Wenn psychosozialer Stress zur Herzensangelegenheit wird

Gesundheitspsychologin Prof. Dr. Heike Spaderna untersucht psycho-soziale Faktoren und klinische Outcomes bei Patienten mit einem Herzunterstützungssystem

Wenn das Herz nicht mehr ausreichend arbeitet, können mechanische Unterstützungssysteme helfen. Die Gesundheitspsychologin Prof. Dr. Heike Spaderna erforscht die Auswirkungen auf betroffene Patienten. Foto: Peter Kuntz

Wie Studien zeigen, wirken sich psychosoziale Stressfaktoren wie Isolation, ein niedriger sozioökonomischer Status, Depression oder Angst bei Herzerkrankungen negativ auf den Verlauf  der Erkrankung aus. Dieser Zusammenhang stellt insofern ein wachsendes Problem dar, als für  Deutschland eine starke Zunahme von Erkrankungen am Herz und seinem Gefäßsystem erwartet wird, vor allem bei Personen über 65 Jahren. Ob diese Faktoren auch Patienten mit einem implantierten mechanischen Herzunterstützungssystem beeinträchtigen, ist weitgehend unbekannt. Diese Wissenslücke will nun ein Forschungsprojekt in der Pflegewissenschaft der Universität Trier mit Erkenntnissen füllen.

Herzunterstützungssysteme sind mechanische Pumpen, die den Herzmuskel in seiner Funktion unterstützen oder sogar ersetzen, den Körper und die Organe mit Blut und Sauerstoff zu versorgen. Empirische Befunde über den Einfluss von sozio-ökonomischen und psychischen Faktoren auf Herzerkrankungen haben Heike Spaderna, Professorin für Gesundheitspsychologie im Fach Pflegewissenschaft, dazu inspiriert, diese Zusammenhänge bei LVAD-Patienten (Left Ventricular Assist Device) zu untersuchen. Sie erhofft sich, aus der Studie Hinweise für eine Optimierung der Versorgung von Patienten mit Herzunterstützungssystemen ableiten zu können. Möglicherweise könnten sich Handlungsempfehlungen dahingehend ergeben, bei Patienten psychosoziale Faktoren künftig intensiver abzufragen, um Risiken besser abzuschätzen und bei der Pflege zu berücksichtigen. Zum anderen könnte Pflegepersonal für das Erkennen psychosozialer Risikofaktoren sensibilisiert und dieser Aspekt in die Ausbildung einbezogen werden. „Je nachdem zu welchen Ergebnissen wir kommen, sind viele Ableitungen denkbar. Sie reichen von niederschwelligen Pflegemaßnahmen bis zur Entwicklung von Apps oder die Einbindung von sozialen Netzwerken“, nennt Heike Spaderna mögliche Anwendungsoptionen.

Diese Aspekte sind von zusätzlicher Brisanz, weil die Implantation von Herzunterstützungssystemen häufig von Komplikationen wie inneren Blutungen sowie neurologischen Erscheinungen wie Hirninfarkt oder Hirnblutung begleitet wird. Zudem stellen die aus dem Körper zu den externen Steuerungseinheiten und Akkus führenden Leitungen ein erhöhtes Risiko für Entzündungen dar. Heike Spaderna und ihr Forschungsteam wollen in dem 18-monatigen Forschungsprojekt Zusammenhänge zwischen den genannten psychosozialen Komponenten und weiteren Parametern wie Alter und Geschlecht untersuchen. Ersten Auswertungen zufolge scheinen Frauen von Risiken und Komplikationen stark betroffen und von einer höheren Sterberate bedroht zu sein. Ob dafür psychosoziale Risikofaktoren relevant sind und ob das Alter bei der Implantation eine Rolle spielt, ist bislang nicht geklärt.

Dazu werten die Trierer Wissenschaftler in Kooperation mit einer Kollegin der San Francisco State University Registerdaten der Interagency Registry for Mechanically Assisted Circulatory Support (INTERMACS) aus. „Dieses Register ist für uns ein besonderer Schatz, weil uns der große Datenbestand erlaubt, viele medizinische Kontrollvariablen einzubeziehen“, erklärt Professorin Spaderna. INTERMACS bündelt für Nordamerika Daten zum Einsatz mechanischer Geräte zur Kreislaufunterstützung und zur Behandlung von fortgeschrittener Herzinsuffizienz. Das europäische Pendant ist EUROMACS, das aber erst seit 2012 mit Daten gespeist wird. Das Trierer Forschungsvorhaben wird sich auch mit Strategien für die künftige Datenerhebung befassen und den Dialog mit Vertretern von INTERMACS und EUROMACS in einem Experten-Workshop anregen. Dieses Forum soll auch dazu dienen, Felder für gemeinsame registerbasierte Forschung zur Rolle psychosozialer Faktoren bei LVAD-Implantationen zu erschließen.

Für das aktuelle Forschungsprojekt können Heike Spaderna und ihre Mitarbeiter auf INTERMACS-Daten von mehr als 16.000 erwachsenen Patienten zugreifen, denen zwischen 2006 und Juni 2017 LVAD-Systeme implantiert wurden. Die Trierer Wissenschaftler wollen den Datenbestand daraufhin analysieren, wie die vor einer Operation in Patientenbögen erfassten psychosozialen Parameter den Behandlungserfolg nach einer LVAD-Implantation beeinflussen. Dazu prüfen sie Zusammenhänge zwischen psychosozialen Faktoren und dem Auftreten von klinischen Ereignissen wie Tod, Infarkt, Blutungen sowie Explantation oder verbesserte Herzfunktion. Medizinische und andere konkurrierende Risikofaktoren wie Erkrankungsschwere, Vor- und Begleiterkrankungen oder Rauchen werden einbezogen. Im Fokus steht dabei die Frage, ob sich die genannten Zusammenhänge mit psychosozialen Merkmalen bei Frauen und Männern unterscheiden und welche Rolle das Alter spielt.

Herzunterstützungssysteme

Das Trierer Forschungsprojekt konzentriert sich auf die am häufigsten verwendeten Linksventrikulären Systeme (Left Ventricular Assist Device/LVAD), die die linke Herzkammer unterstützen. LVADs können in jedem Alter implantiert werden und dienten ursprünglich als  Behelfslösung, um Wartezeiten auf eine Organtransplantation zu überbrücken. Dazu pumpt die implantierte Einheit Blut aus der linken Herzkammer in die Aorta. Die Pumpe ist über Kabel mit einem Kontrollgerät außerhalb des Körpers verbunden, das der Patient mit sich trägt. Pumpe und Kontrollgeräte werden permanent mit Strom aus Batterien versorgt.

Bei wenigen Patienten hat sich aufgrund der Entlastung durch die mechanische Pumpe das insuffiziente Herz so gut erholt, dass die Unterstützungssysteme verzichtbar wurden und explantiert werden konnten. Weil tendenziell immer weniger Spenderherzen zur Verfügung stehen und diametral Herzerkrankungen zunehmen, dienen die LVAD zunehmend als längerfristige oder dauerhafte Lösung. In den Vereinigten Staaten wurde die erste Kunstherzoperation bereits 1969 durchgeführt, zehn Jahre später gelang in Berlin die erste Transplantation.

Kontakt:
Prof. Dr. Heike Spaderna
Pflegewissenschaft – Klinische Pflege/Gesundheitspsychologie
Tel. 0651/201-4334
E-Mail: spaderna@uni-trier.de

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