Zwischen den Welten

Der schöne Krakauer Marktplatz im Herbst - Symbol der widersprüchlichen Erfahrungen.

Der schöne Krakauer Marktplatz im Herbst – Symbol der widersprüchlichen Erfahrungen.

Städtetrip, Erasmusparties und ein KZ-Besuch – klingt makaber? Genau das habe ich am Wochenende mitgemacht. Und es hat sich gelohnt.

Ein Auslandssemester ist perfekt für Menschen, die sich schnell langweilen. Zumindest in Warschau organisieren die lokalen Studentengruppen ständig Ausflüge und Veranstaltungen: ob Partys, gemeinsames Kochen, Museumsbesuche oder Kurzreisen. Und wenn man schon einmal in Polen ist, liegt es nahe, ins berühmte Krakau zu fahren. Neue Leute kennenlernen, alles schon organisiert und der Preis passt auch. Das lässt man sich doch nicht entgehen. Also: Freunde informiert, Tickets besorgt und auf ins Abenteuer!

Dabei ließ das Wochenendprogramm keine Wünsche offen: eine Tour durch die Innenstadt, ein Party-Bus, zwei Nächte kostenlosen Eintritt in einen Club, ein Besuch im nahe gelegenen Auschwitz und im Oskar-Schindler-Museum. So unterschiedliche Erfahrungen in drei Tagen? Ein bisschen skeptisch war ich dann schon. Gerade weil jeder eigene Erwartungen und Bezüge dazu hat. Für die einen war es eher eine Klassenfahrt, für die anderen eine Bildungsreise. Aber es stellte sich heraus, dass weniger die Organisatoren, als die Region selbst dafür verantwortlich ist.

Krakau – das polnische Barcelona

Das Besondere an Krakau ist die mittelalterliche Atmosphäre, da im Krieg relativ wenig zerstört worden ist. Den Rest haben die Polen detailgetreu nachgebaut. So finden sich Gebäude aus den verschiedensten Stilepochen auf einem Fleck. Es ist vergleichbar mit der Warschauer Altstadt: man fühlt sich wie auf einem Filmset; alles ist neu, sauber, arrangiert oder wird gerade renoviert. Das historische Stadtzentrum ist voller Touristen, Händler und Lokale. Langweilig wird einem so schnell nicht: die ehemalige Residenzstadt der polnischen Könige ist voll von Museen, es gibt zahlreiche Bars und Clubs und in der näheren Umgebung befinden sich Auschwitz, Zakopane und die Salzmine Wieliczka.

Krakau fühlt sich an, wie das polnische Barcelona. Drei Tage sind wohl zu wenig, um eine Stadt kennenzulernen, doch nach meinem Bauchgefühl ist Warschau irgendwie authentischer. So findet man im Krakauer Zentrum kaum Einheimische, die nicht in Gastronomie und Handel arbeiten. Und die, die versuchen, durch die Stadt zu kommen, sind genervt von den umherirrenden Menschenmassen. Krakau macht Spaß, Krakau ist sehenswert, Krakau ist intensiv und kraftraubend. Entweder besucht ihr die Stadt mehrmals, oder ihr lasst euch nicht von Reisebüros mit ihren Wochenendangeboten täuschen und verbringt hier am besten eine ganze Woche. Wir waren in einem Hostel untergebracht und da man sowieso den ganzen Tag unterwegs ist, lohnt sich das. Man übernachtet direkt in der Mitte der Stadt und bezahlt einen angemessenen Preis.

