Peru- und Heimreise – Eine turbulente, phantastische Zeit

Zurück in Deutschland – 4 Monate zu früh. Anfänglich durch das Fiasko mit der Organisationsleitung in eine Art Schockzustand versetzt, hatte ich dann doch begonnen, die Vorzüge der selbstinduzierten Arbeitslosigkeit zu genießen: Reisen! Ein kleines Fazit über Selbstständigkeit und Freiheit.

Kuelap – eine Festung der Chachapoyas-Kultur Ende des ersten Jahrtausend. Uneinnehmbar mit bis zu 16 m hohen Mauern. Die Inka habens dann leider trotzdem geschafft…

Kuelap – eine Festung der Chachapoyas-Kultur Ende des ersten Jahrtausend. Uneinnehmbar mit bis zu 16 m hohen Mauern. Die Inka habens dann leider trotzdem geschafft…

Nach einem Monat absoluter Freiheit bin ich jetzt wieder in Trier – und bereue nichts, auch nicht die Entscheidung abzubrechen. Ich könnte jetzt im Orchester sitzen, einem riesigen Sinfonieorchester bestehend aus drei peruanischen Jugendorchestern und dem LJO Sachsen, und unheimlich stolz auf meine Schüler sein. In Chimbote, Brahms Haydn-Variationen und Carmen spielen, Openair-Konzert in der Sonne, 24 Grad.

…Stattdessen bin ich wieder in Trier. Und das ist auch gut so!

Nachdem ich so plötzlich und unerwartet aus der WG der Freiwilligen ausgezogen bin, durfte ich zunächst bei einem Freund der Freiwilligen und kurz darauf bei meiner Gastfamilie in Chimbote wohnen – mich in Ruhe von dem Schock erholen. Auch die neuen Freiwilligen, die ich zu diesem Zeitpunkt fast gar nicht kannte, haben mich von Anfang an verstanden und unterstützt. Nach allen Demütigungen durch die Leitung Arpegios war und bin ich umso dankbarer um das Verständnis, das mir von vielen Seite entgegengebracht wurde.

Die postitive Seite des Abbruchs

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Wanderung in der Sierra Perus – das kleine Städtchen Huamachuco.

Die positive Seite des Abbruchs lernte ich dann auch sehr schnell kennen: Reisen! Man kann als Frau in Peru alleine reisen – besonders ratsam ist es allerdings nicht. Deshalb war ich immer darauf angewiesen, dass Freunde aus Trujillo Zeit hatten, um mich auf meinen Reisen zu begleiten. So sind drei relativ kurze aber wunderschöne Touren entstanden. Alle im Norden Perus, der weitaus weniger touristisch und somit unverfälschter ist, als der überlaufene Süden.

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Marcahuamachuco – eine Festung aus dem Jahr 700 n.Chr. – die sich 7 km über den Berg zieht.

huamachuco-4So habe ich die Orte Huamachuco, Cajamarca, Chiclayo und Chachapoyas kennengelernt. Dort findet man überall historische Relikte aus der Prä-Inkazeit. Städteüberbleibsel, riesige Festungsmauern, Gräber mit riesigen Schätzen als Grabbeigabe – und das alles aus über 1500 Jahre alten Kulturen. Ich hoffe, die beigefügten Bilder sprechen für sich.

Angestarrt wie im Zoo

Kommt man aus der Großstadt raus, muss man sich daran gewöhnen angestarrt zu werden wie im Zoo. Interessanterweise ist das sehr ortsbedingt: in Chiclayo (einer relativ großen Küstenstadt) konnten wir uns kaum aus dem Hotel bewegen, ohne dass nicht alle 50 Meter jemand „Gringa!“ (=Weiße) ruft. Ein Mädchen in Huamachuco ist mit offenem Mund und mit angehaltenem Atem vor mir stehen geblieben. Ein Taxifahrer fragte mich völlig entgeistert, ob meine blonden Haare denn echt seien und ob er sie mal anfassen dürfe. Sind wir denn im Streichelzoo?! Er durfte nicht.

