Die High­lights – Teil 4: Die Japanreise

Im März bekam ich Besuch aus der Hei­mat und bereis­te eine Woche lang Hons­hū, die Haupt­in­sel Japans, von Tokio aus über die japa­ni­schen Alpen nach Osa­ka. Mit dem fol­gen­den Rei­se­be­richt endet mein Aus­lands­blog. Ich dan­ke herz­lich allen, die bis hier­her mit­ge­le­sen haben.

hotel-in-tokio

Aus­sicht vom Hotelzimmer

Semes­ter­fe­ri­en an der Sophia Uni­ver­si­tät sind – wie könn­te man es nur ver­mu­ten –genau das: Feri­en. Alle Haus­ar­bei­ten müs­sen zum Ende der Vor­le­sungs­zeit ein­ge­reicht sein, wodurch die Prü­fungs­pha­se stres­sig aus­fal­len kann, aber dafür fol­gen dar­auf im bes­ten Fall fast zwei Mona­te Frei­zeit. Der März bie­tet sich beson­ders für Rei­sen auf der Haupt­in­sel an, da gegen Mitte/Ende des Monats die im gan­zen Land gefei­er­te Kirsch­blü­ten­zeit beginnt. Mir fehlt jene Back­pa­cker­men­ta­li­tät, mit der vie­le jun­ge Men­schen arg­los die Welt durch­que­ren. So kam es mir gele­gen, dass mein Vater und eini­ge Ver­wand­te die Gele­gen­heit nutz­ten, um mich in Japan besu­chen zu kom­men. Sie buch­ten im Vor­hin­ein eine durch­or­ga­ni­sier­te Rei­se für Japan­an­fän­ger. Etwas zöger­lich warf ich mei­nen „Japa­no­lo­gen­stolz“ über Bord und schloss mich mit mei­ner Fami­lie einer deut­schen Rei­se­grup­pe an. Zu mei­ner Ver­tei­di­gung kann ich zumin­dest vor­wei­sen, dass die Orga­ni­sa­ti­on von Hotels ohne Grup­pe wesent­lich teu­rer aus­ge­fal­len wäre. Der Luxus eines (für japa­ni­sche Ver­hält­nis­se) geräu­mi­gen Hotel­zim­mers schien auf mich einen grö­ße­ren Ein­druck zu machen als auf die ande­ren Mit­glie­der. Durch das beeng­te Leben in Tokio begeg­ne ich geräu­mi­gen Zim­mern und wei­ten Flä­chen stets mit einer Mischung aus Dank­bar­keit und schlech­tem Gewissen.

Stil­le Megacity

tokioter-haeusermeer

Häu­ser­meer in Tokio

Die Mit­rei­sen­den konn­te ich grob in zwei Grup­pen unter­tei­len: die unter 40-Jäh­ri­gen, die aus Inter­es­se an Man­ga und Ani­me die Rei­se ange­tre­ten sind, und die Ü40-Frak­ti­on, die, ein­mal in ihrem Leben eine Gei­sha zu Gesicht bekom­men woll­te. Ers­te­re nutz­ten den Tag in Tokio, der zur frei­en Ver­fü­gung stand, um das Haupt­rei­se­ziel für Pop­kul­tu­r­en­thu­si­as­ten, Aki­ha­ba­ra zu besu­chen. Auch ich führ­te mei­ne Ver­wand­ten über den Sumi­da-Fluss durch Asa­kus­a­ba­shi, das für sei­ne tra­di­tio­nel­len Pup­pen bekannt ist, zum ehe­ma­li­gen Elek­tro­vier­tel, wel­ches nun vor allem durch Ani­me-Wer­be­ta­feln und Maid­ca­fés auf­fällt. Tokio sei erstaun­lich sau­ber und ruhig, sag­ten sie mir und ich war ein wenig ver­dutzt, denn ich woll­te ihnen ins­ge­heim das hek­ti­sche und über­füll­te Tokio aus mei­nem All­tag zei­gen. Tat­säch­lich bekommt man in Tokio selbst an Wochen­ta­gen kaum etwas von Auto­lärm oder Staus mit. Ich hät­te sie doch bes­ser nach Shi­bu­ya oder direkt zum Bahn­hof Shin­juku füh­ren sollen.

