Im Gedankenzug nach Hause

In 33 Tagen, ist alles vorbei. Naja, zumindest mein Jahr in Kobe. Wenn ich am 1. September fliege, war ich bis auf einen Tag genau ein Jahr hier in Japan. In den letzten Wochen ging es bei allen Studierenden noch mal richtig rund. Mehrere Partys, die Klausurenphase, noch mal so viel Kultur und Spaß mitnehmen wie nur möglich.

Wie zu erwarten begann mit der absehbaren Klausurenphase Ende Juli, die Zeit, in der die mir bekannten (wirklich durch die Bank weg alle) internationalen Studis noch einmal richtig auf den Putz gehauen haben. Innerhalb der letzten vier Wochen hatte sich eine Endzeitstimmung breit gemacht, oder auch besser gesagt Torschlusspanik. Reisen, die man aufgeschoben hat, weil „Ach, der Ort ist ja quasi um die Ecke“ oder Lokale, die man noch nicht besucht hat, wurden oder werden konsequent abgeklappert. Wir haben das Gefühl, dass wir unbedingt noch mal jedes japanische Gericht, jeden Sake, jeden Winkel der Stadt und jede uns so lieb gewonnene Bar besuchen und probieren müssen. Vielen geht es so, dass sie froh sind, Heim zu kommen. Japan sei zwar schön, sagen sie, aber es sei nach einem Jahr Zeit, nach Haus zu gehen und in die „echte“ Welt wieder einzutauchen.

Im Grunde stimmt das. Das Leben als Austauschstudent ist eine riesige Blase, in der ein Leben weitergeht, was mit dem zu Hause nicht viel zu tun hat. Noten sind für viele Studis irrelevant, alles ist freiwillig und es gibt kaum Zwänge oder Verpflichtungen, an die man sich halten muss. Eine Menge Leute erhalten Förderungen aus verschiedenen Stipendientöpfen, was einen großen finanziellen Spielraum schafft, um allerlei Spaß in Bars, Restaurants und auf Reisen zu haben. Auch viele Pärchen haben sich gebildet, sich geliebt und manche auch wieder auseinander gelebt. „Ich bin soweit von Zuhause weg, ich genieße hier jede Facette des Lebens“, ist ein Spruch, den ich nicht nur einmal gehört habe. In den Ländern, aus denen wir kommen, warten wieder ernsthafte Studienprojekte, weniger Geld, die Aussicht sich in naher Zukunft für Master oder Job bewerben zu müssen.

Ich gehöre zu der Gruppe von Studis, die diese Blase eigentlich gerne behalten würden. Das Leben ist einfach, frei und ungezwungen. Das Essen hier ist fabelhaft, die Freizeitmöglichkeiten sind ebenso hervorragend und am besten ist einfach die internationale Community. Am liebsten wäre mir, wenn wir noch ein weiteres Jahr alle zusammen in der Kombination, in der wir sind, verbringen könnten. Ich weiß, dass das nicht geht, dass jetzt viele gehen müssen und dass auch ich das muss, aber dennoch ist das so ein kleines Hirngespinst von mir. Meine Freundin aus Berlin hat Angst vor dem „Reverse-Culture-Shock“. Man kommt zurück in seine eigene Kultur, doch ist eigentlich jetzt so an die des Gastlandes (was jetzt aber auch irgendwie unser Zuhause ist) gewöhnt, dass man geschockt ist, von dem, was man Zuhause vorfindet. In ihrem Fall ist es wohl die graue, deutsche Mentalität und unsere, im Vergleich zu Japan, doch etwas dreckige Hauptstadt. Ich für meinen Teil fürchte mich ganz generell vor der „Post-Trip Depression“. Man kann darüber streiten inwiefern beide Phänomene gleich sind oder nicht, aber eines bedingt wohl das andere und umgekehrt.

Obwohl jetzt im August für mich 4 Tage Korea, 2 Tage Hiroshima und 7 Tage Tokyo anstehen, wird die Zeit dazwischen sicherlich sehr schwer für mich. Nach 11 Monaten hat man sich schon lange eingelebt. Man trifft Leute, die man kennt, in der Stadt. Man weiß, welche Wege zu gehen sind und automatisch, welche Bahn man nehmen muss. Was am Anfang schwer war, ist jetzt einfach. Was man vorher ängstlich anging, ist heute Alltag. Um dieser Trauer zu entgehen, habe ich angefangen, Zuhause schon viel zu planen. Meine „Ich-bin-wieder-da-Feier“, Urlaub, Familienfotos machen, ehrenamtliche Arbeit an der Uni, Projekte mit den Freunden von daheim – alles ganz schön und hoffentlich hilft es mir darüber hinweg, dass Japan vorerst Geschichte für mich ist. Bis zu meinem nächsten Besuch, der schon fest eingeplant ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.