Wis­sen­schafts­fa­mi­lie zu Gast

Zwi­schen Trier und Tai­wan lie­gen 9.500 Kilo­me­ter – in man­cher­lei Hin­sicht auch Wel­ten. So hat es zumin­dest das Gast­wis­sen­schaft­ler-Paar Dr. Shu-Hua Tang und Prof. Hung-Yu Lin anfangs empfunden.

In English, plea­se – heißt es nun­mehr in den Team-Bespre­chun­gen mit Prof. Dr. Michae­la Brohm-Badry (l.) und Dr. Shu-Hua Tang (2.v.r.).

Ein Jahr lang for­schen die Bil­dungs­wis­sen­schaft­le­rin und der Psy­cho­lo­ge an der Uni­ver­si­tät. Dass Schü­ler in Deutsch­land in der Regel nach­mit­tags frei haben, dass Läden und Geschäf­te sams­tags schon am frü­hen Abend schlie­ßen und sonn­tags gar nicht öff­nen – die­se Erfah­run­gen waren in den ers­ten Tagen in Trier ein klei­ner Kul­tur­schock für die tai­wa­ne­si­sche Fami­lie. Und dann noch die unge­wohn­te Lau­fe­rei: In ihrer Hei­mat­stadt Tai­peh steht an jeder Ecke ein ande­res öffent­li­ches Ver­kehrs­mit­tel bereit, in Trier sind die Fuß­we­ge weit. Dass die Deut­schen meist mit erns­ten und besorg­ten Mie­nen unter­wegs sind – auch das kam dem For­scher­paar aus Tai­peh in Deutsch­land erst ein­mal Spa­nisch vor. Trotz aller Unter­schie­de hat Dr. Shu-Hua Tang aber auch Par­al­le­len zwi­schen Tai­peh und Trier ent­deckt: „Auch hier haben die Jugend­li­chen per­ma­nent ein Smart­pho­ne in der Hand.“

Ver­glei­che anzu­stel­len ist ein For­schungs­an­satz, dem die Bil­dungs­wis­sen­schaft­le­rin auch in Trier nach­ge­hen will. Mit ihrer Kol­le­gin und Gast­ge­be­rin Prof. Dr. Michae­la Brohm-Badry arbei­tet sie an einer ver­glei­chen­den Unter­su­chung, wie Kin­der und Jugend­li­che mit Lern­be­ein­träch­ti­gun­gen in Deutsch­land und in Tai­wan betreut werden.

Frau Tang ist eine enor­me Berei­che­rung und bringt fri­schen Wind in die Abtei­lung“, zieht Pro­fes­so­rin Brohm-Badry ein posi­ti­ves Zwi­schen­fa­zit der ers­ten Halb­zeit des Gast­wis­sen­schaft­ler-Auf­ent­hal­tes. „Sie bringt vie­le Impul­se in unse­re Arbeit ein und wir erhal­ten inter­es­san­te Ein­bli­cke in ihre Kul­tur. Ande­rer­seits betrach­tet sie unser Bil­dungs­sys­tem aus einer für uns neu­en Per­spek­ti­ve und gibt uns somit inter­es­san­te Anre­gun­gen. In Tai­wan ist schu­li­sche Bil­dung ein Hoch­leis­tungs­sys­tem. Schü­ler sind dort bis abends in der Schu­le und vie­le neh­men danach noch an Nach­hil­fe-Unter­reicht teil“, sagt Michae­la Brohm-Badry.

Trie­rer Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen wür­de sie emp­feh­len, Gast­wis­sen­schaft­ler auf­zu­neh­men. Die for­ma­le Abwick­lung und Orga­ni­sa­ti­on stel­le kei­ne Hür­de dar, sie liegt wei­test­ge­hend in Hän­den des Aka­de­mi­schen Aus­lands­am­tes der Uni­ver­si­tät Trier und des Gas­tes selbst. „Damit alle Sei­ten pro­fi­tie­ren, soll­te man aller­dings die erfor­der­li­che Zeit für die Koope­ra­ti­on ein­pla­nen“, rät sie und nimmt die Auf­la­ge, dass nun alle Team­sit­zun­gen und Unter­re­dun­gen aus­schließ­lich in Eng­lisch statt­fin­den, als eine will­kom­me­ne Her­aus­for­de­rung an.

