Als Student hat man doch viel Zeit oder?

Ich habe ja bereits angedeutet, dass mein Studiengang hier in Xiamen zu einem der anspruchsvolleren zählen soll. Kurz vor den Midterm-Examen wollte ich mit euch reflektieren, wie es mir bisher ergangen ist. Eins vorweg: Es gibt deutlich mehr Deadlines als in Deutschland.

Deadlines für alle!

Ich wurde bereits von anderen Kommilitonen gewarnt, dass man für meinen Abschluss mal eher zu Hause bleiben muss anstatt etwas spannendes mit Freunden zu unternehmen. Mittlerweile verstehe ich warum. Es gibt extrem viel, dass man beachten muss und ohne einen gut gepflegten Terminkalender geht man hier unter. Von Deutschland ist man es gewohnt, dass es eine Vorlesung und eine Übung gibt, dann gibt es maximal eine Prüfungsvorleistung und dann ist es aber auch gut bis zur Klausur. Hier in China ist es komplett anders. Die Prüfungsleistung wird in viele kleine Teile aufgegliedert. In Mathe müssen wir beispielsweise Problem-Sets als Hausaufgabe bearbeiten, haben zwei Midterm-Examen, müssen ein mathematisches Modell zu einem ökonomischen Problem entwickeln (das hört sich viel komplizierter an als es ist (hoffentlich)) und die Abschlussprüfung bestehen. Die Abschlussprüfung macht meistens nur 50% der finalen Note aus. Oh und es gibt noch alle paar Wochen kleinere Tests. Durch die Hausaufgaben ist man gezwungen sich immer auf den neusten Stand der Vorlesung zu bringen. Man muss also nach jeder Vorlesung, sofern man den Stoff nicht direkt verstanden hat, nacharbeiten, um die Hausaufgaben beantworten zu können, die ebenfalls in die Note einfließen.

Jedes Fach hat in einer Woche zwei 100 Minuten Sitzungen, wobei eine zehn Minuten Pause eingeplant ist. Ebenfalls gibt es eine Sitzung mit dem Teaching-Assistant (TA). Die TA-Sessions kann man mit der deutschen Übung vergleichen. Für die Vorlesungen wird auch nicht vor dem Wochenende halt gemacht! Ich habe jeden Sonntag von 14:30 Uhr bis 18:20 Uhr Vorlesung und TA-Session. Die meiste Arbeit fällt hier, aber auch wie in Deutschland, während der „Freizeit“ an. Nach dem Unterricht treffen wir uns häufiger in mal mehr oder weniger großen Gruppen, um den Stoff erneut zu besprechen. Erst letztens habe ich für meine Kommilitonen eine außerplanmäßige „Vorlesung“ gehalten und ihnen den Stoff der letzten Stunden erklärt.

Auch in den Vorlesungen wird oftmals mehr wert auf Mitarbeit der Studenten gelegt als das in Deutschland der Fall ist. Die Mitarbeit fließt meistens auch zu einem geringen Teil in die Endnote ein. Also noch ein Grund immer auf dem neusten Stand zu sein. Wenn man das aktuelle Thema nicht versteht, gehen einem die Punkte für die Hausaufgaben, die Tests und die Mitarbeit flöten. Diese machen an sich zwar keinen großen Teil der Gesamtnote aus, haben in der Summe jedoch einen bedeutenden Einfluss.

Man wird also herzlichst dazu gedrängt, immer auf dem aktuellen Stand zu sein. Ich empfinde das eigentlich als sehr positiv, da einem das Lernen für die Abschlussprüfung dann nicht so sehr überwältigt.

Nun multipliziert man das mit drei und man hat meinen Stundenplan. Mit Chinesisch wird es dann noch ein wenig voller.

Wie beim Baseball: 3 Strikes und du bist raus

Ein weiterer Unterschied ist die Anwesenheitspflicht. Hier wird die Anwesenheit teilweise Stichprobenartig, teilweise stetig kontrolliert. Wer mehr als drei mal abwesend ist oder bei mehr als 60% der Kontrollen fehlt fällt automatisch durch! Teilweise wird ein zu spätes erscheinen ebenfalls als abwesend gezählt. Die Gruppen bestehen zwischen 20 und 60 Studenten. Die Teilnehmerzahl hängt stark davon ab, ob der Kurs für International Masters oder einheimische Studenten gedacht ist. Die Kurse für die einheimischen Studenten sind meistens stärker besucht. Da die Kurse auf Englisch angeboten werden, sind auch alle internationalen Studenten willkommen. Die Professoren in WISE sprechen sehr gutes Englisch und haben ihre Ausbildung, also Master und Doktor, in Europa oder den USA absolviert.

Ganz anders aber doch irgendwie ähnlich

Grundsätzlich ist das Studieren hier anders als wir es von Deutschland gewohnt sind. Aber es ist auch nicht viel mehr als das Pensum, dass uns in Deutschland abverlangt wird. Hier wird man nur ein wenig dazu gedrängt ein vorbildlicher Student zu sein und immer alles aufzuarbeiten, aktiv beim Unterricht dabei zu sein und mitzudenken.

Auf der anderen Seite bleiben einem viel weniger Freiheiten. Wenn man normalerweise sowieso immer alles aufarbeitet, sollte der Unterschied nicht so extrem sein. Dann können einem nur noch die ganzen Nebenprojekte das leben erschweren.

Mir gefällt es sehr gut, dass die Endnote in mehrere kleine Leistungen aufgeteilt ist. So kann man auch mal einen schlechten Tag ausgleichen.

 

Vorlesungen um 8 Uhr morgens sind jedoch international ungern gesehen 😉

2 Kommentare

  1. Hallo Denis,
    dein Beitrag ist sehr interessant und informativ. Mich würde es interessieren, ob euch internationalen Studenten die chinesische Wirtschaft näher gebracht wird oder man sich grundsätzlich mit der Weltwirtschaft befasst. Und dann hätte ich noch eine Frage bezüglich der Abwesenheit bei den Vorlesungen. Kann man eigentlich hier auch eine Attest vorlegen, falls man fehlt ? Da ich mir gut vorstellen kann, dass man durch die neue Umgebung und das neue Essen eventuell krankheitsbedingt zuhause bleiben muss 😉

  2. Hallo Mirabella!

    Freut mich, dass dir der Beitrag gefallen hat. Es gibt einen Kurs, in dem uns spezielle Themen über China beigebracht werden, der ist für mich jedoch nicht verpflichtend. Ich habe ihn also bewusst links liegen gelassen, da es auch so schon genug zu tun gibt 😉
    Ansonsten fokussieren wir uns hier meistens auf alles mögliche aus aller Welt. Also manchmal haben wir Paper die sich mit China beschäftigen ein anderes Mal haben wir eins aus den USA.
    Das mit dem Attest funktioniert tatsächlich. Jedoch muss man einen echten Grund haben und ins Universitätskrankenhaus gehen!

    Ich habe die neue Umgebung bisher gut aufgenommen und musste noch nicht zu Hause bleiben 😉

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