Die High­lights – Teil 3: Reisfelder

Tokio ist fas­zi­nie­rend, Tokio ist wahn­sin­nig. Eine klei­ne Aus­flucht führt mich aus der (Groß-)Großstadt in ein ande­res Japan, das lang­sam zu ver­schwin­den droht.

Ein Sonn­tag in Omotesando

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Die über­füll­te Stra­ße Omo­te­san­do an einem Sonntagnachmittag.

In der Nähe des Mei­ji-Schreins befin­det sich Omo­te­san­do, eine der modischs­ten und teu­ers­ten Stra­ßen Tokios. Hier haben unter ande­rem Lou­is Vuit­ton und Pra­da ihre Flagship­sto­res auf gestellt. Die Archi­tek­tur ist eben­so beein­dru­ckend wie die Mode derer, die hier ein- und aus­ge­hen. Da die Haupt­stra­ße sehr eng und oft über­füllt ist, flüch­te ich in die Neben­stra­ßen, wo die jun­ge Tokio­ter Schi­cke­ria in ange­sag­ten Cafés und Restau­rants den Abend ver­bringt. Eini­ge mei­ner japa­ni­schen Freun­de trau­en sich kaum dort­hin, die Hür­de sei zu groß, man füh­le sich nicht ange­mes­sen geklei­det und gestylt. Die­ses „Scham­pro­blem“ habe ich nicht als aus­län­di­scher Besu­cher, der sich arg­los und ohne Plan hier­hin ver­irrt hat, oder das zumin­dest vor­täu­schen könn­te. Ich wun­de­re mich den­noch, wie schnell und pro­blem­los das Groß­stadt­le­ben zur Nor­ma­li­tät für mich gewor­den ist. So habe ich hier die Fähig­keit, Dr. Martens(-Schuhe) und Lou­is Vuit­ton-Hand­ta­schen blitz­schnell von Imi­ta­ten zu unter­schei­den, fast unbe­wusst erlangt.

Was man in Tokio vermisst

Eines mei­ner ers­ten Beden­ken vor dem Aus­tau­sch­jahr war, ob ich wirk­lich ein Jahr in Tokio über­le­ben könn­te. Ich bin in einer klei­nen Gemein­de im Huns­rück auf­ge­wach­sen, umge­ben von Natur. Aus japa­ni­scher Sicht ist bereits Trier tiefs­te Pro­vinz. Tokio ist eine der bevöl­ke­rungreichs­ten bzw. über­be­völ­kerts­ten Städ­te der Welt, gleich­zei­tig zählt Tokio aber zu den sau­bers­ten und sichers­ten Städ­ten. Den­noch habe ich eini­ges zu ver­mis­sen gelernt, was in mei­ner Hei­mat selbst­ver­ständ­lich ist, hier aber kaum auf­zu­fin­den. Kurz: Platz, Natur und fri­sche Luft.

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Reis­fel­der

Als ich dann eini­ge Tage nach dem Spa­zier­gang durch Omo­te­san­do auf einen Aus­flug in die Natur ein­ge­la­den wur­de, woll­te ich, trotz anste­hen­der Prü­fun­gen und aus­ste­hen­der Haus­ar­bei­ten, nicht absa­gen. Zu groß war die Sehn­sucht aus dem Betondschun­gel zu ent­flie­hen. Ein­ge­la­den wur­de ich von einer Freun­din, die ich an der Sophia Uni­ver­si­tät ken­nen­ge­lernt habe, und die nach kur­zer Zeit ihre Begeis­te­rung für Öko­lo­gie erken­nen ließ. So wur­de ich auf­ge­klärt, dass in Japan wesent­lich mehr Zusatz­stof­fe benutzt wer­den als in den USA(!) (Und schon war mir die Freu­de an japa­ni­schem Essen ein Stück weit ver­gan­gen). Je mehr ich hör­te, des­to mehr fes­tig­te sich der Ein­druck, dass der Kapi­ta­lis­mus neo­li­be­ra­ler Aus­rich­tung, der die Natur weit hin­ter die Inter­es­sen des Mark­tes stellt, in Japan weit­ge­hend unkri­tisch betrach­tet wird. Wer ein ver­klär­tes Bild aus eso­te­ri­schem Bud­dhis­mus­kitsch und dem ori­en­ta­li­schen Kli­schee vom Ein­klang mit der Natur hat, ist spä­tes­tens nach dem Besuch in einem japa­ni­schen Petshop geheilt. Dort wer­den Hun­de und Kat­zen in win­zi­ge Glas­käs­ten gesperrt und aus­ge­stellt, als sei­en sie kei­ne Lebe­we­sen, son­dern Plüsch­pup­pen, die nur zur Belus­ti­gung vor­bei­kom­men­der Pas­san­ten exis­tie­ren. Scha­ren jun­ger Mäd­chen und Jun­gen schau­en dem Elend zu und bemer­ken nur, wie kawaii (nied­lich) sie die Tie­re finden.

Ein ande­res Japan

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Unse­re Gruppe

Tokio ist nicht Japan. Nach knapp zwei Stun­den mit Bahn und Bus und einem kur­zen Spa­zier­gang über einen klei­nen Land­weg sind wir bei den Reis­fel­dern ange­kom­men. Wir befin­den uns in der Nähe der Stadt Ise­ha­ra, die wie­der­um in der benach­bar­ten Prä­fek­tur Kana­ga­wa liegt. Es ist, als wäre ich in einem ande­ren Land, viel­leicht auch einer ande­ren Epo­che ange­kom­men. An mei­ner Sei­te ste­hen drei Japa­ner – eine ist die besag­te Freun­din von der Sophia-Uni­ver­si­tät – die alle­samt an Umwelt­schutz und Öko­lo­gie inter­es­siert sind. Ich bin etwas über­rascht, denn die meis­ten Japa­ner in mei­ner Alter, die ich ken­ne, sind vom Land in die Stadt geflo­hen und zei­gen wenig Inter­es­se, irgend­wann wie­der dort­hin zurückzukehren.

