Das Wohnheim und der Winter

Temperaturen, die kaum unter null Grad fallen; kein Schnee oder Eis – eigentlich hört sich der Winter in Shanghai ganz angenehm an. Dennoch bekommt man die Kälte oft genug zu spüren, und zwar dort, wo man es eigentlich nicht erwartet: drinnen. Über das (Über-) Leben in einem Wohnheim in China während der kalten Jahreszeit.

Wieso ist es drinnen so kalt? Bis vor wenigen Jahren markierte der Yangtse-Fluss die sogenannte „Heizlinie“. Der Yangtse (chinesisch: 长江 cháng jiāng) ist der längste Fluss Asiens und fließt ungefähr in West-Ost-Richtung durch China. Um Energie, die im Winter durch Heizen verbraucht wird, einzusparen, führte die Regierung die Teilung des Landes in Nord und Süd ein: nördlich der Heizlinie sind die Häuser mit Zentralheizungen ausgestattet, südlich der Linie nicht.

Und Shanghai liegt knapp südlich der Mündung des Yangtse. Zwar kann man versuchen, sein Zimmer mit der Klimaanlage oder mit Heizlüftern aufzuwärmen, viele tun es aber dennoch nicht. Ich habe hier sowohl in chinesischen Privatwohnungen als auch in Geschäften und Restaurants erlebt, dass Fenster und Türen im Winter geöffnet bleiben und man sich gar nicht erst die Mühe macht, die Räume zu heizen. Stattdessen zieht man sich einfach wärmer an.

Mein Wohnheim: das International Students Dormitory No. 1

In meinem Wohnheimzimmer habe ich glücklicherweise eine Klimaanlage, die sowohl heizen als auch kühlen kann. Dennoch wünsche ich mir manchmal eine „normale“ Heizung, die das Zimmer gleichmäßig auf einer angenehmen Temperatur hält. Läuft die Klimaanlage, ist es innerhalb kürzester Zeit so kuschelig warm, dass man sich die Kleider vom Leib reißen möchte. Schaltet man sie wieder aus, spürt man die Kälte schon förmlich durch die nicht-isolierten, einfach verglasten Fenster zurück ins Zimmer kriechen.

offene Fenster im Gemeinschaftsbad

Wenn ich mein Zimmer verlasse, erwartet mich auf dem Flur ein Temperatur-Unterschied von gefühlten 20 Grad – auf den Fluren gibt es selbstverständlich keine Heizung. Das selbe gilt für alle anderen gemeinschaftlich genutzten Räume: Küche, Waschraum, Duschen. Noch dazu stehen dort – aus mir nicht ganz ersichtlichen Gründen – rund um die Uhr die (sowieso nicht dichten) Fenster offen. Lüften scheint hier (unabhängig vom Wetter) eine höhere Priorität als Wärme zu haben. Nun gut, koche ich mein Abendessen eben mit Mütze und Schal.

Zum Glück ist der Winter hier bald vorbei und es wird wieder wärmer – und Shanghai kann sich wieder von seiner besten Seite zeigen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.