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Laguna de Sausacocha bei Huamachuco

Huamachuco

Huamachuco

Überhaupt muss man sagen, dass vor allem die peruanischen Männer in der Regel jegliche Scham und Schüchternheit vermissen lassen. Das man in den ersten Sätzen gefragt wird, ob man denn soltera (=vergeben) oder casada (=verheiratet) sei, ist völlig normal. Auch Komplimente werden großzügig und zu jeder Zeit verteilt. Was sich wiederum auf das Selbstbewusstsein der meisten Peruanerinnen auswirkt…

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Huama

Vor Abschluss meiner Zeit in Peru hatte ich außerdem die Möglichkeit, meine angeheiratete Verwandtschaft in Lima-Chaclacayo zu besuchen. Obwohl ich „Mama Clara“, wie sie von allen liebevoll genannt wird, das letzte (und einzige mal) vor 15 Jahren gesehen habe, hat mich die ganze Familie wie selbstverständlich aufgenommen.

 

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Plaza de Armas in Cajamarca – wunderschön mit Häusern und Bauwerken aus der Kolonialzeit

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Ventanillas (= Fenster) de Otuzco – Grabkammern, in den Felsengehauen – lange vor den Inkas

Zurück in Deutschland

Voll von diesen wundervollen Eindrücken bin ich dann am 03. Oktober in Lima wieder ins Flugzeug gestiegen. Wegen Überbuchung und Umleitung nur 3 (statt ursprünglich angekündigten 30) Stunden verspätet. Glücklich wurde ich am nächsten Tag von meinem Bruder Simon in Frankfurt abgeholt. Zurück in Deutschland, habe ich mich noch am Flughafen über vieles gewundert: Wer braucht an einem Handwaschbecken warmes Wasser? Warum halten alle die Verkehrsregeln ein? Keiner hupt?!

Heute – einige Tage später – wunder ich mich über gar nichts mehr, man gewöhnt sich unheimlich schnell wieder an den Alltag. Nur manchmal muss ich noch innerlich lachen, manchmal weinen, wenn ich Vollkornbrot esse, Avocados im Supermarkt sehe, Waschmaschinen und Spülmaschinen betätige. Ich werde versuchen, einige Dinge wieder mehr zu schätzen, weil das einfach glücklicher macht. Warme Duschen sind was tolles!

Ich bin wieder in Trier, habe viel Zeit und Abstand zu Arpegio gewonnen und kann im Nachhinein sagen, dass ich mit jeder Entscheidung – inklusive der Entscheidung abzubrechen – zufrieden bin. Klar, ich hab mir ein halbes Jahr mit vielen weiteren Eindrücken verbaut, aber ich habe unheimlich viel gelernt: Unterrichten, Spanisch, selbstständig zu sein und mir nicht alles gefallen zu lassen, auch mal nein zu sagen.. die Kultur, wundervolle Menschen.

Ein kleines Fazit zu Arpegio

Die Idee ist unheimlich toll. Viele Kinder bekommen Möglichkeiten eröffnet, die ihnen sonst ihr Leben lang verwehrt geblieben wären. Musik ist teilweise der wichtigste Bestandteil des Lebens einiger Kinder. Theoretisch würde ich jedem empfehlen, sich dort zu engagieren und zu spenden. Praktisch scheitert die phantastische Idee allerdings an der Umsetzung. In der Leitung läuft einiges schief, und ehrlich gesagt ist die schlechte Behandlung der Freiwilligen nur die Spitze des Eisberges. Aber vielleicht hat mein Weggang einiges wachgerüttelt. Es wäre zumindest zu hoffen.

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Susi (r.) und ich im Cañon del Sonche bei Chachapoyas

Ich rate jedem, der die selbe Chance hat, diese zu nutzen und Erfahrungen im Ausland zu sammeln. Und wer nicht zufällig Geige unterrichten kann, findet sicher andere Projekte, wo seine Fähigkeiten und sein Zupacken gefragt sind. Und sei es nur für ein paar Monate! Aber lasst euch anständig behandeln =)

So geht es weiter

Für mich geht es ab dem 14. November erst einmal nach Heidelberg – 5 Monate Praktikum am DZM (Deutsches Zentrum für Musiktherapieforschung)!
Vorher spiele ich – und einige weitere tolle Musiker – noch beim Projekt „Odyssee.16“ mit, 27.-30. Oktober und 03.-05 November im Palastgarten (Achtung, Schleichwerbung!).

Wir sehen uns dort!

Vielen Dank allen Leser für das große Interesse an meinem Abenteuer!

 

Ganz liebe Grüße

Eure Elisa

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