„Seoul Peace Travel“ – Ein Einblick in ein dunkles Kriegskapitel

Die „Statue of Peace“ (mehr hierzu weiter unten im Beitrag)

Da ich noch immer ein bisschen enttäuscht bin, dass ich keine Kurse über koreanische Kultur und Geschichte hier an der Uni belegen kann, weil die auf Koreanisch unterrichtet werden, suche ich selbst nach Möglichkeiten, mehr Informationen über die Geschichte dieses Landes zu bekommen.

Durch Zufall bin ich im Internet auf die Organisation Milliwayz gestoßen, eine Plattform auf welcher Einheimische verschiedene Reisen, Treffen oder andere Aktivitäten für Touristen und Besucher Koreas anbieten können, um ihnen einen Einblick in die koreanische Kultur zu geben. Ich habe mich dort für den „Seoul Peace Travel“ angemeldet, welcher vom Seoul Metropolitan Government finanziert wird und für die Teilnehmer sogar kostenlos ist. Bei diesem Tagesausflug stand die Geschichte der Zwangsprostitution von Frauen aus Korea, China, den Philippinen und anderen Ländern durch Japan während des zweiten Weltkriegs im Mittelpunkt. Ich habe eine Weile überlegt, ob ich über dieses Thema hier im Blog schreiben sollte, da ich mich bisher eher auf Reiseberichte und Insidertips hier in Seoul ausgerichtet habe. Jedoch war dieser Tag eine Erfahrung, welche mich berührt und meinen Aufenthalt hier geprägt hat und deshalb bin ich der Meinung dass ich diese Erfahrung mit euch teilen sollte.

Das War and Women’s Human Rights Museum

Der Treffpunkt für den Ausflug war im War and Women’s Human Rights Museum in Mapo-gu in Seoul. Hier konnten wir mit einem Audioguide selbst das Museum erkunden, jedoch reichte die geplante Stunde nicht aus um sich in Ruhe alles anzusehen. Das Museum war sehr eindrucksvoll und die Geschichte der Frauen auf eine Art und Weise dargestellt, dass man ihre Angst und Wut fast selbst spüren konnte. Das Museum ist nicht direkt eine Ausstellung über den zweiten Weltkrieg, sondern konzentriert sich auf das Schicksal der Hunderte von Frauen aus besetzten oder kolonisierten Ländern, welche zwischen den 1930er Jahren und 1945 systematisch vom japanischen Militär „rekrutiert“ wurden und Opfer von Zwangsprostitution wurden. Diese Frauen wurden vom Militär „comfort women“ genannt, was nichts weiter war als eine Verharmlosung oder eine Tarnung dafür, was in den Lagern wirklich mit ihnen passiert ist: Vergewaltigung und Misshandlung.
Ich erzähle euch, wie ich den Rundgang im Museum empfunden habe.

 

Der Museumsrundgang beginnt in einem schmalen Flur, man fühlt sich eingeengt zwischen den hohen grauen Mauern und hört die eigenen Schritte auf den Kieselsteinen am Boden. An der linken Wand sind Silhouetten junger Frauen zu sehen, welche mit gesenktem Kopf über den steinigen Boden marschieren. Die Stimme aus dem Audioführer erzählt, dass dies die jungen Mädchen sind, welche in Ungewissheit zu den Militärlagern gehen. Manchen wurde erzählt, sie werden in japanischen Fabriken arbeiten und Geld verdienen, das sie ihrer Familie schicken können. Andere von ihnen wurden entführt. „Kannst du ihre Schreie hören?“ fragt die Stimme. Aus einem Lautsprecher ertönen Geräusche, welche die jungen Frauen wohl auch gehört haben- Schreie, Schüsse. Man sollte sich vorstellen, man sei selbst in einem Kriegsgebiet.

Aus der rechten Wand treten Gesichter hervor, die Gesichter der Frauen, nun etwa 80 bis 90 Jahre alt und gezeichnet von den Dingen die ihnen während dieser Zeit zugestoßen sind. Ihre Handabdrücke zeichnen sich an der Mauer ab als würden sie nach Hilfe greifen.

Ich gehe den Flur entlang, eine Treppe hinunter, an welcher verschiedene Bilder hängen, die von den Frauen gemalt wurden und ihre Gefühle während der Entführung darstellen.

