Die High­lights – Teil 1: Comiket

Einen Monat nach mei­ner Rück­kehr nach Deutsch­land schaue ich durch mei­ne Bil­der­ord­ner und über­le­ge, was in die­sem Jahr den größ­ten Ein­druck hin­ter­las­sen hat. Gar nicht so ein­fach. Nach eini­gen eher kri­ti­schen Bei­trä­gen zu Japan kom­men nun die Höhe­punk­te mei­nes Aus­lands­jahrs, begin­nend mit dem Comic Market.

Die ikonischen, "umgedrehten Pyramiden" der Tokio Big Sight sind längst zum Symbol der Comiket geworden.

Die iko­ni­schen, “umge­dreh­ten Pyra­mi­den” der Tokio Big Sight sind längst zum Sym­bol der Comi­ket geworden.

Die größ­te Fan­mes­se der Welt

「コミケにお客さんはいません」

Zu Deutsch: Auf dem Comic Mar­ket (kurz: Comi­ket) gibt es kei­ne Kun­den. So lau­tet das inof­fi­zi­el­le Mot­to der größ­ten Dōjin­shi-Mes­se der Welt. Als Dōjin­shi bezeich­net man von Fans und Nach­wuchs­künst­lern pro­du­zier­te Man­ga, Roma­ne, Video­spie­le und Musik für Gleich­ge­sinn­te. „Kun­den“ gibt es des­halb nicht, weil jeder Teil­neh­mer, sei es ein Man­ga­zeich­ner, Cos­play­er, Mit­glied im Orga­ni­sa­ti­ons­team oder ein ein­fa­cher Besu­cher, zum Aus­tausch und zur Wei­ter­ent­wick­lung der Pop­kul­tur bei­trägt. Besucht habe ich die Comi­ket zwar schon vor eini­gen Jah­ren, aber wäh­rend mei­nes Aus­lands­jahrs ergab sich für mich die Mög­lich­keit, als Pro­du­zent und Ver­käu­fer das Ereig­nis von einer ande­ren Sei­te zu erleben.

Pop­kul­tur bei extre­mem Klima

Doch zuerst ein paar Fak­ten zum Gesche­hen: Die Comi­ket fin­det zwei­mal jähr­lich – Mit­te August im Som­mer, und Ende Dezem­ber im Win­ter – in der Tokyo Big Sight im Süden Tokios statt. Das Mes­se­ge­län­de wird nor­ma­ler­wei­se für Wirt­schafts­ver­an­stal­tun­gen genutzt. Der uner­träg­lich schwü­le Som­mer und der, zumin­dest für japa­ni­sche Ver­hält­nis­se, kal­te Win­ter sind die unbe­lieb­tes­ten Jah­res­zei­ten für Events, und ste­hen daher ver­mut­lich für die Ver­an­stal­ter der Comi­ket zur Verfügung.

Wartende Menschenmassen

War­ten­de Menschenmassen

Ota­ku (Fans japa­ni­scher Pop­kul­tur) haben seit jeher einen schlech­ten Ruf in Japan, so wie viel­leicht einst Punks oder Nerds in Deutsch­land. Dafür gibt es vie­le Grün­de, exem­pla­risch gilt ein Fall aus dem Jahr 1988. Miya­za­ki Tsu­to­mu miss­brauch­te und töte­te im Zeit­raum von einem Jahr vier min­der­jäh­ri­ge Mäd­chen. Nach sei­ner Ver­haf­tung wur­den Hor­ror­fil­me und Ani­me in sei­ner Woh­nung auf­ge­fun­den, was der Beginn von Hetz­kam­pa­gnen gegen Ota­ku dar­stell­te. Vor­ur­teils­frei begeg­net man Ota­ku heut­zu­ta­ge zwar nicht, aber im Ver­gleich zu den 90er-Jah­ren hat sich das Ver­hält­nis zur Pop­kul­tur und deren Ver­fech­tern gelockert.

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Auf dem Lage­plan stellt jedes Recht­eck einen Tisch mit jeweils zwei Stüh­len dar. Die dazu­ge­hö­ri­gen Cir­cle kann man im Kata­log nachschlagen.

