Kapitel 2 – Auf den Spuren eines Universitätsgründers

Statue des Universitätsgründes Ōkuma Shigenobu

Wie eine Gottheit blickt Ōkuma Shigenobu mit ernster Miene über den Haupteingang der Waseda Universität. Gemeint ist die mit Podest knapp drei Meter hohe Statue zu Gedenken des Politikers, Gelehrten und Universitätsgründers. Aber welche Geschichte verbirgt sich hinter dem beliebtesten Fotomotiv auf dem Campus?

Am Anfang kommen die Touristen

Eintrittszeremonie. Die Tore der Ōkuma-Gedächtnishalle – ein romanischer Bau mit gotischen Elementen – öffnen sich für die neuen Studierenden, die ab diesem Herbstsemester ihr Studium beginnen. Fertiggestellt im Jahr 1927 ist die Halle seither ein beliebter Ort für Symposien, Aufführungen und Zeremonien, meist aber bleiben ihre Tore verschlossen. Die neuen Studierenden strömen heraus und bewegen sich vom großen Vorplatz geradeaus zur Statue von Ōkuma Shigenobu. Gruppenfoto. Die Waseda Universität ist eine prestigeträchtige Privatuniversität in Japan. Die Alma Mater vieler Berühmtheiten des Landes, unter anderem des Schriftstellers Murakami Haruki. Waseda: Ein Name der mit Stolz getragen wird, und nichts bietet sich mehr an als ein Foto mit dem Universitätsgründer selbst, um zu zeigen, dass man es geschafft hat. Aber nicht nur Studierende möchten Bilder von der Statue machen. Nicht selten halten Busse vor dem Campus gefüllt mit ausländischen Studierenden oder japanischen Schülern, die ihre angestrebte Universität besichtigen wollen. Manchmal kommen auch Touristengruppen. Alle, ausnahmslos, machen ein Foto vor der Statue oder wahlweise ein Selfie und ziehen weiter. Wenig Ehrfurcht vor einer Ehrfurcht gebietenden Gestalt. Ein Freund sagt mir beim Betrachten der Statue recht salopp: „Mit dem möchte ich keinen Streit anfangen“. Ich stimme zu. Doch um wen es sich bei Ōkuma Shigenobu wirklich handelt, weiß ich nicht. Ich mache ein Foto und gehe zu meiner nächsten Veranstaltung.

Die Ōkuma-Gedächtnishalle: hier verschlossen.

„Woran denkt ihr, wenn ihr den Namen Ōkuma Shigenobu hört?“

Da ich der literarischen Fakultät angehöre, die sich im naheliegenden Toyama Campus befindet, führt es mich nur zum Japanischunterricht auf den Hauptcampus. Doch bin ich einmal dort, kreuze ich immerzu die zentral gelegene Statue auf meinem Durchweg. Selten trifft mein Blick das Gesicht des Universitätsgründers hoch oben auf dem Podest. Ich halte kurz inne. Ein entschlossener Blick, tief nach unten gezogene Mundwinkel. Festlich gekleidet mit Talar und Doktorhut, rechtes Bein nach vorne ausgerichtet, mit der rechten Hand auf einen Gehstock gestützt. Die Statue ist so ausgerichtet, dass sie über den Eingangsbereich bis zur Ōkuma-Gedächtnishalle blickt. Weiter bringt mich meine Analyse vorerst nicht. Also frage ich einige japanische Bekannte, die ich in den letzten Wochen kennengelernt habe. „Woran denkt ihr, wenn ihr den Namen Ōkuma Shigenobu hört?“ Die Antworten in Kurzform: „Universitätsgründer“, „Politiker“, „Hm, weiß nicht“, „Hoher Haaransatz“, „Wurde angeschossen“. Angeschossen? Ich werde hellhörig. Auch wenn es nicht mein Fachgebiet ist, mir bleibt nur der historische Exkurs. Zeit für Recherche.

Denkmal-Parcours im Campus-Labyrinth

Es ist kaum möglich einen Schritt auf dem Waseda-Campus zu gehen, ohne auf ein Denkmal einer berühmten Persönlichkeit der Universitätsgeschichte zu stoßen. So wurde dem „literarischen Gründervater“ der Waseda Universität, dem Schriftsteller und Shakespeare-Übersetzer Tsubouchi Shōyō, ein Theatermuseum im elisabethanischen Stil gewidmet, das sich ebenfalls auf dem Hauptcampus befindet. Meistens sind es zwar nicht weiße, aber zumindest weise, alte Männer, derer hier gedacht wird. Aber falls ich mich noch öfters auf dem Campus verlaufen sollte, werde ich eventuell eine weibliche Büste auffinden können. Hoffentlich. Und was Ōkuma betrifft, gibt es neben Bronzestatue und Gedächtnishalle noch eine Gartenanlage, die „Okuma School of Public Management“ und das Ōkuma-Gedenkzimmer, was meine erste Anlaufstelle gewesen wäre, wenn nicht Renovierungsarbeiten dies verhindert hätten. Glücklicherweise stoße ich auf das Rekishikan (dt. Geschichtsgebäude), in der englischen Übersetzung wirkungskräftig als „Waseda University History for Tomorrow Museum“ benannt. Die Quellen liegen vor mir, ihr wurdet bereits gewarnt: kommen wir zum Historischen.

Das Tsubouchi Memorial Theatre Museum auf dem Hauptcampus.

