­tes. Einen pole­mi­schen Text zu kri­ti­sie­ren, weil er Merk­ma­le einer Pole­mik auf­weist, ist daher wenig sinnvoll.

    Unwahr­schein­lich, dass der Lei­ter einer Pro­test­grup­pe ein aus­ge­wo­ge­nes Bild der Moti­ve des „Mau­er­baus“ geben wird; da kann man gleich Wal­ter Ulb­richt fra­gen, ob jemand die Absicht hat, eine Mau­er zu errichten.“

    Das Argu­ment der Gegen­sei­te beschränk­te sich auf die Phra­se, es gin­ge um die Sicher­heit der Ein­woh­ner. Wei­ter wur­de nicht argu­men­tiert, daher fin­den wei­te­re Argu­men­te der Gegen­sei­te im Text kei­ne Erwäh­nung. Wenn die Uni­ver­wal­tung aus­führ­lich geschil­dert hät­te, was das alles soll, dann hät­te das im Text Erwäh­nung gefunden.
    „Dann wird jedoch wie­der im Sin­ne des Ver­fas­ser bewusst fehl­in­ter­pre­tiert: „Wich­ti­ger als die Frei­heit des Indi­vi­du­ums sind die Sicher­heit und der Frie­den in der Nach­bar­schaft, und was könn­te die­sen mehr stö­ren als sexu­ell akti­ve Jugend­li­che?“ – Also erst zuge­ben, dass Geschlech­ter­tren­nung der Ver­mei­dung von Skan­da­len (durch­aus legi­ti­mes Motiv, wie ich fin­de) die­nen soll, dann aber ein ande­res Motiv ins Spiel brin­gen, um die­ses „anzu­grei­fen“? – Nicht sehr überzeugend.“

    Da wur­de Iro­nie bewusst falsch ver­stan­den. Gemeint ist: sexu­el­le akti­ve Jugend­li­che brin­gen die Welt nicht aus den Fugen. In Trier funk­tio­niert es ja auch ohne Mau­er und Wach­per­so­nal. Wenn du Geschlech­ter­tren­nung für gut hältst, dann ist das voll­kom­men in Ord­nung. Wenn vie­le Japa­ner die­se Mei­nung tei­len, dann bin ich der letz­te, der dort zur Kri­tik ansetzt.
    Jedoch wur­de hier den Bewoh­nern ohne ihr Vor­wis­sen und gegen deren aus­drück­li­chen Pro­test die­se Maß­nah­me oktroy­iert. Noch­mal: wäre die Geschlech­ter­tren­nung (nicht nach Stock­wer­ken, son­dern durch eine Mau­er und Über­wa­chungs­soft­ware) von vorn­her­ein bekannt gewe­sen, hät­te nie­mand Grund zur Empö­rung gehabt. Es wur­de gegen den Wil­len der Ein­woh­ner ent­schie­den, nach­dem die­se ein­ge­zo­gen waren.

    Ja, so ist Japan. Ein biss­chen mehr his­to­ri­sches Bewusst­sein und Ver­ständ­nis für ande­re Kul­tu­ren und ein biss­chen weni­ger „Dar­um ner­ven Japa­ner“ wäre dem Ver­fas­ser durch­aus zu wünschen.“

    Ich weiß, dass der arro­gan­te Blick von oben aus dem „auf­ge­klär­ten Wes­ten“ sel­ten ange­bracht ist und mich selbst ner­ven Kom­men­ta­re wie „Dar­um ner­ven Japa­ner“. Aller­dings schrei­be ich hier nicht über eine “tra­di­tio­nell japa­ni­sche Insti­tu­ti­on”, son­dern eine inter­na­tio­na­le Uni­ver­si­tät, die sich welt­of­fen, auf­ge­klärt und libe­ral gibt. Gin­ge es hier um eine Uni­ver­si­tät, die sich dies nicht auf die Fah­ne schrie­be, gäbe es wenig Grund zur Empö­rung. Dann müss­te man sich schlicht mit den kul­tu­rel­len Unter­schie­den abfin­den, auch wenn es der eige­nen Vor­stel­lun­gen widerspricht.

    Ob der Vor­schlag sei­tens des Ver­fas­sers ernst oder iro­nisch gemeint ist, erschließt sich mir nicht ganz, denn das, was er als „typi­sches“ Love-Hotel-Zim­mer dekla­riert, sieht eher aus wie bei Oma in Deutsch­land. Nutzt der Autor hier die Macht des Bil­des, um indiekt sei­ne Abnei­gung gegen die „Behelfs­lö­sung“ auszudrücken?”

    Nutzt hier der Kom­men­ta­tor die Mit­tel der Psy­cho­ana­ly­se, um in den Text hin­ein­zu­in­ter­pre­tie­ren, was im Text nicht gege­ben ist? Ja. Und Iro­nie ist hier eben­falls beab­sich­tigt. Und nein, es han­delt sich um ein ganz nor­ma­les Love Hotel-Zim­mer. Die­se kom­men in allen mög­li­chen Designs daher, und dar­un­ter taucht schon mal ein Zim­mer im Oma­kitsch auf (eigent­lich soll es ein roman­ti­sches Bild Frank­reichs darstellen).

  3. Ich möch­te mich nicht in die obi­ge Dis­kus­si­on ein­mi­schen, bin dir, Jan Lukas, aber dank­bar für den Bei­trag. Es ist mal ein ande­res The­ma, was sicher auch nicht jeder anspre­chen wird. 

    Ich war selbst als Gast vor 3 Jah­ren in besag­tem Wohn­heim und fand die Regeln schon sehr streng (Ich muss­te mit der Ver­wal­tung zusam­men mei­ne Freun­din mit dem Han­dy anru­fen und durf­te erst spä­ter in den Gemein­schafts­be­reich, als wir sie aus­fin­dig gemacht hat­ten.) Dass es inzwi­schen sogar noch stren­ger zugeht, ist bedauerlich. 

    Die The­ma­tik Geschlech­ter­tren­nung habe ich in mei­nem Wohn­heim genau anders her­um erlebt. Wir waren sogar im sel­ben Flur zusam­men, nur die Sani­tär-Berei­che waren unter­teilt. Wie oft waren japa­ni­sche Freun­de erstaunt oder gar ent­setzt über die­se Tat­sa­che. Dabei ist die Gaku­g­ei Dai­gaku nicht gera­de eine klei­ne Uni und so gut wie jedem Japa­ner bis­her geläu­fig gewesen.

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