Ein unerwartetes und trauriges Ende

Häufig habe ich mich in der letzten Zeit entscheiden müssen. Die Entscheidung länger zu bleiben, habe ich gut durchdacht und ich hatte mich auf eine schöne Zeit gefreut. Nach den Ereignissen der letzten Woche hat meine Arbeit in Peru jedoch ein jähes Ende gefunden.

Für mich kommt es genau so unerwartet, wie für jeden anderen: ich habe nach einer dreitägigen Konfliktphase mit den Verantwortlichen der Organisation entschieden, dass ich unter den gegebenen Umständen nicht weiter arbeiten kann. Hauptgrund dafür sind massive Eingriffe in die Privatsphäre der Freiwilligen und beleidigendes, absolut despektierliches Verhalten einiger Verantwortlicher der Organisation. Alle Freiwilligen des letzten Jahres sind entsetzt. Die zuletzt abgereiste Freiwillige durfte sich eine Stunde vor Betreten des Flugzeuges noch Beleidigungen anhören. Unser persönliches Eigentum wurde ohne Rücksprache aus unserer WG entwendet. Ich brauche nicht viel von der Organisation, wir bekommen kein Geld, keinen Lohn, keine Anerkennung. Aber zumindest respektvoller Umgang und Wahrung des kleinsten Restes an Privatsphäre sehe ich als Voraussetzung für die Fortsetzung meiner Arbeit.

Ich habe einen Monat mit den alten Freiwilligen zusammengelebt und ihr Engagement für die Kinder und die Musik erlebt. Sie waren nicht fehlerfrei aber ich kenne eigentlich keinen Menschen, der das ist. Das Verhalten der Organisation ihnen gegenüber ist für mich und meine Entscheidung ebenso ausschlaggebend, wie das Verhalten der Organisation mir gegenüber.

Nachdem ich die neuen Freiwilligen auch einige Tage miterleben durfte (aus der Ferne, da ich mittlerweile aus der Freiwilligen-WG ausgezogen war), bin ich fest davon überzeugt, dass auch sie das Projekt in großartiger Art und Weise bereichern werden und sie miteinander ein phantastisches Jahr erleben werden. Ich wäre gerne Teil dessen gewesen.
Dankbar bin ich für das große Verständnis und die Unterstützung ihrerseits, die mir entgegengebracht wird. Mein Schritt trifft leider die Falschen, die Kinder, die Freiwilligen und nicht zuletzt auch mich selber und aus der Distanz, mag er lächerlich und nichtig erscheinen. Aber manchmal muss man um einer größeren Sache Willen standhaft bleiben. Ich habe mir letztlich selber ins Knie geschossen, hoffe aber sehr durch meinen Schritt ein Umdenken im Verhalten der Verantwortlichen bewirkt zu haben. Ich bin die erste von 200 Freiwilligen des Projektes, die diesen Schritt durchzieht, darüber nachgedacht haben allerdings schon sehr viele.

Nachdem ich noch drei Tage in Trujillo vergeblich auf eine Lösung des Konfliktes gehofft hatte, bin ich am Mittwoch in den Bus zu meiner Gastfamilie nach Chimbote gestiegen, die mich herzlich mit offenen Armen empfangen hat und mir angeboten hat, solange zu bleiben wie ich möchte. Sie gehören zu vielen, die auch entrüstet sind über das Verhalten Arpegios und die mich in meinem Schritt bestärken, ebenso das Centenario in Chimbote, an dem ich ja auch vier Wochenenden unterrichtet habe und die mich am liebsten direkt Vollzeit hier anstellen würden.

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Hin- und hergerissen zwischem Altem und Neuem: im Büro der Profesora de Violin in Chimbote beim Planen der Reise.

Ich habe noch Zeit, über dieses Angebot nachzudenken. Noch habe ich nicht meinen Flug vom 03. Oktober umgebucht und muss es auch erst kurz vorher entscheiden. Was ich jetzt aber zunächst tun werde, ist reisen, weit weg, mit meinem großen Rucksack und der Absicht, die Ereignisse der letzten Woche einfach mal ausblenden zu können. Sie machen mich wirklich traurig.

Jetzt plane ich also die nächsten vier Wochen durch und stelle fest, dass man wohl eher vier Monate bräuchte, um dieses gewaltige und beeindruckende Land wirklich kennen zu lernen. Mit einem Reiseführer und vielen Tipps von Freiwilligen und Einheimischen werde ich dann wahrscheinlich am Montag in ein weiteres Abenteuer starten.

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Vor dem Konzert mit Louise und Johanna – und nur drei Cellosaiten!

Gestern ist mir allerdings auch nochmal die sympathische verplante Art der Peruanter zuteil geworden: Ich und die beiden Chimbote-Freiwilligen Louise und Johanna wurden spontan um 3 Uhr gefragt, ob wir nicht um 6 Uhr ein kleines Konzert in einer Uni spielen könnten. Innerhalb von drei Stunden haben wir also Noten gesucht, kopiert, geübt, haben uns von zu Hause Konzertkleidung geholt und sind zur Universität gefahren. Um das Chaos zu perfektionieren ist auch noch 20 Minuten vor Beginn des Konzertes Louises Cello A-Saite gerissen (Zitat Lousie drei Stunden zuvor: „Eine Cellosaite reißt nie!“). Wir standen schon bereit um mit drei Cellosaiten zu konzertieren, da wurde uns – glücklicher Weise – noch eine Saite nachgebracht. Und vielleicht war es Corelli, unser für die Peruaner sehr ungewohntes deutsches Aussehen oder die hohe Konzentration – zumindest waren die Zuhörer begeistert und wir durften am Ende noch für einige Fotos mit Würdenträgern der Universität herhalten.

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Geige geliehen, Konzertkleidung improvisiert. Trotzdem wurde nachher brav geklatscht =)

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Corelli Weihnachtskonzert Quartett. Finde den Fehler!

 

 

 

 

 

 

 

 

Ach ja, mit einem der bekanntesten Sänger Süd-Amerikas habe ich letzte Woche auch konzertiert. Er füllte das Estadio Monumental mit vielen Menschen und deren Begeisterung und uns mit Verwunderung und Kopfschütteln. Ein Backstagebereich mit weißen Sesseln, Kristalltellern voller Essen und Glastischchen wurde uns uns bereitgestellt. Die Heizstrahler hatten sie leider vergessen… Und unverständlich waren für uns die Predigten während des Konzertes, als er von seinen Gebetserfahrungen und der Anwesenheit des Heiligen Geistes erzählte und in seinen Liedern besang. Was auf uns Freiwillige völlig fanatisch wirkte, schien im Stadion niemanden zu wundern.

Jetzt freue ich mich auf zwei letzte Tage in Chimbote mit meiner Gastfamilie, heute Abend gibt’s Pizza und Karaoke und morgen dann vamos al la playa!

Ganz liebe Grüße und danke für die stetige (moralische) Unterstützung aus der Heimat!
Eure Elisa

Ein Kommentar

  1. Das ist ja wirklich traurig, dass deine Reise so ein Ende nehmen musste. Ich hoffe dein Rucksacktrip wird dich etwas entschädigen. Dennoch finde ich deine Entscheidung gut: Man darf nicht alles mit sich machen lassen, und vielleicht wird sich ja etwas ändern.

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