Die komi­schen Deut­schen (2)

Im letz­ten Bei­trag habe ich bereits von mei­ner ers­ten Begeg­nung mit Antoi­ne berich­tet. Durch sei­nen Aus­lands­auf­ent­halt in Kiel, sei­ne Begeis­te­rung für Deutsch­land, „Atem­los durch die Nacht“ und sein extrem gutes Deutsch sind wir in Kon­takt geblieben.

Da Stu­den­ten bekannt­lich ihre Zeit lächelnd und in inter­na­tio­na­len Grup­pen auf Wie­sen sit­zend ver­brin­gen, traf ich mich mit ihm an einem son­ni­gen Don­ners­tag­nach­mit­tag auf unse­rem Cam­pus­ge­län­de der Jean Mou­lin Uni­ver­sité. Ich hat­te ihn nur grob vor­ge­warnt, wor­um es in dem Inter­view gehen würde.

Fun Fact: Rau­chen ist inner­halb der Uni­ver­si­tät über­all unter frei­en Him­mel erlaubt, als ich ein paar Kom­mi­li­to­nen nach der letz­ten Prü­fung des ers­ten Semes­ters jedoch mit einer Sekt­fla­sche abho­len woll­te, wur­de ich tat­säch­lich von Secu­ri­ties vom Gelän­de bis vor die Feu­er­wehr­ein­fahrt eskor­tiert. Das war ers­tens natür­lich ziem­lich pein­lich und zwei­tens konn­te ich mir weder Augen­rol­len noch Lachen bei den fins­te­ren Mie­nen der Sicher­heits­män­ner ver­knei­fen. Mer­ke: Secu­ri­ties mögen es nicht, wenn der Straf­tä­ter lacht und so ent­ging ich wahr­schein­lich nur knapp einer Exma­tri­ku­la­ti­on auf­grund mei­nes ter­ror­ver­däch­ti­gen Verhaltens.

Ganz am Anfang als du nach Deutsch­land gekom­men bist, gab es sicher­lich ein paar Momen­te oder Situa­tio­nen, in denen du dir dach­test „War­um bin ich bloß nach Deutsch­land gekom­men?“ Was waren das für Situationen?

Nein eigent­lich nicht. Ich lie­be Deutsch­land! Naja am ers­ten Abend im REWE – da war ich echt auf­ge­schmis­sen. Aber ich war total begeis­tert von der Uni. Die war so gut orga­ni­siert und es gab immer sehr vie­le Infor­ma­tio­nen. Das ist hier schon oft blöd. Und die Men­sa war cool. Es gab viel Aus­wahl und und war günstig!

Ich habe mich nur manch­mal gefragt, war­um ich so weit in den Nor­den gegan­gen bin. Das Wet­ter in Frank­reich hat mir oft gefehlt. Es hat ganz viel gereg­net. Wir waren immer mit Jacke unterwegs.

Das Bes­te an Deutsch­land ist das Gril­len im Sommer.“

Was sind für dich im Rück­blick die ver­rück­tes­ten Ange­wohn­hei­ten der Deutschen? 

Natür­lich, dass sie die Stra­ße nur bei grün über­que­ren. Auch dass sie mit dem Fahr­rad nicht auf der Stra­ße fah­ren. Es gibt aber auch so vie­le Fahr­rad­we­ge – hier eigent­lich gar nicht – am Anfang bin ich oft ein­fach auf den Rad­we­gen gelau­fen und dann haben die Fahr­rad­fah­rer oft geklin­gelt. (Er grinst, ich auch. Das kann ich mir bild­lich vor­stel­len. Wenn ich wie­der nach Deutsch­land kom­me, muss ich mir auch wie­der ein ande­res Fuß­gän­ger­ver­hal­ten antrai­nie­ren, sonst über­le­be ich nicht lange.)

Außer­dem sind die Deut­schen echt immer so pünktlich!

Und sie essen Wurst zu jeder Mahl­zeit! Auch früh! Unfass­bar! Ich ver­ste­he auch nicht, wie­so alle Deut­schen Quark essen! Das sieht furcht­bar aus! Eklig! (Ich den­ke zurück an mei­nen Freu­den­mo­ment als ich her­aus­fand, dass es in Frank­reich Quark sogar in der 1-kg Packung gibt…) War­um habt ihr eigent­lich Käse­c­rois­sant? Iii­hh! Oder ihr tunkt eure Crois­sants in Mar­me­la­de! („Macht man das denn nicht?“) Nein Anna das maaacht man doch nicht! Crois­sant isst man pur!