 

Ein nebel­frei­er Fuji

fuji

kamakura

Die begeh­ba­re Bud­dha­sta­tue in Kamakura

Am nächs­ten Tag fuh­ren wir nach Kama­ku­ra an der Küs­te süd­lich von Tokio. Wir began­nen mit dem obli­ga­to­ri­schen Besuch der Bud­dha­sta­tue, die mehr oder min­der das Wahr­zei­chen des Ortes ist. Rie­si­ge Bud­dha­sta­tu­en sind kei­ne Sel­ten­heit in japa­ni­schen Tem­peln. Die größ­te Sta­tue Japans befin­det sich übri­gens im Tōdai-ji in Nara, den wir eben­falls gegen Ende der Rei­se besuch­ten. Jene Sta­tue in Kama­ku­ra ist aller­dings die ein­zi­ge, die unter frei­em Him­mel steht. An die­sem Tag war es etwas reg­ne­risch, des­halb pau­sier­ten wir dar­auf in einem Café. Ein älte­rer Herr bemerk­te uns und sprach uns auf Eng­lisch an. Als ich zu erken­nen gab, dass ich Japa­nisch spre­che, erzähl­te er über sei­nen Ver­wand­ten, der wohl ein ganz schlau­er Pro­fes­sor sei und danach irgend­was vom Krieg.

Die Nacht ver­brach­ten wir in einem Hotel in der Nähe des Kawa­gu­chi-Sees, von dem aus man den Fuji betrach­ten kann, sofern die­ser nicht vom Nebel ver­han­gen ist. Wer Doris Dör­ries Film „Kirsch­blü­ten Hana­mi“ gese­hen hat, weiß, wie viel Glück es dazu braucht. Und tat­säch­lich, am nächs­ten Mor­gen konn­ten wir einen nebel­lo­sen Fuji sehen. Wir fuh­ren zum See, um Post­kar­ten­mo­ti­ve zu schie­ßen und wur­den dort bei die­sem Unter­fan­gen von plau­dern­den chi­ne­si­schen Tou­ris­ten begleitet.

Baden­de Schnee­af­fen und Bilderbuchonsen

Wir reis­ten wei­ter über Naga­no, wo 1998 die Win­ter­olym­pia­de statt­fand, ins Höl­len­tal (Jigo­ku­da­ni), wo jene Schnee­af­fen leben, die in der Doku „Wil­des Japan“ gefühlt jeden zwei­ten Monat auf einem Drit­ten Pro­gramm zu sehen sind. Die japa­ni­schen Maka­ken machen sich die vul­ka­ni­schen Quel­len des Gebir­ges zunut­ze, um im har­schen Kli­ma zu über­le­ben und auch um zu ent­span­nen. Man dür­fe ihnen nicht in die Augen schau­en, heißt es, sonst wer­den sie aggres­siv. Dann bleibt lie­ber im Wasser.

kaiseki

Ers­ter Gang eines Kaisekis

Die Onsen genann­ten vul­ka­ni­schen Quel­len gehö­ren eben­so wie die Kirsch­blü­te zum kul­tu­rel­len Schatz des Lan­des. Nach dem Besuch einer hei­ßen Quel­le in Taka­y­a­ma unter frei­em Nacht­him­mel konn­ten wir die Wert­schät­zung der Japa­ner gegen­über ihren Onsen bes­ser verstehen.

Das im Hotel fol­gen­de Kai­se­ki (ein Menü aus ver­schie­de­nen japa­ni­schen Köst­lich­kei­ten, dar­un­ter Sashi­mi und Sukiya­ki) wur­de mit mehr Skep­sis auf­ge­nom­men. Roher Fisch blieb für vie­le in der Grup­pe eine Hür­de beim Genuss japa­ni­scher Küche. Im Gegen­satz zum luxu­riö­sen Kai­se­ki im Onsen­re­sort wur­de die Fast­food-Ket­te Yoshi­noya, die wir am ers­ten Abend in Tokio besuch­ten, von den Deut­schen Tou­ris­ten ohne Ess­kul­tur­schocks ange­nom­men, was unter japa­ni­schen Freun­den immer für Lacher sorgt.

