Hals und Beinbruch

„Xiamen [Sha-men] der Garten im Meer“, so steht es auf meinem Zulassungsschreiben. Als das Flugzeug eine extra Runde im Anflug auf den Flughafen macht, muss ich sagen, das Schreiben hat nicht gelogen. Diese Stadt ist echt schön.
Aber zurück zum Anfang!

Ey Denis, warum eigentlich China??

Ich war auf der Suche nach einem Abenteuer und wollte deshalb weit weg und mal was ganz neues erleben. Ich wollte auch schon immer noch eine Sprache lernen und wenn man schon dabei ist, warum sollte man nicht in die Vollen gehen und was ganz anderes machen. Aber bitte nicht so, dass ich 40 Stunden vor Ort die Sprache eingebläut bekomme. Businesskurse auf Englisch sollte es doch bitte auch geben. Nach vielen Gesprächen und einer kurzen Suche war das Wunschziel gefunden! Ich habe mich für ein Austauschsemester in China beworben und jetzt bin ich hier. Bis dahin war es ein weiter Weg, auf dem viele Bäume für den ganzen Papierkram ihr Leben lassen mussten. Die Wochen vor meinem Flug war ich voller Vorfreude und habe mir schon viele Szenarien ausgemalt. (Rückblickend hätte ich mir das sparen können. Es kommt schließlich sowieso meistens anders als erwartet!)

Die letzten Tage vor der Reise

Irgendwann war es dann an der Zeit koffer zu packen und dann realisierte ich, was eigentlich auf mich zukommt. Nachdem ich begonnen habe, meine Koffer zu packen, haben sich meine Gedanken eigentlich größtenteils darum gedreht, ob ich auch wirklich alles eingepackt habe. Also bin ich die Liste, welche nur gedanklich vorhanden ist und sich daher alle paar Minuten änderte, immer wieder durchgegangen. Auch beim gefühlt siebzigsten Mal habe ich immer noch etwas gefunden, das ich ja doch noch in meinen Koffer packen könnte. Aber bis jetzt kann ich mir auf die Schulter klopfen und sagen, mir ist noch nichts aufgefallen, das ich vergessen habe.

Was mir ebenfalls oft durch den Kopf ging, ist der Jetlag. Xiamen ist Deutschland sechs Stunden voraus. Ich komme morgens um 10 Uhr an. Nach der hoch komplexen Berechnung (10-6=4=bei normalem Rhythmus Schlafenszeit =/= eine gute Zeit um in Xiamen im Tiefschlaf zu sein) habe ich einen Masterplan für das Reisen ohne Jetlag entwickelt. Wenn ich den ganzen Flug durchschlafen würde, dürfte es gar nicht dazu kommen, dass meine innere Uhr in der deutschen Zeit hängen bleibt. Dann wäre es so, als wäre ich erst um 8 Uhr Ortszeit aufgestanden, was doch vertretbar ist.

Dann kam die letzte Woche und es war Zeit für mich, mich von meinen Freunden und Verwandten zu verabschieden. Ich war zwar öfter Essen als es mir lieb ist, aber habe von allen gute Wünsche und viel Glück auf den Weg bekommen.

Man soll nicht immer alles so wörtlich nehmen…

Einen Tag vor dem Flug passierte mir dann etwas, dass den Titel dieses Blogposts annehmen sollte. Ich war im Garten und rannte. Plötzlich bin ich ausgerutscht und mit meinem Hintern auf mein Bein gefallen. Ich weiß auch nicht wirklich, wie es passiert ist und ich könnte den Stunt wahrscheinlich auch nicht nochmal so, selbst wenn ich es wollen würde. Ich dachte im ersten Moment nur: „Verdammt, das war es für Xiamen!“ Ich dachte, ich hätte mir die Bänder gerissen. Wir sind direkt ins Krankenhaus gefahren und ich konnte nur hoffen, dass es nichts schlimmes ist. Die ganze Zeit gingen mir so viele Gedanken durch den Kopf: ob ich noch fliegen kann oder ob ich wirklich schon vor dem eigentlichen Beginn am Ende meiner Reise angelangt bin. Der Arzt untersuchte mich und erklärte mir, dass meine Bänder nicht gerissen, aber definitiv überdehnt seien. Der erste Stein fiel mir vom Herzen. Wenn die Knochen jetzt noch heil sind, sind die schlimmsten Szenarien weg. Nach einer glücklicherweise kurzen Wartezeit fiel mir der zweite Stein vom Herzen. Auch an den Knochen waren keine Schäden zu sehen. Also so wörtlich habe ich das alte Sprichwort, „Hals- und Beinbruch“, dann zum Glück doch nicht genommen. Das Abenteuer konnte doch noch beginnen.

Auf dem Weg zum Flughafen glaubte ich kaum, was ich im Begriff war zu tun. Alles hatte so weit weg gewirkt. Ich wollte das Auslandssemester auf jeden Fall. Trotzdem fühlte es sich so seltsam an, Deutschland und die gewohnte Umgebung zu verlassen. Aber ich finde, man kann sich nicht wirklich entwickeln, wenn man immer nur dasselbe sieht. Gleichzeitig kann man auch nichts erreichen, wenn man sich nie etwas traut. Also lief ich mit meinen Krücken zum Schalter und checkte ein. Dabei wurde mir auch noch eine super Komfort-Behandlung zugesprochen, da mir das Laufen trotz Krücken schwer fiel. (Glücklicherweise hatte ich nie Krücken gebraucht. Ich weiß daher aber auch nicht, wie man damit richtig läuft.) Am Schalter der Airline holte mich ein E-Cart ab. Vom Rücksitz aus, winke ich mit tränen in den Augen meiner Familie und Freundin zu. Als der Fahrer eine Extrarunde drehte, mussten wir laut lachen.

