Schlech­te Noten für Poli­tik-Unter­richt

Prof. Dr. Mat­thi­as Busch und sei­ne Mit­ar­bei­te­rin Dr. Julia Frisch üben deut­li­che Kri­tik am Poli­tik­un­ter­richt an den Schu­len in Rhein­land-Pfalz. Foto: Shei­la Dol­man

Rhein­land-Pfalz belegt einen der letz­ten Plät­ze in bun­des­wei­ter Ver­gleichs­stu­die. Poli­tik­di­dak­ti­ker der Uni­ver­si­tät Trier for­dern höhe­ren Stel­len­wert für schu­li­sche poli­ti­sche Bil­dung

Im bun­des­wei­ten „Ran­king Poli­ti­sche Bil­dung 2017“, das den Stel­len­wert der Poli­ti­schen Bil­dung an all­ge­mein­bil­den­den Schu­len der Sekun­dar­stu­fe I ver­gleicht, liegt Rhein­land-Pfalz für das Gym­na­si­um weit abge­schla­gen auf dem dritt­letz­ten Platz. Die Stu­die, die vom Bie­le­fel­der Sozi­al­wis­sen­schaft­ler Prof. Dr. Rein­hold Hedt­ke ver­öf­fent­licht wur­de, weist dem Fach auch in der Real­schu­le plus nur einen unter­durch­schnitt­li­chen Rang zu.

Über­ra­schend kommt das schlech­te Ergeb­nis nicht“, urteilt Prof. Dr. Mat­thi­as Busch, der an der Uni­ver­si­tät Trier seit dem Som­mer­se­mes­ter 2017 die Pro­fes­sur Didak­tik für Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten beklei­det. Seit Jah­ren for­dert bei­spiels­wei­se der rhein­land-pfäl­zi­sche Lan­des­ver­band der Deut­schen Ver­ei­ni­gung für Poli­ti­sche Bil­dung, der Fach­ver­band der Poli­tik­leh­re­rin­nen und -leh­rer, eine höhe­re Stun­den­zahl für den Poli­tik­un­ter­richt. „Mit gera­de mal zwei Wochen­stun­den in der neun­ten und einer Wochen­stun­de in der zehn­ten Klas­se erhal­ten Schü­le­rin­nen und Schü­ler an rhein­land-pfäl­zi­schen Gym­na­si­en (G9) nicht nur signi­fi­kant wenig poli­ti­sche Bil­dung. Der Poli­tik­un­ter­richt setzt zudem deut­lich zu spät ein“, so Busch. Ande­re Bun­des­län­der wie Baden-Würt­tem­berg, Hes­sen oder Nord­rhein-West­fa­len geben bereits ab dem fünf­ten Jahr­gang Kin­dern und Jugend­li­chen die Mög­lich­keit, über Fra­gen des demo­kra­ti­schen Zusam­men­le­bens nach­zu­den­ken.

Vie­le Schü­le­rin­nen und Schü­ler wür­den einen höhe­ren Stel­len­wert der poli­ti­schen Bil­dung begrü­ßen“, weiß Busch. So zeig­ten zahl­rei­che Befra­gun­gen, dass sich Jugend­li­che einen frü­he­ren Beginn und mehr poli­ti­sche Bil­dung, ins­be­son­de­re die The­ma­ti­sie­rung aktu­el­ler poli­ti­scher Ereig­nis­se, in der Schu­le wünsch­ten. In den letz­ten 15 Jah­ren sei­en das poli­ti­sche Inter­es­se und der Wunsch nach Betei­li­gung bei Jugend­li­chen kon­ti­nu­ier­lich gestie­gen, zugleich aber auch Res­sen­ti­ments und Distanz gegen­über der eta­blier­ten Poli­tik gewach­sen. „Poli­tik­un­ter­richt – ergänzt um ein par­ti­zi­pa­tiv gestal­te­tes Schul­le­ben, das demo­kra­ti­sches Erfah­rungs­han­deln ermög­licht – ist des­halb für Jugend­li­che der wich­tigs­te Ort, um poli­tisch-gesell­schaft­li­che, recht­li­che und öko­no­mi­sche Fra­gen sys­te­ma­tisch zu reflek­tie­ren und kon­tro­vers im Klas­sen­ver­band zu dis­ku­tie­ren.“

Das „Ran­king Poli­ti­sche Bil­dung 2017“ ver­gleicht bis­her aller­dings nur Stun­den­zah­len und Dau­er des Poli­tik­un­ter­richts in den Bun­des­län­dern. Aus­sa­gen über die Qua­li­tät des Poli­tik­un­ter­richts las­sen sich hier­aus nicht gewin­nen. Mit dem neu­en kom­pe­tenz­ori­en­tier­ten Lehr­plan für die gesell­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Fächer hat das Land Rhein­land-Pfalz in der Sekun­dar­stu­fe I in den letz­ten zwei Jah­ren wich­ti­ge Vor­aus­set­zun­gen für die Inno­va­ti­on des Faches geschaf­fen. Auch die uni­ver­si­tä­re Leh­rer­bil­dung wur­de in Rhein­land-Pfalz in den letz­ten Jah­ren durch die Schaf­fung neu­er Pro­fes­su­ren für die Didak­tik der Poli­ti­schen Bil­dung an der TU Kai­sers­lau­tern und der Uni­ver­si­tät Trier ver­bes­sert.

