Man stelle sich vor: Volle Züge und Schildkröten-Schöpfen

Eins, zwei, Test, Test. Könnt Ihr mich hören? Mein Auslandsjahr in Japan hat begonnen und hiermit geht mein Blog aus Tokio an den Start! Was es damit auf sich hat und was ich in den ersten Tagen bereits in Tokio erleben durfte, erfahrt Ihr hier. Eins sei schon mal vorweggesagt: japanische Feste halten immer Überraschungen bereit.

Man stelle sich vor: Ein Jahr in Japan sein. Mein getipptes „Konnichiwa“ muss erst den halben Globus umrunden, damit es Euch erreichen kann (So funktioniert das Internet doch, oder?!). Ich freue mich aber sehr, wenn es das tut. Ein Jahr in Japan, das bedeutet auch, vielen Umstellungen, Herausforderungen und neuen Entdeckungen begegnen. Eingetaucht in einer Welt voller Schriftzeichen, die man teilweise schon aus dem Unterricht kennt, zu großen Teilen aber auch noch nicht, wird vieles zum Abenteuer. Das bekam ich in meiner ersten Woche bei diversen Behördengängen und notwendigen Erledigungen zu spüren.

Erster Halt: Osaka, Nächster Halt: Tokio

An einiges bin ich schon gewöhnt. Vor zwei Jahren begann mein erstes Auslandsjahr in Osaka. Ich lebte für zehn Monate mit einer Gastfamilie, bestehend aus den zwei coolsten Gasteltern der Welt, zusammen in einem Einfamilienhaus. Damals durfte ich schon einiges über die japanische Kultur, Gastfreundschaft und Trinkfestigkeit lernen. Durch die Zweiteilung des Studiums in Bachelor und Master bot sich mir nun die Chance, ein zweites Auslandsjahr zu machen, Bologna sei Dank! Nach der westlichen Kansai-Region widme ich mich also der Metropole im Osten und kann erste Vergleiche ziehen. Dabei fiel mir nach der Ankunft in Tokio direkt auf, dass die Leute auf der linken Seite der Rolltreppe stehen, um rechts Leute vorbeizulassen, die es eiliger haben. In Osaka ist das genau umgekehrt. So hoffe ich, dass die Einheimischen, denen ich auf der falschen Seite stehend, völlig den Weg versperrte, gedacht haben: „Ah, immer diese nervigen Leute aus Osaka.“ Und nicht: „Ah, immer diese nervigen uninformierten Ausländer.“ Die Chancen dafür sind wohl ziemlich gering.

Zweiter Unterschied sind die Züge. Ich bin mir sich, dass die Bilder überfüllter Züge, im besten Fall mit zwei Bahnhofsangestellten, die einen Nachzügler-Schwarm Anzugträger in die Wagons hineinpressen, den Lesern bekannt sind. Nach den ersten Tagen, in denen ich mittäglich durch die Gegend gondelte, erschienen mir diese Bilder übertrieben. Erst einen Tag vor Beginn des Unterrichts eröffnete meine studentische Supporterin mir, dass die Zuglinie, die ich täglich benutzen werde, besonders voll ist. Der Grund sei, dass sie nicht hoch frequentiert ist und sich die Pendler daher auf wenige Züge verteilen müssen. Und tatsächlich: pünktlich zur morgendlichen Rush Hour schiebt und drängt alles in die Züge, bis jeder nicht mehr Platz hat als ein Fleckchen, um die Füße auf den Boden zu bekommen. Bahnhofsangestellte sind dabei nicht nötig. Die Leute können sich auch gut selber quetschen. Gerade, wenn man denkt, es gibt keinen Platz mehr, springen noch ein paar Nachzügler in die Bahn, und halten sich oberhalb der Türen fest, damit kein Körperteil eingeklemmt wird. Bei jeder Station wird die Hälfte der Passagiere wieder aus dem Wagon herausgespült, weil sonst niemand aussteigen könnte. Und dann beginnt das Spiel von vorne.

Ich blicke herunter auf ein junges Mädchen, das von allen Seiten umringt ist, eine Hand schützend vor der Brust verschränkt, in der anderen das Handy. Sie versucht, die Balance zu halten, weil sie keine der Halteschlaufen erreichen kann, und wird von links nach rechts geschoben (Insgeheim bin ich in diesen Momenten froh, einen Kopf größer als die meisten Japanerinnen zu sein!).