Es geht weiter in den Keller des Museums, in dem ein Interview mit einem der Opfer gezeigt wird. In einem kleinen Kellerraum werden Familienfotos der Opfer gezeigt, auf der rechten Seite sieht man sie als junge Mädchen, kurz bevor sie zu „comfort women“ gemacht wurden. Auf der rechten Seite sieht man sie als ältere Frauen, als Überlebende dieses Kriegsverbrechens. Der Raum ist schwer zugänglich und man kann nur durch eine kleine Öffnung in der Wand hineinsehen, was symbolisieren soll, wie isoliert und hilflos sich die Frauen gefühlt haben. Die Ausstellung zieht sich weiter durch das Innere des Museums in den ersten Stock. Auf jeder Treppenstufe kann man stehen bleiben und Zitate der Überlebenden lesen, die in die Steine der Mauer eingeritzt sind.

„Ich selbst bin der lebendige Beweis. Wieso sagt Japan, sie haben keine Beweise?“ Dieses Zitat bezieht sich darauf, dass die japanische Regierung nach der Veröffentlichung der Geschichten der betroffenen Frauen geleugnet hat, dass in den Militärlagern Zwangsprostitution stattgefunden hat oder dass die Frauen zu den „Diensten“ gezwungen worden sind.

Ignorierte Beweise

Im zweiten Stock des Museums wird der geschichtliche Ablauf der Entführungen und Versklavungen dargestellt; Beweismittel wie Briefe und andere Dokumente sind in Glaskästen ausgestellt.

Fassungslos lese ich die Beschriftungen: ein „Gutschein“ für einen Soldaten, welcher in einer der comfort stations eingelöst werden kann, ein Tagebuch eines Soldaten, welches seinen ersten Besuch bei einer comfort woman beschreibt, ein Dokument welches die Zwangsprostitution von 23 koreanischen Frauen in einer Militärbasis belegt- und ich frage mich selbst wie unter Vorlage dieser Beweise geleugnet werden kann, dass das alles je geschehen ist.

Karte eines Lagers in welchem die comfort women lebten

An der nächsten Wand hängt eine handgemalte Karte, die aufzeigt, wie solche Lager ausgesehen haben: Eine große Hütte mit vielen Zimmern, in denen die Frauen auf ihre nächste Kundschaft warten müssen, welche vor den Türen darauf wartet an die Reihe zu kommen. Neben der großen Hütte stehen andere comfort women Schlange, um sich von einem Arzt untersuchen zu lassen – nicht jedoch weil man sich um ihre Gesundheit sorgt, sondern weil keine Geschlechtskrankheiten oder Infektionen auf die Soldaten übertragen werden sollen. Auf der linken Seite der Karte sieht man die Preiskategorien nach Offizieren und Soldaten abgebildet: je nach dem Rang in der Hierarchie des Militärs müssen die Männer unterschiedliche Preise für die Dienste der Frauen bezahlen.
Das nächste Ausstellungsstück ist ein Bildschirm, auf dem ein Zeichentrickfilm die Geschichte eines jungen Mädchens zeigt, welches entführt wurde und in ein solches Lager geschickt worden ist. Nachdem sie aus ihrem Zuhause entführt worden war und nach der Reise in einem Transporter im Lager aufwachte, wird sie in eines der Zimmer gesperrt, in welchem kurz darauf der erste „Kunde“ erscheint. Sie schließt ihre Augen um nicht mit anzusehen was man ihr gerade antut. Jedes Mal wenn sie die Augen wieder aufmacht schwebt ein anderes Gesicht, ein anderer Kunde über ihr, bis sie schließlich in Ohnmacht fällt. Die Kamera, welche vorher das Mädchen gezeigt hat, zoomt heraus aus dem kleinen Zimmer auf den Hof vor der Hütte und auf die Zimmertür, vor der etwa 20 weitere Männer eine Schlange gebildet haben um auf ihren Zug zu warten. Mir steigen die Tränen in die Augen.
Andere Ausstellungsstücke geben weitere Informationen über die Frauen und ihr Leben in den Lagern. Die meisten der Frauen waren zwischen 14 und 19 Jahren alt; die jüngste unter ihnen war nur elf Jahre alt. Ein Foto zeigt eine ältere Frau, welche die Zwangsprostitution überlebt hat; ihr Bauch und ihre Arme sind übersät mit Narben. Oft wurden die Frauen während den Vergewaltigungen geschlagen und misshandelt- manche starben an ihren Verletzungen oder an den übertragenen Krankheiten, manche von ihnen begingen Selbstmord.

Denkmal für die bereits verstorbenen ehemaligen comfort women

Eine Tür führt auf eine kleine Terrasse, auf welcher die Namen und Fotos der comfort women abgebildet sind, welche mittlerweile gestorben sind. Mit den Spenden der Besucher kauft das Museum Blumen, welche man zwischen die Fotos der Opfer stecken kann um ihnen zu gedenken.

