Sprechen ist Silber, Singen ist Gold

Lesen und Schreiben ist das eine, Sprechen das andere. (Foto: pixabay)

Lesen und Schreiben sind das eine, Sprechen das andere. (Foto: pixabay)

„W Szczebrzeszynie chrząszcz brzmi w trzcinie“ – alles klar? Polnisch wirkt auf den ersten Blick, als hätte der Erfinder in seiner Buchstabensuppe nur „c“, „z“ und „s“ gefunden. Dazu dann noch ein „a“ von dem ein Stückchen abgebrochen ist. Was soll das überhaupt?

Am Ende fiel es mir wie Schuppen von den Augen: ich gehe zu deutsch an diese Sache heran. Mein germanischer Geist möchte die Laute sprechen. Aber die polnische Zunge mag keine Befehle; sie tanzt lieber mit den Lippen Tango. Polnisch muss gesungen werden. Nur so lassen sich die verschiedenen Nuancen der „ich“-, „schtsch“- und „chatsch“-Laute treffen. Deshalb haben wir uns damals im Russischunterricht immer so schwer getan. Apropos.

Slawisches Erbe

Kein Wunder, dass mir das so bekannt vorkam. Immerhin gehört Polnisch mit Russisch zur selben Sprachfamilie. Dabei unterscheidet man vereinfacht zwischen westslawischem Tschechisch, Slowakisch und Polnisch, ostslawischem Russisch, Ukrainisch und Weißrussisch, sowie südslawischem Bosnisch, Kroatisch und Serbisch. Der markanteste Unterschied ist, dass die Polen das lateinische Alphabet benutzen. Viele Vokabeln sind sich sehr änhlich, was den Einstieg in die Sprache für mich deutlich erleichterte. Hier ein paar Beispiele:

  • Bruder: russ. брат (brat), poln. brat
  • Fuß oder Bein: russ. нога (noga), poln. noga
  • Milch: russ. молоко (moloko), poln. mleko
  • Bier: russ. пиво (piwo), poln. piwo
  • Nase: russ. нoc (nos), poln. nos

Dazu kommen noch ein paar eigene Zeichen. So stehen „ż“, „ś“, „ć“ für verschiedene „sch“-Laute, wobei diese auch mit „rz“, „sz“ und „cz“ gebildet werden können. Oder mit „zi“, „si“ und „ci“, wobei das „i“ am Ende ein bisschen mitschwingt. Ihr seht schon, Polnisch ist eine sehr feine Sprache. Hinzu kommt der eigene Buchstabe „ł“, der dem deutschen Auge ein „L“ vortäuscht. Er wird ähnlich dem „w“ im englischen „well“ gehaucht. Das polnische Pedant zu „Paul“, „Paweł“, wird also wie „Pawewh“ gesprochen.

Französische Einflüsse

Als wäre das nicht genug Lautmalerei, ist mir beim Hören aufgefallen, dass zwischen der Weichheit die Stimme in die Nase geht. Das kommt mir doch bekannt vor… Klar! In Trier und Umgebung schnappt man öfters Französisch-Fetzen auf. Die Spurensuche endete bei den Buchstaben „ą“ und „ę“. Der erste klingt, wie das Ende von „Balkon“ und der zweite, wie das Ende von „Bassin“. Aber seht selbst:

Nochmal zurück zum Anfang. Jetzt versteht ihr schon ein wenig mehr, wie Polnisch funktioniert. Deshalb hier die Auflösung, wie man denn den Zungenbrecher aus dem Teaser ausspricht. War doch gar nicht so schwer, oder? Übersetzt bedeutet er so viel, wie „In Szczebrzeszyn tönt der Käfer im Schilfrohr.“ Und jetzt gönnt euren Zungen eine Pause; ihr habt es euch verdient.

3 Kommentare

  1. Sehr gelungener Blogpost! Einfach mal anders an eine Sache herangehen. Ich habe durch ein paar Verwandte selbst schon das ein oder andere Mal Kontakt mit der polnischen Sprache gehabt, jedoch noch nie so darüber nachgedacht.

  2. Sehr schön geschrieben, Roman! Ich erinnere mich noch gut daran, als ich gemeinsam mit polnischen Jugendlichen am Europäischen Jugendparlament – Workshop in Mainz teilnahm und diese mir (Rheinländer! Ich kann noch nicht einmal ch und sch unterscheiden!!) ein paar Sätze Polnisch beibringen wollten. Grandios gescheitert – der europäischen Völkerverständigung tat es aber keinen Abbruch, denn mit den polnischen Miteuropäern ließ es sich auch so sehr gut feiern:) LG aus Trier, Edith

  3. Ich danke euch vielmals für das positive Feedback! Schön, dass ihr euch Gedanken darüber gemacht habt. Da fühlt man sich nicht ganz so allein mit seiner zeitweisen Überforderung 😉

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