Auf dem E-Cart ging es weiter zur Sicherheitskontrolle, wo ich direkt dran kam, da ich mich in einer separaten Schlange einordnen durfte. Danach wechselte ich zu einer Fahrerin, die gut am Gas hing und mich bis zum Gate fuhr :-).

Goodbye Deutschland!

Dann saß ich im Flugzeug und mir leuchtete ein, dass ich noch nie während Flügen, Autofahrten oder ähnlichem schlafen konnte. Der Masterplan war in Gefahr. Verzweifelt versuchte ich einzuschlafen, saß aber nur mit geschlossenen Augen die meiste Zeit ruhig auf meinem Platz.

Ich flog zuerst von Frankfurt nach Peking und musste dort in ein kleineres Flugzeug nach Xiamen umsteigen. Wieder wurde ich zum Transport abgeholt. In Peking setzt man noch auf Manpower! Ich wurde von einem Angestellten des Flughafens mit einem Rollstuhl zum Anschlussflug geschoben. Auch während der Fahrt in Frankfurt wurde mir klar, wie gut es war, einfach Mal auf meinen Stolz zu verzichten und die Strecke nicht zu Fuß zu gehen. Die Wegstrecken in den Flughäfen sind einfach enorm lang!

Im Flugzeug nach Xiamen war ich dann doch endlich müde und konnte für ein paar Stunden schlafen. Als ich kurz vor der Landung wach geworden bin, spürte ich, dass der Schlaf bei weitem nicht ausreichen wird, also heißt es ab jetzt durchmachen bis es in Xiamen abends ist. Beim Verlassen des Flugzeuges traf ich auf eine Wand extrem dicker Luft. Die Luftfeuchtigkeit in Xiamen liegt echt auf einem anderen Niveau. Am Flughafen von Xiamen bin ich von einem Team der Universität abgeholt und mit dem Taxi zum Campus gebracht worden. Die Gesamte Fahrt quer durch die Stadt (14km!), inklusive einer halben Stunde Stau, kostete gerade einmal zehn Euro. In Deutschland bezahlt man für eindrittel der Strecke, ohne Stau, etwa 15 Euro. Was mich ebenfalls positiv überrascht hat, ist das Busfahren. Für eine Fahrkarte in die Stadt  bezahlt man 12 Cent?! Wahnsinn! Für den Preis würde ich in Deutschland auch öfter mal das Auto stehen lassen.

Falls ihr euch gefragt habt wo Xiamen eigentlich liegt und noch nicht die Motivation gefunden habt zu googlen. Ich war so frei und habe das für euch erledigt!

Endlich da!

Am Campus angekommen, hatte mich ein Student meines Institutes abgeholt. Er war für diesen Tag eine Art Betreuer für mich und half mir dabei, mich zurechtzufinden. Vor allem stand er mir sprachlich zur Seite. Denn trotz meines Chinesischkurses, den ich für ein Jahr in Trier besucht habe, ist es für mich noch unmöglich, mich beispielsweise an der Polizeistation zu registrieren. Er unterstützte mich auch bei der Organisation einer SIM-Karte, der Einrichtung meines Bankkontos und der Suche meines Wohnheimsplatzes. Es fühlte sich wirklich seltsam an, kein Wort zu verstehen und „blind“ die Dokumente zu unterschreiben. Doch gibt es rechts und links von mir, gefühlt, hunderte andere Studenten, die dasselbe tun. Wie schlecht kann es also sein?

Am Ende des Tages lernte ich noch den Mitbewohner meines Zweibettraumes kennen,  fiel müde in mein Bett und schlief ein.

Wann gibt es mehr von mir?

Ich hoffe, euch hat mein erster Blogpost gefallen!

Sobald ich mich eingelebt habe und meine Bänder wieder top sind, melde ich mich wieder :).

Solltet Ihr ein Thema haben, das euch interessiert, lasst es mich wissen! Ich bin für alles offen.

Euch erwarten in jedem Fall, beispielsweise Posts über die Cat-Street, wie das Studentenleben in China aussieht und natürlich das lokale Essen.

2 Kommentare

  1. Lieber Denis,

    erstmal gute Besserung! Was für ein schöner Blogpost. Ich persönlich empfinde den Zeitraum kurz vor einer Reise, den Flug (etc.) und die Ankunft auch immer am intensivsten. Da prasseln einfach so viele Eindrücke auf einen selbst ein. Vielen Dank, dass du uns daran teilhaben lässt. Wie geht’s deinem Jetlag?

    Ich wünsche Dir eine tolle Zeit in Xiamen!
    Anna

  2. Danke für dein Kommentar Anna! Es freut mich, dass dir mein Post gefallen hat. Hier gibt es wirklich so viel zu sehen, ich glaube ich könnte 100 Blogposts schreiben 😀
    Dem Jetlag konnte ich ziemlich gut entkommen.

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