Kapitel 1 – Tsukishima und die Suche nach einem Protagonisten

Ich steige aus dem Taxi, das mich vom Flughafen Haneda in die Stadt gebracht hat. Es ist fast Mitternacht und bis auf ein paar Anzugträger sind die Straßen leer. Ruhig und überraschend grün ist es hier, inmitten des scheinbar endlosen Zementmeeres. Tsukishima heißt mein erster Halt in Japan und ich bin auf der Suche nach einem Protagonisten.

Wer schon einmal in Japan war, ahnt, wohin es mich zuerst führt. Nämlich in einen der zahllosen 24-Stunden geöffneten Konbinis, die alles bieten, von Fertiggerichten bis zu neu verpackten weißen Hemden. Ich kaufe ein Onigiri, ein gefülltes Reisbällchen (mittlerweile auch in Trier erhältlich), und gehe wieder in die Nacht.

Tsukishima bei Nacht

Flanieren auf den Pfaden großer Persönlichkeiten

Mein Name ist Jan Lukas und das ist mein zweites Auslandsjahr in Japan, und ebenfalls mein zweiter Blog für die Campusnews (den ersten findet ihr hier). Dieses Mal habe ich die Möglichkeit bekommen, für ein Jahr als Graduate an der renommierten Waseda Universität zu studieren. Bevor mein Studium im Zentrum der Stadt beginnt, hat es mich unterkunftsbedingt nach Tsukishima im Süden verschlagen, ganz in der Nähe der Bucht von Tokio. Abgesehen von der Schwüle des Endsommers, die ohne Klimaanlagen kaum zu ertragen wäre, hat es nur wenige Momente gebraucht, eigentlich nur einen Konbini-Besuch, bis ich mich wieder in Japan eingefunden habe. Schließlich ist das mein vierter Aufenthalt hier. Ratlos bin ich dennoch, da Tsukishima ein schwarzer Fleck auf meiner inneren Stadtkarte ist, Neuland sozusagen. Und da wäre noch die Suche nach dem Protagonisten dieses Artikels.

Womit wir beim Konzept dieses Blogs wären. Jeden Monat werde ich einen längeren Artikel (ihr seid gewarnt) veröffentlichen, in dem ich mich mit einer Künstlerin, einem Schriftsteller, einer fiktiven Figur oder einfach einer interessanten Person auseinandersetze. Keine Angst, ich plane keine Biografiesammlung obskurer, japanischer Persönlichkeiten. „Yorimichi“, der Titel des Blogs, beschreibt den Umweg, das planlose Flanieren durch die Gassen eines Viertels, in meinem Fall dort wo der jeweilige Protagonisten gelebt oder gehandelt hat. Alltag und Geschichte sind miteinander verwoben. Was bedeuten Persönlichkeiten wie der Maler und Dichter Takehisa Yumeji oder der Fotograf Ueda Shōji den Japanern heutzutage? Wie sieht der Alltag im Schatten einer historischen Person aus und wie wird ihrer gedacht?

Während also die Person der Aufmacher zur Erkundung eines Ortes sein soll, muss ich bereits im ersten Kapitel mit meiner Regel brechen. Man verzeihe es mir bitte, es ist nur die Einleitung. Und so starte ich in Tsukishima und hoffe dort, auf den gewünschten Protagonisten zu treffen.

Erste Schritte, zweites Auslandsjahr

Doch erst einmal muss ich herausfinden, wo ich überhaupt bin. Der Bahnhof in Tsukishima ist nur an zwei U-Bahnlinien angeknüpft, nicht an die Japan Railways-Linien, die ich im letzten Auslandsjahr hauptsächlich benutzt habe. Eine Gelegenheit, den Ort zu besuchen, hatte ich bisher nicht.

Nur ein paar Minuten von meiner Unterkunft entfernt befindet sich der Sumida, der größte Fluss der Stadt. Tatsächlich kann man hier, im Gegensatz zu vielen anderen Teilen Tokios, die bis zum Wasser zugebaut sind, stellenweise am Flussufer entlang spazieren. An einem klaren Morgen sehe ich durch die vielen Brücken hindurch in der Ferne den Skytree, mit 634 Metern das höchste Gebäude der Stadt (laut Google Maps etwas mehr als 7 Kilometer entfernt). Endlich habe ich einen Orientierungspunkt gefunden. Einige Minuten später bin ich an einer Brücke angelangt, die zum benachbarten Ort Harumi führt. Auf der anderen Seite der Brücke bemerke ich eine Shopping-Mall, kaufe im dortigen Konbini einen Kaffee und setze mich draußen an einen leeren Tisch. In Tokio gibt es selten Orte, die sich ohne Geldaufwand frei benutzen lassen. Panisch scanne ich die zahlreichen Hinweisschilder und erfahre, dass die Nutzung nach 21 Uhr verboten ist. Also alles in Ordnung. Beim Frühstück blicke ich über das Flussufer zurück nach Tsukishima, hinein in einen Seitenkanal. Seltsam rechtwinklig mutet mir der Stadtbau an, ungewöhnlich für Tokio. Während Städte wie Kyoto oder Nara im Zentrum ihrem traditionellen Aufbau treu geblieben, einem Go-Brett gleichen, breitet sich die Hauptstadt haltlos aus wie ein Geschwür.

