How to survive in Warsaw

Der Kulturpalast im polnischen Spätherbst.

Der Kulturpalast im polnischen Spätherbst.

Es kribbelt im Bauch. Der Koffer ist gepackt. Die Formulare ausgefüllt und abgegeben. Was sonst noch zu beachten ist, erfährst du in diesem Beitrag.

Dein Erasmusaufenthalt steht an? Du gehst nach Warschau? Herzlichen Glückwunsch! Das ist eine einmalige Gelegenheit. Um dir eine grobe Orientierung zu geben, habe ich einen kleinen persönlichen Ratgeber erstellt. Viel Spaß beim Schmökern!

 

Das Mindset

Zu Beginn ist alles noch so unwirklich. Die Erwartungen kreisen im Kopf. Um sich einen Überblick zu verschaffen, ist es sinnvoll, sich ein paar Fakten über das Land, die Stadt und die Uni einzuholen. Freunde und Bekannte, die selber im Austausch waren, können eine gute Stütze sein. Doch sei dir bewusst, dass sich deren positive bzw. negative Erfahrungen voraussichtlich von deinen unterscheiden werden. Versuche deshalb das Abenteuer möglichst ungefiltert zu beginnen. In einem anderen Land zu leben, bedeutet dabei auch Stress und Angst – das ist okay.

Versuche deshalb bei all‘ den Veranstaltungen Freiräume für dich zu schaffen. Ein Tagebuch oder Blog kann helfen, sich Frust von der Seele zu schreiben und zu reflektieren, wie die eigene Persönlichkeit auf die Herausforderungen reagiert. Fotos und Social-Media-Kanäle dienen parallel dazu, unvergessliche Momente festzuhalten. Diese Souveniers sind besser, als jeder Schlüsselanhänger vom Touri-Kiosk.

Manchmal muss man für sich selbst sein.

Manchmal muss man für sich selbst sein.

Am Ende steht deine Reise im Mittelpunkt. Suche dir deshalb selber Verbündete und unternehme mit ihnen, was du in deiner Heimat auch gerne machst. Oder probier etwas völlig Neues aus. Ob du alle Energie in Seminare, einen Museeums- oder Barmarathon steckst, ist egal: dein eigenes Glück ist wichtig. Zwischendurch kann man schon einmal das Gefühl bekommen, etwas zu verpassen. Der Gruppendynamik zu entkommen, ist nicht immer einfach. Schalt einen Gang zurück! Mal einen Abend alleine mit einer guten Serie zu verbringen kann mehr wert sein, als gezwungener Smalltalk auf einer öden Party.

 

Do’s: Warschaus Facetten kennenlernen

Planung
Besorg dir einen Kalender bzw. eine passende App und fülle sie mit Fristen. Ebenfalls nützlich sind Namen, Telefonnummern und E-Mail-Adressen der Verantwortlichen, die du schon im Vorfeld recherchieren kannst. Um den gesamten Aufenthalt zu organisieren, hat mir Trello geholfen. Manche überlegen, sich eine polnische Simkarte zu besorgen, da diese günstig und mit deutlich mehr Datenvolumen ausgestattet sind. Ich persönlich habe das nicht benötigt, da durch die abgeschafften Roaminggebühren in der EU die deutsche Karte ohne Probleme funktioniert hat. Da ist eine Kreditkarte schon wichtiger. Man kann alles Mögliche damit unkompliziert bezahlen und der Kurs der Hausbank ist üblicherweise recht gut. Falls du im Geschäft gefragt wirst, ob du in Euro oder Zloty (PLN) bezahlen möchtest, wähle letztere Option. Sonst funktionierte die Zahlung bei mir nicht oder war zu einem deutlich schlechteren Kurs fällig. Wer Euros tauschen möchte, sollte dies an den kleinen Wechselstuben in den Unterführungen vor Hauptbahnhof und Kulturpalast machen. Ob der Kurs fair ist, kannst du schnell mit einer Google-Suche prüfen. Als grobe Orientierung für Preise und Kurse gilt: ein Euro sind rund vier Zloty.

In Warschau war Facebook sehr wichtig: nicht nur ist es eine unverbindliche Möglichkeit, sich zu verbinden, ohne die Telefonnummer herauszugeben. Auf diversen Facebookseiten und -gruppen findet man außerdem alle Informationen für den Alltag vor Ort. Eine der gängigen Übersetzer-Apps kann Missverständnisse vorbeugen. Um mobil zu sein, besorg dir Uber und die Öffi-App Jakdojade. Die Fahrkarte für den Nahverkehr lädst du auf deinen Studierendenausweis am Fahrkartenautomat (direkt vor dem Hauptcampus steht ein Exemplar). Zusammen mit dem Studirabatt ist ein 90-Tage-Ticket für ca. 30 Euro die günstigste Variante. Vergiss nur nicht, das Guthaben rechtzeitig zu erneuern.

