Allei­ne in Seattle

Als ich allei­ne gereist bin, hieß das täg­lich besorg­te Nach­rich­ten von mei­ner Mut­ter zu lesen, sich manch­mal aus Fehl­pla­nung nur von Müs­li­rie­geln zu ernäh­ren und den inne­ren Schwei­ne­hund über­win­den zu müs­sen. Trotz­dem hat es sich defi­ni­tiv gelohnt.

Gum Wall (ja – das ist tat­säch­lich Kau­gum­mi an den Wänden)

Mor­gens allei­ne in einem Hos­tel zu früh­stü­cken gelingt nur, wenn man sich hin­ter Smart­pho­ne oder Buch ver­kriecht und abso­lut alle Gesprächs­ver­su­che abblockt. Sonst sitzt oft min­des­tens eine red­se­li­ge Per­son da, wer auch immer es sein mag – an mei­nem ers­ten Mor­gen in Seat­tle war ich froh, ande­ren Allein­rei­sen­den zuzu­hö­ren und Erfah­run­gen aus­zu­tau­schen. Man muss nicht immer mut­ter­see­len­al­lein sein: Ich unter­nahm eine Wal­king Tour mit ande­ren Tou­ris, pro­bier­te dabei am Pike Place Mar­ket Häpp­chen und hör­te mir Geschich­ten über den Stadt­kern Seat­tles an.

Seat­tles ver­reg­ne­te Innenstadt

Als ich mich auf­mach­te, um zur Space Need­le zu gehen, merk­te ich mir den Weg (was bei der US-ame­ri­ka­ni­schen Stra­ßen­füh­rung ganz wun­der­bar geht – ein­fach die Anzahl an Blö­cken mer­ken, die man lau­fen muss), steck­te mein Han­dy weg und ließ die Umge­bung auf mich wir­ken. In mei­nem eige­nen Tem­po lief ich am alten Pike Place Mar­ket, Back­stein­ge­bäu­den und Wol­ken­krat­zern vor­bei, beob­ach­te­te die Locals, die von Hoch­haus zu Hoch­haus hetz­ten, schau­te in Geschäf­te rein und spa­zier­te beim Weg zurück durch den Skulp­tu­ren­gar­ten. Allei­ne durch eine Stadt zu lau­fen, ist etwas, das ich mir für künf­ti­ge Rei­sen viel öfter vor­neh­men möch­te: Die Ein­drü­cke und Bil­der, die man von einem Ort auf die­se Wei­se gewinnt, blei­ben einem unheim­lich gut im Gedächtnis.

Pike Place Market

Zuhau­se in Deutsch­land gal­ten vie­le Din­ge für mich als abso­lu­te Grup­pen­ak­ti­vi­tä­ten. In Seat­tle trau­te ich mich zum ers­ten Mal kom­plett allei­ne ins Muse­um, ver­gaß beim Umher­lau­fen die Zeit, oder ging am nächs­ten Tag zum ers­ten Mal allei­ne ins Kino und schau­te mir einen Film, den ich moch­te, ein­fach ein zwei­tes Mal an. Allei­ne unter­wegs zu sein gibt einem völ­li­ge Pla­nungs­frei­heit, die man sonst unter­schätzt – mit­tags ein­fach mal für ein paar Stun­den ein Nicker­chen zu machen ist so auch pro­blem­los mal drin.

Blick vom Sky View Observatory

Natür­lich gab es Momen­te, in denen das Allei­ne­rei­sen weni­ger blu­mig war: zum Bei­spiel wenn man abends allei­ne zum Hos­tel läuft oder sich, und das pas­siert zuge­ge­be­ner­ma­ßen, ein­sam fühlt. Ers­te­res muss man selbst ver­su­chen ein­zu­schät­zen und sich nicht in unnö­tig gefähr­li­che Situa­tio­nen bege­ben. Zwei­te­res ist aller­dings genau die Her­aus­for­de­rung, wenn man allei­ne unter­wegs ist: Mit sich, sei­nen Gedan­ken und Gefüh­len allei­ne zu sein, ist etwas, wor­an man unheim­lich wächst. Was mir in San Die­go noch etwas unan­ge­nehm war, genoss ich in Seat­tle auf einer Aus­sichts­platt­form mit guter Musik in mei­nen Ohren für ein paar Stun­den: allei­ne für mich die Rei­se, so kurz sie auch gewe­sen sein mag, zu genießen.

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