Blick auf einen Seitenkanal in Tsukishima

Tsukishima wird mit den Schriftzeichen für Mond 月und Insel 島 geschrieben. Mondinsel. Klingt romantisch. Ursprünglich benutzte man allerdings für Tsuki das Schriftzeichen 築, was „bauen“ heißt und in diesem Fall „neugewonnen“ bedeutet. Wer einmal eine Karte von Tokio oder ein Satellitenbild der Stadt gesehen hat, kann ahnen, warum: Tsukishima ist eine künstliche Insel, aufgeschüttete Erde, quadratisch angeordnet, umrandet von neu angelegten Flüssen. Klingt futuristisch, fühlt sich aber relativ heimelig an und ist älter als man erwarten mag. Gebaut bzw. aufgeschüttet wurde die Insel 1892 mit Erde, die für einen Flusskanal ausgegraben worden ist. Die Namensänderung erfolgte vermutlich um den Wohnort attraktiver zu machen.

Wohnhäuser über Wohnhäuser über Wohnhäuser

Wenn man schnell geht, kann man in einer halben Stunde von einem Ende Tsukishimas das andere erreichen. Hier wird also nicht in die Breite, sondern in die Höhe gebaut. Wohnhäuser. Einige über 30, andere über 50 Stockwerke hoch. Mich erschlägt der Gedanke daran, wie viele Menschen hier in einem einzigen Hochhaus wohnen mögen. Für Tokioter Verhältnisse sei Tsukishima beinahe menschenleer, ruhig und entspannt, sagt man mir. Hier findet der ganz unspektakuläre japanische Alltag statt: Anzugträger eilen zur Arbeit, Hausfrauen erledigen Einkäufe, Schulkinder albern auf dem Rückweg von der Schule herum.

Die Rushhour möchte ich trotzdem meiden und biege daher in eine Seitengasse ab, die etwas beschaulicher und altertümlicher wirkt. Beim Vorbeigehen sehe ich aus dem Augenwinkel den Schriftzug „50-Apartment-Wohnhaus“. Ich kehre um. Es handelt sich ein Plakat der „Gruppe zum Schutz von Tsukishima“. „Wir brauchen kein weiteres 50-stöckiges Apartmenthaus. Lasst uns das Gute an Tsukishima bewahren!“ heißt es auf dem Poster.

Blick von der Mall „Harumi Triton Square“ auf Tsukishima

Der Zuzug nach Tokio, vor allem aus dem Land, vor allem junger Menschen, schlägt sich im Stadtbild nieder. Nichts definiert Tokio so sehr wie der chronische Platzmangel. Jeder Millimeter wird genutzt. Platz ist hier das, was für Las Vegas das Wasser ist. Stark begrenzt. Alte Gebäude werden zügig niedergerissen und neu bebaut. Es gibt nur zwei Möglichkeiten dem Platzmangel zu entgegnen: Land aufschütten und künstliche Inseln schaffen, oder nach oben bauen. Tsukishima repräsentiert beides. Eine dritte Möglichkeit gäbe es theoretisch in Form der Dezentralisierung, Verteilung von Unternehmen und Arbeitsplätzen auf das ganze Land. Aber das wird kaum in Erwägung gezogen. Ganz normal reden junge Menschen vom Land als „kuso inaka“(Scheiß Provinz) und suchen ihre Zukunft in der Hauptstadt. Ich befürchte, dass die „Gruppe zum Schutz von Tsukishima“ scheitern wird.

Übrigens, der international berühmte Tsukiji-Lebensmittelmarkt (oft fälschlicherweise als Fischmarkt bezeichnet) befindet sich in direkter Nähe von Tsukishima und hat, im Gegensatz zur „Mondinsel“ seine ursprüngliche Schreibweise, „neugewonnenes Land“, beibehalten. Die Fischauktionen sind ein beliebtes Touristenziel und fehlen auf fast keinem Japanreiseplan. Tsukiji, ein Ort, so traditionell und altertümlich (mittlerweile 83 Jahre alt), so tief verbunden mit den Einwohnern und dem Viertel, dass man sich trotzdem dazu entschieden hat, den inneren Teil des Marktes für die Olympiade 2020 niederzureißen und nach Toyosu, einer weiteren künstlichen Insel, zu verlegen. Platz ist rar und Marktinteressen gehen vor. Die Eröffnung des neuen Marktes, nach mehrfacher Verzögerung, ist nun der 11. Oktober.

