Job-Hun­ting und die Ver­schu­lung der Universitäten

Der Angriff der Klon­krie­ger. Wie Japa­ner zum Job-Hun­ting gehen und wel­che Hür­den es dabei gibt. Ich fra­ge mich: Stu­die­re ich nur, um einen guten Job zu finden?

5_Bild 1 -Gebäude 2, Hauptgebäude der Sophia Universität

Haupt­ge­bäu­de der Sophia Universität

Uni­for­men sind im japa­ni­schen All­tag eher die Regel als die Aus­nah­me. Über­all trifft man auf Super­markt­an­ge­stell­te, Wach­per­so­nal und die omni­prä­sen­ten Anzug­trä­ger, die soge­nann­ten Sala­ry­man. Wäh­rend in der Mit­tel- und Ober­schu­le Uni­form­pf­licht herrscht, kön­nen sich jun­ge Japa­ner in der Uni­ver­si­tät klei­den, wie sie möch­ten und die­se Frei­heit nut­zen sie auch.

Plötz­lich sehe ich, wohin ich auch gehe, auf gro­ße Ansamm­lun­gen selt­sam „uni­for­mer“ Stu­die­ren­der. Die jun­gen Män­ner tra­gen aus­nahms­los schlich­te, schwar­ze Anzü­ge mit wei­ßem Hemd. In sel­te­nen Fäl­len vari­iert die Kra­wat­ten­far­be. Die jun­gen Frau­en tra­gen aus­nahms­los ein wei­ßes Hemd mit offe­nem Kra­gen zum Kos­tüm, dazu schmuck­lo­se, schwar­ze Pumps, und wenn es reg­net einen bei­gen Trench­coat. Man trifft sie nicht nur an der Sophia Uni­ver­si­tät an, son­dern über­all in Tokio. Was hat es mit Tokios Klon­krie­gern auf sich?

Angriff der Klonkrieger

Die­ses selt­sa­me Phä­no­men, das jedes Jahr erneut zu betrach­ten ist, nennt sich 就職活動 (shûs­ho­ku kat­su­dô) oder „Job-Hun­ting“. Ich hat­te bereits zuvor davon gehört, woll­te mich aber bei einem japa­ni­schen Freund, der sich im Moment in der Job-Hun­ting-Pha­se befin­det, ver­ge­wis­sern. „Job-Hun­ting ist tota­ler Schwach­sinn“, sag­te er mit einem Seuf­zer. Unzu­frie­den mit die­ser sehr knap­pen Ant­wort muss­te ich selbst recher­chie­ren. „Job-Hun­ting“ funk­tio­niert wie folgt: lan­des­weit und zur glei­chen Zeit besu­chen Stu­die­ren­de im 3. und 4. Stu­di­en­jahr Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen und Semi­na­re von Fir­men, um sich auf eine Stel­le zu bewer­ben. Es heißt, dass jeder Stu­die­ren­de etwa 50 Bewer­bun­gen ver­sen­det. Es ist in Japan von gro­ßer Bedeu­tung, sofort nach dem Abschluss an der Uni­ver­si­tät eine fes­te Stel­le zu haben, denn ansons­ten müss­te man im fol­gen­den Jahr mit allen frisch Gra­du­ier­ten kon­kur­rie­ren. Die Erfolgs­chan­cen sin­ken mit der Zeit enorm und wer abge­hängt wur­de, muss oft sein Dasein als Teil­zeit­ar­bei­ter, als soge­nann­ter „Free­ter“ fristen.