Tun­nel­land

raststaette-in-den-bergen

Rast­stät­te in den japa­ni­schen Alpen

Auf dem Weg nach Kana­za­wa im Nor­den der Haupt­in­sel ver­lie­ßen wir die japa­ni­schen Alpen. Die Gebir­ge des Archi­pels machen etwas mehr als 70% der Land­mas­se aus. Das merkt man erst wirk­lich, wenn man Tokio ver­lässt. Auf einen Tun­nel folg­te der nächs­te. Just, da sich im Bus das WLAN auf­bau­te, war es schon wie­der weg.

garten

Tee­haus auf einem künst­li­chen See in Kanazawa

In Kana­za­wa ange­kom­men mach­ten wir uns sofort auf in den berühm­ten Ken­ro­ku-Gar­ten . Auf einem Moos­feld pick­ten eine älte­re Dame und ein Herr sorg­fäl­tig das dun­kel­grü­ne Moos aus dem hell­grü­nen her­aus, damit die Flä­che gleich­mä­ßig hell­grün ´aus­sieht, wie ein Tep­pich. Ich ahn­te, wie vie­le Wochen, wenn nicht Mona­te, sie die­ser Arbeit gewid­met haben müs­sen und ver­spür­te eine gewis­se Ehr­furcht vor der Geduld, mit der die­se Gar­ten­an­la­ge gepflegt wird.

Die Erschaf­fung Japans

amanohashidate

Amano­ha­sh­i­da­te – eine der drei schöns­ten Land­schaf­ten Japans

Nörd­lich von Kyō­to befin­det sich die Amano­ha­sh­i­da­te, eine Sand­bank, die sich durch die Miya­zu-Bucht erstreckt. Von Kana­za­wa aus war die „Him­mels­brü­cke“ unser letz­tes Rei­se­ziel vor der Kan­sai-Regi­on (Osa­ka, Kyō­to, Kobe). Hier schu­fen der japa­ni­schen Mytho­lo­gie zufol­ge die bei­den Göt­ter Izana­mi und Izanagi die ers­te japa­ni­sche Insel. Die Aus­sicht über die­se Sand­bank, die einst Him­mel und Erde ver­bun­den haben soll, zählt his­to­risch zu den drei schöns­ten Land­schaf­ten in ganz Japan. Tou­ris­tisch ist das Gebiet erschlos­sen – auf dem Berg am ande­ren Ende steht ein Rie­sen­rad – jedoch gibt es wesent­lich mehr japa­ni­sche als aus­län­di­sche Besu­cher. Umso mehr wun­der­te es mich, dass ich dort die schlech­tes­ten Yak­i­so­ba (Brat­nu­deln) mei­nes Lebens geges­sen habe.

 

Das Ende der Reise

dotonburi

Der Fluss Dōton­bu­ri in Nan­ba, dem süd­li­chen Zen­trum Osakas

Die­ser Ein­trag ist nun län­ger gewor­den als geplant. Für Aus­führ­li­che­res wei­se ich auf mei­nen Pod­cast „Resü­mee aus Tōkyō“ hin, den ich par­al­lel zu die­sem Blog in Japan auf­ge­nom­men habe. Ich möch­te den Rei­se­be­richt enden las­sen mit einer Sze­ne aus einem Kushi­katsu-Restau­rant im Süden Osakas, am Fluss Dōton­bu­ri. Kushi­katsu sind Spie­ße mit panier­tem Fleisch und Gemü­se, zu denen ger­ne Alko­hol getrun­ken wird. Ein Mann kommt von der The­ke zu uns und spricht uns auf Eng­lisch an. Er sagt, er habe län­ge­re Zeit in Shang­hai gear­bei­tet. Nach kur­zem Small­talk gibt er eine Run­de Bier aus und kehrt zurück an die The­ke. Das klingt viel­leicht nicht all­zu außer­ge­wöhn­lich, aber es blieb mei­ner Fami­lie in Erin­ne­rung als die lockers­te und lus­tigs­te Begeg­nung mit einem Ein­hei­mi­schen wäh­rend ihrer Zeit in Japan.      

Eini­ge Tage spä­ter ver­ab­schie­de­te ich mich am Flug­ha­fen von allen. Ich kehr­te nach Tokio zurück mit der Gewiss­heit, dass die Rei­sen­den, wenn sie ihren Freun­den und Ver­wand­ten zu Hau­se von Japan erzäh­len, nicht über das schier end­lo­se Häu­ser­meer Tokios berich­ten oder den nebel­frei­en Fuji, und auch nicht über die sagen­um­wo­be­ne Him­mels­brü­cke im Nor­den Kyo­tos. Nein, sie wer­den ganz sicher über die über­all kos­ten­los nutz­ba­ren, blitz­blan­ken High­tech-Toi­let­ten jenes fer­nen Lan­des berichten.

kushikatsu

Mit mei­ner Fami­lie im Kushikatsu-Restaurant

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.