Dann das Weg­bier – dass Leu­te auf der Stra­ße beim Lau­fen trin­ken. Genial!

Als Rau­cher wird man zudem rich­tig ver­ur­teilt. Wie ein Dino­sau­ri­er habe ich mich oft gefühlt. Ich wur­de regel­recht ange­starrt. Aber dann ste­hen über­all Ziga­ret­ten­au­to­ma­ten. War­um, wenn kei­ner rau­chen will? Hier sind sie verboten!

Es gibt außer­dem nicht la bise (Die Küss­chen zur Begrü­ßung unab­hän­gig von der Bezie­hung zum Gegen­über). Am bes­ten sind noch die Leu­te, die rein­kom­men und nur auf den Tisch klopfen…“

Aus­ge­las­se­ne Stim­mung als die Spra­che auf das “Weg­bier” kommt

Wel­che sind/waren für dich die lächer­lichs­ten Regeln oder Gesetze?

Dass Man immer auf die Bier­do­se klopft vor dem Öff­nen. Sonst seid ihr so logisch. Aber das ist ein­fach Unsinn. (Ich mache das auch immer – auch bei Cola – und mir ist auch noch nie eine Dose über­ge­schäumt. Also toi toi toi! Die­sen klei­nen Aber­glau­ben leis­te ich mir.) Die GEZ hat RICH­TIG genervt. Vor allem als Stu­dent ist das trau­rig. Man gibt Geld aus für nichts! Ich hat­te noch nicht mal einen Fern­se­her! Als ich nach Deutsch­land gekom­men bin, habe ich mir auch so ein Giro­kon­to gemacht. Wenn man mit der Kar­te bezahlt, fra­gen sie oft gar nicht nach der PIN son­dern wol­len nur eine Unter­schrift! Das ist so unsi­cher! Total unlogisch!“

Was ver­misst du am meis­ten an Deutsch­land oder den Deutschen?

Die Stim­mung. Die Atmo­sphä­re. Die Höf­lich­keit. Am Anfang sind die Deut­schen nicht so offen, aber wenn du die Leu­te ein biss­chen kennst, kannst du mit ihnen wirk­lich über alle The­men spre­chen. Das hat mich über­rascht. Ich ver­mis­se auch, dass man sich in Deutsch­land nicht so nach den Regeln klei­den muss. Man muss nicht so schick sein. Es wird ein­fach nicht so dar­auf geach­tet. Das ist entspannt.

Das Essen ver­mis­se ich aller­dings nicht! Ihr habt gar kei­nen rich­ti­gen Käse! Der Brie hat mir so gefehlt…(Interessant hier­bei: Wäh­rend wohl jeder Deut­sche ein Gemü­se­fach pflegt, besitzt jeder fran­zö­si­sche Kühl­schrank tat­säch­lich ein gut aus­ge­stat­te­tes Käsefach)“

Wel­che ist dei­ner Mei­nung nach der größ­te Unterschied?

Die Ein­stel­lung. Die Fran­zo­sen beschwe­ren sich stän­dig. Echt! Das nervt!“

Haben sich dei­ne Vor­ur­tei­le von vor­her bestätigt?

Hmm. Lass mich mal über­le­gen. Was waren denn Vor­ur­tei­le… Dass Deut­sche kei­ne Haa­re unter den Ach­seln haben! Das stimmt schon mal nicht. Aber sie trei­ben viel Sport! Das ist rich­tig. Des­halb habe ich auch zum ers­ten Mal Sport getrie­ben. (An die­ser Stel­le ist zu bemer­ken, dass der Groß­teil der Fran­zo­sen sich in sei­ner Unsport­lich­keit regel­recht sonnt. „Boule“ als Natio­nal­SPORT zu ver­kau­fen, ist ja bereits ein Witz an sich.) Außer­dem sind sie mehr auf Regen ein­ge­stellt. Ja! Ich hat­te gar kei­ne rich­ti­ge Klei­dung dafür. Sie haben kei­nen Humor. Das stimmt. (Böser Blick mei­ner­seits) Also ich mei­ne… MAN­CHE haben kei­nen Humor (Geht doch!).“

Sieht so etwa kein Humor aus? 😀

Gibt es denn Din­ge, die du vermisst?

