Medi­en berich­ten nega­tiv über Flüchtlingspolitik

Stu­die der Uni­ver­si­tät Trier wider­legt Main­stream-Vor­wurf

Wenn Pres­se und Rund­funk über Flücht­lin­ge und Flücht­lings­po­li­tik in Deutsch­land und Euro­pa berich­ten, ist schnell von „Main­stream-Medi­en“ die Rede. Der Vor­wurf, ins­be­son­de­re von rechts­po­pu­lis­ti­schen Kräf­ten, lau­tet: Die Medi­en in Deutsch­land berich­ten regie­rungs­nah und unkri­tisch, also ein­sei­tig posi­tiv über Flücht­lin­ge und Flücht­lings­po­li­tik. Eine Stu­die der Trie­rer Medi­en­wis­sen­schaft wider­legt die­sen Vorwurf.

Bei einer Unter­su­chung von Pres­se­kom­men­ta­ren hat Han­na Boss­mann in ihrer Mas­ter­ar­beit her­aus­ge­fun­den, dass die Zei­tun­gen in Deutsch­land die Regie­rungs­ar­beit deut­lich nega­tiv bewer­ten. Den Ergeb­nis­sen lie­gen 172 Kom­men­ta­re aus den Leit­me­di­en Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung, Süd­deut­sche Zei­tung, Welt und taz sowie vom Online-Auf­tritt des Wochen­ma­ga­zins Spie­gel zu zwei Schlüs­sel­er­eig­nis­sen zugrun­de: zur Som­mer-Pres­se­kon­fe­renz am 31. August 2015, auf der Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel die Aus­set­zung des Dub­lin-Abkom­mens für syri­sche Flücht­lin­ge mit „Wir schaf­fen das“ bekräf­tig­te sowie zur Köl­ner Sil­ves­ter­nacht zum Jah­res­wech­sel 2015/2016.

Aus­ge­wer­tet wur­den alle Kom­men­ta­re, die im Zeit­raum von jeweils einer Woche vor und zwei Wochen nach dem Ereig­nis erschie­nen sind. „Erstaun­lich war dabei zunächst ein­mal, dass Flücht­lin­ge, Asyl­be­wer­ber und Migran­ten trotz des zen­tra­len Aspekts, den sie in der Flücht­lings­de­bat­te dar­stel­len, kaum direkt the­ma­ti­siert wur­den und auch nur sehr sel­ten als tat­säch­li­che Akteu­re auf­tauch­ten“, erläu­tert Bossmann.

Mit­hil­fe einer quan­ti­ta­ti­ven Inhalts­ana­ly­se ermit­tel­te die Medi­en­wis­sen­schaft­le­rin schließ­lich, mit wel­chen so genann­ten Frames die Zei­tun­gen die Ein­stel­lung der Lese­rin­nen und Leser prä­gen. Ein Frame zeich­net sich dadurch aus, dass bestimm­te Aspek­te eines The­mas her­vor­ge­ho­ben wer­den und ande­re kei­ne Rol­le spie­len. So ist auch der Begriff „Flücht­lings­kri­se“ schon geframed und des­halb in Boss­manns Stu­die in Anfüh­rungs­zei­chen gesetzt.

Prof. Dr. Klaus Arnold betreu­te die Stu­die von
Mas­ter­stu­den­tin Han­na Bossmann.

Der im Zusam­men­hang mit der Flücht­lings­po­li­tik häu­figs­te Frame war „unfä­hi­ge deut­sche Poli­tik“, bei der SZ und der FAZ wur­de er in jeweils 39 Pro­zent der Kom­men­ta­re ange­wandt. „Der Frame beschreibt eine pes­si­mis­ti­sche Sicht auf die Lösungs­kom­pe­tenz der natio­na­len Poli­tik im Umgang mit der Flücht­lings­kri­se, wobei der Poli­tik zudem Kom­pe­ten­zen abge­schrie­ben wer­den, ange­mes­sen auf die Pro­ble­ma­tik reagie­ren zu kön­nen“, erklärt Bossmann.

Im Lau­fe der Zeit ver­än­der­te sich die Frame-Ver­wen­dung durch das Hin­zu­kom­men oder Weg­fal­len von ein­zel­nen Frames in Abhän­gig­keit von den Schlüs­sel­er­eig­nis­sen. „Wäh­rend der deut­schen Gesell­schaft nach dem ers­ten Schlüs­sel­er­eig­nis ver­stärkt Kom­pe­ten­zen zuge­spro­chen wur­den und ein durch­aus posi­ti­ves Bild ent­stand, wur­de dies nach den Über­grif­fen an Sil­ves­ter wie­der ins Gegen­teil ver­kehrt“, so die Auto­rin der Studie.

Ins­ge­samt lässt sich fest­hal­ten, dass ins­be­son­de­re die den Medi­en vor­ge­wor­fe­ne regie­rungs­na­he und unkri­ti­sche Bericht­erstat­tung nicht bestä­tigt wer­den kann. Viel­mehr leben die Kom­men­ta­to­ren ihre Advo­ka­ten-Rol­le aus, machen auf Miss­stän­de auf­merk­sam und kri­ti­sie­ren die deut­sche Poli­tik deut­lich“, fasst Boss­mann zusammen.

Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Medi­en­wis­sen­schaft­ler Klaus Arnold, der die Stu­die betreut hat, lobt die Arbeit als her­vor­ra­gen­des Bei­spiel dafür, was kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­li­che Ana­ly­sen für die Gesell­schaft leis­ten kön­nen. „Zwei­fel an Glaub­wür­dig­keit und Unab­hän­gig­keit der Medi­en brin­gen die Pres­se­frei­heit und damit unse­re Demo­kra­tie in Gefahr. Es ist daher drin­gend not­wen­dig, mit empi­ri­schen Stu­di­en gegen­zu­steu­ern. Die Sozi­al­wis­sen­schaf­ten sind wei­ter gefor­dert, die Bericht­erstat­tung über die Flücht­lings­po­li­tik und damit zusam­men­hän­gen­de The­men wie zum Bei­spiel aktu­ell die Debat­te um die Inne­re Sicher­heit gründ­lich zu untersuchen.“

 

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