Über die polnische Seele

Streetart in der Warschauer Innenstadt

Streetart in der Warschauer Innenstadt

Bereits in Deutschland habe ich mir überlegt, was das Polnischsein ausmachen könnte. Und siehe da: es deckt sich mit meinen Beobachtungen vor Ort.

Bevor ich ein anderes Land besuche, möchte ich mich schon vorab etwas einstimmen. Dafür habe ich mir verschiedene Materialien zusammengesucht, die dementsprechend aus der Perspektive des Verfasser geschrieben sind. Und wenn dann Aussagen an unterschiedlichen Stellen nochmals auftauchen, fühlt man sich nach und nach, als würde man die Region schon kennen. Während des Recherchierens merkt man immer deutlicher die Brille, die man sich selbst aufsetzt. Ihr erinnert euch an den vorangegangenen Post über Vorurteile? Genau so.

Dabei sind Erwartungen schon etwas Seltsames: man wartet darauf, dass etwas eintritt. Entweder es passiert etwas anderes und ich bin irritiert. Oder es passiert genau das Erwartete und ich bin enttäuscht, keine neue Erfahrung gemacht zu haben. Deshalb ist es so wichtig, eigene Beobachtungen vor Ort einzubeziehen. Zeit für einen Realitätscheck. Aber Schritt für Schritt.

 

Perspektive aus der Ferne

Über Polens Geschichte haben wir ja bereits gesprochen: Konflikte, Zerissenheit, polnische Exklaven im Ausland. Dagegen stehen Meisterwerke der Kultur, Kunst, Musik und Wissenschaft: Kopernikus, Curie, Chopin. Vergleichbar mit der Situation Deutschlands im 19. Jahrhundert, kann man von Polen als Kulturnation reden. Deshalb sind immaterielle Güter so wichtig: Sprache, Musik, Geschichten. Gerade die Literaten haben lange Zeit an einem Selbstbewusstsein gefeilt, das immer wieder von der Realität zerschlagen worden ist. Die Identitätssuche hält an: „Das heutige Polen ist wie Lava.

Werbung zum anstehenden hundertjährigen Jubiläum der polnischen Unabhängigkeit.

Werbung zum anstehenden hundertjährigen Jubiläum der polnischen Unabhängigkeit.

Besonders faszinierend ist der aufkommende Kultur-Patriotismus, symbolisiert durch den Kulturminister, der gleichzeitig stellvertretender Ministerpräsident ist. Die konservative Regierung versucht seit 2015 über das gezielte Verteilen und Einbehalten von Fördermitteln Einfluss auf das kulturelle Angebot zu nehmen. Nationaler Kitsch und die Mystifizierung der Geschichte behindern eine differenzierte Erinnerungspolitik. Das fällt auch im Stadtbild auf: die polnische Flagge ist allgegenwärtig und man findet zahlreiche Denkmäler und Gedenktafeln. Doch die Zivilgesellschaft kennt das bereits aus dem Kommunismus und Widerstand wird lauter. Unlängst nannten sich polnische Künstler „Antipatrioten„. Das Traditionsbewusstsein der Polen bewahrt sie anscheinend vor öffentlichem Vandalismus – vielleicht liegt es auch an den vielen Kameras und Sicherheitsleuten in der Stadt.

Perspektive eines Reiseführers

Von der gesellschaftlichen Ebene nun auf die Alltagsebene. Wo holt man sich Informationen über die Gepflogenheiten in einem Land? In einem Reiseführer.* Und wenn man die Geschichte der Nation betrachtet, sind die getroffenen Behauptungen gar nicht so schwer zu verstehen.

Pragmatismus im 21. Jhd.: aus einer alten Fabrikhalle wird ein Bahnhof der neu entstehenden dritten Metrolinie.

Pragmatismus im 21. Jhd.: aus einer alten Fabrikhalle wird ein Bahnhof der neu entstehenden dritten Metrolinie.

Polen sind undogmatisch, pragmatisch und spontan. Ständig musste man sich auf neue Gegebenheiten einstellen und die von der Politik geweckten Erwartungen sind oft genug enttäuscht worden. Besondere Fähigkeiten oder Kenntnisse werden hoch geschätzt. Eine Prise Verschlagenheit und das Bedürfnis, die eigene Misere nicht nach außen zu zeigen, sind das Ergebnis davon. Polen wollen gesehen werden: stylische Outfits, ausschweifende Gesten, eine gewisse Sensationslust. Dabei bleibt die Heimat das verbindende Element. Hieraus resultieren die starken Familienbande, die Naturverbundenheit und das Traditionsbewusstsein. Der den Polen nachgesagte Fremdenhass, der eher eine Skepsis ist, ist eine Nebenwirkung davon.

Erwartungen und Realität

Dass sich Polen gerne beschweren und lästern, hat uns sogar die Dozentin im Polnischkurs beigebracht. Meine Erfahrung kann das aber nicht bestätigen. Oder ich bin als Deutscher in der Frage einfach abgehärtet. Doch der Mix aus Pragmatismus und dem Schein nach außen ist allgegenwärtig. Die Menschen leben von belegten Broten und wohnen in der Platte, aber tragen iPhones, stylische Outfits und Make-up. Überall ist Werbung für Schönheitskliniken und der Gesundheit gewidmete Produkte findet man überall. Auf der zentralen Flaniermeile fühlt man sich teilweise wie auf einem Laufsteg; die Devise: lieber ein bisschen mehr, aber nie zu viel. Auch die Bewegungen sind ausschweifender: der Kuss zur Begrüßung, das Gestikulieren, das Gehen. Man hat ständig das Gefühl im Weg zu stehen und wird immer wieder angerempelt. Dabei entschuldigen sich die Warschauer immerhin; man hätte ja sonst eine Chance verpasst, sich bemerkbar zu machen.

Der Stadtteil Praga - Warschaus Rohdiamant, der noch Freiräume für Alternative beherbergt.

Der Stadtteil Praga – Warschaus Rohdiamant, der noch Freiräume für Alternative beherbergt.

All das ist keineswegs ironisch gemeint. Die dynamische polnische Hauptstadt hat längst einen Metropolencharme ausgebildet, der Westeuropa in nichts nachsteht. Es gibt vegetarische und vegane Cafés zwischen Streetart und Vintage Stores. Es gibt Demonstrationen, laute Baustellen und nie zur Ruhe kommenden Verkehr. Es gibt große Touristengruppen, die die Gehwege verstopfen. Konzerte, Open Air Events und Tage, an denen Museen kostenlos sind, lassen keine Langeweile aufkommen. Neben den betrunkenen Obdachlosen machen die Straßenkehrer um drei Uhr morgens sauber, während die bulligen Türsteher Gäste schonmal buchstäblich rausschmeißen (Ich habe das auf einer Erasmusparty selbst gesehen und es ist ziemlich unschön). Warschau spricht für sich und nicht für das ganze Land. Doch irgendwie verkörpert es die Kontraste, die die polnische Seele geformt haben, ziemlich gut.

 

Weiterführende Quellen:
*Lipniacki, Ewa (2017): So sind sie, die Polen. Reise Know-How Verlag. Bielefeld.
http://www.bpb.de/internationales/europa/polen/261584/analyse-der-mythos-in-der-polnischen-politik-nach-1989
https://meinwarschau.com/die-polen-nation-sonne-geht-nie-unter/
https://meinwarschau.com/wenn-wir-alle-warschauer-waeren/