Der „Forest in Memory of Girls“

Nach der einstündigen Besichtigung des Museums geht es weiter zum nächsten Ort, dem „Forest in Memory of Girls“, welcher sich im World Cup Peace Park in Seoul befindet und zum Gedenken an die Frauen angelegt wurde. Er wurde im September 2015 angelegt und einen Monat später fertiggestellt, mit der Hoffnung dass sich in Zukunft noch viele weitere Generationen von Menschen um den Garten kümmern und sich so an die Überlebenden erinnern werden.

Eine lange Mauer zieht sich durch den Garten, auf der Bilder ausgestellt sind, die Frauen über ihre Erlebnisse gemalt haben. Zwischen den Steinplatten im Boden sind schmale Metallplatten eingefügt, in denen weitere Zitate der Frauen eingraviert sind. Ich bedaure es dass meine Koreanischkenntnisse noch nicht gut genug sind, um ihre Texte zu verstehen.

Die Mittwochs-Demonstration in der „Peace Street“

Die dritte Station an diesem Tag ist die Pyeonghwa-Straße, oder auch noch „Peace Street“ genannt. In dieser Straße, genauer vor dem Gebäude der japanischen Botschaft, findet seit dem 8. Januar 1992 an jedem Mittwoch die „Wednesday Demonstration“ statt. Seit 26 Jahren versammeln sich hier an jedem Mittwoch Menschen, um ihre Solidarität mit den Opfern der comfort stations zu zeigen und sieben Forderungen an die japanische Regierung zu stellen:
1. Sie soll eingestehen, dass das System der Zwangsprostitution des japanischen Militärs ein Kriegsverbrechen ist
2. Offizielle Dokumente über dieses Kriegsverbrechen sollen veröffentlicht werden
3. Es soll eine offizielle Entschuldigung geben
4. Es sollen Entschädigungen an die Opfer gezahlt werden
5. Die Verantwortlichen sollen bestraft werden
6. Das System der Zwangsprostitution während des Krieges soll in Geschichtslehrbüchern erklärt werden
7. Es soll eine Gedenkstätte errichtet und ein offizielles Archiv eingerichtet werden

Die Frau, welche die Tour leitet sagt uns, dass die Demonstration so lange weitergeführt wird, bis Japan diese Forderungen erfüllt.

Die „Statue of Peace“

Auf dem Gehweg genau gegenüber der japanischen Botschaft steht seit dem 14. Dezember 2011 (dem Tag der 1000. Mittwochs-Demonstration) eine Gedenkstatue, die „Pyeonghwaui“ (Statue of Peace). Das Mädchen aus Bronze, das direkt auf die Botschaft schaut, soll für all die Frauen stehen, welche als comfort women zwangsrekrutiert wurden; der Vogel auf ihrer Schulter symbolisiert Freiheit und Frieden.
Die Tourleiterin zeigt uns Fotos, die über die Jahre während den Demonstrationen gemacht wurden. Sie zeigen Menschen jeden Alters, welche sich unermüdlich jede Woche an diesem Ort treffen um für diese sieben Forderungen zu kämpfen. Wieder einmal frage ich mich, wie diese Handlungen der Opfer und ihrer Angehörigen noch immer von der japanischen Regierung ignoriert werden können, obwohl sie jeden Mittwoch über so viele Jahre damit konfrontiert werden. Lediglich die Entfernung der Gedenkstatue ist von der japanischen Regierung gefordert worden.

„Eye of the Earth“ und „Belly of the World“

Die letzte Station an diesem Tag ist die Gedenkstätte im Namsan Park in Jung-gu in Seoul. Hier kann man sich zwei Denkmäler ansehen: das „Eye of the Earth“ und den „Belly(button) of the World“.

Das „Eye of the World“

Über dem riesigen Auge, das einen aus dem Boden heraus anstarrt, sind die Namen von 247 Comfort Women eingraviert, welche Aussagen über die Vergewaltigungen und die Misshandlungen in den Lagern abgelegt haben. Am unteren Ende der Steinplatte kann man erkennen, dass nachträglich einer der Namen wieder entfernt wurde. Die Tourleiterin erklärte uns, dass sich die Familie des Opfers dafür entschieden hat, aus Scham oder aus Angst, dass die Familie einen schlechten Ruf bekommen könnte.
Auf der rechten Seite des Denkmals sieht man das gleiche Bild, das man auch schon im Museum sehen konnte: eines der Opfer hat den Moment gezeichnet, in dem sie gewaltsam aus ihrer Familie entrissen worden ist.

