Die komi­schen Deut­schen (1)

Es ist mal wie­der Aus­nah­me­zu­stand. Das Bezahl­sys­tem in der Men­sa funk­tio­niert nicht. Alle geben an der Kas­se ihre Stu­di­en­aus­wei­se ab. Dar­auf klebt das Mens­aper­so­nal Kle­be­zet­tel­chen mit den Beträ­gen, die abge­bucht wer­den sol­len. Das schreit ja gera­de­zu nach Cha­os. Und so kommt es dann auch. Als der Groß­teil der Stu­den­ten­schaft sein Mit­tag­essen been­det hat, wer­den Kis­ten vol­ler Stu­den­ten­aus­wei­se auf Tische gestellt. Ver­schie­de­ne Köche und Ser­vice­kräf­te fan­gen an, dar­in rum­zu­wüh­len und Namen völ­lig unver­ständ­lich, durch­ein­an­der und natür­lich in fran­zö­si­scher Inter­pre­ta­ti­on zu rufen. Wir ste­hen ungläu­big an der Sei­te und beob­ach­ten das Schau­spiel. Es erin­nert mich ein wenig an den Dja­mal Fna in Mar­ra­kesh. Nur ohne gefärb­te Küken und frei ver­käuf­li­che, anpas­sungs­freie Zahn­pro­the­sen und dass die­ser natür­lich nicht so über­be­völ­kert ist, wie das Uni­re­stau­rant gera­de. Die meis­ten Stu­den­ten sind von dem Schau­spiel schein­bar völ­lig unbe­ein­druckt und schrei­en zur Moti­va­ti­on noch ihre eige­nen Namen dazwi­schen. Leuch­tet ein – Falls jemand gera­de reeiii­in zufäl­lig DIE­SEN Stu­den­ten­aus­weis sieht. An der Sei­te sehe ich generv­te Gesich­ter, die zum Geräusch­pe­gel erstaun­lich wenig bei­tra­gen. “Die­se Uni.…echt! Was ist DAS denn für ein Witz?!” höre ich. Klar – es sind kei­ne Fran­zo­sen. ‘Witz’ ist aber eigent­lich der rich­ti­ge Ansatz. Mit Humor soll­ten wir es neh­men. Dann dau­ert es eben ein biss­chen län­ger. Ändern kön­nen wir nichts. Und 20 Minu­ten der anste­hen­den gelieb­ten Vor­le­sung zu ver­pas­sen, ist für die Meis­ten unter ande­ren Umstän­den schließ­lich auch kein Pro­blem. Sol­che Ereig­nis­se kön­nen als Aus­län­der schon furcht­bar frus­trie­rend sein, wenn man erwar­tet, Ver­hält­nis­se wie zu Hau­se vor­zu­fin­den. Aber wer kommt denn hier­her um Schwarz­brot, Leber­kä­se und Bre­zeln zu essen? Wir wol­len doch alle eine ande­re Kul­tur ken­nen­ler­nen und des­halb sind wir hier.

Spä­ter am Tag fra­ge ich mich des­halb, wie es wohl Austauschstudent(inn)en in Deutsch­land erge­hen mag. Fast über­fah­ren zu wer­den, nur weil man wie gewohnt unge­ach­tet der Licht­an­zei­ge über die Stra­ße geht. Autos hupen nur weil sie mal ein biss­chen brem­sen müs­sen, dabei haben sie mich doch gese­hen. 3 Tage vor dem Tref­fen fra­gen die deut­schen Stu­di­en­kom­mi­li­to­nen schon nach dem Zeit­punkt. Woher soll man das wis­sen? Es ist doch erst in 3 Tagen. Viel­leicht sagt man jetzt 15 Uhr und ändert bis mor­gen wie­der alles. Der rest­li­che Tag steht schließ­lich noch nicht fest. Außer­dem mögen einen die Deut­schen als Aus­län­der wohl erst­mal nicht. Es gibt einen Hän­de­druck oder ein “Hi”. Geht es noch unfreund­li­cher? Eine hal­be Stun­de Mit­tags­pau­se. Wie soll ich mich da ent­span­nen und mein Essen genie­ßen? Schließ­lich emp­fin­det jeder das als nor­mal, was er gewöhnt ist.

