Mein erstes Thanksgiving

Im deutschen Fernsehen beobachtet man ja immer kopfschüttelnd, wie Obama einen Truthahn begnadigt und sich US-Amerikaner in Shopping Malls am Black Friday die Köpfe einschlagen. Dieses Mal durfte ich das Fest der „Dankbarkeit“ selbst hautnah miterleben.

Neben Allisons Festmahl brachte ein Student scharfes chinesisches Essen (links im Bild) mit – da hab ich mich dann aber doch nicht herangetraut.

Thanksgiving spielt für US-Amerikaner eine große Rolle. Es nimmt in etwa den gleichen Stellenwert wie Weihnachten ein. Das deutsche Pendant – Erntedankfest – habe ich noch nie ausgiebig gefeiert. Im Gegensatz dazu hängt hier schon Wochen im Voraus Thanksgiving-Dekoration im Supermarkt und jeder Studierende fiebert dem Thanksgiving Break, an dem die meisten ihre Familie besuchen, entgegen.

Ich habe auch Thanksgiving mit meiner Familie, besser gesagt meiner Global Family, verbracht. An der Hamline University können Austauschstudierende an einem Programm teilnehmen, bei dem sie mit einer Gastfamilie in Kontakt gebracht werden. An dem Programm nehmen Mitarbeiter der Hamline University teil und unternehmen regelmäßig etwas mit den Internationals. Besonders gut finde ich, dass bei der Vermittlung sogar auf gemeinsame Interessen geachtet wird. So lernte ich meine Global Family, die Kunstdozentin Allison, kennen.

Das viele Essen hat nicht einmal auf den Tisch gepasst – bezeichnend für die Mengen, die es an Thanksgiving zu verspeisen gilt!

Allison ist eine fantastische Person mit einem riesigen Herz: Regelmäßig lädt sie Studierende zu sich zum gemeinsamen Abendessen ein und hat immer ein offenes Ohr. Auch an Thanksgiving war ihr Zuhause wieder proppenvoll. Ich habe sogar noch eine zweite Trierin mitgebrachte, Psychologiestudentin Lisa. „Thanksgiving is a success when you have more chosen family than you do seats at your table“, („Thanksgiving ist ein Erfolg, wenn du mehr Wahlfamilie als Sitze am Tisch hast“) war Allisons Schlussfolgerung zu den vielen Gästen.

Das muss ich den US-Amerikanern lassen: Das Essen zu Thanksgiving ist fantastisch! Es hat eine gewisse Ähnlichkeit zu deutscher Hausmannskost. Da Allison eine großartige Köchin ist, waren Truthahn, Kartoffelpüree, Stuffing (laut meiner Mitbewohnerin eine Art „saftige Croutons“ – schwer zu beschreiben), Salat und Bratensoße ein Traum. Definitiv ein willkommener Kontrast zum einheitlichen Mensaessen! Das Ganze wurde in gemütlicher Runde an einem etwas zu kleinen Tisch mit reichlich Wein verspeist. Zum Nachtisch gab es dann die nächste US-amerikanische Delikatesse: Pumpkin Pie – also Kürbiskuchen. In den USA bedeutet zwar „Pumpkin“ ganz oft einfach nur „schmeckt wie Lebkuchen und Spekulatius“ und nicht unbedingt dass etwas Kürbis enthält, beim Pumpkin Pie ist aber tatsächlich beides wahr.

Der Nachtisch sah mindestens genau so gut aus wie er schmeckte!

Neben viel zu vielem Essen ist es Tradition, an Thanksgiving an die Dinge zu denken, für die man dankbar ist. Dennoch erinnern viele US-Amerikaner daran, dass dem Feiertag Genozid und Unterwerfung der amerikanischen Ureinwohner vorausging. So wurde am Thanksgivingtisch auch über Standing Rock gesprochen: Der Standing Rock Sioux Stamm kämpft seit 2014 gegen die Dakota Access Pipeline, die massive Umweltverschmutzung und Verletzung kultureller Schätze nach sich ziehen würde. Ein Thema, dem viele US-Amerikaner sehr kritisch gegenüberstehen, da die Regierung in diesem Fall das Interesse von Unternehmen über das der Ureinwohner stellt und deutlich wurde, dass die Gewaltbereitschaft gegenüber den Protestierenden groß ist. Ausführlichere Informationen zu dem Thema hier!

Zum Black Friday Shopping bin ich am nächsten Morgen nicht angetreten. Die nächsten Tage wurden dann zum Faulenzen, Serien schauen und Reste essen genutzt. Und davon gab es reichlich, denn ein Besuch bei Allison bedeutet meistens auch Tupperdosen voller Proviant. Dieses ruhige Wochenende war eine willkommene Abwechslung. Und dafür war ich ziemlich dankbar – das Unileben in den USA ist sonst ziemlich hektisch und das Ende des Semesters naht mit großen Schritten.

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