Homo polonicus: eine Annäherung

Der Pole: grimmig, versoffen, katholisch. Klar! Oder?

Der Pole: grimmig, versoffen, katholisch. Klar! Oder? (Karikatur: oliverschopf.com)

Im Studium lernt man, dass der Blick des Forschers das Bild des Untersuchungsobjektes verzerrt. Oder anders formuliert: man hat schon eine Meinung über etwas, das man noch nicht kennt. Vorurteile nämlich. Beim bloßen Nennen des Begriffs „Pole“ bzw. „Polin“ baut sich vor dem geistigen Auge ein Bild auf. Zeit also für eine Bestandsaufnahme des „homo polonicus“.

Der Einstieg in eine Kultur beginnt mit dem Image, dass man von ihr hat, obwohl man ja noch gar keine persönlichen Erfahrungen machen konnte. Blogs, Reiseführer und TV-Beiträge sollen da helfen, doch es bleibt immer ein Gefühl der Leere: Ist das jetzt alles? Bin ich nun auf die kommende Erfahrung vorbereitet? Steckt nicht eigentlich noch viel mehr im Gegenüber?

Identität ist schon eine komische Sache. Man kann ganz schnell sagen, was man nicht ist. Aber sobald es ans Eingemachte geht, wird die Luft schon dünner. Was ist denn nun die Essenz eines Menschen, eines Europäers, eines Polen? Diese Frage erinnert mich an eine sehr unterhaltsame Seminarsitzung im Bachelorstudium.

„Sie [sind] im Begriff, einem merkwürdigem Volk in einem merkwürdigen, feindlichen Land zu begegnen“

Ein dunkler Herbstnachmittag irgendwo in einem stillen Universitätsgebäude. Die Wände sind aus Stahlbeton, die gnadenlos jegliche Handysignale blockieren. Der Raum ist klein; man sitzt sich kreisförmig gegenüber und versucht, sich nicht die Luft wegzuatmen. Es geht um das Thema Identität. Der Dozent, ein emeritierter Professor, redet so leise, dass ich ihn kaum verstehe, obwohl ich direkt neben ihm sitze.

Dann bekommen seine Augen ein verschmitzes Blitzen, als er ein Buch zur Auflockerung hervorholt: Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland. Hierbei handelt es sich um ein Dossier des britischen Außenministeriums, dass die stationierten Truppen auf den Alltag in Feindesland vorbereiten soll. Die Beschreibungen der deutschen Kultur durch die britische Brille brachte uns dabei alle unfreiwillig zum Schmunzeln.

„Die Deutschen lieben Torten mit Schlagsahne“

Hier ein paar Perlen des Buches, die einem klar machen, wie vereinfacht und engstirnig die Beurteilung von außerhalb sein kann:

  • „Sie sind sehr fleißig und gründlich. Sie sind gehorsam und lieben Sauberkeit und Ordnung über alles.“
  • „Diese Mischung aus Sentimentalität und Gefühlskälte zeugt nicht von einem ausgewogenen Selbstbewusstsein. Die Deutschen haben ihre Gefühle nicht gut im Griff. Sie weisen einen hysterischen Charakterzug auf. Sie werden feststellen, dass Deutsche häufig bereits in Wut geraten, wenn auch nur die kleinste Kleinigkeit danebengeht.“
  • „Das beliebteste deutsche Getränk ist Bier.“
  • „Fußball ist das beliebteste Spiel, wird aber nicht so kämpferisch wie in Großbritannien gespielt. Härte gilt als Foul.“
  • „die Deutschen tanzen gern“

Und, fühlt ihr euch angesprochen? Die eine sicher mehr, als der andere. Ja, das Buch ist von 1944 und es hat sich einiges verändert. Trotzdem ist es doch faszinierend, wie hartnäckig sich Vorurteile halten. Deshalb stellt sich die Frage, wer denn die Polen für uns Deutsche sind. Wie würde ein „Leitfaden für Polen“ auf Grundlage der Informationen aus meinem Umfeld aussehen?

Heute hier gestohlen, morgen schon in Polen

Polen ist das Land der Schlitzohren, wie mir ein befreundeter brandenburger Polizist in seinen Anekdoten immer wieder verdeutlicht. Sie sind auf ihren Vorteil bedacht und schnappen sich die Dinge, die sie brauchen und die nützlich sind. Frei nach dem Motto: „Was dir gehört, gehört bald mir.“ In jedem Polen steckt ein McGyver, der sich in allen Lebenslagen zu helfen weiß.

Polen im Vorurteils-Check (Video: prosieben.de)

Polen lieben es, Alkohol in übermenschlichen Dosen zu konsumieren; dazu dann packungsweise billige Zigaretten. Zum Exzess gehören ebenso junge Frauen, die bereitwillig ihren Körper hergeben. Sowieso spielen Status und materielle Sicherheit bei der Partnerwahl eine große Rolle. Da stört es weniger, wenn der Mann der Wahl übertrieben stolz und etwas tölpelhaft rüberkommt. Im Allgemeinen herrscht ein recht pragmatischer Umgang mit dem Leben, der Politik und der Religion. Ein Reiseführer, geschrieben von einer Polin, fasst die Befunde gut zusammen: das Leben im Moment zählt.¹ Impulsivität, Emotionen und beschwichtigende Romantik, die hierzulande als Kitsch abgetan werden würde, nähren das polnische Herz.

So nah und doch so fern

Vorurteile sind tief in uns verankert. Sie helfen, sich auf eine neue Umgebung einzustellen und potenziellen, oder eingebildeten, Gefahren aus dem Weg zu gehen. Quasi unsere ganz persönliche Filterblase, die unsichtbar um den Kopf wabert. Dass sie sich so hartnäckig über Generationen halten können, hat auch damit zu tun, dass sie historisch gewachsen sind. Ein gutes Beispiel dafür sind die deutsch-polnischen Beziehungen, die von Weltkriegen, Blockbildung und zaghaften Annäherungsversuchen geprägt sind.

Polen und Deutsche kommen sich erst langsam wieder näher. (Karikatur: de.toonpool.com)

Polen und Deutsche kommen sich erst langsam wieder näher. (Karikatur: de.toonpool.com)

Zwei Punkte prägen die Trennung noch: zum einen die deutsche Bevölkerung in polnischen Gebieten und zum anderen die Anerkennung Polens als eigenständiges Land, das nicht von Deutschland bevormundet werden möchte. Die Annäherung findet nicht politisch, sondern gesellschaftlich statt: durch Vereine, Stiftungen und Initiativen, durch die Kirche und nicht zuletzt durch die vielen persönlichen Verbindungen. Vorurteile abzulegen und sich gegenseitig zu respektieren funktioniert also nicht über ein paar halbherzige Statements, sondern nur durch Begegnung.

Was bleibt von all dem?

Die Erkenntnis, dass Vorurteile ein Appetithappen sein können, um sich mit einer neuen Kultur zu beschäftigen. Die Erkenntnis, dass wir Deutschen unsere Nachbarn nicht verstehen und die Polen ihre auch nicht. Und die Erkenntnis, dass es wichtig ist, sich unbedingt einen persönlichen Eindruck von einem Land zu verschaffen, statt jedem Länderpanorama Beachtung zu schenken.

Deshalb: schaut mal in Warschau vorbei. Ich freue mich auf euren Besuch!

 

¹Lipniacki, Ewa (2017): So sind sie, die Polen. Reise Know-How Verlag. Bielefeld.