Wissenschaftskommunikation wird neu vermessen

Medienwissenschaftler untersuchen, wie Forschung im Fernsehen und Internet vermittelt wird.

Wie wird Wissenschaft im Fernsehen und im Internet audiovisuell vermittelt und wie sollte sie vermittelt werden? Prof. Dr. Hans-Jürgen Bucher und Bettina Boy wollen mit ihrem Projekt Antworten geben. Foto: Sheila Dolman

Laut Wissenschaftsbarometer 2017 haben 58 Prozent der Deutschen großes Interesse an Wissenschaft – Tendenz steigend. Zum Vergleich: Politik kam lediglich auf einen Wert von 49 Prozent. Entsprechend vital dürfte das Interesse an Informationen aus der Wissenschaft sein. Dass aber nur 34 Prozent der Befragten mit der Wissenschaftsberichterstattung zufrieden sind, wirft die Frage auf, was und wie über Wissenschaft berichtet wird. Die Wissenschaft selbst gibt dazu wenig Auskunft, es mangelt an relevanten Studien. Medienwissenschaftler Prof. Dr. Hans-Jürgen Bucher und die Promovendin Bettina Boy wollen daher in den kommenden drei Jahren ein Teilgebiet der Wissenschaftskommunikation untersuchen. Ihr  Forschungsprojekt fokussiert auf die audio-visuelle Wissenschaftsvermittlung im Fernsehen und im Internet. „Wir wollen den Raum der audio-visuellen Wissenschaftskommunikation neu vermessen“, fasst Hans-Jürgen Bucher das Vorhaben prägnant zusammen.

Quantität scheint nicht das drängendste Problem der audio-visuellen Wissenschaftskommunikation zu sein. Wer sämtliche Wissenschaftsformate im Fernsehen und im Internet erfassen will, muss intensive Recherchen betreiben. Der Wissenschaftler und Journalist Markus Lehmkuhl spricht bereits 2008 in einem Aufsatz angesichts „von 80 Wissenschafts- oder Wissensformaten“ im Fernsehen von einer „neuen Unübersichtlichkeit“. Professor Bucher und Bettina Boy wollen daher im ersten Schritt ihres Forschungsprojekts mittels einer Bestandserhebung eine „neue Übersichtlichkeit“ herstellen. Dass Online-Medien als Plattform für Wissenschaftsfilme stark an Bedeutung gewinnen, macht ihnen die Arbeit nicht leichter.

Diese Entwicklung ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass Wissenschaftler, Hochschulen und Forschungsinstitutionen dank neuer Digitaltechnik verstärkt als Produzenten und Kommunikatoren auftreten. „Die audio-visuelle Wissenschaftsdarstellung findet inzwischen in zwei Räumen statt. Da ist zum einen die professionelle journalistische Wissenschaftsvermittlung, beispielsweise in TV-Wissenschaftsmagazinen. Daneben hat in einem zweiten Raum die externe audio-visuelle Wissenschaftskommunikation mittels Video in Online-Kanälen zunehmend an Bedeutung gewonnen“, beschreibt Hans-Jürgen Bucher die Situation. Beiden Räumen wollen sich die Trierer Medienwissenschaftler widmen und sie im Hinblick auf die Qualität der Wissenschaftsvermittlung vergleichen. Wobei Bucher eine Priorisierung vorausschickt: „Das Fernsehen ist in der Wissenschaftsvermittlung das wichtigere Medium. Das geht aus dem Wissenschaftsbarometer 2016 hervor und spiegelt sich auch deutlich in der Anzahl und der Reichweite der Wissenschaftsmagazine im TV.“

Wie viele und welche Wissenschaftssendungen tatsächlich aktuell in den Programmplänen der Sender auftauchen, darüber gibt es bislang keine umfassenden Erhebungen. Darüber hinaus stehen die Medienwissenschaftler vor vielen weiteren Fragen: Welche Formate entwickeln sich im Internet? Was macht einen Film oder ein Video zu einem Wissenschaftsbeitrag? Welche Typen von audio-visueller Wissensvermittlung gibt es und wie grenzen sie sich ab? Wer nutzt die Angebote? Wie werden sie rezipiert und wie erfolgreich sind sie? In welchem Verhältnis stehen die beiden oben beschriebenen Kommunikationsräume zueinander? Welche Effekte entstehen, wenn Wissenschaftskommunikation immer seltener von Journalisten betrieben wird?