Eng­lisch ist auch bei ihrer Kol­le­gin, der Psy­cho­lo­gin Prof. Dr. Eva Walt­her, seit August zwei­te „Amts­spra­che“. Ihre Pro­fes­sur ist ein Jahr lang Gast­ge­ber von Prof. Hung-Yu Lin. Der Psy­cho­lo­ge und Ehe­mann von Dr. Shu-Hua Tang forscht unter ande­rem zu der Fra­ge, ob und wie sich Ein­stel­lun­gen unbe­wusst erwer­ben las­sen. Für das Ver­ständ­nis der Ent­ste­hung von Vor­ur­tei­len, Pho­bi­en und den Erfolg von Wer­bung sind Erkennt­nis­se hier­zu hoch rele­vant. „Die­se Fra­ge wird schon län­ger kon­tro­vers dis­ku­tiert, was auch der Schwie­rig­keit geschul­det ist, einen adäqua­ten metho­di­schen Zugang zur Erfor­schung unbe­wuss­ter Pro­zes­se zu fin­den. Wir sind des­halb sehr glück­lich, dass Herr Lin neben sei­nem Inter­es­se auch neue metho­di­sche Impul­se in die For­schung ein­zu­brin­gen ver­mag“, erklärt Dr. Georg Halb­ei­sen, Mit­ar­bei­ter von Pro­fes­so­rin Walt­her in der Abtei­lung Sozialpsychologie.

Mit Prof. Lin arbei­ten die Trie­rer Sozi­al­psy­cho­lo­gen an der Umset­zung und Wei­ter­ent­wick­lung eines Para­dig­mas, das er ursprüng­lich in Tai­wan für die Unter­su­chung unbe­wuss­ten Ein­stel­lungs­er­werbs ein­ge­setzt hat. Im Som­mer­se­mes­ter soll er auch Abschluss­ar­bei­ten, die inner­halb des gemein­sa­men Pro­jekts ent­ste­hen, mitbetreuen.

Wie in der Bil­dungs­wis­sen­schaft emp­fin­den auch die Mit­ar­bei­ter in der Sozi­al­psy­cho­lo­gie den Aus­tausch als bele­bend – sowohl inner­halb der Abtei­lung als auch im Hin­blick auf den Aus­tausch zwi­schen den Abtei­lun­gen. „Die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen sind natür­lich auch an den Ein­drü­cken unse­res Gas­tes inter­es­siert“, ergänzt Georg Halbeisen.

Prof. Dr. Eva Walt­her und Prof. Hung-Yu Lin ver­bin­det das gemein­sa­me For­schungs­in­ter­es­se, wie sich bei Men­schen Ein­stel­lun­gen herausbilden.

Nach Trier gekom­men ist Prof. Lin wegen des gemein­sa­men For­schungs­in­ter­es­ses mit Prof. Walt­her an der Ent­ste­hung von Ein­stel­lun­gen. 2007 tra­fen sie sich erst­mals an der Uni­ver­si­ty of Con­nec­ti­cut bei einem Vor­trag. Aus einem Kurz­be­such in Trier im Okto­ber 2015 ergab sich die Ein­la­dung zu dem der­zei­ti­gen For­schungs­auf­ent­halt, der durch ein Sti­pen­di­um des Minis­try of Sci­ence and Tech­no­lo­gy Tai­wans (MOST) finan­ziert wird. An der Vor­be­rei­tung des Gast­auf­ent­hal­tes hat auch das Aka­de­mi­sche Aus­lands­amt der Uni­ver­si­tät Trier maß­geb­lich mitgewirkt.

Ihre bei­den Kin­der haben die Gast­wis­sen­schaft­ler aus Tai­wan nach Trier beglei­tet. Ihr Sohn hat an der Uni­ver­si­tät ein Stu­di­um auf­ge­nom­men, sei­ne Schwes­ter besucht ein Gym­na­si­um. Dass sie nun nach­mit­tags häu­fig frei hat, dar­an muss­ten sich die Toch­ter und ihre Eltern – wie an vie­le ande­re neue Erfah­run­gen in Trier – erst ein­mal gewöhnen.

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