Malen nach Zahlen

Worte sind wie Pinsel: sie leiten unsere Gefühle und Eindrücke, wie Farbe auf der Leinwand. (Foto: pixabay)

Worte sind wie Pinsel: sie leiten unsere Gefühle und Eindrücke wie Farbe auf der Leinwand. (Foto: pixabay)

Ich mach mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt! Schön bunt, schön geordnet. Der Horizont ist das Ende der Leinwand. Und damit das dann jeder glaubt, noch ein paar Zahlen dazu. Schnallt euch an, stellt die Sitze in eine aufrechte Position; wir machen einen Ausflug in die Welt der Statistik.

Ausmalhefte für Kinder sind schon etwas Tolles. Alle Farben kommen irgendwie vor und kleine Zahlen zeigen an, welcher Stift zu verwenden ist. Urlaub für’s Gehirn. Und das Ergebnis am Ende kann sich meist sogar sehen lassen: das schwarz-weiße Bild ist lebendig bunt. Doch da rollen sich jedem selbsternannten Künstler die Fußnägel hoch.

Das Format, die Umrisse, die Farben – alles vorgegeben. Dazu dann noch eine bereits colorierte Vorlage, damit auch ja nichts schief geht. Man folgt dem Diktat des Grafikers; man unterstellt sich seinen Bedingungen. „Thinking outside the box“, über den Tellerand schauen, neue Wege gehen, ist gar nicht möglich. Man könnte über Farbgebung oder Linienführung diskutieren, aber das Grundmodell wird gar nicht infrage gestellt. Man denkt sich: „Das Bild ist einfach so.“

Zahlen lügen nicht

Ein ähnliches Phänomen kann man im Alltag beobachten, wenn Zahlen und Statistiken genannt werden. „Kriminalität steigt um 10%“; „Arbeitslosigkeit liegt bei 3%“; „Zuwachs von 5%“; „tausend Menschen sind nach XY gezogen“. Ist das jetzt viel? Ist das jetzt wenig? Es macht ja einen Unterschied, ob z.B. die Arbeitslosigkeit auf einem historisch niedrigen Niveau ist oder drei Prozent schon als Rezession gelten. Und Statistiken können sich auch widersprechen. Je nachdem, wer sie in Auftrag gab und welche Faktoren und Bedingungen mit eingerechnet wurden, ergeben sich unterschiedliche Perspektiven auf einen Sachverhalt.

Gut, hätten wir darüber auch einmal geredet. Was hat das jetzt auf einem Blog zu suchen, der die polnische Kultur näher bringen soll? Während meiner Vorbereitungen auf das Auslandssemester wollte ich mal schauen, wie es denn so um Polen steht. Und da trifft man zwangsläufig auf verschiedene Statistiken und Quoten, die das mitteleuropäische Land vergleichbar machen sollen. Auch wenn Mathe in mir keine Horrorfantasien hochkommen lässt, hat es einen Grund, dass ich eine Geisteswissenschaft studiere. Es wird mir dann doch irgendwann zu trocken. Deshalb umschreibe ich euch das schön bunt; wäre ja sonst langweilig. Malen nach Zahlen eben.

(Grafik: kandepet.com)

Polen in Zahlen

In Polen leben über 38 Millionen Menschen, die den sechstniedrigsten Lebensstandard in der EU haben und damit auf einem Level mit Ungarn stehen. Der Staat, der rund 7,5 Prozent der EU-Bevölkerung ausmacht, ist größer als Italien, aber kleiner als Finnland. Das Bruttoinlandsprodukt beträgt nur ein Drittel von dem der deutschen Nachbarn. Obwohl die Staatseinnahmen gleich geblieben sind, steigt die Verschuldung. Dabei ist sie im EU-Vergleich mit 50 Prozent des BIP noch ziemlich moderat. Fast ein Fünftel der jungen Erwachsenen zwischen 20 und 24 hat weder Job, noch Ausbildung. Nicht nur werden mehr Treibhausgase in die Umwelt geblasen, als der EU-Schnitt es tut. Auch erneuerbare Energien sind erst langsam im Kommen und es wird ein Drittel weniger Abfall recyclet. Das hat wohl damit zu tun, dass die Industrie und Energieerzeugung zentrale Wirtschaftszweige sind.

