Treiben lassen, bis man oben schwimmt

Die Dorm-Bar: der perfekte Ort zum Reflektieren.

Die Dorm-Bar: der perfekte Ort zum Reflektieren.

Warschau, ein Wirbel von einer Stadt. Man kommt an und wird erbarmungslos eingesogen. Die Eindrücke, die Menschen, die Häuser und Straßen. Endlich angekommen? Und wo hat der Trubel seine Wurzeln?

Der Zug hat in Berlin anderthalb Stunden Verspätung. Es regnet und der Himmel ist so grau, wie die Stimmung der Wartenden. Dann geht die Reise los: grau-beige Abteile und viel Beinfreiheit. Von Station zu Station wird immer weniger deutsch gesprochen, bis man sich dann auf einmal in Warschau wiederfindet. Die Bahnhofshalle wäre doppelt so leer gewesen, wenn mich meine polnische Mentorin nicht abgeholt hätte. Ab in die Unterkunft und nichts wie in die Federn.

Ich bin nun schon knapp eine Woche in der polnischen Hauptstadt. Langsam kann man sich orientieren, passt sich dem Rhythmus an, findet Mitstreiter, die das gleiche Schicksal teilen. Wer hätte gedacht, dass die Stadt so schnell ist? Die architektonischen Kontraste sind fließend, der Verkehr ist laut und es wird alles dafür getan, dass man halbwegs Anschluss findet. Gemeinsames Fazit der deutschen Erasmus-Community: wir sind erst ein paar Tage da, die Uni hat noch nicht einmal angefangen, aber man fühlt sich, als würde man schon Wochen hier leben. Geht es mir hier gut? Mein Bauchgefühl warnt mich vor voreiligen Schlüssen. Zeit, ein bisschen zu entschleunigen und einen Schritt zurück zu machen.

Ursprünge der Polen: ein ständiger Kampf

Woher kommt die polnische Geschäftigkeit? Vielleicht lassen sich erste Antworten in der Geschichte finden. Sie beginnt mit dem Volksstamm der Polanen, deren Name auf das slawische Wort für „Feld“ (Pole) zurückgeht. Ihr angestammter Platz liegt rund um die Warthe, ein Nebenfluss in der Mitte Europas im heutigen Westpolen.

Das Spiel um Einfluss beginnt so richtig mit der Christianisierung und der Verbindung zum deutschen Heiligen Römischen Reich Ende des 10. und Anfang des 11. Jahrhunderts. Polen wird zum Königreich und erobert, was das Zeug hält: nach Norden, nach Süden, nach Osten. Die Expansion wird zum Problem. Es gibt ständig Reibereien mit den Nachbarn und die polnischen Dynastien versuchen krampfhaft eine stabile Ordnung zu erhalten.

Polen im Mittelalter: keine Ruhe in Sicht

Es geht voran: Infrastruktur und Verwaltung verbessern sich, es gibt nun eine gesteuerte Siedlungspolitik und 1364 wird die Universität Krakau gegründet. Friede, Freude, Eierkuchen. Doch ein männlicher Thronfolger fehlt. Erst gibt es eine Abmachung mit der ungarischen Dynastie, dann Zugeständnisse an den polnischen Landadel, sodass eine Frau Nachfolgerin werden kann, die dann den litauischen König heiratet. Durch das ganze Hin und Her wechseln die zentraleuropäischen Gebiete zwischen Ostsee und Schwarzem Meer ständig die Besitzer. Polen bleibt bedrängt von allen Seiten.

Als wäre das nicht schon anstrengend genug, müssen sich die Könige ständig um die Unterstützung des Landadels bemühen. Bald sind so viele Privilegien verteilt, dass unabhängige Entscheidungen unmöglich werden. Und als die litauische Dynastie ausstirbt, wird eine Wahlmonarchie ins Leben gerufen. So nehmen die Nachbarn ständig Einfluss auf die Adelsrepublik. Hinzu kommen die Spannungen zwischen protestantischer Stadtbevölkerung und katholischem Adel nach der Reformation.

