Das 19. Jahr­hun­dert aus der Per­spek­ti­ve einer ein­fluss­rei­chen Frau

Die etwa 15.000 Exem­pla­re star­ke Brief­kom­mu­ni­ka­ti­on der Kai­se­rin Augus­ta (1811–1890) weckt die Neu­gier der For­schung.

Kai­se­rin Augus­ta schrieb eif­rig Brie­fe: Mit etwa 400 ver­schie­de­nen Brief­part­nern aus Poli­tik, Wirt­schaft, Wis­sen­schaft und Kunst stand sie in Kon­takt.

Für Geschichts­wis­sen­schaft­ler sind Brie­fe aus­sa­ge­kräf­ti­ge Quel­len. Mit den Kor­re­spon­den­zen von Köni­gen, Poli­ti­kern und Intel­lek­tu­el­len hat sich die For­schung daher man­nig­fach aus­ein­an­der­ge­setzt. Ein neu­es Pro­jekt an der Uni­ver­si­tät  Trier macht nicht Brief­wech­sel  „gro­ßer Män­ner“ zum Gegen­stand. Unter­sucht wird die Brief­kom­mu­ni­ka­ti­on der Kai­se­rin Augus­ta (1811–1890), die als eine der poli­tisch ein­fluss­reichs­ten Frau­en des 19. Jahr­hun­derts gilt. Eine gro­ße Auf­ga­be: In Archi­ven sind schät­zungs­wei­se 15.000 Brie­fe über­lie­fert.  

Brie­fe spiel­ten eine zen­tra­le Rol­le für die Kom­mu­ni­ka­ti­on im 19. Jahr­hun­dert. In einer Welt ohne Tele­fon boten sie die ein­zi­ge Mög­lich­keit, über wei­te Ent­fer­nun­gen mit ande­ren Men­schen in Kon­takt zu blei­ben. Zunächst waren Brief­wech­sel nur wohl­ha­ben­den Bevöl­ke­rungs­schich­ten vor­be­hal­ten, schließ­lich kos­te­te das Por­to auf die heu­ti­gen Ver­hält­nis­se umge­rech­net bis 1850 etwa 30 bis 40 Euro. Erst seit der Jahr­hun­dert­mit­te ver­bes­ser­ten sich die Bedin­gun­gen. Die Eisen­bahn, die Ein­füh­rung von Brief­mar­ken und Brief­käs­ten sowie die Grün­dung ein­heit­li­cher Post­räu­me über inner­deut­sche Lan­des­gren­zen hin­weg beschleu­nig­ten und ver­bes­ser­ten das Post­we­sen. Außer­dem konn­ten durch die fort­schrei­ten­de Alpha­be­ti­sie­rung und sin­ken­de Por­to­kos­ten immer mehr Men­schen Brie­fe schrei­ben. Im Jahr 1870 wur­den 334 Mil­lio­nen Brie­fe in Deutsch­land ver­sandt, 1895 waren es bereits über zwei Mil­li­ar­den.

In den Geschichts­wis­sen­schaf­ten sind Brie­fe eine wich­ti­ge Quel­le. Sie waren kaum zu kon­trol­lie­ren und daher weit weni­ger der (Selbst)Zensur aus­ge­setzt als Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten. Brie­fe waren wert­voll: Sie wur­den auf­be­wahrt und oft­mals im Freun­des- und Fami­li­en­kreis vor­ge­le­sen. Neben der pri­va­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on mit ent­fernt leben­den oder sich auf Rei­sen befin­den­den Freun­den hat sich die For­schung vor allem für wis­sen­schaft­li­che und poli­ti­sche Brief­wech­sel inter­es­siert. Den Brie­fen von Köni­gen, Poli­ti­kern und Intel­lek­tu­el­len, den soge­nann­ten „gro­ßen Män­nern“, wur­den bereits aus­führ­li­che Edi­tio­nen gewid­met. Die Brie­fe von Frau­en stan­den hin­ge­gen bis­her nur sel­ten im Fokus der wis­sen­schaft­li­chen For­schung.

Mit der preu­ßi­schen Köni­gin und deut­schen Kai­se­rin Augus­ta nimmt ein von der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft (DFG) unter­stütz­tes Pro­jekt nun die Brie­fe einer der poli­tisch ein­fluss­reichs­ten Frau­en des 19. Jahr­hun­derts in den Blick. Die Ehe­frau Kai­ser Wil­helms I. (1797–1888) ist vor allem als ent­schie­de­ne Geg­ne­rin des Reichs­kanz­lers Otto von Bis­marck (1815–1898) bekannt. Im mili­ta­ris­tisch und kon­ser­va­tiv gepräg­ten Preu­ßen ver­trat sie eine offen libe­ra­le, katho­li­ken­freund­li­che und pazi­fis­ti­sche Hal­tung.

Wie vie­le ihrer Zeit­ge­nos­sen war Augus­ta eine pas­sio­nier­te Brie­fe­schrei­be­rin. Sie kor­re­spon­dier­te im Lauf ihres Lebens mit rund 400 ver­schie­de­nen Brief­part­nern, dar­un­ter Mit­glie­der euro­päi­scher Fürs­ten­häu­ser, Diplo­ma­ten, Poli­ti­ker, Minis­ter, Unter­neh­mer, Wis­sen­schaft­ler und Intel­lek­tu­el­le. In den Archi­ven sind schät­zungs­wei­se 15.000 Brie­fe über­lie­fert. Doch was bespricht eine preu­ßi­sche Köni­gin etwa mit Alex­an­der von Hum­boldt, Bet­ti­na von Arnim, Max von Pet­tenko­fer, Her­mann von Pück­ler-Mus­kau oder Franz Liszt?

