Die Highlights – Teil 2: Essen, essen und Südkorea

Wer extra den halben Globus überquert hat, um nach Japan zu kommen, dem bietet es sich an, einen Abstecher in die Nachbarländer zu machen. Zu den beliebtesten Reisezielen zählen Hongkong, Taiwan und Südkorea. Während meines Auslandsjahrs hat es mich zweimal nach Südkorea verschlagen. Ein (kulinarischer) Reisebericht.

Wo kommst du her und was isst man dort?

Wenn über Japan geschwärmt wird, dann steht oft das Essen an oberster Stelle. Das gilt für Japaner wie für Japanliebhaber. Auf die Frage, was sie während ihres Auslandsaufenthaltes am meisten vermissen, antworten die meisten Japaner, die ich kenne, ohne zu zögern: das Essen. Manchmal so, als wäre es der einzige Grund, zurückkehren zu wollen. Würde man mich fragen, was ich vermisse, seit ich wieder in Deutschland bin, dann fiele mir vieles ein: Buchhandlungen, der Service, Cafés. Essen wäre zwar auch auf meiner Liste, aber sicherlich nicht auf dem ersten Platz.

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Udon aus Takamatsu in der „Udon-Präfektur“ Kagawa.

Essen ist hier wichtiger. Städte und Regionen werden in Japan oft zuerst mit einem regionalen Gericht in Verbindung gesetzt. Wer Osaka besucht sollte unbedingt Takoyaki (gebratene, mit Tintenfischstückchen gefüllte Teigbällchen) oder Okonomiyaki (deftiger Pfannkuchen auf Kohlbasis) probieren. Die Präfektur Kagawa ist für Udon (dicke Buchweizennudeln) bekannt und nicht nur auf Werbebroschüren spricht man mittlerweile vom „Udon-ken“ (Udon Präfektur). Diese Wertschätzung von guter Küche und regionalen Spezialitäten beschränkt sich nicht nur auf Japan, sondern gilt ebenso für andere südostasiatische Länder, wie z.B. Südkorea. Ausgerechnet dort sollte meine bis dahin verborgene kulinarische Leidenschaft geweckt werden.

Auf den Weg nach Südkorea 

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Mit dem „JR Beetle“ kommt man bequem über den Seeweg nach Südkorea.

Von Japan aus gibt es zwei Möglichkeiten nach Südkorea einzureisen, per Flugzeug oder mit dem Schiff. Ich habe beide Varianten ausprobiert. Der Flug von Tokio nach Seoul dauert ca. eine Stunde und kostet meist nicht mehr als 150 Euro. Mit dem Schiff kommt man für ca. 110 Euro von Fukuoka aus in knapp drei bis dreieinhalb Stunden nach Busan. Wohin es einen auch verschlägt, Südkorea ist anders, trotz kultureller Gemeinsamkeiten mit Japan. Die Menschen seien unhöflicher, mögen manche sagen, die sich länger in Japan aufgehalten haben, mir kommt es dort aber angenehm „normal“ vor. Die Menschen pöbeln ab und zu und wer nicht aufpasst, wird vom Auto überfahren.

 

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Eingang zu einem typischen koreanischen Markt.

In Südkorea fand die Phase des enormen Wirtschaftswachstums, die Japan nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte, noch viel schneller und radikaler statt. Als Ergebnis hat sich Südkorea zu einem der wohlhabendsten Länder der Welt gemustert. Den rapiden Wandel kann man auf der Straße sehen. Junge, schick gekleidete Männer und Frauen sitzen in Cafés mit High-Speed-Internet, der mit Abstand schnellsten Internetverbindung der Welt. Auf dem Gehweg sitzen alte Frauen und verkaufen Gemüse und Händler sammeln Auto- und Computerschrott ein. Während in Deutschland und Japan der Übergang vom industriellen zum Dienstleistungssektor vergleichsweise langsam und fließend geschah, koexistiert hier beides zur selben Zeit.

