Die Zukunft der Land­wirt­schaft liegt in der Ver­gan­gen­heit

Prof. Dr. Thie­le-Bruhn dis­ku­tiert mit Teil­neh­men­den der ers­ten Arbeits­ta­gung das gemein­sa­me metho­di­sche Vor­ge­hen

Trie­rer Boden­for­scher unter­su­chen mit Part­nern aus ganz Euro­pa, wie mehr Bio­di­ver­si­tät und weni­ger Input lang­fris­tig den Ertrag sichern – und das ohne Che­mie. Ers­te Arbeits­ta­gung des For­schungs­kon­sor­ti­ums Diver­far­ming an der Uni­ver­si­tät Trier.

Satt­grü­ne Wei­zen­fel­der, knall­rot leuch­ten­de Toma­ten, kei­ne ande­ren „unnö­ti­gen“ Pflan­zen weit und breit – eine auf nur weni­ge Ern­te­pro­duk­te spe­zia­li­sier­te Land­wirt­schaft hat sich in ganz Euro­pa immer wei­ter aus­ge­brei­tet. Ohne den groß­flä­chi­gen Ein­satz von Agrar­che­mi­ka­li­en und Dün­ge­mit­teln, so befürch­ten die Befür­wor­ter die­ser Pro­duk­ti­ons­wei­se, wür­de die Ern­te erheb­lich schlech­ter aus­fal­len – von den finan­zi­el­len Ver­lus­ten in Land­wirt­schaft und Indus­trie ganz zu schwei­gen.

Das Pro­jekt Diver­far­ming geht genau vom Gegen­teil aus: Die exzes­si­ve Nut­zung von Dün­ge­mit­teln und Che­mi­ka­li­en, aber auch die inten­si­ve Bewirt­schaf­tung von Flä­chen mit Groß­ge­rä­ten und der zuneh­men­de Anbau von Mono­kul­tu­ren hin­ter­las­sen aus­ge­laug­te Böden, ver­min­dern die Pflan­zen­viel­falt und ber­gen somit auch wirt­schaft­li­che Risi­ken. Ein Kon­sor­ti­um aus Wis­sen­schaft, Indus­trie und Land­wirt­schaft mit Betei­lig­ten aus zehn euro­päi­schen Staa­ten möch­te zei­gen, wie ver­gleichs­wei­se ein­fa­che und viel­fach in Ver­ges­sen­heit gera­te­ne Prak­ti­ken die Land­wirt­schaft nach­hal­ti­ger machen kön­nen. Das auf fünf Jah­re ange­leg­te Pro­jekt wird mit knapp 10 Mil­lio­nen Euro geför­dert von Hori­zont 2020, dem Rah­men­pro­gramm der Euro­päi­schen Uni­on für For­schung und Inno­va­ti­on.

Die so genann­ten Low-Input-Prak­ti­ken wer­den an Anbau­pro­jek­te in sechs boden­k­li­ma­ti­schen Regio­nen quer durch die Euro­päi­sche Uni­on ange­passt und in Feld­ex­pe­ri­men­ten unter­sucht. So hilft etwa gegen aus­ge­laug­te Böden, auch zwi­schen den Ern­ten zusätz­li­che Früch­te anzu­bau­en, damit der Acker nicht mona­te­lang brach daliegt. Auch leich­te­re Maschi­nen scho­nen die Böden. Gegen Unkraut kann man anstatt Pes­ti­zi­de zu ver­wen­den auch klei­ne­re Pflan­zen wach­sen las­sen, die mit ihren Wur­zeln den Boden vor Abtrag schüt­zen und den Humus­ge­halt des Bodens för­dern. Geern­tet kön­nen die­se Pflan­zen zum Bei­spiel als Tier­fut­ter ver­wen­det wer­den. „Wir wol­len zei­gen, dass die Anwen­dung die­ser und ande­rer, zum Groß­teil alt­her­ge­brach­ter Prak­ti­ken das Agrar­öko­sys­tem und sei­ne Leis­tungs­fä­hig­keit ver­bes­sert und gleich­zei­tig zusätz­li­che Pro­duk­te ent­ste­hen kön­nen, die dem Land­wirt­schafts­be­trieb Geld brin­gen. Dafür muss man zwar auch etwas in Kauf neh­men, etwa mehr Unkraut und eine gerin­ge­re Ern­te. Aber unterm Strich blei­ben die Ein­nah­men gleich und die natür­li­chen Kräf­te des Bodens wer­den genutzt und geschont“, erläu­tert Prof. Dr. Sören Thie­le-Bruhn, Lei­ter des Trie­rer Teil­pro­jekts.