Zudem, und das ist viel­leicht schwer­wie­gen­der, ist die Comi­ket nicht kom­mer­zi­ell. Besu­cher müs­sen kei­nen Ein­tritt bezah­len, kön­nen das Orga­ni­sa­ti­ons­team aber unter­stüt­zen, indem sie den Ver­an­stal­tungs­ka­ta­log kau­fen, ein tele­fon­buch­di­ckes Ver­zeich­nis aller aus­stel­len­den Cir­cle (サークル). Cir­cle sind Grup­pen von Künst­lern, die ihre Man­ga (oder Bücher, CDs, etc.) meist zum Selbst­kos­ten­preis ver­le­gen und ver­kau­fen, also sel­ten davon finan­zi­ell pro­fi­tie­ren. Durch die Prä­senz von eta­blier­ten Ani­ma­ti­ons­stu­di­os und Ver­la­gen erhof­fen sich vie­le jun­ge Künst­ler ent­deckt zu wer­den, um eine pro­fes­sio­nel­le Kar­rie­re zu star­ten. So begann zum Bei­spiel der Erfolg der Zeich­ner­grup­pe Clamp, die hier­zu­lan­de mit Titeln wie „Card Cap­tor Saku­ra“ bekannt wur­de, als Dôjin­shi-Cir­cle auf der Comiket.

Ota­kus wei­sen den Weg

Vie­le Besu­cher ver­sam­meln sich bereits früh mor­gens vor dem Ein­tritts­be­reich. Dort ste­hen als Orga­ni­sa­ti­ons­team gekenn­zeich­ne­te Nerds, die ver­mut­lich den Rest des Jah­res in ihren win­zi­gen, mit Ani­me-Goods zuge­stell­ten Zim­mern zubrin­gen. Und die lei­ten dann ein Event, das in Sachen Crowd Manage­ment wohl in kei­nem ande­ren Land der Welt mög­lich wäre. Die Besu­cher schie­ßen natür­lich nicht quer und hal­ten sich an jede Wei­sung, die aus den Mikro­fo­nen der Mit­ar­bei­ter ertönt. Denn man weiß, dass nega­ti­ves Ver­hal­ten auf die Ver­an­stal­tung als sol­che und auf das Image der Ota­ku zurück­fal­len wür­de. Aus dem­sel­ben Grund müs­sen sich Cos­play­er vor­her anmel­den und dür­fen erst in den Umklei­de­räu­men inner­halb des Mes­se­ge­län­des ihre Kos­tü­me anzie­hen. Die Tokio­ter Stadt­be­völ­ke­rung soll nicht von Heer­scha­ren kos­tü­mier­ter Fans beläs­tigt wer­den. Das wäre auch für den Düs­sel­dor­fer Japan­tag ein durch­aus wün­schens­wer­tes Verfahren.

Im Video wird gezeigt, wie die Men­schen­mas­sen inner­halb eines Tages vom Ein­gangs­be­reich in die Hal­len gelotst werden.

Uni­ver­si­täts-Cir­cle

Cir­cle hei­ßen nicht nur die Grup­pen, die auf der Comi­ket anzu­tref­fen sind, son­dern so wer­den gene­rell Uni­ver­si­täts­clubs genannt, in denen sich Gleich­ge­sinn­te über bestimm­te The­men austauschen.

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Die fer­ti­ge Zeit­schrift unse­res Cir­cles vor dem Hin­ter­grund einer Illus­tra­ti­on aus der Som­mer-Comi­ket 2014