SPE­ZI! Das ist so lecker.“ Ver­kün­det er sofort mit leuch­ten­den Augen. „Aber eigent­lich ver­mis­se ich alles. Ich wünsch­te, es gäbe hier auch die Pau­sen zwi­schen den Uni­kur­sen (Die gibt es hier näm­lich in der Tat nicht. Kur­se gehen immer bis zur vol­len Stun­de und begin­nen auch zur vol­len Stun­de. Die Sache mit der Erfin­dung des Bea­mens wür­de bei den fran­zö­si­schen Stu­den­ten also ganz hoch im Kurs ste­hen.) und dann nur 1,5 Stun­den inten­siv Kurs. Das ist ein­fach bes­ser als die sechs Stun­den, die man hier oft hat.

Und Döner – ja der Döner – mmhhh und die Preis­leis­tung ist per­fekt! In Frank­reich ist es so viel teurer.

Oh und die Geschenk­bo­xen, die in Kiel jede Woche auf dem Markt ver­teilt wur­den – mit Essen und so. (Aha, mir scheint, ich soll­te in Kiel mal vor­bei­schau­en. Ich bemer­ke, dass das wohl Kiel-spe­zi­fisch und kein deutsch­land­wei­tes Phä­no­men sei.)

Und den Pfand! („Den ver­misst du?!!“) Ja, die Fla­schen lie­gen dann nicht über­all her­um. Es ist viel ordent­li­cher auf den Stra­ßen. Und dass auf WG Par­ties in Deutsch­land jeder sei­ne eige­nen Geträn­ke mit­bringt. In Frank­reich wird alles unter allen geteilt. („Das fin­dest du bes­ser oder schlech­ter?“) Naja es kommt dar­auf an, was man mit­bringt (Er lacht.)“

Ich wäre dann mit mei­nen Fra­gen durch. Hast du noch etwas beizufügen?“

- „Nein ich glau­be, das war alles.“

Als ich gera­de mei­nen Lap­top weg­pa­cken will, fällt ihm plötz­lich doch noch etwas ein.

- „Eine Fra­ge hab ICH aber mal noch: War­um benutzt ihr fran­zö­si­sche Wor­te stän­dig falsch?“

Ich lache ver­dutzt. „Was meinst du?“

- „Zum Bei­spiel Foy­er! Das heißt Hei­mat. Die Fami­lie, das Haus der Eltern und so. Ihr sagt das immer zu Eingangsbereich.“

Ich bin völ­lig über­rascht. „Was?! Wirklich?“

- „Ja und auch gar­de-robe ist nicht für Jacken. Das ist ein ves­ti­ai­re! Gar­de-robe heißt Schrank!“

Mei­ne ers­te Ver­mu­tung war: Tja, ich wür­de mal behaup­ten da war vor lan­ger Zeit ein stüm­per­haf­ter Über­set­zer am Werk. Mal wie­der Wis­sen mit dem man sich in Gesprä­chen unbe­liebt machen kann. „Eigent­lich ver­wen­dest du das Wort übri­gens falsch…“. Wenn ich dar­über nach­den­ke, wie oft ich das Wort „Foy­er“ bereits benutzt und mich abso­lut sophisti­ca­ted dabei gefühlt habe, soll­te ich der­ar­ti­ge Ver­bes­se­run­gen viel­leicht doch lie­ber unterlassen.

Unser aller Freund Goog­le belehr­te mich jedoch eines Bes­se­ren. Foy­er stammt also ursprüng­lich aus dem Latei­ni­schen und steht sowohl für die hei­mat­li­che Feu­er­stel­le als auch für eine Lob­by oder einen Vor­raum. Wir hat­ten also bei­de Recht.

Das bes­te dar­an die­sen Blog zu füh­ren ist, dass ich selbst so vie­le Din­ge her­aus­fin­de, die ich sonst nie erfah­ren hät­te und ich hof­fe, dass es euch beim Lesen eben­so geht. Schließ­lich ist es oft nicht so leicht, sich selbst den Spie­gel vor­zu­hal­ten. Im nächs­ten Teil erfahrt ihr, wel­che Über­ra­schun­gen Lola bei ihrem Auf­ent­halt in Leip­zig erlebt hat. Bis dahin, schön, dass ihr vor­bei­ge­schaut habt und bis bald.

 

Eure Anna

In Zusam­men­ar­beit mit Antoine

XO

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