Die Atmosphäre Tokios einfangen

Und damit zum Thema meines Blogs: Ich hoffe, dass ich in der oben beschriebenen Passage und in künftigen Blogeinträgen in Häppchen portioniert die Atmosphäre von Tokio einfangen, verpacken und nach Deutschland versenden kann. Statt eines kulturellen Reiseführers versuche ich daher, Euch von Begegnungen oder Situationen zu erzählen, die für mich das Auslandsjahr hier prägen. Wie ist es, einem Sumo-Turnier beizuwohnen? Wie gestalten sich Konzertbesuche in den Livehäusern Shibuyas? Garniert werden soll das ganze mit Artwork aus dem Kunst-Club (je nach Gelingen) und selbstgeschossenen Fotos. Und auch die japanische Küche soll im Vergleich zu der chinesischen oder koreanischen Küche der anderen Blogs vorgestellt werden. Ich freue mich sehr, wenn ihr mich auf der Reise begleiten würdet. Die erste Episode erzählt von der Begegnung mit hosenlosen Schrein-Trägern und einer pfiffigen Budenbesitzerin:

Zu Besuch beim Yoyogi Hachiman Schreinfest

Nach dem obligatorischen bürokratischen Kram, der mir stellenweise vorkam wie die Jagd nach dem Passierschein A38, wurde es Zeit, das Wochenende zu genießen. Eine nach Tokio ausgewanderte Freundin erzählte mir von einer lokalen Festivität, dem Herbstfest (aki-matsuri) des Yoyogi Hachiman Schreins. In der Nähe des weitläufigen Yoyogi-Parks gelegen, kontrastiert dieser Schrein mit seinen großen Bäumen die Betonbauten des umliegenden Viertels. Eine Wand aus Lampions zeigt die Sponsoren und Unterstützer des Schreins. Durch ein Tor betritt man dann den kleinen Forst. Eigentlich markieren diese Tore den Eingang zur Welt der in den Schreinen verehrten Gottheiten. An diesem Tag war die gewohnte Ruhe der Shintô-Stätte jedoch einem Kirmes-Trubel gewichen. Wie für Feste dieser Art üblich reihte sich eine Bude (yatai) an die nächste, bunt, mit Ramsch für Kinder und allerlei Frittiertem, Gebratenem, Gekühltem, Glasiertem, Gekochtem, Geschnittenem. Höchste Zeit, sich eine Gurke am Stiel für 200 Yen zu gönnen.

Der Hauptpart des Festivals fand jedoch außerhalb des Schreines statt. Die Bewohner des Viertels – waren sie wohl freiwillig da oder aus verpflichtender Tradition – und hier und da auch ein ausländischer Tourist trugen tragbare Schreine, sogenannte mikoshi, durch die Straßen von Yoyogi. Die Schultern der Leute hielten die Schreine, die wiederum von einer Traube aus angetrunkenen Schaulustigen umringt waren. Dazu wippten die Träger im Rhythmus von Gesängen („Washoi, washoi“ im Stil von Stadiongesang) und Trillerpfeifen auf und ab, was das Tragen dieser wuchtigen Dinger bestimmt nicht einfacher gemacht hat.

Hosen sind nicht im Dresscode inbegriffen

Ganz besonders möchte ich an dieser Stelle die Aufmachung und die Ausgelassenheit der Teilnehmenden betonen. Zu der traditionellen Festkleidung gehören die Westen (happi), auf denen hinten meistens das Zeichen für Fest, matsuri, aber auch die Zughörigkeit zu Organisationen, Schreinen oder Schulen gedruckt sind. Optional können die Männer sich dann noch ein Handtuch um den Kopf binden, das verhindert, dass Schweiß ins Gesicht läuft, aber auch als improvisierter Helm Stöße dämpfen kann. Die Füße stecken in tabi, speziellen Socken, was sie aussehen lässt, wie Kamel-Zehen. Ebenso optional waren Hosen, die im Dresscode der Männer wohl nicht vorgesehen sind. Wer also wollte, konnte mit einem in der Art der Sumo-Ringer geschnürten Tanga seinen Hintern präsentieren. Schätzungsweise ein Fünftel der anwesenden, unter der Last des mikoshi ächzenden Träger hatte daher die Chance genutzt, mal ein bisschen frische Luft an die Beine zu lassen.

Während einer Pause beobachtete ich eine Gruppe braungebrannter Festteilnehmer, die sich ein Bier und eine Zigarette nach der schweißtreibenden Arbeit gönnten, die Haare wild zerzaust und ein zufriedenes Grinsen auf den Lippen. Ein wirklich schöner Kontrast zu der oben beschriebenen gebügelten Schar Anzugträger und Frauen in gestriegelten Kostümen, denen man in den morgendlichen Zügen begegnet.

Keine Hose – Kein Problem.

Schildkröten-Schöpfen statt Entchen-Angeln

Zum Schluss möchte ich noch von einer weiteren Begegnung mit einer bemerkenswerten Person erzählen, die für mich die Atmosphäre des Festes geprägt hat. Die Frau vom Schildkröten-Schöpfen.

