Meine Neugierde ist sehr groß

 

Interview mit Prof. Dr. Lutz Raphael zur Tagung „Arabische Historiographie“ vom 21.-23. November an der Uni Trier

Herr Raphael, ist es übertrieben zu sagen, dass Sie mit dieser Konferenz eine Tür in eine für westliche Historiker neue Welt aufstoßen?
Ja und Nein: Seitentüren zur arabischen Wissenschaft werden von Fachkollegen aus dem Westen schon lange durchschritten, häufig dank individueller Kontakte. Seltener wird das Hauptportal benutzt und ganz bewusst der Austausch zwischen der westlichen und arabischsprachigen Wissenschaftscommunity gepflegt.

Warum wurde das Hauptportal so selten benutzt?
Es gibt viele Gründe dafür, dass es keinen flächendeckenden, nur einen punktuellen Austausch zwischen der arabischen und westlichen Wissenschaft gibt. Wir sollten nicht vergessen, dass die materiellen, aber auch die politischen Arbeitsbedingungen in vielen arabischen Ländern für unsere Historikerkolleginnen und -kollegen nicht einfach sind. Die Pflege wissenschaftlicher Kontakte ist also keine Selbstverständlichkeit und bedarf besonderer Förderung.

Welche Hürden standen dem Austausch zwischen Historikern der westlichen Welt und denen aus dem arabischen Raum im Weg?
Eine hohe Hürde ist die Sprache. Einerseits beherrschen wenige westliche Wissenschaftler das Arabische. Andererseits ist es nicht selbstverständlich, dass Wissenschaftler aus dem arabischen Raum westliche Sprachen wie Englisch sprechen. In Marokko und Tunesien ist Französisch verbreitet, das aber wiederum nicht unbedingt Wissenschaftler aus dem englischen Sprachraum beherrschen. Ein wichtiges Zentrum der Forschung ist Madrid, somit kommt Spanisch als weitere Sprache hinzu. Übersetzungen und Übersetzer sind für diesen Dialog also ganz wichtig. Amar Baadj, der diese Tagung geplant und vorbereitet hat, sieht eine weitere hohe Hürde in der aktuellen politischen Situation in vielen arabischen Ländern, durch die in einigen Ländern Infrastruktur zerstört wurde. Dazu kommen sicherheitspolitische Probleme. Einige Gäste können nicht zur Konferenz kommen, weil die Visa nicht oder zu spät erteilt wurden.

Hat in der Gegenrichtung eine Rezeption westlicher Historiographie im arabischen Raum stattgefunden?
Mein Eindruck ist, generell werden die westlichen Forschungsergebnisse und -trends breit rezipiert. Die großen internationalen Strömungen des Faches haben auch in der arabischsprachigen Geschichtswissenschaft ihre Spuren hinterlassen. Andersherum gilt dies viel weniger: Die Ergebnisse arabischsprachiger Forschung sind wenig bekannt und dortige Ansätze werden kaum diskutiert. Hier besteht ein deutliches Missverhältnis. Mit dieser Konferenz wollen wir einen kleinen Beitrag leisten, dass sich das ändert. Amar Baadj wird auf der Grundlage der Beiträge ein Handbuch in englischer Sprache herausgeben, das den arabischsprachigen Forschungsstand zu den älteren Epochen der arabischen Geschichte dokumentieren wird.

Was versprechen Sie sich von dem Austausch?
Wichtig ist uns, dass aus dem Treffen konkrete Arbeitszusammenhänge entstehen. Zu hoffen ist auf weitere Tagungen dieser Art, etwa zur Geschichtsforschung der neueren Epochen seit 1500. Wir freuen uns, dass Wissenschaftler aus den benachbarten Zentren zur Erforschung der islamischen Geschichte wie Bonn oder Heidelberg an der Tagung teilnehmen und sich an dieser Initiative beteiligen. Das schafft gute Voraussetzungen für eine Fortsetzung.

Ist es für Sie die erste intensive Begegnung mit arabischer Historiographie?
Für mich ist es tatsächlich die erste intensive Begegnung. Meine Neugierde stammt aus der Arbeit an meinem Buch zur internationalen Geschichte der Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert. Dabei fiel mir auf, wie lückenhaft unser Wissen über die arabischsprachige Geschichtswissenschaft ist. Die Gründung der DFG-Leibniz-Forschergruppe „Vergleichende Zeitgeschichte der modernen Geschichtswissenschaften“ bietet nun die Chance, diese Lücke zu schließen und zugleich auch den Dialog zwischen westlichen und arabischsprachigen Historikern zu intensivieren. Meine Neugierde darauf, wie der Ideentransfer mit den arabischsprachigen Kollegen gelingen wird, ist sehr groß.

Die DFG-Leibniz-Forschergruppe hat sich zur Aufgabe gemacht, Geschichtswissenschaft global zu vergleichen. Ist die arabische Historiographie insofern eine Zwischenstation auf einer wissenschaftlichen Reise um die Welt?
Für unsere Forschergruppe geht die Reise in der Tat weiter. Wir haben bereits weitere Räume erschlossen, forschen zum Beispiel zu Geschichtswissenschaft, Nationalstaat und Demokratie in Südasien, speziell in Indien. Wir arbeiten zudem an neuen Projekten, bereiten aus Anlass des Marx-Jahres 2018 einen Workshop zur Aktualität Marxscher Ideen in der gegenwärtigen Geschichtsforschung vor und werden im nächsten Jahr Kolleginnen und Kollegen aus Lateinamerika, Afrika und Indien hier in Trier begrüßen.

Zur Ankündigung der Tagung

Zu weiteren Informationen und zum Programm der Konferenz unter www.fze.uni-trier.de.