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Infor­ma­ti­ons­ta­fel über hier leben­de Insekten

Wir betre­ten das Gelän­de und wer­den von einer rüs­ti­gen alten Dame begrüßt. Sie ist Mit­glied der NPO (Non-Pro­fit-Orga­ni­sa­ti­on) Insti­tu­te for Forest Ise­ha­ra (伊勢原森林里山研究会) und sorgt mit vie­len ande­ren ehren­amt­li­chen Mit­glie­dern dafür, dass die Reis­fel­der erhal­ten blei­ben und wei­ter bewirt­schaf­tet wer­den kön­nen. Satoy­a­ma (里山) nennt man jene Gebie­te zwi­schen Flach­land und Ber­gen (Japan besteht zu 70% aus Gebir­ge), die oft als Reis­fel­der nutz­bar gemacht wer­den. Mit dem enor­men Wirt­schafts­wachs­tum der japa­ni­schen Nach­kriegs­zeit und der ein­her­ge­hen­den Land­flucht, die bis heu­te wei­ter­geht, ver­schwin­den sol­che Satoy­a­ma nach und nach aus dem japa­ni­schen Landschaftsbild.

Spaß ohne Konsum

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Cur­ry­reis mit Auberginen

Es wird nicht lan­ge gespro­chen. Wir legen unser Gepäck ab, zie­hen unse­re Schu­he und Socken aus und gehen bar­fuß ins Reis­feld hin­ein. Reis­fel­der in Japan sind trep­pen­ar­tig ange­ord­net und immer über­flu­tet. Es fühlt sich an, als stapf­te man im Wat­ten­meer her­um. Unse­re Auf­ga­be ist es, das Unkraut zwi­schen den in Rei­hen gepflanz­ten Reis her­aus­zu­zie­hen, denn auf den Reis­fel­dern der Orga­ni­sa­ti­on wer­den kei­ne Pes­ti­zi­de genutzt. Die rüs­ti­ge Dame, die uns begrüßt hat, weist mich auf Japa­nisch ein und ist sicht­lich über­rascht, dass ich jedes ihrer Kom­man­dos ent­spre­chend in die Tat umset­ze. Nach ein paar gejä­te­ten Rei­hen erwi­sche ich mich dabei, wie ich hei­ter vor mich hin grin­se. Ich sage der Frau, dass man in Tokio kaum Spaß haben kann, ohne Geld aus­zu­ge­ben. Die Frau stimmt mir fröh­lich zu.

Nach der Arbeit auf dem Feld essen wir alle zusam­men Cur­ry­reis, zube­rei­tet mit dem hier ange­bau­ten Reis. Die meis­ten am Tisch sind über vier­zig, eini­ge haben sogar ihre Kin­der mit­ge­bracht. Jetzt weiß ich, wie sich Groß­städ­ter füh­len müs­sen, die Sehn­sucht nach dem Land­le­ben haben. Das Gefühl, mit den Hän­den in Erde zu grei­fen und mit den Füßen im Matsch zu ste­hen, dürf­te den meis­ten Tokio­tern fremd sein. Auch mir ist es fremd geworden.

Erd­be­ben, Egel und eine Erkenntnis

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Wald­hang

Eini­ge Minu­ten ent­fernt in einem Wald­hang befin­det sich ein wei­te­res Gebiet der NPO. Mit Mühe erklim­men wir den obe­ren Teil des Hangs und schau­en in ein tro­pen­wald­ar­ti­ges Grün. Hier soll durch Auf­fors­tung ein Misch­wald ent­ste­hen. Die Frau von vor­hin erklärt, wie die Baum­spros­sen geschützt wer­den und wie wich­tig der Umwelt­schutz sei, ergänzt dann aber mit einem Grin­sen, dass sie einem Deut­schen dar­über nicht beleh­ren müs­se. Plötz­lich wackelt der Boden. Auf locke­rem Wald­bo­den ste­hend fühlt sich ein Erd­be­ben ganz anders an als in der Stadt. Kei­ner ist über­rascht oder panisch und ich beru­hi­ge mich schnell. Es ist nur ein schwa­ches Erd­wa­ckeln gewe­sen. Neben mir steht ein jun­ger Mann, der wohl fest für die Orga­ni­sa­ti­on arbei­tet, und besprüht sei­ne Gum­mi­stie­fel mit Insek­ten­spray. Trotz­dem kriecht ein Egel nach dem ande­ren sein Bein hin­auf, eini­ge bei­ßen sich in der Haut fest. Mit sei­nem Feu­er­zeug kann er sich schließ­lich die Egel los­wer­den. Für einen Moment füh­le ich mich an eine Sze­ne aus dem Roman Nobi (野火) erin­nert, der im phil­ip­pi­ni­schen Dschun­gel zur Zeit des Zwei­ten Welt­kriegs spielt. Natur ist halt nicht immer ange­nehm. Viel­leicht zie­hen sich die Japa­ner des­we­gen lie­ber in Shop­ping­malls mit Kli­ma­an­la­gen zurück. Zumin­dest ich blei­be von den Egeln ver­schont und freue mich, für einen Tag aus dem Betondschun­gel in den rich­ti­gen „Dschun­gel“ geflo­hen zu sein.

Wer Inter­es­se hat und in sei­nem Aus­lands­jahr eine ande­re Sei­te Japans ken­nen­ler­nen möch­te, kann auf fol­gen­dem Link mehr zur Ise­ha­ra-NPO herausfinden.

 

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