Erasmus vor Ort
In Polen gibt es keine Fachschaften im deutschen Sinne. Dafür engagieren sich die Polen in verschiedenen Gruppen. Die für dich wahrscheinlich wichtigste ist das Erasmus-Netzwerk der Universität Warschau. Hier kommt jeder auf seine Kosten: Wochenendtrips, Parties, Kneipentouren, Museums- und Stadtführungen, Filmabende, Hundespaziergänge, Pierogi-Kochen, Eislaufen uvm. Langweilig wird es nie und man sieht regelmäßig bekannte Gesichter. Falls ein Event einmal ausgebucht sein sollte, kannst du auf die Seiten der Gruppen der anderen Hochschulen (ESN PW, ESN SGGW) schauen, die oftmals ähnliche Veranstaltungen planen. Weiterhin bietet die international vernetze Organisation eine ESN Card an, mit der du in verschiedenen europäischen Städten Rabatte bekommst. Auch Ryanair ist Partner, was die An- und Abreise billiger machen kann. Zwingend nötig ist sie aber nicht.

Theaterstück der Anglistenfakultät.

Theaterstück der Anglistenfakultät.

Freunde kennenlernen
Die Kommilitonen sind, wie auch an der Heimatuni, wichtiger Grundpfeiler deines Netzwerkes. Je nach Fakultät lernst du hier vor allem Internationals kennen, die in der gleichen Situation sind. Und sehr wahrscheinlich triffst du sie immer wieder auf den ESN-Veranstaltungen. Auch spielen Mitbewohner eine zentrale Rolle – immerhin lebt man zusammen. Selbst wenn man nicht perfekt harmoniert, kann man so über drei Ecken deren Bekannte ebenfalls erreichen. Darüber hinaus empfehle ich dir das Mentorprogramm der Universität Warschau. Der Vorteil ist, dass man einen polnischen Buddy an die Seite gestellt bekommt. Weiterhin werden verschiedene Sprach- und Sportkurse angeboten. Bei letzteren kann es zuweilen zu sprachlichen Problemen kommen, doch die polnischen Studierenden sind meiner Erfahrung nach sehr hilfsbereit. Wer die Herausforderung sucht, kann der Theatergruppe der Anglistikfakultät beitreten – inklusive Abschlussaufführung.

Kultur, Kultur, Kultur
Die polnische Hauptstadtmetropole ist voller Leben: zahlreiche Museen und Ausstellungen mit Studirabatt, gepflegte Parks, historische Architektur, Bars, Cafés, Restaurants, ein Zoo, Konzerthallen. Überrascht war ich auch von den Kinos, denn Filme werden grundsätzlich in Originalsprache mit polnischem Untertitel gezeigt. Hier einzelne Empfehlungen zu geben, würde den Rahmen sprengen. Horcht euch einfach ein bisschen um und lauft los. Außerhalb von ESN gibt es die Gruppe Warsaw Social und die sehr empfehlenswerten Free Walking Tours.

Klassisches polnisches Essen gibt es an jeder Ecke. Die für Touristen ausgelegten „Zapiecek“s kann ich wärmstens empfehlen. Habt ihr ein wenig Übung in der Sprache, geht in eine kantinenähnliche Milchbar, wo man zu günstigen Preisen mit Hausmannskost satt wird. Die Alternativkultur wird, vermutlich durch die relative Nähe zu Berlin, in Warschau breit zelebriert: Streetfood- und Vintage-Märkte, Secound-Hand-Shops und Streetart warten auf dich. Fun Fact: Warschau gehört zu den vegansten Städten Europas. Hier lässt sich einiges entdecken. Und Club Mate ist auch schon angekommen.

 

Dont’s: den Kulturschock siegen lassen

Die internationale Filterblase
Da die ganzen Erasmus-Events so gestaltet sind, dass sich die Studierenden im Austausch kennenlernen können, hat man vor allem Internationals um sich. An meiner Fakultät gab es außerdem extra Erasmuskurse. Klar, alle verständigen sich in Englisch und so kann man das besser bündeln. Und gib es zu: du bist auch gekommen, um Bekanntschaft mit Menschen aus aller Welt zu schließen. Doch versuche dein Gastgeberland im Hinterkopf zu behalten. Ein bisschen Polnisch üben und auf polnische Studierende zuzugehen hat meinen Alltag sehr bereichert. Denn so bekommt man mit, wie die Einheimischen ticken und was außerhalb der Erasmuswelt zu entdecken ist.

Gemeinsames Kartoffelpufferbacken mit polnischen Studis.

Gemeinsames Kartoffelpufferbacken mit polnischen Studis.

Reisen, ohne anzukommen
Während meines Aufenthalts wurden dutzende Kurztrips zu günstigen Preisen angeboten: Krakau, Torun, Danzig, Breslau, Wien, Budapest, das Baltikum, Sankt Petersburg. Darüber hinaus haben einige Bekannte die Möglichkeit genutzt, die umliegende Region selbstständig zu erkunden. Eine unglaubliche Gelegenheit, lebt man doch sowieso die ganze Zeit aus dem Koffer. Das habe ich mir auch nicht entgehen lassen, zumal man so die Anderen besser kennenlernt. Doch wie so oft, liegt die Kunst in der gesunden Balance: manche Erasmusfreunde waren ständig auf Trab und waren ganz erstaunt, wenn ich über die Dinge gesprochen habe, die ich in Warschau gemacht habe. Andere hatten Probleme mit den Anwesenheitsregelungen und Prüfungen zum Ende des Semesters. Also: übertreib es nicht und nutze die Zeit nach den Prüfungen, um das Land noch weiter zu erkunden.