Kein Protagonist in Sicht. Also Abendessen

Meine Umwege haben mich noch immer nicht auf die Spur einer berühmten Persönlichkeit gebracht. Bevor ich aufgebe, greife ich zur letzten Option: Wikipedia. Der Mangazeichner Kurumada Masami, bekannt für Saint Seiya, älteren Japanologie-Semestern vielleicht bekannt, wurde hier geboren. Googlet man nach Prominenz von Tsukishima muss der Mangaka sich allerdings Bon-chan geschlagen geben. Einer Spornschildkröte. Leider hatte ich nicht das Glück, während meiner Zeit in hier Bekanntschaft mit der Schildkröte zu machen, die, wie es heißt, täglich von ihrem Besitzer Gassi geführt wird.

Fragt man außerhalb, wofür Tsukishima bekannt sei, folgen meistens zwei Antworten: als ruhiges Wohnviertel und als Heimat des „Monjayaki“, einer flüssigen Teigspeise. Ein Gericht als Protagonist? Unüblich ist es in Japan nicht, Orte eher mit Speisen als mit Persönlichkeiten in Verbindung zu bringen (in anderen asiatischen Ländern soll das ähnlich sein). In Japan wird sogar eine ganze Präfektur, halb im Scherz und halb im Ernst, nach einer Nudelsorte benannt. Aber darüber schreibe ich vielleicht in einem späteren Artikel.

Gestatten: unser Protagonist, das Monjayaki

Was ist Monjayaki? Bilder sind schneller als Worte und wer das angefügte Foto betrachtet hat, wird vielleicht ähnliche Assoziationen wie ich haben. Ja, ich muss es sagen: Monjayaki sieht bereits vor der Verdauung aus wie nach der Verdauung. Sollte ein Einwohner von Tsukishima diesen Satz lesen, dann werde ich gewiss zur Persona non grata erklärt. Denn im beschaulichen Tsukishima gibt es über 70 Restaurants, die sich dieser lokalen Spezialität widmen. Eine alte Ladenstraße, die auf 400 Metern die meisten dieser Lokale unterbringt, trägt stolz den Namen „Tsukishima Monja-Straße“.

Eine Karte der „Tsukishima Monja-Straße“ gefunden im dortigen Bahnhof

Monjayaki werden an einer Grillplatte von den Gästen selbst zubereitet. Man bestellt also den Teig, bestehend aus Mehl, Kohl, Ei, Wasser und Yamaimo, die der Süßkartoffel ähnelt. Dazu kommen nach Belieben Käse, Fleisch, Fisch etc. hinzu. Das Monjayaki, ist der flüssige Bruder des bekannteren Okonomiyaki, einem deftigen Pfannkuchen auf Kohlbasis. Nachdem man die Zutaten auf die Platte gegeben hat, muss man mit einer kleinen Spachtel einen Kreis formen und in dessen Mitte den flüssigen Teig hinzufügen. Danach vermengt man alles miteinander und isst es im leicht angebratenen, aber immer noch flüssigen Zustand. Muss ich erwähnen, dass es fantastisch schmeckt? Ich begnüge mich für dieses Mal mit dem Monjayaki und verabschiede mich für diesen Monat mit einem kleinen Rückblick.

Zutaten für ein Monjayaki mit Garnelen und Oktopus

 

Mit kleinen Spachteln bereitet man das Gericht selbst zu

Abschied von der künstlichen Insel

Meine dritte Woche in Japan ist nun fast vorbei. Bevor ich Tsukishima verlasse und auf „natürlichen“ Boden umziehe, möchte ich noch einen Ort besuchen. Ein Kunstobjekt am Passagierhafen in Harumi hat mein Interesse geweckt. Und so gehe ich zu Fuß von der einen künstlichen Insel zur anderen, an der mittlerweile liebegewonnenen Harumi Triton Mall vorbei. Auf der Hauptstraße ist es auf einmal menschenleer und vor meinen Augen eröffnet sich eine riesige Bauzone. In Harumi soll das Olympische Dorf für die Spiele 2020 gebaut werden. So viel Raum und so wenig Menschen, das kenne ich in Tokio sonst nur von der Grünfläche vor dem kaiserlichen Palast im Stadtzentrum. Surreal erscheint mir dieser stille Sonntagnachmittag in Tokio.

Bauzone für das Olympische Dorf 2020 in Harumi

Ich schaue auf die letzten Wochen zurück. Ein heftiger Taifun fegte am Anfang des Monats über Japan und legte den Verkehr am Flughafen in Osaka außer Kraft, was einigen meiner Kommilitonen, die sich bald nach Japan aufmachen, Sorgen bereitet hat. Tokio blieb größtenteils unversehrt. Ich bekam in meinem klimatisierten Zimmer wenig davon mit. Einige Tage später wird Hokkaido von einem Erdbeben der Stärke 6,6 heimgesucht, kurz nachdem ein Freund dort seinen Urlaub verbracht hat.

Am Hafen angekommen blicke ich auf die friedliche Bucht Tokios. Auch aus Deutschland haben mich Nachrichten erreicht über die Vorfälle in Chemnitz. Im Passagierterminal liest ein Tourist das neue Buch von Thilo Sarrazin in Grün. Langsam legt sich die Abendsonne über Tokio. Auf Wiedersehen, künstliche Insel.

Kunstobjekt am Passagierhafen Harumi