Nichts­des­to­trotz bleibt die Unter­richts­ent­wick­lung in der poli­ti­schen Bil­dung eine gro­ße Her­aus­for­de­rung. „Die Anfor­de­run­gen an Fach­lehr­kräf­te sind in der poli­ti­schen Bil­dung beson­ders hoch, da sie glei­cher­ma­ßen über poli­tik­wis­sen­schaft­li­ches, sozio­lo­gi­sches, öko­no­mi­sches und juris­ti­sches Fach­wis­sen ver­fü­gen müs­sen und in ihrem Unter­richt stän­dig wech­seln­de aktu­el­le Ereig­nis­se the­ma­ti­sie­ren,“ so Julia Frisch, wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin am Arbeits­be­reich Didak­tik der Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Trier. „Dass Poli­tik­un­ter­richt viel­fach fach­fremd, also von nicht aus­ge­bil­de­ten Lehr­kräf­ten, unter­rich­tet wird, wie es die Bie­le­fel­der Stu­die andeu­tet, stimmt des­halb nicht opti­mis­tisch.“

Zu den Per­so­nen
Prof. Dr. Mat­thi­as Busch unter­rich­tet seit dem Som­mer­se­mes­ter 2017 an der Uni­ver­si­tät Trier ange­hen­de Lehr­amts­stu­die­ren­de in Didak­tik der Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten. Zuvor hat­te er eine Juni­or­pro­fes­sur für Didak­tik der Poli­ti­schen Bil­dung an der TU Kai­sers­lau­tern inne. Mat­thi­as Busch hat selbst Sozi­al­kun­de und Deutsch auf Lehr­amt stu­diert und war danach zunächst eini­ge Jah­re als Dozent und Leh­rer an Ober­schu­len, in der Erwach­se­nen­bil­dung und der Refe­ren­dar­aus­bil­dung tätig. Im Novem­ber 2017 wur­de er für sein Semi­nar „Poli­tik und Poli­tik­ver­mitt­lung“ mit dem Lehr­preis der Uni­ver­si­tät Trier geehrt. Im Rah­men des Pro­gramms “Sowi4you” bie­tet sein Lehr­stuhl Schu­len der Groß­re­gi­on viel­fäl­ti­ge Mög­lich­kei­ten für Koope­ra­tio­nen, Fort­bil­dun­gen und Begleit­for­schung im Bereich der his­to­risch-poli­ti­schen Bil­dung an, unter ande­rem the­ma­ti­sche Schü­ler-Pro­jekt­ta­ge, didak­ti­sche Ent­wick­lungs­for­schung in Zusam­men­ar­beit von Schu­len und uni­ver­si­tä­ren Lehr­ver­an­stal­tun­gen, Beglei­tung demo­kra­tie­päd­ago­gi­scher Schul­ent­wick­lungs­pro­zes­se, Bereit­stel­lung von regio­nal­spe­zi­fi­schen Lehr-Lern-Mate­ria­li­en sowie didak­ti­sche Fach­ver­an­stal­tun­gen für Lehr­kräf­te.

Dr. Julia Frisch ist seit Janu­ar 2018 Mit­ar­bei­te­rin des Arbeits­be­reichs Fach­di­dak­tik Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten im Fach­be­reich III der Uni­ver­si­tät Trier. Sie ist Dozen­tin in der Geschichts- und Poli­tik­di­dak­tik sowie in den Zusatz­zer­ti­fi­ka­ten für Lehr­amts­stu­die­ren­de “Leben und Ler­nen in der Groß­re­gi­on” und “Ler­nen und Leh­ren in der digi­ta­len Gesell­schaft”. Frau Frisch pro­mo­vier­te an der Uni­ver­si­tät des Saar­lan­des zu den inter­kul­tu­rel­len Dimen­sio­nen grenz­über­schrei­ten­der Zusam­men­ar­beit von Gewerk­schaf­ten. Ihre Arbeits­schwer­punk­te lie­gen in der Poli­tik­di­dak­tik, dem trans­na­tio­na­len und inter­kul­tu­rel­len Ler­nen in der Groß­re­gi­on und der Digi­ta­li­sie­rung von Schu­le und Unter­richt.

Zu der Stu­die
Ran­king Poli­ti­sche Bil­dung 2017. Poli­ti­sche Bil­dung an all­ge­mein­bil­den­den Schu­len der Sekun­dar­stu­fe I im Bun­des­län­der­ver­gleich. Hrsg.: Mahir Gök­bu­dak, Rein­hold Hedt­ke. Uni­ver­si­tät Bie­le­feld, Didak­tik der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, 31.01.2018.

Kon­takt
Prof. Dr. Mat­thi­as Busch
Uni­ver­si­tät Trier Fach­be­reich III – Fach­di­dak­tik Geschich­te
Tel. 0651/201‑2168
E-Mail: buschm@uni-trier.de
www.gw-didaktik.uni-trier.de

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen und Bei­trä­ge zu Lehr­amts­aus­bil­dung und Schul­for­schung an der Uni­ver­si­tät Trier

Die Uni­ver­si­tät Trier lädt herz­lich ein zum Labor­ge­spräch:
Don­ners­tag, 15.02.2018 – 18:15 – 20.00 Uhr
Weil eben nicht alles bleibt, wie es ist: Wie die Digi­ta­li­sie­rung Schu­le und Leh­re­rIn­nen­bil­dung ver­än­dert
Myr­le Dziak-Mah­ler, Uni­ver­si­tät zu Köln, Zen­trum für Leh­rer­bil­dung

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