Doch die Polen geben ihr Bestes. Ihr BIP wächst fast doppelt so schnell, wie der EU-Schnitt. Das liegt daran, dass Polen verdammt billig ist – im guten Sinne. Man zahlt hier nur ein Drittel der Arbeitskosten im Vergleich zur EU und auch die Preise sind im Verhältnis über 40 Prozent niedriger. Und trotzdem steigen die Löhne. Dabei beträgt das Gender Pay Gap nur die Hälfte. Die Arbeitslosigkeit ist nur halb so hoch, wie in der EU und auf dem Niveau von Deutschland. Und das, obwohl ein anderes Modell bei den Arbeitsverträgen genutzt wird. So beträgt die Zahl der Teilzeitstellen nur ein Drittel des EU-Durchschnitts, aber dafür gibt es doppelt so viele befristete Verträge. An polnischen weiterführenden Schulen lernt man doppelt so viele Fremdsprachen, wie an deutschen. Danach erringen so viele Menschen einen tertiären Bildungsabschluss, wie noch nie. Und Polen ist hinter Deutschland, Frankreich und Italien das viertbeliebteste Studienziel in Europa.

Exportnation mit florierender Hauptstadt

Polen hat es geschafft, sich von Importen unabhängiger zu machen. Mittlerweile werden mehr Waren ausgeführt und die Handelsbilanz ist positiv. Und man sieht, wie wichtig die EU dafür ist: 80 Prozent der Exporte und 72 Prozent der Importe hängen davon ab. Andere wichtige Handelspartner sind die USA, Russland und China. Kein Wunder also, dass die Wirtschaft von Industrie, Handel und Transport geprägt ist. Vorbild für das polnische Model ist die Hauptstadtmetropole.

Hier leben auf knapp 500 Quadratkilometer über 1,75 Millionen Menschen, was im Vergleich zu Berlin noch ganz entspannt ist. Wie lange das so bleibt, ist unklar: die Geburtenrate wächst und v.a. aus dem Inland ziehen immer mehr Polen zu. Auf 100 Männer kommen hier 118 Frauen. Dienstleistungen machen 80 Prozent der Wertschöpfung aus, was Gesamtpolen um ein Drittel übertrifft. Die Beschäftigungsquote ist außerdem acht Prozent höher als im Rest des Landes. Gleichzeitig gibt es zahlreiche hoch bezahlte Jobs. Damit übersteigen Warschauer Arbeitnehmer mit ihrem Lohn ihre polnischen Kollegen um ein Fünftel. Trotz des bunten Kulturlebens und der sinkenden Kriminalität, verbringen Touristen hier durchschnittlich nicht einmal zwei Tage in Hotels oder Unterkünften. Vielleicht haben sie einfach Angst vor dem ganzen Verkehr. Die Zahl der Unfälle und Verkehrstoten steigt nämlich.

Quantenphysik, oder: Die Wahrheit liegt in der Mitte

Zurück zum Anfang. Keine Zahl steht für sich. Gibt es keine Gegenstatistik, sollte man Abstand von voreiligen Schlüssen ziehen. Plus oder Minus, eins oder null, richtig oder falsch bringen uns nicht weiter. In der Physik hat man das bereits anerkannt. Die Quantenphysik geht davon aus, dass die kleinsten Teilchen der Welt einen Zustand A, einen Zustand B oder beide gleichzeitig annehmen können. Stichwort: Schrödingers Katze. Der Blick des Betrachters beeinflusst das Phänomen. Ähnlich sollten wir mit Statistiken umgehen. Sie können immer nur eine Annäherung an die Wirklichkeit sein.

(Grafik: spektrum.de)

Deshalb bin ich so gespannt, das Land persönlich zu erleben. Verständnis entsteht nicht allein durch Lektüre von Länderprofilen. Wie wirken sich die Zahlenbefunde auf den Alltag aus? Leiden die Menschen vielleicht unter der Entwicklung? Immerhin ist Polen ein Land, das in seiner Entwicklung rasant aufholt. Das kostet Kraft. Stichwort: Warschauer Tempo.

Eine letzte Statistik zum Schluss. Polen lebt von seinen transnationalen Verbindungen: zur Landesbevölkerung werden zwischen 15 und 18 Millionen Auslandspolen dazu gerechnet. Über die Hälfte der unsichtbaren Nation „Polonia“ lebt in den USA, zwei Millionen in Deutschland und jeweils eine Million in Brasilien und Frankreich. Diese interessante Konstellation prägt Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur nachhaltig. So wird unser ausgemaltes Bild dann doch ziemlich bunt. Polen steckt voller Dynamik, voller Spannungen und hat noch einen Weg vor sich. Klar steigt meine Vorfreude, doch so langsam steht der Abschied von Deutschland an und ich bin gespannt, ob mich Warschau einfach verschlingt und halbverdaut ausspuckt. Augen zu und auf ins Abenteuer!

 

Quellen:

2 Kommentare

  1. Pscht, Edith! Die Leute sollen doch den eigenen Verstand bemühen – wovon ich natürlich jederzeit ausgehe 😉

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