Keine Angst vor Futterneid

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Bibimbap mit Suppe, Kimchi (das Rote oben links) und eingelegtem Gemüse (daneben)

Aber ich bin abgekommen vom eigentlichen Thema. Zurück zum kulinarischen Erweckungserlebnis. Bevor ich nach Südkorea kam, wusste ich über die dortige Küche nur zwei Dinge, nämlich, dass sie sehr fleischlastig und scharf sein soll. Beides hat mich nicht sehr gereizt, umso größer war die Überraschung, als ich dann das erste Mal in einem Restaurant in Seoul speiste. Ich bestellte Bibimbap, ein Reisgericht mit Fleisch und verschiedenen Gemüsen, weil ich davon schon mal zuvor gehört habe. Zu meiner Verwunderung beherrschten die meisten Koreaner – zumindest die Koreaner, denen ich begegnet bin – noch schlechter Englisch als ihre japanischen Nachbarn. Ich ging bei der Bestellung also auf Nummer sicher, schließlich wollte ich keinen seltsamen Fisch oder Eingeweide auf meinem Teller sehen.

Vor dem Hauptgang bekommt man in den meisten Restaurants als Appetizer kleine Teller mit eingelegtem Gemüse und Kimchi (sehr scharfes, gegärtes Gemüse). Das Hauptgericht, Bibimbap, besteht aus Reis, Gemüse und Fleisch, und wird meist in einem Steintopf angerichtet. Die verschiedenen Zutaten vermischt man selbst.

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Grillplatte mit zahlreichen Köstlichkeiten

Positiv überrascht haben mich aber nicht nur der Geschmack, sondern auch Preis und die Größe. Essen ist wesentlich günstiger als in Japan und viele Gerichte sind oft doppelt so groß. Letzteres ist unter anderem dadurch bedingt, dass man in Südkorea oft mit drei oder mehr Leuten zusammen isst, also z.B. drei Gerichte bestellt und miteinander teilt. Die Portionen sind vielleicht so groß, damit kein Futterneid aufkommen kann. Zum Verhängnis wurde mir das allerdings, als ich alleine in Busan unterwegs war und kein Restaurant auffinden konnte, das Gerichte für Einzelpersonen anbot.

 

Völlerei unter freiem Himmel

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Die besagte Mandu-Suppe. Essstäbchen in Südkorea sind übrigends aus Metall und nicht aus Holz.

Neben den Restaurants gibt es in Südkorea eine ausgeprägte Streetfood-Kultur. Man kann sich zu jeder Tages- oder Nachtzeit an frittierten Köstlichkeiten erfreuen, was vor allem im eisigen Winter sehr angenehm ist. Während meines Aufenthalts in Seoul habe ich oft morgens den nächsten Markt besucht, wo ältere Damen täglich an zahllosen Ständen koreanische Hausmannskost  zubereiteten. Für weniger als fünf Euro bestellte ich eine Mandu-Suppe (Suppe mit gefüllten Teigtaschen), Gimbap (ähnelt Sushi) und eingelegtes Gemüse. Ich beobachtete die umliegenden Stände. An einigen wurden Schweineklauen angeboten, an anderen riesige Krabben. Natürlich habe ich nicht alles probieren wollen, was dort angeboten wurde. Auf einem Markt zog mir ein seltsamer Geruch in die Nase und ich war etwas erschrocken, neben Hotdogs einen Wok mit gegrillten Insekten zu entdecken. Auch den scheinbar schärferesisten Koreanern wollte ich nicht nacheifern und bat immer um die möglichst „milde“ Variante. Dennoch hat sich meine Begeisterung nicht erschöpft und ironischerweise in Südkorea verstand ich, warum Japaner immerzu vom Essen sprechen.

 

Zurückgekehrt in Trier sehe ich, wie die hundertzwanzigste Sushibar eröffnet wurde, und frage mich, wann in Deutschland endlich die Zeit für koreanische Restaurants kommt. Koreanische Popmusik und Fernsehdramen erfreuen sich schließlich auch langsam in Deutschland wachsender Popularität.