Komparatistische Konzert-Studien

Drei überdurchschnittlich günstige Konzerte in zwei Wochen – Begleitet mich auf meiner Reise durch Tokios Konzerthäuser: Von der Tief- bis zur Hochkultur, von Shibuya bis Ikebukuro, Hauptsache unbekannt. Was für Unterschiede gibt es zum heimischen Konzert?

Konzerthäuser in Shibuya, tanzende Japaner, bunte Kicklichter, fließendes Bier, Betrunkene am Bahnsteig fallen fast auf die Gleise, der Bahnhofsangestellte ist genervt – Freitagabend. Um im Ausland nicht nur die Uni von innen zu sehen, habe ich mir auf die Fahne geschrieben, möglichst viel von der musikalischen Kultur Japans mitzunehmen. Also ran ans Internetz und die Recherche-Skills ausgepackt. Die anfängliche Suche ergab dabei folgendes: Konzerte sind teuer, meistens ab 3500 Yen (ca. 27 Euro) aufwärts. Und damit meine ich die unbekannten, kleinen Konzerte. Größere Gigs habe ich bisher umgangen, da sich meine Suche bisher auf Post-Rock („Post-was?“) Konzerte beschränkt hat. Natürlich steigen in Deutschland und Europa auch die Ticketpreise. Nichtsdestotrotz gibt es sie, die zehn bis zwölf Euro Konzerte im Exhaus.

Daher ist es also nicht verwunderlich, dass sich mein Suchfokus schnell vergrößert hat. In den letzten zwei Wochen haben sich dabei drei Gelegenheiten ergeben: ein „Circle Live“ in Shibuya, für das eine Freundin, die die Konzerthäuser in Tokios Partyviertel kennt wie ihre Westentasche, Gästelistenplätze besorgt hat; ein klassisches Konzert im Tokyo Metropolitan Theatre, Ikebukuro, für das das Global Center Karten verschenkt hat; und schließlich die Albumrelease-Party einer Postrockband, bestehend aus null Japanern und vier Ausländern. Also Ärmel hochgekrempelt und das Tanzbein geschwungen, meine Recherche für die komparatistischen Konzertstudien!

Zu Besuch in Shibuyas Live-Häusern: In the Family Fest

Station No. 1 ist das “In the Family Fest” Circle Live (Sâkuru raibu) in nicht einem, nicht zwei, sondern in vier Live-Häusern, die übereinander geschichtet ein mittelgroßes Gebäude ergeben. Circle Lives sind eintägige Festivals, die sich über mehrere Konzerthäuser erstrecken und gerne schon mal nachmittags anfangen, denn Obacht: Die letzte Bahn kommt spätestens um 1 Uhr!

Direkt beim Ankommen merke ich, dass das Klientel offener und bunter zu sein scheint, als man es aus der U-Bahn gewohnt ist. JapanerInnen mit Dreadlocks, Piercings und Tattoos zischen ihr Bierchen vom Convenience Store gegenüber unterhalten sich angeregt auf Englisch mit Besuchern aus anderen Kulturkreisen. Klo und Aufzug sind mit Bandstickern zugepflastert. Im Konzertraum baumelt eine Disko-Kugel neben Gothic-Chic Kronleuchtern. Vor einem großformatigem Klimt an der Wand tauschen sich die Fans aus.

Shibuyas Live-Häuser sind ein guter Ort, um überrascht zu werden

Die musikalische Bandbreite erstreckt sich an dem Abend von Metalbands a la Bring me the Horizon (Zählt das wirklich zu Metal?) über J-Rock bis hin zu frisch aufpoliertem japanischem Punk-Rock/Rap.

Musik verbindet – Zufallsbekanntschaft vor der Bühne

Mein Höhepunkt des Abends ist der Auftritt der Band Madala. Mit einem Blick auf das Titelbild dieses Eintrags dürfte klar sein, in welche Richtung es geht. Allein der Leopardenmuster-Mantel und die geflochtenen blonden Zöpfchen sind schon eine gute Grundlage. Dazu kommt der irre Ausdruck in den Augen des Sängers sowie die oberkörperfreie Solo-Einlage des Gitarristen. Mit ihrer Mischung aus Punk-Rock, Rap und wilden Sprüngen auf der Bühne animiert die Band das Publikum zum Mitmachen. (Madala)