Mich hat also inter­es­siert, wie denn ein Aus­lands­stu­di­um in Deutsch­land für einen Fran­zo­sen ist. In den nächs­ten Bei­trä­gen erfahrt Ihr, was Antoi­ne (Eras­mus in Kiel) und Lola (Eras­mus in Leip­zig) in ihrem Aus­lands­stu­di­um über “die Deut­schen” gelernt haben, was sie zum Schmun­zeln, Kopf­schüt­teln und viel­leicht auch Ver­zwei­feln gebracht hat.

Ken­nen­ge­lernt habe ich sie bei­de abso­lut zufäl­lig. Lola ret­te­te mich am ers­ten Tag nach mei­nem Wech­sel von der Lyon 3 an die Lyon 2. Ich saß in die­sem rie­si­gen Audi­to­ri­um mit genau­so rie­sig auf­ge­ris­se­nen Augen und ver­such­te ver­zwei­felt zu ana­ly­sie­ren, wo ich mich hier am bes­ten hin­set­zen soll­te. Schließ­lich ent­schloss ich mich für einen Platz im Mit­tel­block ganz rechts im ers­ten Drit­tel hin­ten. Weit genug vorn, um den Pro­fes­sor auch zu ver­ste­hen, falls das Mikro aus­fällt, weit genug hin­ten, um nicht im direk­ten Augen­kon­takt zu ste­hen, damit nicht zu sehr auf­fällt, dass ich noch nicht so viel ver­ste­he und vor Allem: direkt am Gang falls sich her­aus­stel­len soll­te, dass ich in der fal­schen Vor­le­sung sit­ze, weil ich doch im fal­schen Raum gelan­det bin. Zag­haft raun­te ich dem Mäd­chen links neben mir zu, dass ich den Kurs “Sozi­al­psy­cho­lo­gie” suche und ob ich hier rich­tig sei. “Tu es d’où?” Wow. Ich hat­te mich in mei­nem ers­ten Satz als Aus­län­der geou­tet. “Alle­ma­gne.” Da strahl­te mich das klei­ne kun­ter­bunt geklei­de­te Mäd­chen neben mir ver­gnügt an und quietsch­te “Nein! Voll geil! Ich lie­be Deutsch­land!”. Das nen­ne ich mal einen Eis­bre­cher. Sie war für ein Aus­lands­stu­di­um in Leip­zig gewesen.

Mit Antoi­ne war es sogar noch lus­ti­ger. Am ers­ten Tag an der Lyon 3, den die flei­ßi­gen Leser unter euch nahe­zu live mit­er­le­ben durf­ten, an wel­chem ich mit völ­lig abge­nerv­tem Gesichts­aus­druck kurz vor der Kapi­tu­la­ti­on zur Kurs­wahl stand, sprach mich (trotz mei­nes fie­sen Bli­ckes) plötz­lich ein Fran­zo­se im Gang an, ob er mir hel­fen kön­ne. Mein böser Blick war glück­li­cher­wei­se nicht abschre­ckend genug gewe­sen. Nach­dem ich dann mit Hän­den und Füßen und Mühe und Not mein Pro­blem auf fran­zö­sisch zusam­men­ge­stam­melt hat­te, infor­mier­te er mich, dass er auch deutsch spre­che und ich mich doch bei Fra­gen immer gern an ihn wen­den kön­ne. Obli­ga­to­ri­scher Han­dy­tausch um sich bei face­book zu ver­net­zen. “Du bist schon mein Freund…” ver­dutz­te Bli­cke, Unver­ständ­nis, Ver­wir­rung. “Warst DU die, die mit mir in eine WG zie­hen woll­te?” Wie klein kann die Welt sein? Mein zwei­ter Tag in Frank­reich, mein ers­ter Tag in der Uni und der ers­te, der mich zufäl­lig anspricht, ist nun aus­ge­rech­net der ein­zi­ge, mit dem ich mal wegen einer WG geschrie­ben hatte.

Die bei­den Deutsch­land­ex­per­ten haben mir also gehol­fen uns Deut­sche mal aus der Sicht eines Fran­zo­sen zu sehen. Was dabei Lus­ti­ges und Über­ra­schen­des ans Tages­licht kam, erfahrt ihr in den nächs­ten bei­den Posts. Also schaut unbe­dingt wie­der rein!

XO eure Anna

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