Von der Hauptschule über die Tanke zur Lehrerin

Sie war eine Rebellin und vom Typ Zappelphilipp. Das sagt Jessica Kreutz (35) heute über sich als Schülerin. Jetzt wird sie Lehrerin für Deutsch und Sozialkunde. Ihr Weg hatte viele Stationen, aber ein Abitur hat sie nie gemacht. Trotzdem studiert Jessica an der Uni Trier. CAMPUSnews hat sie getroffen.

Erst hat Jessica Kreutz die Hauptschule besucht, danach musste sie die Berufsfachschule wegen Krankheit abbrechen, absolvierte auf dem Gymnasium die mittlere Reife und beendetedamit ihre Schullaufbahn.

Aufgepasst: Informationsabend zum Studium ohne Abitur am 23. November um 18 Uhr.

Sie begann eine Ausbildung zur Bauzeichnerin. Aber nach drei Jahren Ausbildung fiel sie durch die Abschlussprüfung. Den Wiederholungstermin trat sie nicht an, weil sie wusste, dass auf Dauer der technische Beruf nichts für sie wäre.So kam Jessica nach der Schulzeit, ohne Berufsabschluss, mit 20 Jahren, an eine Tankstelle in Luxemburg. Sie blieb 12 Jahre dort bis sie an die Uni Trier kam.

Jessica, bereust du heute deine Schullaufbahn?

Als ich mit Anfang 20 an der Tankstelle gelandet bin, sagten einige Freunde zu mir: Mensch, du kannst doch viel mehr. Aber ich bin froh, dass ich bin wie ich bin und nicht den geraden Weg genommen habe.

Wie warst du als Schülerin?

Ich war immer eine problematische Schülerin – sehr unangepasst, eine kleine Rebellin. Ich habe meine Lehrer auf Trab gehalten und mich manchmal verweigert. Auch dadurch waren meine Leistungen schwankend.
Viele beschweren sich über die Jugend heutzutage.  Gerade komme ich aus meinem zweiten Pflichtpraktikum. Ich finde viele Schüler stellen zu wenig in Frage. Nehmen Dinge einfach hin.

Wogegen hast du dich in der Schulzeit aufgelehnt?

Ich hatte Lehrer mehrere Lehrer der alten Schule. Da war einer, der nur noch Vertretungsstunden gemacht hat. Er war immer sehr cholerisch und ist sogar einmal handgreiflich geworden. Mit dem bin ich jede Diskussion eingegangen. Am Ende war es so, dass der Lehrer auch nicht mehr als Vertretungslehrer eingegsetzt worden ist.

Möchtest du als Lehrerin etwas anders machen?

Ich würde Jugendliche nie von vorneherein aufgeben, sondern wirklich versuchen die Brücke zu bauen. Ich bin nicht euer Feind, sondern ich will euch etwas Gutes. Manche Klassen werden von Lehrern aufgegeben. Das wären genau die Klassen, die ich freiwillig übernehmen würde.

Du wirst Lehrerin für Deutsch und Sozialkunde. Wie hast du dich für die Fächer entschieden?

Deutsch, gerade Literatur, habe ich immer gern gemacht. Politische Bildung kommt meiner Meinung nach zu kurz. Sozialkunde sollte nicht nur sein, zu erklären wie ein Regierungssystem funktioniert. Sondern, da sollte genauso eine Wertevermittlung stattfinden. Der Wert, den eine Demokratie hat, den ein Wahlrecht hat, ist vielen nicht mehr klar. Diskussionen sind für mich ein wichtiges Unterrichtselement. Mit den Schülern möchte ich aktuelle Politik in der alltäglichen Lebenssituation kritisch hinterfragen und Meinungsbildung fördern.

Hast du deswegen den Beruf der Grundschlullehrerin direkt ausgeschlossen?

Ich brauche die Pubertätsdramatik. Wenn die Action und die Herausforderung der Persönlichkeitsentwicklung losgeht. Mich reizt nicht nur das Lehren, sondern auch das Pädagogische am Beruf. Es ist für mich nicht abhängig von Intellekt und sozialer Zugehörigkeit, dass Kids „auf die schiefe Bahn“ geraten. Das ist ein Misch-Masch aus allem. Das reizt mich, auch wenn ich nicht weiß, ob sich das so lösen lässt.

Studieren ohne Abitur – Wie ist das möglich?
Es gibt viele Möglichkeiten an der Universität Trier zu studieren: Die Allgemeine Hochschulzugangsberechtigung (Abitur), die Fachhochschulreife und die berufliche Qualifizierung. Mehr unter www.studierenohneabitur.uni-trier.de.

Du hast 12 Jahre in einer Tankstelle in Luxemburg gearbeitet und jetzt wirst du Lehrerin. Was brachte dich dazu nochmal etwas neu anzufangen?

Ich war frustriert von der Tätigkeit, die sich für mich immer sinnloser anfühlte und die ständigen Konflikte mit meinen Vorgesetzten waren nicht mehr auszuhalten. Ich habe dann eine Entscheidung getroffen. Ich sagte mir, ich möchte das machen, wovon ich glaube, dass es mir liegt: Lehrerin sein. Meine intrinsische Motivation ist wichtig für mich.
Ich wollte schon mit 15 Jahren an die Uni, nur ohne Abitur ging das nicht. Aber während meiner Zeit an der Tankstelle habe ich die Prüfung zur Verkäuferin abgelegt und mit Auszeichnung bestanden. Später habe ich ein fachgebundenes Fernstudium gemacht und als Handelsfachwirtin abgeschlossen.

Statistisch gehen immer mehr Grundschüler auf das Gymnasium. Der Anteil ist im letzten Jahrzehnt erheblich gestiegen. Wie findest du das?

Ich mache mir dazu sehr viele Gedanken und frage mich, was tatsächlich besser ist. In meinen Nebenjobs werde ich auch damit konfrontiert. Ich arbeite in der Schülernachhilfe und ich leite das Büro der Stadtratsfraktion der Linken in Trier. In der Nachhilfe erlebe ich viele Gymnasiasten. Vielen würde es besser gehen, wenn sie gute Schüler auf einer Realschule wären. Misserfolg und falscher Leistungsdruck zerstören das Selbstbewusstsein.

Wie möchtest du daran etwas ändern?

Ich finde, man sollte Eltern erklären, dass es viele Möglichkeiten gibt an eine Hochschule zu kommen. Ausbildungsberufe bedeuten nicht immer, dass man wenig Geld verdient. Dann läuft etwas falsch. Ein Realschüler kann eine richtig gute mittlere Reife machen und später immer noch auf ein allgemeinbildendes Gymnasium oder eine beruflich orientierte Oberstufe gehen. Dadurch machen Schüler eine ganz andere Persönlichkeitsentwicklung. Ich habe es selbst erlebt.

Ein Kommentar

  1. Toller Beitrag!!!
    Ich selbst, bin erst später auf ein Gymnasium gegangen und studiere jetzt Lehramt. Ich wünsche Frau Kreuz aber alles erdenklich Gute und hoffe Sie steckt mit Ihrer vorbildlichen Denkweise auch die anderen Lehrer im Lehrerzimmer an. Kann Ihr in allen Punkten nur zustimmen. Daumen hoch!

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