Neben mir steh eine mittelalte Frau (ich schätze um die 35 Jahre), die ebenso wie ich wild am Tanzen ist. Nach den ersten zwei Liedern spricht sie mich ohne Hemmungen an, als würden wir uns schon seit Jahren kennen. Sie sei ein Fan und wie ich es denn fände. „It’s awesome“, ist meine  knappe Antwort, dann geht es schon weiter. Nach zwei weiteren wild durchtanzten Liedern liegen wir uns in den Armen und jubeln bei jeder Showeinlage. Als dann der Sänger ins Publikum springt und uns zu einem Mosh Pit auffordert, stellt sich die Frau schützend vor mich und hält mich so davon ab, in den Mosh Pit zu geraten. Ich bin tief gerührt von der Geste, abgesehen davon, dass ich einen ganzen Kopf größer als sie bin und damit wohl weniger Schutz bedarf als sie selbst. Ich nehme daher mal an, dass es sich vielleicht nicht so ziemt für Mädchen in Japan, zwischen wildhüpfende, sich gegenseitig anrempelnde Jungs zu geraten. Vielleicht hätte es die armen Kerle auch einfach zu sehr erschreckt, wenn sie während ihrer Ektase gegen eine 1,80 cm große Europäerin prallen würden. Ich bin auf jeden Fall dankbar für diese Begegnung, die geräuschpegelbedingt auch ohne große Worte ausgekommen ist.

Unterschiede zu Deutschland? Bühnenshow und Idol-Kultur

Was sind denn nun Unterschiede, die diese Erfahrung von den gewohnten Konzerten in Deutschland trennen? Riesenunterschiede gibt es zwar nicht, aber ich hatte in zwei Bereichen das Gefühl, dass sich auch diese Subkultur in Teilen dem Motto „Mehr Schein als Sein“ verschrieben hat. Für den Showeffekt haben es manche Bands daher sehr ernst genommen, möglichst verrückt rüberzukommen. Auf Bühnenausstattung klettern und ins Publikum springen, gehörten zum Standard. Wilde Grimassen und auffällige Kleidung, siehe Fotos, lassen vielleicht erahnen, dass der Gitarrist wohl theatralisch in die Knie gehen muss, um sein Solo spielen zu können. Für die Show wird schließlich mitbezahlt.

Dazu gehört auch die Idol-Kultur. Fans des anderen Geschlechts stehen meistens in der ersten Reihe und jubeln ihrem Lieblingssänger oder ihrer Lieblingssängerin zu. Merchandise in Vollmontur, egal wie unbekannt die Band ist. Statt des üblichen Wippens und Nickens zur Musik präsentieren die Fans dann eingeprobte kleine Choreographien, die beweisen, dass das nicht ihr erstes Konzert sein kann. Auf der After-Party werde ich schließlich Zeugin davon, wie die Freundin eines Sängers in Tränen ausbricht, weil dieser ganz nonchalant die Aufmerksamkeit der Fans genießt. Von einem Bekannten erfahre ich, dass es zum täglichen Bandgeschäft gehört, eine Beziehung zu verheimlichen und zu allen Fans gleich nett zu sein. Das heißt auch, immer die Möglichkeit für die Fans offen zu lassen, vielleicht eines Tages von ihrem Idol als Partner auserkoren zu werden.

Natürlich möchte ich nicht abstreiten, dass ähnliches auch in europäischen Gefilden zu finden ist. Aber das diese Kultur in Japan noch einen Schritt weitergeht, kann man in der Arte-Doku „Tokyo Girls“ sehen (Noch bis Anfang Dezember in der Arte-Mediathek).

Neuland entdecken: Klassische Musik im Tokyo Metropolitan Theatre

Station No. 2 ist ein klassisches Konzert in Ikebukuro. Da es Nachwuchsprobleme im Publikum der Hochkultur zu geben scheint, werden Plätze in dem riesigen Konzerthaus mit ahnungslosen Ausländern aufgefüllt. Mit einer Mail an das Global Center konnte man sich bis zu drei Karten sichern (Für umme. Dankeschön!). Umso mehr habe ich mich also über diese seltene Gelegenheit gefreut, ein Konzert außerhalb des gewohnten Beuteschemas besuchen zu können.

Beeindruckt bin ich von dem riesigen Gebäude des Tokyo Metropolitan Theatre. Von außen erkennt man bereits die große Eingangshalle aus Glas. Dort sammelt sich das kulturinteressierte Publikum im gehobenen Alter oder auch Leute, die sich auf einer der Bänke zu einem Nickerchen niedergelassen haben. Öffentliche Plätze, an denen man sich gratis hinsetzen kann, ohne einen Kaffee oder etwas zu essen bestellen zu müssen, sind nämlich rar gesät.