Alles muss man selber machen?
Ein Auslandsaufenthalt verlangt viel Selbstorganisation. Man muss unter Beweis stellen, dass man den Überblick behält und proaktiv wird. Kurse, Veranstaltungen und Freunde finden sich nicht von alleine. Doch auch hier kommt es auf das Gleichgewicht an. Für mich war es eine der größeren Herausforderungen, Ego und Unsicherheit runterzuschlucken und nachzufragen. Statt stundenlang nach einem Raum zu googlen, kann man auch einfach am Welcome Point fragen. Statt im Supermarkt herumzuirren, kann man die Mitarbeiter mit Hilfe der Übersetzer-App fragen. Statt alleine loszuziehen, kann man die Erasmusbekanntschaften anschreiben.

Wenn gar nichts mehr hilft, muss man seinem Frust auch mal Luft machen.

Wenn gar nichts mehr hilft, muss man seinem Frust auch mal Luft machen.

Immer mit der Ruhe
In einer neuen Kultur wird deine Geduld oft auf die Probe gestellt. Die Dinge laufen etwas anders, alles dauert zu Beginn etwas länger und Missverständnisse sind unvermeidbar. Vielleicht reagiert die Polin an der Kasse etwas ruppig, da sie kein Englisch spricht. Oder ein Pole winkt verächtlich ab, wenn er dich nach dem Busfahrplan fragt und du nur antworten kannst: „Entschuldigung, ich spreche leider kein Polnisch“. Doch gerade an touristischen Orten und mit der jüngeren Generation ist es möglich, auf Englisch zu kommunizieren. Dabei sind die Polen ein bisschen schüchtern, obwohl sie es ziemlich gut verstehen. Sie sind genauso offen, wie wir Deutschen. Stell dir vor, du arbeitest in einem Café und ein Gast spricht dich unvermittelt auf Englisch an. Da brauchst du auch einen Moment, um umzuschalten. Deshalb: keep calm and carry on.

Schwarze Schafe gibt es überall
Das Großstadtleben hat nicht nur gute Seiten. Berichte über Betrüger in Osteuropa hört man immer wieder und leider trifft das auch auf Warschau zu. Das fängt bei den Klemmbrettträgern vor dem Kulturpalast an, die vermeintliche Spenden sammeln. Es geht weiter bei überteuerten Getränken, deren Preis erst auffällt, wenn man seine Kreditkartenrechnung checkt. So durften wir in einem Krakauer Club fünf Euro pro Shot hinblättern. Auf der zentralen Flaniermeile Nowy Świat in Richtung Uni und Altstadt trifft man regelmäßig Promoter, die einen in ein Gespräch verwickeln, damit man in deren Strip Clubs kommt. Laut Berichten eines Bekannten ist das keine gute Idee. Die Krux war dann eine Gruppe von Freunden, die mich zu Silvester besuchten und mit K.O.-Tropfen im Getränk um einen dicken Batzen Geld betrogen worden sind. Die Polizei ist überfordert oder kümmert sich nicht darum, obwohl das Problem bekannt ist. Deshalb mein Rat: bleibt strikt, wenn euch jemand anspricht und ihr es unangenehm findet. Einfach weitergehen und selbstbewusst bleiben.

Macht´s gut!

Macht´s gut!

Time to say Goodbye

Damit enlasse ich euch in euer eigenes Abenteuer! Warschau ist immer eine Reise wert, ob zum Studieren oder zum Sightseeing. Mittel- und Osteuropa werden sowieso noch unterschätzt, was das kulturelle Angebot angeht. Viel mehr bleibt nicht zu sagen. Ich bin gesund und bereichert in Deutschland angekommen und das normale Leben geht weiter. Damit verabschiede ich mich von diesem Blog. Der zugehörige Instagram-Account bleibt aktiv – schaut gerne vorbei. Wenn ich mal wieder in Polen bin oder meine Erasmusfreunde treffe, werdet ihr dort auf dem Laufenden gehalten.

Danke, dass ihr Teil meiner Reise wart. Dieses Projekt hat wirklich Freude gemacht und ich kann es jedem ans Herz legen, einen eigenen Blog zu starten. Jetzt bleibt mir nur noch zu sagen:

Baw się dobrze w Warszawie! (Viel Spaß Euch in Warschau!)

 

Ein Kommentar

  1. Sehr cool, Roman! Toller Blog und toller Abschieds-Post! Es hat Spaß gemacht, dich auf deinem Warschau Abenteuer zu begleiten! Alles Gute für dich!

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