Bei ihrer ers­ten Arbeits­ta­gung, die von Don­ners­tag bis Sams­tag an der Uni­ver­si­tät Trier statt­fand, haben die knapp 50 Teil­neh­men­den zunächst ein ein­heit­li­ches Unter­su­chungs­de­sign fest­ge­legt: Wann wer­den wo Boden­pro­ben genom­men, mit wel­cher Sieb­grö­ße wird die Erde gesiebt, wie soll der Humus­ge­halt bestimmt wer­den, sol­len die Pro­ben gekühlt oder ein­ge­fro­ren wer­den, wie wer­den die ver­schie­de­nen Metho­den und Mes­sun­gen genau und ein­heit­lich durch­ge­führt? So sol­len die Ergeb­nis­se aus den ein­zel­nen Stu­di­en mit­ein­an­der ver­gleich­bar wer­den.

Jede For­scher­grup­pe arbei­tet bei den Unter­su­chun­gen mit wenigs­tens einem Part­ner aus der Indus­trie oder Land­wirt­schaft zusam­men. „Wir wol­len uns nicht nur die Böden, son­dern die gesam­te Wert­schöp­fungs­ket­te anschau­en. Die Ein­bin­dung von Part­nern aus der Pra­xis erhöht von Vorn­her­ein die Chan­ce, dass unse­re Ergeb­nis­se nicht als Mel­dun­gen aus dem Elfen­bein­turm belä­chelt wer­den. Indem die Wirt­schaft von Anfang an mit im Boot ist, erhöht das die Akzep­tanz, dass sie danach die ent­spre­chen­den Kon­se­quen­zen zieht und stei­gert die Chan­ce, dass sich wirk­lich etwas am Bewusst­sein ändert“, so Thie­le-Bruhn.

Die Trie­rer For­scher­grup­pe aus der Boden­kun­de und der Phy­si­schen Geo­gra­phie arbei­tet mit einem Win­zer in Kan­zem an der Saar zusam­men, der schon lan­ge Öko­wein­bau betreibt und immer wie­der neue Ansät­ze aus­pro­biert. Eine Her­aus­for­de­rung im Wein­bau ist das Unkraut zwi­schen den Reben. Nimmt es über­hand, wächst die Gefahr, dass die Reben zu viel Feuch­tig­keit aus­ge­setzt sind. In der Regel wird das Unkraut in den Rei­hen mecha­nisch ent­fernt, was aller­dings den Böden zusetzt. Der Öko­win­zer will dem Unkraut nun damit bei­kom­men, dass er nied­rig­wach­sen­de Kräu­ter anbaut. Der Plan ist, den Thy­mi­an und Ore­ga­no eben­falls zu ern­ten und als Bei­mi­schung für Tier­fut­ter zu ver­kau­fen.

Die spa­ni­sche For­scher­grup­pe arbei­tet mit einer Oli­ven­plan­ta­ge zusam­men, die Ita­lie­ner mit dem Nudel­her­stel­ler Baril­la und wie­der ande­re mit einem Her­stel­ler von land­wirt­schaft­li­chen Groß­ge­rä­ten. „Die Part­ner aus der Wirt­schaft wol­len mit der Teil­nah­me am For­schungs­pro­jekt natür­lich auch ihr Image ver­bes­sern und ihren Kun­den zei­gen ‚Schaut her, wir tun was‘. Das kann man aber kei­nes­wegs als Green­wa­shing abtun. In den Gesprä­chen mit den Ver­tre­tern der Wirt­schaft wird deut­lich, dass sie wirk­lich dar­an inter­es­siert sind, die Land­wirt­schaft in eine ande­re Rich­tung zu len­ken, weg von rie­si­gen, ein­tö­ni­gen Flä­chen, hin zu mehr Bio­di­ver­si­tät. Ziel ist es, nicht nur unse­re natür­li­chen Res­sour­cen zu scho­nen, son­dern auch das Land­schafts­bild ins­ge­samt zu ver­bes­sern. Dar­an ist allen gele­gen.“

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen & Kon­takt

Prof. Dr. Sören Thie­le-Bruhn
Boden­kun­de
Tel.: 0651 201 2242
E-Mail: soeren.thiele-bruhn@uni-trier.de
www.bodenkunde.uni-trier.de  und www.diverfarming.eu

Dr. Manu­el See­ger
Phy­si­sche Geo­gra­phie
Tel.: 0651 201 4557
E-Mail: seeger@uni-trier.de
https://www.uni-trier.de/index.php?id=2423

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