Bei Events wird es immer voll – Tokioter sind daran gewöhnt

Alles in allem verläuft das Konzert ereignislos. Aufgrund mangelnder Erfahrung kann ich leider keinen Vergleich ziehen. Es war aber in jedem Fall anregend und wohlklingend. Was mir jedoch bereits bei einem Feuerwerk am Wochenende zuvor aufgefallen war, sind die herausragenden Leistungen der Tokioter in Sachen Crowd-Controlling. Bei dem Feuerwerk gab es kein einziges Schild, das den Weg vom Bahnhof zum Festgelände angezeigt hat. Stattdessen wurde man von einer Armee Bahnhofsangestellter empfangen, die einem auf Schritt und Tritt die Richtung wiesen und mit Megafonen bewaffnet zur konstanten Fortbewegung mahnten. So trieb man in einer sich gemächlich bewegenden Lawine von Menschen bis zur Destination, ganz ohne Hektik, Gedrängel oder Geschubse. Ähnlich routiniert und durchgeplant wird auch die große Schar an Konzertbesuchern zu ihren Plätzen geleitet. Zuerst gemahnt das Wachpersonal auf der Rolltreppe nicht zu laufen. Nach der Ticketkontrolle werden wir zum Fahrstuhl geleitet, der wiederum von einer älteren Dame bedient wird. Nach dem Aussteigen erklärt man uns anhand einer Karte, wo sich die Plätze im Saal befinden und anschließend werden wir dahin begleitet, bis unsere Hintern die Stühle berühren. Tokioter sind allein schon durch das tägliche Gewühl und Gedränge in der Bahn an die Bewegung in großen Menschenmassen gewohnt. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn bei derartigen Veranstaltungen eine Scharr an Angestellten parat steht, um die Leute zu verteilen und sie einem Fließband gleich an ihren Platz zu befördern.

Den Postrock doch noch gefunden

Last, but not least bin ich über eine englische Homepage und eine Facebook-Gruppe für Postrock auf die Albumrelease-Party einer unbekannten Postrock-Band gestoßen, deren Mitglieder sich alle als Angehörige des anglophonen Raumes herausstellten. Dementsprechend ist das Publikum wenig zahlreich und international. Der Name der Band Summer Olympics eingegeben bei Youtube half nicht weiter, um einen ersten Eindruck vor Beginn des Konzertes zu erhaschen.  Alles, was ich finden konnte, bezog sich auf die Olympischen Spiele in Tokio 2020.

Auch hier ist das Publikum sehr offen und man kommt schnell ins Gespräch mit den Bandmitgliedern. Höhepunkt des Abends ist zwar das Vorstellen der neuen Postrock-LP besagter Band, deren Bandältester (sein kleiner Sohn stand meistens direkt vor der Bühne) in gebrochenem Japanisch immer wieder darauf hinweist: „Ouhouh, alle Songs neu. Auf der CD! Bitte kaufen, gleich! Ouh, dankeschön!“

Hier ist die Bühne schon etwas kleiner – Postrock von der japanischen Band Shuhari

Kleiner Geheimtipp: I love you Orchestra

Davor jedoch beeindruckt die Band I love you Orchestra mit wundervoll dynamischem Swing und melodischem Rock, performt von zwei Schlagzeugern, drei Gitarristen, einer davon mit Wrestler-Maske kostümiert, und einem Keyboarder. Das alles eingequetscht auf einer kleinen Bühne im Garagenkonzert-Style ergibt einfach ein wundervolles Bild, zumal sich ebenfalls die typischen Showeinlagen finden lassen, die ich bereits in Shibuya beobachten konnte. Der Keyboarder wedelt mal wild mit den Armen, dann steigt er aufs Schlagzeug und springt wieder herunter. Dazu streckt die erste Reihe Fans in Vollmontur rhythmisch die rechte Faust in die Luft, und es kann mir keiner erzählen, dass sie sich nicht mindestens schon einmal in ihrer Freizeit getroffen hatten, um ihre Tanzstile aufeinander abzustimmen. (I love you Orchestra)

Am Ende des Tages sind alle geschafft und konnten glücklich nach Hause gehen. Meine letzte Bahn geht um 23.40 Uhr. In Shinjuku lehnt ein Mann an einer Säule und kämpft sichtlich mit dem konsumierten Alkohol. Ein Bahnhofsangestellter fragt leicht angenervt, wie es ihm geht. In der Bahn schlafen die ersten ihren Rausch aus. Es ist Freitagabend.

3 Kommentare

  1. Bei dem Artikel hat man gleich Spass, los zuziehen um sich in das Musikgetümmel zu schmeissen. Er ist sehr plastisch geschrieben. Ich kann mir auch das geordnet Wandern zu Bahn vorstellen. Alles in allem sehr interessant das Leben in Tokio. Ich freu mich jetzt schon auf denn nächsten Beitrag.

  2. Es hat Spaß gemacht deinem Artikel und den Links zu folgen und etwas Party-Feeling zu hause am Rechner zu bekommen. Als Ergänzung zu Summer Olympics, die mir ebenfalls gut gefallen:Summer Olympics Live Denatsu 2018-04-25 bei you tube

  3. Toller Beitrag, liebe Hanna! Mir ergeht es ähnlich wie Martina: Ich bekomme auch richtig Lust mich ins Musikgetümmel zu stürzen. Wobei auf die großen Menschenmengen hätte ich ja nicht so viel Bock. Bin sehr gespannt, was du noch so alles erlebst 🙂

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