Impressionen nach einem halben Jahr Japan

Nun bin ich schon etwa ein halbes Jahr in Japan und all die Eindrücke, die einem anfangs neu und fremd vorkamen, werden langsam zum Alltag. Häufig werde ich gefragt, was ich denn so am meisten vermisse, oder was denn so anders ist in Japan. Nun ja, je länger ich hier bin, desto weniger fallen mir diese Dinge auf. Aber ich werde mir Mühe geben mal ein paar Dinge aufzuzählen, die einen Eindruck hinterlassen haben.

1. Die Post

Werkwürdig, damit anzufangen – nicht war? Was kann an der Post schon außergewöhnlich sein. Aber hier kann man von der Post einige Dinge verlangen, die den meisten Deutschen vermutlich neu sind. Ich zumindest war ziemlich überrascht, als ich lernte, dass man die Bestellungen auch an der Tür bezahlen kann. Es gibt ein cash on delivery system, bei dem man seine Bestellung gemütlich im Internet fertig machen und aufgeben kann. Dann überreicht man dem Postboten das Geld in bar, der das Ganze bis an die Tür liefert. Interessant.
Auch kann ich, wenn ich mal nicht da bin und eine Notiz hinterlassen bekommen habe, bei der Post anrufen und meine neue Lieferzeit selbst bestimmen – und zwar auf die Stunde genau. Ich kann also sagen: „Liefern Sie bitte am Sonntag zwischen 6 und 8 Uhr abends“ und es wird genau dann geliefert. Das nenne ich mal zuverlässig.

2. Kameras

Hiermit kann ich nach Draußen spähen

Bei mir zu Hause weiß ich immer direkt wer vor der Tür steht. Wie? Die einfache Antwort, wäre ein Guckloch. Aber Japan ist ja bekannt für seine durchaus breite Nutzung von Überwachungskameras. Was mir beim Einzug noch komisch vorkam, ist jetzt zu einem praktischen Gimmik in meinem Alltag geworden.

Meine Tür hat eine Kamera. Sie filmt jeden der bei mir klingelt.

In meinem Wohn-/Schlafzimmer hängt ein kleiner Bildschirm, auf dem ich jederzeit per Knopfdruck nach draußen gucken kann. Ich kann damit meine vor der Haustür angebrachte Überwachungskamera kontrollieren und zu jeder Zeit nach draußen spähen. Noch dazu, wenn jemand bei mir klingelt, aktiviert sich die Kamera automatisch und fängt an aufzunehmen, wer bei mir vor der Tür steht. Gleichzeitig springt der Bildschirm an und zeigt mir, wer sich draußen aufhält. So kann ich direkt entscheiden, ob es sich lohnt, dir Tür aufzumachen.

Auch wenn es erst einmal eine Umgewöhnung war, finde ich das ziemlich praktisch.

3. Plastiktüten

Oh ja. Seit bei uns in Deutschland die Plastiktüten extra kosten, gehen viele Menschen mit ihren eigenen Beuteln einkaufen. Nicht so hier. Bis auf wenige Ausnahmen, bekommt man bei jedem Kauf eine Plastiktüte angedreht. Aber das muss nicht unbedingt etwas Negatives sein. Die Läden, die dem bei uns so verbreitenden Prinzip folgen, geben keine Tüten oder man kann sie nur gegen Aufpreis kaufen, aber die Restlichen lassen die gekauften Waren noch von den Verkäufern eingepackt und die Plastiktüte mit einem Tesastreifen oder per Knoten verschließen, sodass auch ja nichts rausfällt. Beides praktisch und gemütlicher als hektisch das Gekaufte in die Tüte zu schieben, ist das schon. Die ganzen Tüten kann man dann problemlos als Mülltüten wiederverwerten. Und wenn wir schon von Müll reden: Hier wird von einem erwartet, den Müll bis zum Tag der Abholung im Haus zu behalten. Aber der kommt Gott sei Dank mehrmals die Woche um die verschiedenen Sorten von Müll abzuholen.

4. Müllautomusik

Die Müllautos hier haben eine eigene Musik. Eine Melodie, die wie viele Dinge hier, direkt aus einem alten Videospieltrack kommen könnte. Diese Musik wird von den Müllautos ohne Unterbrechung gespielt, sodass jeder hören kann, wann die Müllautos kommen und, falls das noch nicht geschehen ist, seinen Müll rausbringen kann. Das ist zwar nur eine kleine Anekdote, ich finde es jedoch witzig. Besonders, wenn man von hinter der nächsten Straßenecke anfängt die Melodie zu hören und direkt der Gedanke kommt: Moment – hab ich noch Müll?