Als ersten Schritt der dreistufig angelegten Studie werden Hans-Jürgen Bucher und Bettina Boy eine Bestandserhebung vornehmen, um Wissenschaftsvideos zu typologisieren. Das stellt die Forscher insbesondere bei der Erfassung und Bewertung von Online-Wissenschaftsvermittlung vor Probleme. „Im Internet lassen sich die Grenzen im Hinblick darauf, was als Wissenschaftskommunikation oder -vermittlung zu werten ist, nicht glatt ziehen. Die Produzenten halten sich nicht unbedingt an die im TV entwickelte Systematik“, fasst Bettina Boy ihre Eindrücke aus Voruntersuchungen zusammen. Auch die Grenzen zwischen journalistischen Kategorien wie Dokumentation, Magazin, Feature, Reportage, Ratgeber oder Show zerfließen hier häufig.

Bestandserhebung und Typologisierung bilden das Gerüst für die zweite Projektphase, eine umfassende  Rezeptionsstudie, die sich der bewährten Blickaufzeichnungstechnik bedient und durch eine Befragung der Probanden ergänzt wird. Wobei die Blickaufzeichnung beim Betrachten bewegter Bilder eine anspruchsvollere Aufgabe darstellt als bei statischen Printprodukten. Insbesondere die Definition der „areas of interest“ erfordert bei Bewegtbildern einen deutlich höheren Aufwand. „Wir wollen in dieser Phase ermitteln, wie audio-visuelle Darstellungsformen und Strategien den Wissenstransfer beeinflussen“, nennt Professor Bucher ein Teilziel. Die Laborstudie soll auch Erkenntnisse über die Akzeptanz und den Erfolg unterschiedlicher Varianten der Wissenschaftsvermittlung erbringen.

Seit 1993 moderiert Ranga Yogeshwar die Wissenssendung Quarks & Co, seine Laufbahn als Wissenschaftsredakteur begann er schon sechs Jahre zuvor beim WDR. Foto: WDR

Die Laborstudie wird in einem dritten Schritt durch eine Online-Umfrage ergänzt, bei der die Internet-Plattform für Wissenschaftsvideos „SciViews“ als Kooperationspartner auftritt. Hierbei sollen quantitativ relevante Daten erhoben werden, beispielsweise auch zu Akzeptanz-Standards und zu Interessen der Nutzer, um die Laborstudie zu überprüfen. Nicht zuletzt sollen die beiden Kommunikationsräume verglichen und Parameter wie Produktionsaufwand berücksichtigt werden.

Die Erkenntnisse aus den drei Projektstufen und die darin ermittelten Qualitätsstandards wollen die Trierer Forscher schließlich auf die Anwendungsebene übertragen. „Wir verfolgen in der letzten Phase das Ziel, praxisorientierte Empfehlungen für die Gestaltung von Wissenschaftsfilmen herauszuarbeiten“, so Bucher. In Kooperation mit dem Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation (NaWik) in Karlsruhe könnten die Forschungsergebnisse diskutiert werden und in Weiterbildungskonzepte für Wissenschaftler einfließen. „Ich halte es nur für konsequent, wenn wir uns mit neuen Distributionsformen beschäftigen, dass wir diese auch selbst nutzen“, sagt Professor Bucher. Deshalb sollen die Studienergebnisse auch für Nicht-Wissenschaftler online zugänglich gemacht werden.

Im besten Fall könnte die Forschung der Trierer Medienwissenschaftler folglich dazu beitragen, Standards zu entwerfen, die in der Umsetzung zu einer besseren Qualität von audio-visueller Wissenschaftsvermittlung und damit zu höheren Zufriedenheitswerten der Bevölkerung führen.

Kontakt:
Prof. Dr. Hans-Jürgen Bucher
Medienwissenschaft
E-Mail: bucher@uni-trier.de
Tel. 0651/201-3611

Zum Artikel im Unijournal (Seite 12)

Weitere Einblicke in die Forschung der Medienwissenschaft gibt es beim 20-jährigen Jubiläum am 27. Januar 2018.

www.medienwissenschaft.uni-trier.de