Kein Feuerwerk?! – Neujahr in Japan

In Japan braucht man keine Raketen und Böller, weder knallende Sektkorken noch Bleigießen, um gut in das neue Jahr zu rutschen. Trotzdem war dieses Silvester wohl eines der eindrucksvollsten, das ich je hatte. Voll von Symbolik, Glücksbringern und Traditionen war es etwas ganz Besonderes.

Zum Jahreswechsel sollen die Götter gebührend empfangen werden. Bereits Tage bevor das neue Jahr beginnt, werden Vorbereitungen getroffen. Das Haus wird geputzt, Essen vorbereitet und einiges mehr. Die Zeit, in der das neue Jahr gefeiert wird, beginnt, nach meinem Empfinden, am 31.12 und endet am 03.01. Da mich mein Vater über Neujahr besucht hat, widme ich mich hier dem, was wir an Silvester und an Neujahr erlebt haben.

Nunobiki Herb Gardens

Der Silvester-Tag

Morgens nahmen wir die Seilbahn und streiften durch die Nunobiki Herb Gardens. Sie liegen an einem Hang nahe Kobe. Die Nunobiki Herb Gardens sind ein kleines Duftmuseum und ein Treibhaus mit tropischen Temperaturen, inklusive eines tollen Ausblicks über die Stadt. Das war ein gebührender Anfang für den Silvester-Tag. Das Wetter spielte gut mit, kein Wölkchen am Himmel – ein 31. Dezember wie aus dem Bilderbuch. Nach den Nunobiki Herb Gardens schlenderten wir durch den ehemaligen Siedler-Stadtteil. Dort stehen in den jeweiligen Landesstilen Häuser der ersten, ausländischen Einwohner Kobes. In der ehemaligen, panamaischen Botschaft befindet sich das Museum für Trickkunst. Hier kann man Steaks hochheben, Figuren aus Bildern ziehen oder nach seinem Spiegelbild suchen. Ein reichhaltiges Abendessen hatten wir bei Coco Curry. Danach setzten wir uns im Hotel vor den Fernseher. An sich klingt das nicht gerade nach einer tollen Abendbeschäftigung, oder? Aber ich habe mir sagen lassen, dass das viele Japaner am Silvesterabend so machen. Sie sehen sich den Gesangswettstreit kohaku an. Sängerinnen und Sänger treten gegeneinander an. Neben vielen zusammengecasteten Bands, gab es trotzdem auch einige Perlen unter den Sängern, was die Show sehr unterhaltsam machte.

Glücksanhänger für gute Gesundheit

Um 23:00 Uhr machten wir uns auf in die Stadt. Wir wollten zu einem der ältesten Schreine Japans, dem Ikuta Jinja, direkt in der Innenstadt Kobes. Auf dem Weg zum Schrein reihte sich Bude an Bude, Essensstände duften überall. Zu Beginn konnten wir uns noch durchquetschen. Doch am Ende entschieden wir uns, uns der versammelten Menschenmasse zu ergeben und einfach neben der Schlange, die zum Schrein drängte, zu warten. So vergingen die Minuten. Wir beobachteten die bereits betrunkenen, jungen Erwachsenen auf der Straße – schon in bester Stimmung das neue Jahr zu beginnen. Kurz vor 24:00 Uhr begann der Countdown, um 24 Uhr jubelten alle; mein Vater und ich wünschten uns ein frohes neues Jahr. Es gab kein Feuerwerk und keine knallenden Sektkorken, aber das war auch gar nicht nötig. Direkt um 24 Uhr konnte man Trommeln und Rufe aus dem Schrein hören. Die Menschen durften endlich das Gelände des Ikuta Jinja betreten und den ersten Schreinbesuch des neuen Jahres vollziehen. Das nennt man hier hatsumode und ist außerordentlich wichtig. Nachdem sich die Schlange etwas verkürzt hatte, stellten wir uns auch an. Wir wollten das Spektakel im Schreininneren sehen. Als wir durch das Tor eintraten, erblickten wir Trommler. Sie schlugen rhythmisch die Klangkörper. Ab und zu riefen sie etwas aus, das wir aber nicht verstehen konnten. Im Innenhof war alles voller Menschen. Sie kauften Glücksbringer, beteten und zogen ihre Orakelzettel für das neue Jahr. Auch wir kauften uns ein paar Anhänger, die der Gesundheit Glück bringen sollen. Nachdem wir uns durch die Leckereien, unter anderem auch die berühmten daifuku (Erdbeeren in einem mochi Reiskuchen), am Schreinvorplatz gefuttert hatten, gingen wir noch eine Weile durch die Stadt. Die Trommeln und die Menschen waren noch weit zu hören. Die Zeit verging auch ohne Böller und Sekt wie im Flug. Um 3 Uhr war ich dann Zuhause. Wir hätten noch die ganze Nacht am Schrein und in der Stadt verbringen können. Da mein Vater und ich am Neujahrstag einen Ausflug unternehmen wollten, ließen wir die Beschau des ersten Sonnenaufgangs des neuen Jahres aber lieber sein.

