Frei­tag der 13. oder der Tag der letz­ten Klausur

Don­ners­tag. Die Grip­pe hat mich – wie gera­de halb Euro­pa – eben­falls erreicht. Mit auf­put­schen­den Medi­ka­men­ten schrei­be ich die vor­letz­te Klau­sur des Semes­ters trotz­dem. Ich will schließ­lich nicht alles umsonst gelernt haben. Am nächs­ten Tag hät­te ich eigent­lich noch eine Klau­sur gehabt, aber die wer­de ich beim bes­ten Wil­len nicht schrei­ben können.

Prin­zi­pi­ell stand mein Plan für den Frei­tag also fest:

9:15 Uhr Ter­min mit der Lei­te­rin unse­rer ver­pflich­ten­den Französischkurse

9:45 Uhr zu einem Arzt in der Nähe gehen, mir ein Attest für mei­ne (sehr offen­sicht­li­che!) Krank­heit geben lassen.

ab 10:30 Uhr schlafen!

Den Ter­min bei der Lei­te­rin der Fran­zö­sisch­kur­se bekam ich Mitt­woch­abend per Mail mit dem Betreff “!!!!!!!IMPORTANT!!!!!!!!!!!!!!!!!” zuge­teilt. Ein Titel der kei­nen Zwei­fel dar­an lässt, dass man die­se Mail nicht unge­le­sen in den Spam­ord­ner ver­schie­ben soll­te. Der Inhalt der Email lau­te­te in etwa: “Hal­lo Anna, dei­ne bis­he­ri­ge Fran­zö­sisch­leh­re­rin hat mir mit­ge­teilt, dass dein Fran­zö­si­sch­ni­veau zu hoch für den bis­he­ri­gen Kurs und supé­ri­eur zu dem dei­ner Kurs­ka­me­ra­den ist. (hah­a­ha das ist mir neu!) Des­halb wirst du ab sofort an dem Kurs mon­tags mor­gens 8 uhr bei Frau XY teil­neh­men.” Was zuerst wie ein schö­nes Kom­pli­ment klingt, ließ mich doch stut­zen. Nicht nur, dass ich gera­de so in Prä­sens, Pas­sé com­po­sé und Future Pro­che spre­chen kann und sich in Frank­reich außer­dem immer gesiezt wird – das ver­wun­der­lichs­te ist, dass uns zu Anfang des Aus­lands­auf­ent­hal­tes gesagt wur­de, dass wir auf kei­nen (KEI­NEN!) Fall unser Fran­zö­si­sch­ni­veau ändern kön­nen. Wenn wir im fal­schen sit­zen – scha­de – aber echt zu viel admi­nis­tra­ti­ver Auf­wand, um da etwas zu tau­schen. Vor allem bedeu­tet das für mich qua­si, dass ich jetzt in einem Kurs bin, den ich gut und gern nicht bestehen werde.

Am nächs­ten Mor­gen setz­te ich also all mei­nen ver­schnupf­ten, rot­na­si­gen Charme ein. Ich bedank­te mich für das Upgrade und sag­te, dass ich nicht glau­be, dass das höhe­re Niveau dem mei­ni­gen ent­spricht, dass ich in dem ande­ren Kurs schon ganz gut auf­ge­ho­ben war und vor­her auch kein Fran­zö­sisch gelernt hat­te. Nach mei­nem Vor­trag, sah die Dame über den Rand ihrer Bril­le an und mein­te unbe­rührt: “Da Sie das eben alles auf per­fek­tem Fran­zö­sisch gesagt haben und mir auch sonst nicht auf den Mund gefal­len zu sein schei­nen, glau­be ich schon dass Sie in dem neu­en Kurs rich­tig sind. Hier sind die Haus­auf­ga­ben für Mon­tag. 8 Uhr geht es los.” Na gut. Ich füge mich mei­nem Schicksal.

Tages­ord­nungs­punkt zwei star­te­te. Arzt suchen. Unter “All­ge­mein­arzt” spuck­te Goog­le Maps, ver­läss­lich wie immer, unzäh­li­ge Ergeb­nis­se aus. “Doc­teur Sound­so, 300 Meter, geöff­net bis 19 Uhr” lau­te­te das ers­te. Voi­là! Ich stie­fel­te also ein­ge­mum­melt bis oben hin (“emmi­tou­flé”) zu der Adres­se – die Öff­nungs­zei­ten auf dem Schild stimm­ten mit denen von Goog­le Maps über­ein. Ich klin­gel­te, noch­mal, noch­mal, noch­mal lan­ge – NICHTS. Ich rief die hin­ter­leg­te Num­mer an – NICHTS – nicht mal eine Band­an­sa­ge. Also auf zum nächs­ten Maps-Ergeb­nis. Der angeb­li­che méde­cin géné­ra­lis­te war dies­mal lei­der Zahn­arzt. Also zum drit­ten Ergeb­nis. Eine Gemein­schafts­pra­xis. Da muss doch etwas dabei sein! Kaum war ich ange­kom­men, ver­riet mir das Schild “Chrir­ur­gie­kli­nik”, dass ich auch dies­mal nicht erfolg­reich war. Lang­sam war ich ein wenig ver­zwei­felt. Nach­dem ich beim nächs­ten All­ge­mein­arzt mit den Wor­ten “Ohne Ter­min gibt es kein Attest” an der Kapu­ze(!) aus der Pra­xis gescho­ben wur­de, war ich echt ver­zwei­felt. Man plant schließ­lich nicht drei Tage im Vor­aus heu­te krank zu sein und ein Attest zu brau­chen, oder?

