Zeit­rei­se nach 高野山

Zeit­rei­se nach 高野山

Ich glau­be, man hat nicht das kom­plet­te Japan erlebt, wenn man nicht ein­mal traditionell(er) gewohnt hat.

Zum Abschluss mei­nes Urlau­bes bin ich mit mei­ner Rei­se­trup­pe nach Koya-san gefah­ren. Das ist ein klei­nes Dorf süd­lich von Osa­ka. Klingt nicht beson­ders? Ist es aber! Es liegt auf über 900m Höhe und ist am bes­ten per Bum­mel­zug und Seil­bahn erreich­bar. Wenn der Zug aus Osa­ka raus ist, sich auf die Ber­ge zube­wegt und man sich plötz­lich zwi­schen Berg­schluch­ten und rei­ßen­den Flüs­sen wie­der fin­det, dann ist man schon fast da. Wenn die Seil­bahn danach an der End­sta­ti­on war­tet und man sich lang­sam den Berg hin­auf schiebt, ist es fast geschafft. Wo es im Tal noch 31 Grad waren, sind auf Koya-san nur noch 21 Grad sowie eine ange­neh­me Luft­feuch­te von 40 Pro­zent. Und wenn man dann noch 15 Minu­ten mit dem Bus durch enge, dschun­gel­ar­ti­ge Wege fährt, ist man da. 

Das 1200 Jah­re alte Dorf bdsc_0270esteht zum Groß­teil aus über 100 Tem­peln, und in mehr als 50 davon kann man über­nach­ten. Wir sind im Sai­ze­nin ein­ge­kehrt – es war das High­light der Rei­se. Wir waren im alten Flü­gel des Tem­pels unter­ge­bracht, es hieß also: Schu­he aus, lei­se sein und sich die rie­si­gen Tata­mi-Zim­mer mit Gar­ten­blick anschau­en. Das Öff­nen und Schlie­ßen der Schie­be­tü­ren und Fens­ter war zwar manch­mal etwas müh­se­lig, aber irgend­wie auch ange­nehm. Eine Zeit­rei­se fast.

Das Baden ging genau­so von stat­ten wie im Onsen, abwa­schen und in das gro­ße, hei­ße Becken zum ent­span­nen legen. Nachts hör­te man das Plät­schern des Was­se­ra, das lei­se Zir­pen der Gril­len, um die Spit­ze der Nach­bar­pa­go­de zogen die Fle­der­mäu­se ihre Krei­se und der Voll­mond beschien den Stein­gar­ten wirk­lich wunderschön.

Aber das wich­tigs­te: Zum aller ers­ten mal Ruhe. Kei­ne Autos, kei­ne Kran­ken­wa­gen, kei­ne Züge, Men­schen oder Musik aus Geschäf­ten. Das Ein­zi­ge was gut zu hören ist, sind die Gong­schlä­ge der Mön­che vor jeder vol­len Stun­de sowie deren, die Nacht über andau­ern­dedsc_0226n, Gesän­ge.

In der Früh um 06:30 Uhr gin­gen wir zur Zere­mo­ni­en­hal­le, um der mor­gend­li­chen, bud­dhis­ti­schen Andacht bei­zu­woh­nen. Der Raum war nied­rig und mit vie­len gol­de­nen Later­nen an der Decke bestückt, sowie einem Tata­mi-Boden und einer unzähl­ba­ren Anzahl von gol­de­nen Figu­ren, Ker­zen­leuch­tern und Behält­nis­sen. Kein Ver­gleich zu einer auf­ge­räum­ten, christ­li­chen Kir­che (die nach die­sem Erleb­nis nahe­zu karg erscheint). Die Mön­che san­gen keh­lig durch­weg ihre Sutren, und wäh­rend­des­sen konn­te man an einem klei­nen Altar ein­zeln für sei­ne Vor­fah­ren beten, indem man sich aus einem Topf etwas Asche nahm, sie vor sei­ne Stirn hielt und anschlie­ßend in das Behält­nis mit den Räu­cher­stäb­chen streute.

Nach unge­fähr 40 Minu­ten war die Andacht vor­bei, und das tra­di­tio­nel­le, vege­ta­ri­sche Mönchs­früh­stück wur­de gereicht. Danach waren alle ein­ge­la­den, bud­dhis­ti­sche Sutren auf Papier zu kopie­ren, doch dar­an konn­ten wir aus Zeit­grün­den nicht teilnehmen. 

Ins­ge­samt ist die­ses Dorf wirk­lich zurecht ein UNESCO-Welt­kul­tur­er­be und eine wah­re Per­le der Ruhe und defi­ni­tiv ein Geheim­tipp (zumin­dest was wir unter der Woche erfah­ren konn­ten). Der japa­ni­schen Kul­tur auf die­se Art nahe­zu­kom­men, war, neben dem Onsen­be­such und der moder­nen Städ­te, eine ein­ma­li­ge Erfah­rung, die ich nicht mis­sen möchte.

Ich rate jedem, der Japan bereist, die­sen geheim­nis­vol­len, im Nebel lie­gen­den Ort, zu besuchen.