Als ich noch klein war, gab es bei uns im Dorf eine Kirmes, bei der es für Kinder einen Stand mit Meerschweinchen gab. Dabei konnte man Geld bezahlen und wetten, in welches Häuschen die Meerschweinchen huschen würden, um Schutz vor den lärmenden Rufen der Kinder zu finden. Ich möchte nicht wissen, wie viele der armen Viecher an den Folgen dieser traumatisierenden Erfahrung gestorben sind. Schließlich wurde der Stand aus Tierschutz-Gründen abgeschafft und durch ein Glücksrad ersetzt. Das senkte auch den Lärmpegel, weil das Rad nicht angeschrien werden musste, um sich zu bewegen.

Auf den japanischen Festen gibt es immer noch Stände, denen das Wohl der Tiere wahrscheinlich recht wenig am Herzen liegt. Das mag auch in einer Gesellschaft kein Wunder sein, in der die Frische der Lebensmittel dermaßen geschätzt wird, dass bestimmte Arten von Fischen und Tintenfischen noch lebend verzehrt werden. Bei den besagten Ständen wird ein Spiel daraus gemacht, Goldfische (kingyo sukui) oder kleine Schildkröten (kame sukui) mit Hilfe eines Papierfächers oder einer Papierschale aus einem flachen Becken zu schöpfen. Die so gewonnenen Tiere dürfen als Haustiere mit nach Hause genommen werden.

Die obâsan zeigt, wie es geht. Und schwups, ist die Schildkröte gefangen

Eine Freundin und ich beschlossen also, einer der Schildkröten ein neues Zuhause zu geben. Der Schildkröten-Schöpf-Stand (Wort des Jahres 2018!) wurde geleitet von einer dicklicheren obâsan (ältere Frau), deren Augen aufmerksam die potentiellen Kunden musterten. Dabei bewegten sich die ganze Zeit über die paar verbliebenen Zähne in ihrem Mund, während sie ihren Stand anpries, um Kinder zum Mitmachen anzulocken. Wenn diese dann versuchten, mit der an einer Zange befestigten Papierschale eine der verzweifelt ausweichenden Schildkröten zu fangen, tröstete die obâsan, sobald die Kröte ihrem Gefängnis entfleucht und das Spiel verloren war. Lies dann ein Elternteil einen Tausender (entspricht ca. acht Euro) über die Theke wandern, legte die alte Dame selbst Hand an und fing mit einer schnellen Drehung ihrer pummeligen Hand eine unglückliche (oder glückliche?) Kröte ein, damit das Kind dann doch noch ein neues Haustier bekam. So strafte sie die umherstehenden Jugendlichen Lügen, die Zweifel geäußert hatten, ob das Spiel wohl unmöglich sei. Als meine Freundin an der Reihe war und ihren Kumpel bat, die Schildkröte zu fangen, schaffte er es tatsächlich, das Tier mit Müh und Not aus dem Becken zu balancieren. Die Schaulustigen applaudierten. Das Gesicht der obâsan nahm einen verwunderten, dann empörten Ausdruck an. War es denn möglich, dass da ein dahergelaufener Ausländer vorbeikommt und sie in ihrem eigenen Spiel schlägt? Das konnte ja nicht angehen. Sie machte uns in empörtem Tonfall darauf aufmerksam, dass das Spiel nicht gilt, wenn die Schale wie bei dem Fangversuch des Kumpels von der Zange rutscht, und schüttete das gefangene Gut zurück ins Becken. Und so musste auch meine Freundin einen Tausender drauflegen, um dem Tier ein neues Zuhause geben zu können. Ich denke, die alte Schaustellerin, die mit allen Wassern gewaschen war, wird mir noch eine Weile in Erinnerung bleiben.

Ich freue mich sehr, wenn Ihr den zugegeben etwas lang geratenen Artikel bis hierhin verfolgt habt und hoffe, auch beim nächsten Mal interessante Eindrücke aus Tokio liefern zu können. Über Feedback freue ich mich natürlich immer gerne! Und auf Instagram gibt es zusätzliche Updates 😉

2 Kommentare

  1. Der erste Eintrag ist da! ich freue mich schon besonders auf das Sumo Ringen, da hast du mich bereits neugierig gemacht als du uns davon erzählt hast 😀

    Finde es sehr cool, dass du immer die ein oder anderen japanischen Begriffe mit rein nimmst!

    Hier nennen die Chinesen die Ausländer Laowai was so viel heißt wie „Ungelernter“ oder „Fremder“. Wir scherzen auch immer darüber was wohl in den Köpfen der Einheimischen vorgeht wenn diese dahergelaufenen Laowais mal wieder im Weg stehen oder Tatsächlich „Auf Wiedersehen“ sagen (Das ist hier scheinbar unhöflich!? wir müssen mal Frau Qu fragen)

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