(Kleiner Tipp am Rande: wenn ihr im Zentrum feiern geht und mit Karte zahlt, achtet darauf, dass euch nicht auch fünf Euro pro Shot abgebucht wird. 😉 )

„Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“

Auschwitz. Ein Wort, wie ein Denkmal. Als wir ankamen, war es grau, neblig und kalt – perfekte Bedingungen also. Der Parkplatz stand voller Reisebusse. Ich frage mich, wie all die Leute in das Museum passen sollen. Auf dem Gelände bekam ich die Antwort: es ist so groß und weitläufig, dass die Führung über zwei Stunden gedauert hat. Bedrückte Stimmung. Emotionen kommen hoch; die meisten Erasmusleute haben noch nie ein Konzentrationslager besichtigt. Schweigend geht es zum Bus und weiter für noch eine Stunde zum Außenlager Birkenau. Die Sonne ging unter, der Nebel wurde dichter. Mit ihrer Taschenlampe versuchte die Museumsführerin die Baracken zu erleuchten. Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Die unzähligen Besuchergruppen, mal lauter, mal leiser, passten nicht so ganz ins Bild, aber sie konnten die bedrückende Atmosphäre nicht aufheben. Ich kann nur jedem einen Besuch empfehlen; besonders im Herbst oder im Winter. Das Zitat von George Santayana aus der Überschrift, das in einer Baracke hängt, ist alles, was es dazu noch zu sagen gibt.

Am nächsten Tag weiter zur neu aufgebauten Schindler-Fabrik, die nun ein Museum beinhaltet. Dort wurde das Leben und Leiden im Krakauer Ghetto lebendig. Die Betreiber achteten auf alles: zeitgenössische Räume, Musik und deutsche Sprache aus Lautsprechern, jeder Raum mit einer anderen Lichtstimmung. Und überall Nazi-Symbolik. Man schrumpfte förmllich in sich zusammen, als die Museumsführerin die Gruppen zwischen Hakenkreuzfahnen anhielt und von „the Germans“ sprach, die die Leute unterdrückten. Hier hätte man einen ganzen Tag verbringen können. Ich habe noch nie ein so detailverliebtes Museum erlebt. Doch die Gruppe musste weiter.

Werte sind zum Verteidigen da

Stell dir vor, du bist Deutscher in einer Gruppe von Menschen aus allen Ecken Europas und sie fragen dich, ob du dich nach den Museumsrundgängen schuldig fühlst. Stell dir vor, sie sagen dir: „Ist doch alles halb so wild. Geschichte ist Geschichte, du hast nichts mehr damit zu schaffen.“ Stell dir vor, du hast einen Chinesen im Schlafsaal, der davon spricht, dass Auschwitz besser wäre, als das Leben eines Studenten im zeitgenössischen China. Begründung: „Die Juden hatten vor ihrer Gefangenschaft ein Leben und die Menschen gedenken ihnen. In China wirst du auf den Müll geschmissen, wenn du keine Familie hast, die zu deiner Beerdigung kommt.“ Man sagt, man soll aus seiner Komfortzone herauskommen. Dieser Wochenendausflug hat meine auf jeden Fall gesprengt.

Und doch habe ich etwas wichtiges gelernt: unsere differenzierte mitteleuropäische Sicht auf Geschichte und Zeitgeschehen ist ein Wert an sich. So zu denken ist keinesfalls selbstverständlich. Das wird als naive Romantik, irrational, unpragmatisch belächelt. Den anderen viel es schwer, zu verstehen, warum ich so emotional auf dieses gleichgültige Hinnehmen reagiert habe. Zum ersten Mal habe ich eine Art Kulturschock erlebt. Wieder hat sich gezeigt: Werte müssen geteilt und verteidigt werden. Ein Vorbild sein; Gegenwind geben. Es ist niemals alles Schwarz oder Weiß: lernt, die Grautöne zu lieben.

2 Kommentare

  1. Wow! Was für ein turbulentes Wochenende. Dankeschön für Deinen Einblick! Und ich bin auch Team „liebe die Grautöne“! Umarmung aus Trier 🙂

  2. Danke, Anna 🙂 Es zeigt sich wiedermal: Reisen ist eine der besten Bildungsformen. Liebe Grüße ins Moselland!

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