Erschöpft von 5 zurück­ge­leg­ten Kilo­me­tern, dank denen mei­ne Bewe­gungs­app sehr stolz auf mich und mei­ne Kraft völ­lig aus­ge­schöpft war, infor­mier­te ich zunächst ein­mal ein paar fran­zö­si­sche Kom­mi­li­to­nin­nen, die ich live noch nie gese­hen hat­te aber schon sehr nett Hil­fe von ihnen über face­book erhal­ten hat­te, dass ich die Prü­fung nicht mit­schrei­ben kön­ne. Gelernt hat­te ich schließ­lich auch nicht.

Komm schon! Wir hel­fen dir!  Das wird super! Im Zwei­fels­fall ist das Ergeb­nis immer 75.” Nicht die erwar­te­te Ant­wort, aber genau mein Humor. Und da es sich bei der Klau­sur um eine MC Klau­sur han­del­te, war das schlimms­te, was pas­sie­ren konn­te ohne­hin die Kreu­ze per Zufalls­prin­zip zu set­zen. Wahr­schein­lich immer­noch unkom­pli­zier­ter als die­ses Attest zu orga­ni­sie­ren. Bevor ich mich ver­sah, saß ich auch schon in der Metro und war auf dem Weg zur Uni.

Was für eine Schnaps­idee!!! Aber als spon­ta­ner Mensch ist man für dum­me Ide­en ja gern zu haben.

Die Klau­sur beginnt, alle sit­zen maxi­mal noch in Ruf­wei­te von­ei­nen­der, wer kei­ne Adler­au­gen hat, erkennt selbst die am nächs­ten sit­zen­de Per­son nur noch sche­men­haft. Nach­dem ich 4 mal kon­trol­liert habe, dass das Han­dy aus­ge­schal­tet UND laut­los ist, set­ze ich mich hin und bete eini­ge wich­ti­ge Punk­te noch ein­mal vor mich hin bis die Klau­sur los­geht. So ken­ne ich es nor­ma­ler­wei­se.

Dies­mal sah das Bild des Hör­saa­les ein wenig anders aus. Han­dys auf den Schö­ßen der Stu­die­ren­den, die Taschen zu den Füßen, kei­ne lee­ren Rei­hen und selbst die Unter­hal­tun­gen der Mädels 3 Rei­hen hin­ter uns konn­te ich ohne gespitz­te Ohren mit­ver­fol­gen. Zu mei­nem Bedau­ern gab es Grup­pen. Naja, wer unvor­be­rei­tet in eine Klau­sur geht hat es auch nicht bes­ser verdient.

Die Fran­zö­sin­nen, dank denen ich über­haupt nur hier war, boten mir an mich mit dem Auto heim­zu­brin­gen. Die­ser Tag schien end­lich über­stan­den. Lei­der aber nur für 8 Meter. Dann nahm die Fah­re­rin die Aus­fahrt des Park­plat­zes, die mit zwei Stein­pfos­ten ver­se­hen war, lei­der viel zu eng. Ein krei­schen­der rech­ter Kot­flü­gel und ein Knall. Zuerst fuhr sie tat­säch­lich unbe­rührt wei­ter. Nach 3 Minu­ten hat­te ich aber alle Insas­sen über­zeugt, dass wir doch zumin­dest mal schau­en sollten.

Sie hat­te einen Teil der Stoß­stan­ge ein­ge­büßt und die Beu­len in der Tür war waren regel­recht beein­dru­ckend. Die Fah­re­rin ver­kün­de­te fröh­lich, dass das nicht schlimm sei. Mit der rech­ten Sei­te wür­de sie immer­mal anecken. Die sei ja auch so weit weg vom Fah­rer­sitz und schlecht ein­zu­schät­zen. (Sie fährt einen Clio…). Lei­der muss­te ich sie aber auf ihren plat­ten Hin­ter­rei­fen hin­wei­sen. “Quel­le jour­née de mer­de!!” Ja. Das kann man wirk­lich nicht anders sagen.

Natür­lich fing es, kaum dass ich mit fieb­ri­gem Kopf ansetz­te die Rad­mut­tern zu locken, an zu reg­nen. 40 Minu­ten spä­ter saßen wir frie­rend, klatsch­nass und mit vom Gal­gen­hu­mor beflü­gel­ter guter Lau­ne wie­der im 4-räd­ri­gen Clio und tra­ten mit quiet­schen­den Rei­fen die Heim­rei­se an.

Ein rich­ti­ger Frei­tag der 13. Ich will ja nicht aber­gläu­bisch klin­gen, aber .…. beim nächs­ten blei­be ich viel­leicht doch ein­fach im Bett.

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