Das Pro­jekt will mit­hil­fe von quan­ti­ta­ti­ven und qua­li­ta­ti­ven Unter­su­chun­gen erfor­schen, über wel­che Zeit­räu­me Augus­ta mit wel­chen Per­so­nen bzw. Per­so­nen­grup­pen über wel­che The­men mit wel­chen Absich­ten kor­re­spon­dier­te. Hier­für wer­den zunächst alle noch erhal­te­nen Brie­fe an und von Kai­se­rin Augus­ta in deut­schen Archi­ven erfasst und hin­sicht­lich Absen­der, Emp­fän­ger, Datum, Schrei­bort und Pro­ve­ni­enz in einer Daten­bank auf­ge­nom­men. Zudem wer­den per­so­nen­be­zo­ge­ne Infor­ma­tio­nen zu jedem Kor­re­spon­denz­part­ner recher­chiert, unter ande­rem Kon­fes­si­on, Geschlecht, Beruf, Par­la­ments­zu­ge­hö­rig­keit und poli­ti­sche Ori­en­tie­rung. Für aus­ge­wähl­te Stich­jah­re folgt dann eine inhalt­li­che Ana­ly­se der Brie­fe, die den Fokus auf Inten­tio­nen und behan­del­te The­men legt.

Das For­schungs­vor­ha­ben will dar­über hin­aus wei­te­re wich­ti­ge Erkennt­nis­se über die Kor­re­spon­denz­pra­xis gewin­nen. Es herrsch­te bei­spiels­wei­se eine stän­di­ge Angst davor, Brie­fe könn­ten abge­fan­gen und in der Pres­se ver­öf­fent­licht wer­den. Man bedien­te sich daher ver­schie­de­ner Metho­den, um das Brief­ge­heim­nis zu wah­ren. Sen­dun­gen mit bri­san­tem Inhalt wur­den von Boten per­sön­lich über­bracht oder an Mit­tels­per­so­nen adres­siert. Selbst­zen­sur, die Ver­wen­dung von nur dem Brief­part­ner ver­ständ­li­chen Begrif­fen oder die Auf­for­de­rung, den Brief nach dem Lesen zu ver­bren­nen, gehör­ten zur gän­gi­gen Pra­xis.

Augus­ta hielt sich nur sel­ten in Ber­lin auf. Sie bevor­zug­te Koblenz sowie den belieb­ten Kur­ort Baden-Baden. Mit ihrem Ehe­mann Kai­ser Wil­helm I. kor­re­spon­dier­te sie daher fast täg­lich, um auf dem neu­es­ten Stand zu blei­ben. Dabei ging es stets um die preu­ßi­sche und euro­päi­sche Tages­po­li­tik. Als Ehe­frau des Mon­ar­chen war Augus­ta die Anlauf­stel­le zahl­rei­cher Bitt­stel­ler und nahm die Rol­le einer Ver­mitt­le­rin ein. Vie­le Brief­part­ner ver­such­ten durch sie Ein­fluss auf die preu­ßi­sche Poli­tik zu gewin­nen, wur­den aber im Gegen­zug auch von Augus­ta selbst für ihre Zie­le instru­men­ta­li­siert.

Das For­schungs­vor­ha­ben unter­sucht die Funk­ti­on der Brief­kom­mu­ni­ka­ti­on Augus­tas im Span­nungs­feld von Diplo­ma­tie, Reprä­sen­ta­ti­on und Tages­po­li­tik. Die lang­jäh­ri­ge, dezi­diert weib­li­che, sowohl regie­rungs­na­he als auch oppo­si­tio­nel­le Per­spek­ti­ve Augus­tas ermög­licht einen neu­en Blick­win­kel auf poli­ti­sche Ereig­nis­se und Ent­wick­lun­gen des 19. Jahr­hun­derts. Das Pro­jekt regt zudem die Ver­wen­dung von Brie­fen in der his­to­ri­schen For­schung an.

Die über­wie­gen­de Mehr­zahl der Brie­fe ist nicht über Online-Find­mit­tel auf­find­bar, son­dern muss müh­sam in den Find­bü­chern der Archi­ve vor Ort recher­chiert wer­den. Die Doku­men­ta­ti­on aller noch erhal­te­nen Augus­ta-Brie­fe erleich­tert zukünf­tig die his­to­ri­sche Arbeit und inspi­riert bes­ten­falls wei­te­re Pro­jek­te zu Unter­su­chun­gen jen­seits der Per­spek­ti­ve der „gro­ßen Män­ner“. Dar­über hin­aus lie­fert das Vor­ha­ben auf­grund der Diver­si­tät der Kor­re­spon­denz­part­ner zahl­rei­che Anknüp­fungs­punk­te für wei­te­re Fach­ge­bie­te, bei­spiels­wei­se die Lite­ra­tur-, Musik- oder Kunst­wis­sen­schaf­ten, sowie Impul­se für inter­dis­zi­pli­nä­re Fra­ge­stel­lun­gen.

Prof. Dr. Chris­ti­an Jan­sen, Susan­ne Bau­er
Neue­re und Neu­es­te Geschich­te

Kon­takt
Prof. Dr. Chris­ti­an Jan­sen
Neue­re und Neu­es­te Geschich­te
Tel. 0651/201‑2188
E-Mail: jansen@uni-trier.de

Zum Arti­kel im Uni­jour­nal (Sei­te 14)

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