Nie­mand will sei­ne Chan­cen im Kampf um die zukünf­ti­ge Arbeits­stel­le gefähr­den, z.B. indem er/sie ein hell­blau­es statt eines wei­ßen Hem­des trägt. Uni­form ist sicher. Es gibt zahl­lo­se Rat­ge­ber und Maga­zi­ne (s. Bild 2), die Stu­die­ren­de infor­mie­ren wie man sich zu klei­den und zu ver­hal­ten hat, um sei­ne Chan­cen zu erhö­hen. Die Spra­che ist dabei von gro­ßer Bedeu­tung. Ich erin­ne­re mich, wie eine jun­ge Anzug­trä­ge­rin am Neben­tisch plötz­lich in unna­tür­lich hoher Stimm­la­ger Höf­lich­keits­phra­sen vor sich hin­sprach und ver­mut­lich eine Gesprächs­si­tua­ti­on simu­lier­te. Die­se Höf­lich­keits­spra­che ist oft für Japa­ner genau­so schwie­rig wie für Japa­nisch­ler­nen­de. In der Regel wird aus­wen­dig gelernt, um der älte­ren Eli­te, die in der nach dem Senio­ri­täts­prin­zip orga­ni­sier­ten japa­ni­schen Gesell­schaft die Macht inne­hal­ten, zu gefal­len. Japan ist mitt­ler­wei­le das ein­zi­ge Land, in dem flä­chen­de­ckend zur sel­ben Zeit Stu­die­ren­de rekru­tiert werden.

Uni­for­men sind im japa­ni­schen All­tag eher die Regel als die Aus­nah­me. Über­all trifft man auf Super­markt­an­ge­stell­te, Wach­per­so­nal und die omni­prä­sen­ten Anzug­trä­ger, die soge­nann­ten Sala­ry­man. Wäh­rend in der Mit­tel- und Ober­schu­le Uni­form­pf­licht herrscht, kön­nen sich jun­ge Japa­ner in der Uni­ver­si­tät klei­den, wie sie möch­ten und die­se Frei­heit nut­zen sie auch.

Plötz­lich sehe ich, wohin ich auch gehe, auf gro­ße Ansamm­lun­gen selt­sam „uni­for­mer“ Stu­die­ren­der. Die jun­gen Män­ner tra­gen aus­nahms­los schlich­te, schwar­ze Anzü­ge mit wei­ßem Hemd. In sel­te­nen Fäl­len vari­iert die Kra­wat­ten­far­be. Die jun­gen Frau­en tra­gen aus­nahms­los ein wei­ßes Hemd mit offe­nem Kra­gen zum Kos­tüm, dazu schmuck­lo­se, schwar­ze Pumps, und wenn es reg­net einen bei­gen Trench­coat. Man trifft sie nicht nur an der Sophia Uni­ver­si­tät an, son­dern über­all in Tokio. Was hat es mit Tokios Klon­krie­gern auf sich?

Job-Hunting Dresscode

Die Must-haves des Job-Hun­ting Dresscodes

Angriff der Klonkrieger

Die­ses selt­sa­me Phä­no­men, das jedes Jahr erneut zu betrach­ten ist, nennt sich 就職活動 (shûs­ho­ku kat­su­dô) oder „Job-Hun­ting“. Ich hat­te bereits zuvor davon gehört, woll­te mich aber bei einem japa­ni­schen Freund, der sich im Moment in der Job-Hun­ting-Pha­se befin­det, ver­ge­wis­sern. „Job-Hun­ting ist tota­ler Schwach­sinn“, sag­te er mit einem Seuf­zer. Unzu­frie­den mit die­ser sehr knap­pen Ant­wort muss­te ich selbst recher­chie­ren. „Job-Hun­ting“ funk­tio­niert wie folgt: lan­des­weit und zur glei­chen Zeit besu­chen Stu­die­ren­de im 3. und 4. Stu­di­en­jahr Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen und Semi­na­re von Fir­men, um sich auf eine Stel­le zu bewer­ben. Es heißt, dass jeder Stu­die­ren­de etwa 50 Bewer­bun­gen ver­sen­det. Es ist in Japan von gro­ßer Bedeu­tung, sofort nach dem Abschluss an der Uni­ver­si­tät eine fes­te Stel­le zu haben, denn ansons­ten müss­te man im fol­gen­den Jahr mit allen frisch Gra­du­ier­ten kon­kur­rie­ren. Die Erfolgs­chan­cen sin­ken mit der Zeit enorm und wer abge­hängt wur­de, muss oft sein Dasein als Teil­zeit­ar­bei­ter, als soge­nann­ter „Free­ter“ fristen.