5. Kalte Räume, Warme Tische

Was vielleicht auch einige überraschen wird, ist das Fehlen einer Zentralheizung in den meisten japanischen Wohnungen. So auch im Wohnheim und in meinem kleinen Apartment. Das Einzige was man hat, ist ein Air Conditioner der warme oder kalte Luft bläst. Dazu sind die Wohnungen nur dünn isoliert und sogar so gebaut, dass mit Absicht Zugluft reinkommt. Das alles macht die Räume im Winter sehr kalt. Und wenn man den Air Conditioner abstellt, wie ich es über Nacht tue, hat man am nächsten Morgen auch gerne mal 9 Grad Celsius in der Wohnung.

Brrr…

Meine Uni im Winter. Auch hier hat es einmal sehr viel geschneit. Aber jetzt ist es schon fast Frühling.

Das Ganze hat schon seinen Sinn, denn die Häuser werden hier mit Bedacht auf die heißen, schwülen Sommer gebaut, während man bei uns eher den Winter beim Hausbau im Kopf hat. Im Sommer ist es äußerst praktisch, wenn der Wind durch das Haus wehen kann und man drinnen nicht in stehender Hitze seinen Schweiß tropfen lässt. Im Winter hingegen sind die Wohnungen wirklich zum erfrieren.
Die meisten Japaner haben deswegen zusätzlich zu dem Air Conditioner einen elektrischen Ofen und einen Kotatsu (einen niedrigen Tisch mit eingebauter Decke und Heizfunktion). Bei Freunden zu Hause durfte ich auch in den Genuss kommen und bei der Kälte einfach die Beine (oder besser, den ganzen Körper) unter den dicken Decken des Tisches verschwinden und mich von den Heizstäben wärmen zu lassen. Und nach Erzählungen, machen das wohl viele so. Für uns mag es ein bisschen komisch klingen, sich unter den Tisch zu legen, aber wer einmal unter einem warmen, sehr gemütlichen Kotatsu gelegen hat, der möchte so schnell nicht wieder aufstehen.

6. Frühstück

Das typische deutsche Frühstück gibt es hier nicht wirklich. Brot ist neben Weißbrot nur schwer zu finden und am ehesten bekommt man toastähnliche Scheiben. Auch der Aufschnitt ist sehr teuer und ich glaube, dass es nur wenige geben wird, die sich für fast 20 Euro Käse und Schinken kaufen werden. Wer trotzdem nicht von seinem morgendlichen Brot abweichen möchte, für den stelle ich hier mal die hiesige Variante von Brot zum Frühstück vor – zumindest wie ich sie kenne. Hier legt man sliced cheese, also Sandwichkäse ähnelnde Scheiben auf sein Toast und gibt alles zusammen in die Mikrowelle mit Toasterfunktion, wobei sowohl das Toast gebräunt als auch der Käse geschmolzen wird. Auf Brötchen und Wurst oder Camembert muss man also verzichten, aber dafür bekommt man sein Toast mit Käse ganz praktisch aus der Mikrowelle.

Die japanischere Art zu Frühstücken wäre allerdings Reis. Neben all den Klischees, stimmt es tatsächlich, dass viele Japaner viel Reis essen. Und eine Variante dieses Frühstücks wäre mit Nattō. Nattō sind fermentierte Sojabohnen, welche bekannt dafür sind, dass viele Ausländer sie ekelhaft finden. Ich muss zugeben, beim ersten Mal ist der Geschmack ein Erlebnis. Doch nach ein paar Mal fand ich sie richtig lecker. So habe ich auch schnell meine Lieblingsvariante dieses Frühstücks gefunden: Eine Schüssel Reis mit in einem Eigelb gequirlten Nattō oben drauf. Lecker. Meine Empfehlung: Einfach mal probieren und nicht beim ersten Mal aufgeben. Besonders, wenn japanische Freunde mitbekommen, dass man zum Frühstück gerne Nattō isst, bekommt man meistens „wie ein echter Japaner‘“ mit einem verwunderten Blick gesagt.

Mehrmals die Woche esse ich Nattō mit Reis und Ei

7. Neujahr (Ein kleines Extra)

Es ist zwar jetzt schon ein bisschen länger her, doch habe ich zu Neujahr ein weiteres traditionelles Gericht (wenn man es so nennen will) probiert. Osechi. Das sind viele kleine, sehr dekorativ angeordnete Speisen, meist mit Fisch und oder Soja als auffallende Bestandteile. Ich habe hier ein paar Fotos mit eingestellt, da das nicht nur hübsch aussieht, sondern auch lecker ist.

Osechi ist ein traditionelles Neujahrsessen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich hoffe, im Frühling gibt es dann nochmal ein paar neue Eindrücke.

Bis bald!

Kati