Spielball der Mächte: die polnischen Teilungen

Polen nimmt alle Kräfte zusammen und initiiert ein Reformprogramm im Geiste der Aufklärung. Das spielt den europäischen Großmächten in die Hände: gezielt unterstützen Russland und Preußen die Gegner, sodass ein Bürgerkrieg ausbricht. Polen ist so instabil, dass seine Regierungsgewalt zwischen Österreich, Preußen und Russland aufgeteilt wird. Trotzdem halten sie daran fest, den Weg in die Moderne zu gehen. Daraus resultiert die erste geschriebene Verfassung Europas 1791.

Gemälde zur Hundertjahrfeier der polnischen Verfassung von 1791, die als erste moderne Verfassung Europas gilt. (Foto: pinakoteka.zascianek.pl)

Stilisiertes Gemälde zur Hundertjahrfeier der polnischen Verfassung von 1791. (Foto: pinakoteka.zascianek.pl)

Und was ist der Dank dafür? Der Bürgerkrieg wird weiter von außen befeuert, Preußen und Russland teilen Polen erneut und nehmen die Verfassung zurück. Ein Aufstand gegen die Besatzer mündet in der dritten Teilung, die das Ende der staatlichen Souveränität bedeutet. Napoleon war die letzte Chance, doch seit den Koalitionskriegen schwindet sein Einfluss. Das polnische Selbstverständnis ist stark angeschlagen. Die Heimat, seit dem Wiener Kongress als „Kongresspolen“ bezeichnet, ist Russland unterstellt.

Wie ein Phönix aus der Asche

Die russischen Besatzer betreiben eine aggressive Kulturpolitik, die alles Polnische ausmerzen soll. Das verläuft so respektlos, dass zwei große Volksaufstände im 19. Jahrhundert nur mit Waffengewalt aufgehalten werden können. Als wäre das nicht genug, beginnt das ins Deutschen Reich eingegliederte Preußen ebenfalls das Polentum zu verbieten. Nach der Eroberung Polens im Ersten Weltkrieg und als Abwehrmaßnahme gegen ein Übergreifen der Oktoberrevolution in Russland wird Kongresspolen wiederbelebt.

Durch Unterstützung der USA und nach der Kapitulation des Deutschen Reiches, wird Polen endlich wieder staatlich unabhängig und kann sich selbst eine Regierung geben. Es wird einem so langsam klar, warum Polen auch als Schlachtfeld Europas bezeichnet wird. Die zentrale Lage und die weiten Flächen machen das Gebiet anfällig. Dabei hat es die Bevölkerung über Jahrhunderte geschafft, sich eine Identität aufzubauen. Der Mechanismus dahinter ist mir noch unklar. Vielleicht kann ich euch in den nächsten Artikeln eine Antwort präsentieren. Aber nun wieder in die Gegenwart.

Warschau reißt dich mit

Die Polen wirken nach außen hin stolz, etwas arrogant, etwas selbstbezogen. Alltagspatriotismus ist weit verbreitet und ein paar Brocken Polnisch zu sprechen, kann einem Tür und Tor öffnen. Die im Krieg zerstörte und wieder aufgebaute Stadt sieht so neu aus, dass es an manchen Ecken wirkt, als stünde man vor einer Filmkulisse. Es wirkt teilweise schon zu perfekt.

Jetzt ergibt das auch Sinn. Polen steckt in der Selbstfindungsphase. Sie hatten kaum Zeit, eine eigene Identität auszuformen. Und wenn, dann oft im Geheimen. Kein Wunder also, dass sie so stolz darauf sind, dass sie sich als das zeigen können, was sie sind. Und dazu diese Geschäftigkeit: man kennt nur den Weg nach vorne, immer die Zukunft im Blick. Der Fortschritt ist an jeder Ecke zu sehen. Eigentlich ganz sympathisch. Doch keine Sorge, liebe/r Leser/in, der Widerwille ist noch nicht ganz abgelegt. Aber vielleicht liegt das auch an der Erkältung, die ich mir eingefangen habe…

 

Quellen:
http://www.bpb.de/apuz/265509/die-zweite-polnische-republik-19181939-fakten-mythen-und-legenden?p=all
http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutsch-polnische-beziehungen/39751/geschichte-polens-bis-1918?p=all

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