Nie­mand will sei­ne Chan­cen im Kampf um die zukünf­ti­ge Arbeits­stel­le gefähr­den, z.B. indem er/sie ein hell­blau­es statt eines wei­ßen Hem­des trägt. Uni­form ist sicher. Es gibt zahl­lo­se Rat­ge­ber und Maga­zi­ne (s. Bild 2), die Stu­die­ren­de infor­mie­ren wie man sich zu klei­den und zu ver­hal­ten hat, um sei­ne Chan­cen zu erhö­hen. Die Spra­che ist dabei von gro­ßer Bedeu­tung. Ich erin­ne­re mich, wie eine jun­ge Anzug­trä­ge­rin am Neben­tisch plötz­lich in unna­tür­lich hoher Stimm­la­ger Höf­lich­keits­phra­sen vor sich hin­sprach und ver­mut­lich eine Gesprächs­si­tua­ti­on simu­lier­te. Die­se Höf­lich­keits­spra­che ist oft für Japa­ner genau­so schwie­rig wie für Japa­nisch­ler­nen­de. In der Regel wird aus­wen­dig gelernt, um der älte­ren Eli­te, die in der nach dem Senio­ri­täts­prin­zip orga­ni­sier­ten japa­ni­schen Gesell­schaft die Macht inne­hal­ten, zu gefal­len. Japan ist mitt­ler­wei­le das ein­zi­ge Land, in dem flä­chen­de­ckend zur sel­ben Zeit Stu­die­ren­de rekru­tiert werden.

Die Ver­schu­lung der Universitäten

Job-Hunting Litartur im Buchladen

Job-Hun­ting Litar­tur im Buchladen

Wenn das „Job-Hun­ting“ so zeit­in­ten­siv und anstren­gend ist, haben die Stu­die­ren­den dann über­haupt noch Zeit für ihre Semi­na­re? Im 3. und 4. Stu­di­en­jahr sind die meis­ten deut­schen Stu­die­ren­den mit Semi­na­ren und der Anfer­ti­gung ihrer Bache­lor­ar­beit beschäf­tigt. In Japan besu­chen die Stu­die­ren­den natür­lich so oft es geht ihre Ver­an­stal­tun­gen, aber es ist unter Lehr­kräf­ten und der Uni­ver­si­täts­lei­tung Kon­sens, dass man nicht zwangs­wei­se anwe­send sein muss, um sei­nen Abschluss zu machen. Das Wich­tigs­te in der Uni­ver­si­täts­lauf­bahn in Japan ist näm­lich die Ein­tritts­prü­fung. Schü­ler büf­feln von klein auf wie wahn­sin­nig, um eine mög­lichst ange­se­he­ne Uni­ver­si­tät besu­chen zu kön­nen. Das Stu­di­um und des­sen Inhalt sind fast neben­säch­lich. Über 50% der Japa­ner haben zumin­dest einen Bache­lor-Abschluss, trotz der hor­ren­den Stu­di­en­ge­büh­ren. Wich­ti­ger als der Abschluss selbst sind der Ruf der Uni­ver­si­tät und deren Rang im Ver­gleich zu ande­ren Uni­ver­si­tä­ten. Aber wie­so geht man über­haupt zur Uni­ver­si­tät, wenn das Stu­di­um egal ist?