Der „Belly(button) of the World“

Auch das „Belly(button) of the World“-Denkmal soll an das Schicksal der Frauen erinnern und zeigen, dass ihre Geschichte nicht vergessen wird, weil sie durch ihre Kinder und Familienmitglieder weiter lebt. Daher auch das Symbol des Nabels oder der Nabelschnur, welche die Mutter und ihr Kind verbindet.

Steinplatte mit eingraviertem Spruch in der Mitte des Denkmals

Auf der großen Steinplatte in der Mitte ist auf Koreanisch, Japanisch, Englisch und Chinesisch der folgende Satz eingraviert: „History not remembered is repeated“ (Geschichte an welche nicht erinnert wird, wird sich wiederholen“. Von allen Dingen die ich an diesem Tag gesehen und gelernt habe ist mir dieser Satz besonders im Gedächtnis geblieben, den man meiner Meinung nach, auch auf alle anderen Ereignisse und Verbrechen in der Geschichte übertragen kann.

Als ich am Ende des Tages in der Metro nach Hause sitze, fühle ich mich müde und bin nicht in der besten Laune. Diese Orte zu besichtigen und die Geschichten der Frauen zu erfahren hat mich doch mitgenommen. Ich habe Trauer und Wut empfunden. Trotzdem war es ein sehr interessanter Tag und ich würde auf jeden Fall jedem den Besuch des Museums und der Denkstätten empfehlen.

 

Bis zum nächsten Beitrag liebe Grüße aus Seoul,

Anne

7 Kommentare

  1. Coole Idee, dass Einheimische selbst Touren anbieten können! (Erinnert mich ein bisschen an getyourguide.de) Und Dankeschön, dass Du Deine Eindrücke mit uns geteilt hast. Ich kann Deine Trauer und Wut nachvollziehen. Hab gerade schon Romans Beitrag aus Krakau/Auschwitz gelesen und ja, man kann den Satz auch auf alle anderen Ereignisse und Verbrechen in der Geschichte übertragen. Umarmung aus Trier 🙂

  2. Vielen Dank Anna!
    Ich denke auch genau weil es so schwer oder unangenehm ist sollte man sich trotzdem mit diesen Themen auseinandersetzen, damit die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät.
    Umarmung zurück an dich aus Seoul 🙂

  3. Liebe Anna,

    ich habe deinen Beitrag gelesen und finde, du hast das toll gemacht. Ich bin sehr berührt von der Geschichte der Frauen und empfinde ebenso Trauer und Wut. Meine Vorfahren und Familie kommen aus Asien. Ich habe vorher schon Geschichten darüber gehört und mit deinem Beitrag habe ich viel Wissen aufnehmen können.
    Danke für deinen informativen Beitrag über ein wichtiges Thema, das nicht in Vergessenheit geraten soll.
    Ich wünsche dir alles Gute.
    Liebe Grüße

  4. Vielen Dank für diesen Bericht!
    Ich war selbst schon in Seoul und hatte keine Ahnung, dass es solche Vorkommnisse gab und es Denkmäler gibt. Dank deinem Bericht bin ich darauf aufmerksam geworden und werde es mir bei meinem nächsten Besuch mit Sicherheit ansehen.
    Ich finde es wirklich toll, dass du nicht nur über die schönen Dinge und Erfahrungen dort schreibst, sondern auch das Augenmerk auf sowas legst.
    Liebe Grüße aus Trier! 🙂

  5. Liebe Hildi Ta,

    Vielen Dank! Ich freue mich dass ich das, was ich an dem Tag gelernt habe an Andere und auch an dich weitergeben konnte.
    Ich denke dass, wenn man möchte das solche Themen nicht in Vergessenheit geraten sollen, es ein wichtiger Schritt ist selbst Informationen zu suchen und diese dann auch mit Anderen zu teilen.

    Liebe Grüße an dich 🙂

  6. Danke Katrin!

    Ich glaube, hätte ich diese Tour nicht durch Zufall gefunden hätte ich vielleicht auch nie diese Denkmäler entdeckt und soviel darüber erfahren. Sie gelten auch nicht unbedingt als Touristenattraktionen aber sie sind definitiv einen Besuch wert.
    Ich war mir anfangs unsicher ob ich gerade über ein solch anderes, „unschönes“ Erlebnis schreiben sollte aber ich bin erleichtert dass es so gut ankommt!

    Liebe Grüße aus Seoul 🙂

  7. Liebe Anne,

    auch ich bin begeistert und geschockt zugleich von deinem Beitrag. Kann man absolut nicht nachvollziehen, dass die Regierung auf die wöchentlichen Demonstrationen nicht reagiert!
    Freue mich, mehr von dir zu lesen!

    Liebe Grüße, Lynn

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