Reh im Nara-Park

Neujahrstag: die Stadt Nara und ihre Rehe

Am ersten Tag im neuen Jahr 2017 besuchten wir die Stadt Nara. Wir fütterten Rehe und sahen uns eine 20 Meter hohe Buddah-Statue im Todaiji-Tempel an. Es war zwar alles voll von Touristen, und den Schrein im Nara Park konnten wir aufgrund der hatsumode Besucher nicht anschauen, dennoch war es ein sehr schöner Ausflug (auch wenn ein Reh fand, dass mein Mantel sehr lecker aussah). Wie man auf dem Foto mit dem Reh sehen kann, war es ziemlich warm. Zeitweise konnte ich sogar meine Jacke ausziehen. Übrigens: Die Tiere laufen frei auf dem Gelände und in der Stadt umher, Zäune sind dort eher selten zu sehen. Die Rehe werden als die Botschafter der Stadt angesehen und sind in diesem Sinne auch heilige Tiere.

Tempelbesichtigung in Kyoto

Am zweiten Tag des neuen Jahres fuhr ich mit meinem Vater nach Kyoto. Auch hier nicht von Neujahrstouristen verschont, suchten wir nicht die üblichen Sightseeing-Spots aus, sondern machten eine Route rund um den Bahnhof, bei der wir drei Tempel und einen Garten besichtigten.

Glücksanhänger für Gesundheit und Langlebigkeit sowie ein Daruma

Der Toji-Tempel hat auf seinem Gelände die höchste Pagode Japans. Wegen Neujahr sind auch hier viele Anhänger und Glücksbringer angeboten worden. Noch ein wunderschöner Anhänger mit einer Schildkröte (der gute Gesundheit verspricht) und ein Daruma sind so in meinen Besitz gelangt.

Übrigens: Ein Daruma ist ein Glücksbringer, dem man ein Auge malt und ganz stark an einen Wunsch denkt. Dann stellt man ihn mit diesem einen, ausgemalten Auge an einen gut sichtbaren Platz in der Wohnung. Sobald sich der Wunsch erfüllt hat, darf man das zweite Auge ausmalen.

Pfeile des Glücks in Himeji

Den dritten, und somit „letzten“ Tag des neuen Jahres, fuhren wir nach Himeji. Dort steht das schönste Schloss Japans und damit die angeblich schönste Holzbaukunst. Auf einem Platz vor dem Schloss fand ein kleiner Flohmarkt statt. Wir bestaunten alte Spiele, Berge von Leica, Minato und Canon Kameras sowie viele Keramikwaren. Der größte Schrein in Himeji, der Harimanokunisosha, war (wie wohl überall anders auch) überlaufen, weshalb wir wieder nur an den Ständen entlang gingen. Als wir schon auf dem Rückweg zur Bahn waren, entdeckten wir ganz in der Nähe einen anderen Schrein, den Himejigokokujinja. Über den ganzen Hof waren Lampions gespannt. Nur ein paar Menschen waren da, um ihren hatsumode-Besuch zu absolvieren. Schon all die Tage seit Silvester hatte ich Menschen gesehen, bei denen kleine Pfeile aus den Taschen ragten. Deswegen interessierte ich mich besonders dafür und wurde endlich fündig.

Hamaya Pfeil

Am Schrein Himejigokokujinja gab es kleine Pfeile aus Holz zu kaufen. Von dem Pfeil baumeln ein paar Glöckchen, bunte Bänder und ein ema Holztäfelchen mit einem Huhn darauf. 2017 ist nämlich das Jahr des Huhns/Hahns. Eine miko (besondere Schreinangestellte) erklärte mir kurz etwas über die Pfeile und mein Vater schenkte mir einen. Jetzt hängt der Pfeil in meiner Wohnung. Er hält mir hoffentlich die bösen Geister vom Hals und lädt das Glück ein, einzutreten. Diese Pfeile nennt man hamaya. Anscheinend sind sie bei jungen Frauen besonders beliebt. Trotzdem habe ich viele unterschiedliche Menschen mit den Pfeilen nach Hause gehen sehen.

Wie ich mein Silvester empfand? …

Ich habe mein Neujahr eigentlich ziemlich japanisch verbracht. Nicht nur ein hatsumode, sondern quasi gleich mehrere gemacht. Ich habe mich mit Glücksbringern eingedeckt und die Zeit mit der Familie verbracht. Ehrlich gesagt: Gefällt mir viel besser als Raketen in die Luft zu schießen, mich Zuhause mit Raclette vollzustopfen oder mit Freunden feiern zu gehen. Das meiste davon kann man einfach immer machen. So wie das neue Jahr in Japan zelebriert wird, ist es einfach viel festlicher und andächtiger. Wer die Möglichkeit hat den Jahreswechsel im Land der aufgehenden Sonne zu verbringen, sollte das auf jeden Fall tun!