Stu­di­um mit gerin­gem Anreiz

Nach der Imma­tri­ku­la­ti­on bie­tet die Uni­ver­si­tät ein kur­zes Zeit­fens­ter für indi­vi­du­el­le Ent­wick­lung oder zum Fau­len­zen, was mit der anste­hen­den Job-Jagd ein Ende fin­det. Damit will ich nicht sagen, dass japa­ni­sche Stu­die­ren­de grund­le­gend faul sei­en. Im Gegen­teil, in der deut­schen Abtei­lung habe ich vie­le beein­dru­cken­de jun­ge Japa­ner ken­nen­ge­lernt, die in sehr kur­zer Zeit Deutsch gelernt haben und sich weit über das not­wen­di­ge hin­aus enga­gie­ren, z.B. in Uni­ver­si­täts­clubs. Den Fir­men ist das lei­der wei­test­ge­hend egal, ins­be­son­de­re was Geis­tes­wis­sen­schaf­ten betrifft. Eng­lisch­kennt­nis­se kön­nen bei der Bewer­bung von Vor­teil sein, alles ande­re hilft im Berufs­le­ben kaum weiter.

Eine Freun­din, die an der Sophia-Uni­ver­si­tät Ger­ma­nis­tik stu­dier­te, hat ihr „Job-Hun­ting“ erfolg­reich absol­viert und nun eine Aus­bil­dung bei der japa­ni­schen Post begon­nen. Das vier­jäh­ri­ge Ger­ma­nis­tik-Stu­di­um ist sozu­sa­gen zusätz­li­che All­ge­mein­bil­dung. Wer sei­ne Fähig­kei­ten wei­ter­nut­zen möch­te, muss ein Mas­ter-Stu­di­um anknüp­fen, und das ist für die Wenigs­ten bezahlbar.

Wenn man mit den Stu­di­en­in­hal­ten nichts anfan­gen kann, dann sinkt ver­ständ­li­cher­wei­se der Anreiz zum Stu­die­ren enorm. Außer­dem stellt sich die Fra­ge, wor­in der Unter­schied zwi­schen einer Schu­le und einer Uni­ver­si­tät liegt, wenn weder eine im Beruf nutz­ba­re Pro­fes­sio­na­li­sie­rung statt­fin­det, noch hin­rei­chend Zeit für Per­sön­lich­keits­bil­dung gebo­ten wird.

Der Magis­ter­stu­die­ren­de als fremd­län­di­scher Mythos

Leere Dachterasse in Gebäude 2

Lee­re Dach­ter­as­se in Gebäu­de 2 der Sophia Universität

Und dann kommt der Deut­sche und erzählt bizar­re Mythen aus längst ver­gan­gen Tagen, Geschich­ten von Magis­ter­stu­die­ren­den, die ihr Stu­di­um im Alter von 22 Jah­ren nicht been­det, son­dern erst begon­nen haben und ihren Abschluss erst nach meh­re­ren Deka­den an der Uni­ver­si­tät, 30 Semes­tern und acht­fa­chem Stu­di­en­wech­sel mach­ten. „Gibt es in Deutsch­land denn kei­nen fest­ge­leg­ten Zeit­rah­men, in dem man sich auf einen Job bewer­ben muss?“, wer­de ich dann von ver­dutz­ten Japa­nern gefragt und ver­nei­ne immer mit einem Lächeln. Wenn das so wäre, wie­so soll­te ich dann über­haupt studieren?

Der Arti­kel ist län­ger gewor­den als zu Anfang geplant und je mehr ich schrieb, des­to dank­ba­rer wur­de ich für die Stu­di­en­be­din­gun­gen in Deutsch­land. Aber ganz ohne Kri­tik möch­te ich das deut­sche Bil­dungs­sys­tem auch nicht davon­kom­men las­sen. Denn beson­ders in letz­ter Zeit habe ich das mul­mi­ge Gefühl, dass auch deut­sche Uni­ver­si­tä­ten in die Rich­tung Japans nei­gen. Wenn man nur noch stu­diert, um einen guten Job fin­den zu kön­nen, und nicht aus Neu­gier am Fach oder um sich zu bil­den, und wenn die Uni­ver­si­tät immer mehr einer Schu­le gleicht, dann gibt es auch bei uns genug Hand­lungs­be­darf.

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