Die Anzahl von Cir­clen an der Sophia Uni­ver­si­tät ist kaum über­schau­bar: Es gibt z.B. einen Lite­ra­tur­club, Sport- und Tanz-Cir­cle sowie diver­se Man­gaclubs. Es gibt sogar ein eige­nes Gebäu­de, in denen jedem Cir­cle ein Raum zuge­teilt wird. Der Cir­cle, über den ich an der 89. Comi­ket teil­ge­nom­men habe, heißt FJC. Hier tref­fen sich Video­spiel- und Man­gaf­ans, die sich alle wie­der­um auf Gen­res wie Fan­ta­sy, Mili­ta­ry oder RPGs spe­zia­li­siert haben. Für die Club­zeit­schrift soll­te jeder zu einem frei gewähl­ten The­ma einen Bei­trag ver­fas­sen. So ent­stand eine kurio­se Text­samm­lung mit Bei­trä­gen über die Ani­me der letz­ten Sai­son, Final Fan­ta­sy und Hand­held­kon­so­len. Ich ver­fass­te einen Bei­trag über Nisioi­sin, einen von mir geschätz­ten japa­ni­schen Auto­ren. Ich hat­te die Mög­lich­keit, mei­ne Schwär­me­rei in einer Zeit­schrift gedruckt zu sehen, und zudem mein Japa­nisch zu verbessern.

Win­ter-Comi­ket 2015 und Otaku-Politik

Am 29. Dezem­ber, dem Eröff­nungs­tag der 89. Comi­ket, pas­sie­ren wir den Ein­lass mit unse­ren Tickets und las­sen die war­ten­den Besu­cher hin­ter uns, um unse­ren Stand auf­zu­bau­en. Auf jedem Tisch liegt Info­ma­te­ri­al aus, damit alles rei­bungs­los funk­tio­niert. Eine Stun­de spä­ter tre­ten dann die ers­ten Besu­cher ein. Da wir nur ein klei­ner Uni­ver­si­täts-Cir­cle sind und unser Stand in einem abge­le­ge­nen Teil der Hal­le liegt, ist der Andrang gering. Wäh­rend ich am Stand aus­harr­te und tat­säch­lich eini­ge Zeit­schrif­ten ver­kau­fen konn­te, haben sich die bei­den ande­ren Cir­cle-Mit­glie­der, die mit mir ange­reist sind, selbst auf die Jagd nach Dōjinshis und Goods bege­ben. Viel Mög­lich­keit zum Gespräch mit den Besu­chern gab es für mich aller­dings nicht, da die meis­ten mög­lichst vie­le Stän­de besu­chen woll­ten und in Eile waren. Jeden Tag ist um 16 Uhr Schluss, und das heißt in Japan genau das.

Yamada Tarou

Der Abge­ord­ne­te Yama­da Tarō will sich im Par­la­ment für die künst­le­ri­sche Dar­stel­lung­frei­heit in Ani­me, Man­ga und Video­spie­len einsetzen.

Um Punkt 16 Uhr been­den alle auf die Sekun­de genau ihre Akti­vi­tät, klat­schen, um den gelun­ge­nen Ablauf zu fei­ern und ver­las­sen die Big Sight. Wäh­rend wir in der Schlan­ge auf den nächs­ten Zug war­ten, hören wir aus einem Laut­spre­cher die Stim­me des par­tei­lo­sen Abge­ord­ne­ten Yama­da Tarō, der sei­nen Kam­pa­gnen­wa­gen geschickt vor dem Gelän­de plat­ziert hat. Er trägt eine Flie­ge zum Anzug, wür­de aber mit Ruck­sack und karier­tem Hemd als Kli­schee-Ota­ku durch­ge­hen. Der Poli­ti­ker ist qua­si Stamm­gast auf der Comi­ket und ver­sucht mit The­men wie Mei­nungs- und Kunst­frei­heit Wäh­ler­stim­men für sich zu gewin­nen. Stren­ge­re Urhe­ber­rechts­ge­set­ze oder das Ver­bot por­no­gra­fi­scher Inhal­te in Dōjinshis könn­ten das Ende für die Comi­ket bedeuten.

Auf der Rück­fahrt sit­ze ich im wohl über­füll­tes­ten Zug mei­nes Aus­tau­sch­jahrs. Ein bebrill­ter Jun­ge mit zwei prall gefüll­ten Tüten im Ani­me-Design ruft: 降ります!(dt.: ich stei­ge aus) und alle machen für ihn Platz. Vom 29. bis zum 31. Dezem­ber besuch­ten 520.000 Men­schen die Winter-Comiket.

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