Par­ty In The U.S.A.

Bis zur letz­ten Sekun­de wer­keln der ande­re Inter­na­tio­nal Stu­dent und ich noch an unse­rem Test. Unse­re Zet­tel sind voll­ge­schrie­ben, wäh­rend die US-ame­ri­ka­ni­schen Kom­mi­li­to­nen schon mit ihren Sitz­nach­barn plau­schen. Geschockt stel­le ich fest, dass mei­ne Lei­dens­ge­nos­sin sogar die Rück­sei­te gefüllt hat. Zu spät, denn die Zet­tel wer­den uns abge­nom­men. Ich wer­de das Gefühl nicht los, irgend­et­was falsch gemacht zu haben.

Jetzt mal etwas, damit ihr zwei euch ein wenig ein­lebt“, heißt es dann von der Dozen­tin, die uns vom Pult aus angrinst. Ich erwar­te also US-ame­ri­ka­ni­sches Kul­tur­gut, irgend­et­was typi­sches, viel­leicht Musik – und wer­de nicht enttäuscht.

Schon bei der ers­ten Zei­le singt und fei­ert jeder im Raum mit, als hand­le es sich bei dem Lied um die Natio­nal­hym­ne. Der ande­re Inter­na­tio­nal Stu­dent und ich sit­zen völ­lig per­plex mit­ten­drin – dabei war durch­aus zu erwar­ten, dass Miley Cyrus zu den USA dazu­ge­hört wie McDonald’s und Disney.

Die­se Situa­ti­on ist bezeich­nend für etwas, das mir hier fast jeden Tag wie­der­fährt. Ob pri­vat oder an der Uni, ich mer­ke doch, wie anders Deutsch­land ist. Auf dem Cam­pus fängt das schon im Umgang mit dem Uni­ver­si­täts­per­so­nal an. „Guten Tag, Herr Pro­fes­sor Dok­tor“ wird hier mit „Hi, Suda!“ – so der Vor­na­me einer mei­ner Dozen­tin­nen – ersetzt. Das durf­te ich schon bei mei­nen ers­ten E-Mails an die Ham­li­ne Uni­ver­si­ty fest­stel­len, und ich bin mir sicher, dass ich zu Beginn unglaub­lich gestelzt geklun­gen habe (und wahr­schein­lich immer noch klinge).

Auch die Kur­se sind anders struk­tu­riert: Die­se fin­den jede Woche mehr­mals statt. Dadurch wird der Stoff weit­aus inten­si­ver ver­mit­telt, vor allem, da jedes Mal ein Test mög­lich ist (und meis­tens auch statt­fin­det). Die­se sind aber lan­ge nicht so aus­führ­lich wie die Klau­su­ren, die ich aus Deutsch­land ken­ne – ziem­lich gewöh­nungs­be­dürf­tig, wenn man sonst am Ende des Semes­ters sein Wis­sen in 90 Minu­ten zu Papier brin­gen muss. Min­des­tens genau­so wich­tig: münd­li­che Mit­ar­beit und Grup­pen­ar­beit. Auch das wird hier beno­tet, was dazu führt, dass wäh­rend der Kur­se oft­mals ange­reg­te Dis­kus­sio­nen ent­ste­hen (mag aber auch sein, dass man sich als US-ame­ri­ka­ni­scher Stu­dent zu Mit­ar­beit moti­viert fühlt, weil man rund 5000 Dol­lar für einen Kurs zahlt – wer weiß). Manch­mal bear­bei­tet man in einer Grup­pe Auf­ga­ben und gibt die Noti­zen an den Dozen­ten, der die­se dann beno­tet. Sol­che klei­ne­ren Noten­pa­ke­te bedeu­ten im End­ef­fekt, dass ein ver­sem­mel­ter Test nicht gleich dazu führt, dass die Note in den Kel­ler geht. Auch wenn das mehr Auf­wand bedeu­tet, füh­le ich mich mit dem Sys­tem hier weit­aus ent­spann­ter als in Deutschland.

Für einen Deutschen recht ungewohnt: In den USA sieht man überall Flaggen

Für einen Deut­schen recht unge­wohnt: In den USA sieht man über­all Flaggen

Im All­tag bekom­me ich min­des­tens genau­so stark zu spü­ren, dass ich doch weit gereist bin. Hier in Min­ne­so­ta sind Gesprä­che mit Frem­den nor­mal. Unter­hält man sich im Bus mit Freun­den über die neus­te Krea­ti­on im Fast-Food-Restau­rant (Pom­mes fri­tes mit Chip­s­man­tel), dreht sich gut und ger­ne mal einer der Mit­fah­rer um und erzählt, dass er die gar nicht so gut fand und wor­an das lag. Was in Deutsch­land als unhöf­lich und irgend­wie selt­sam gilt, wird hier mit einem „Scha­de, hät­te ich ja nicht gedacht!“ beant­wor­tet und wei­ter gemein­sam bespro­chen. Auch im Kino brach kom­plet­te Ver­wir­rung aus, als das Pop­corn sal­zig und nicht süß war und wir trotz nor­ma­lem Stu­den­ten­ein­trittsti­cket freie Platz­wahl hat­ten. Der bri­ti­sche Akzent der Schau­spie­ler war da eine ange­neh­me Abwechs­lung, zumal vie­le der Inter­na­tio­nals in der Schu­le bri­ti­sches Eng­lisch gelernt haben – was dazu führt, dass ich völ­lig ver­wirrt ange­guckt wer­de, wenn ich im Gespräch über Turn­schu­he von mei­nen neu­en trai­ners und nicht snea­kers spreche.

Trotz allem füh­ren die vie­len neu­en Ein­drü­cke nicht dazu, dass ich abends völ­lig ver­zwei­felt in mei­nem Wohn­heims­zim­mer sit­ze und mir erst ein­mal zur Beru­hi­gung den neu­en Tat­ort angu­cken muss. Letz­ten Endes tei­le ich die­se Erfah­run­gen mit den ande­ren Aus­tausch­stu­den­ten, und vie­le der US-ame­ri­ka­ni­schen Kom­mi­li­to­nen haben ein offe­nes Ohr für mei­ne Erleb­nis­se. Die­se Offen­heit ist mit Sicher­heit eine der posi­tivs­ten Erfah­run­gen, die ich hier machen darf. Und der Test, von dem ich am Anfang erzählt habe – der lief trotz Panik­at­ta­cke ziem­lich gut.

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