Ein Kind der modernen japanischen Geschichte

Geboren wurde Ōkuma Shigenobu 1838 in Saga im Südwesten Japans, weit von der Hauptstadt entfernt, zu einer Zeit als Japans Grenzen für die Außenwelt größtenteils verschlossen waren. Das war die Gegenreaktion auf die Verbreitung des Christentums im 16. Jahrhundert. Einzig den Holländern, die in Japan nicht missionierten, war es gestattet Handel zu betreiben, und mit dem Handel zogen auch neue wissenschaftliche Erkenntnisse ins Land. Das ist deshalb wichtig, weil Ōkuma, der in seiner Jugend vornehmlich die konfuzianische Lehre studierte, sich ab 1853 Rangaku widmete, den sogenannten „holländischen Studien“. In einem Nachruf der „Kölnischen Volkszeitung“ aus dem Jahr 1922 heißt es: „Er genoß für die damalige Zeit bemerkenswert gute Bildung, auch schon früh den Unterricht von Engländern und wurde in der Restaurationszeit einer der stärksten Feinde des Feudalsystems.“ Japan von einem Feudalstaat in einen modernen Verfassungsstaat zu überführen war eine Lebensaufgabe Ōkumas. Notwendig wurde eine grundlegende Restauration der japanischen Gesellschaft, die sogenannte Meiji-Restauration im Jahr 1968 vor allem durch die Ankunft der „schwarzen Schiffe“ des amerikanischen Offiziers Matthew Perry im Jahr 1853. Mit der militärischen Überlegenheit westlicher Kriegstechnik konfrontiert, musste Japan kapitulieren und beschloss im Folgejahr mit den „Verträgen von Kanagawa“ ein Ende der Isolationspolitik und die Öffnung mehrerer Häfen. Gefolgt von dem „Japanisch-amerikanischen Handels- und Freundschaftsvertrag“ aus dem Jahr 1858 bedeutete das den Hoheitsanspruch der Amerikaner, in wirtschaftlicher Sicht, weshalb man von Ungleichen Verträgen spricht.

Politischer Aufstieg und Gründung der Waseda Universität

Dieweil, unzählige innenpolitische und kulturelle Umwälzungen später, die hier unmöglich hinreichend Erwähnung finden können, wurde Ōkuma, der seit 1868 als Diplomat im Auftrag der Regierung arbeitete, im Jahr 1870 mit nur 32 Jahren zum Parlamentsmitglied und drei Jahre später zum Finanzminister Japans ernannt. Neben seiner politischen Karriere gründete er mit Ono Azusa, gleichfalls Politiker und Berater Ōkumas, die Tōkyō senmon gakkō, eine Fachschule, die 1904 als Waseda Universität anerkannt werden sollte. Ōkuma überließ die Gründungszeremonie Ono, um nicht den Verdacht von politischer Einflussnahme zu erwecken. Zudem beanspruchte ihn die wohl schwerwiegendste politische Aufgabe jener Zeit, die Revision der Ungleichen Verträge mit den USA. Er versuchte den militärisch überlegenen USA Mitbestimmungsrechte abzuringen, was von der Bevölkerung und vor allem von den rechten Kräften im Land als Kompromissbereitschaft zu Ungunsten Japans ausgelegt wurde. Um dies zur verhindern platzierte am 18. Oktober 1889 ein junges Mitglied der ultranationalistischen Organisation Gen’yōsha eine Bombe am Eingangstor des Außenministeriums in Toranomon. In der Folge verlor Ōkuma sein rechtes Bein. Angeschossen? Knapp daneben. Der Attentäter beging kurze Zeit später Selbstmord, Seppuku. Es heißt, dass Ōkuma, eine Gedenkzeremonie für den Attentäter finanzierte, nachdem er wieder bei Bewusstsein war.

Nach dem Attentat

Unbeirrt von politischen Konflikten strebte Ōkuma weiter von Amt zu Amt bis er 1889 mit seiner Partei Kenseitō (Konstitutionelle Partei) Premierminster wurde, wenn auch nur für kurze Zeit. Nach internen Streitereien trat er noch im selben Jahr von seinem Posten zurück, blieb aber Vorsitzender der Partei bis er 1907 auch dieser hinter sich ließ und 25 Jahre nach ihrer Gründung Direktor der Waseda Universität wurde. Über 100 kulturellen Initiativen und Projekten soll er sich in dieser Zeit gewidmet haben. Er verfasste mit der Textsammlung „Fifty Years of New Japan“ eine Reflexion über die Modernisierung Japans. Auf seiner Universität widmete er sich weiterhin dem akademischen Schaffen und der Orchideenzucht bis der „Siemens-Skandal“, eine Affäre die in Japan ein historischer Begriff ist, in Deutschland hingegen kaum Bekanntheit erlangt hat. Dieser Skandal rüttelte japanische Politik auf und zwang im April 1914 das damalige Kabinett zur Auflösung. Kurz erklärt: Siemens verteilte Bestechungsgelder an führende japanische Militärs und sicherte sich damit Rüstungsaufträge.

Ōkuma ereilte der Ruf und rasch wurde er erneut Premierminister. In seiner zweiten Amtszeit erklärte er an Seite der Alliierten dem Deutschen Reich den Krieg und weitete die japanische Kontrolle über China und die Mandschurei aus. Nur zwei Jahre später trat er nach weiteren Konflikten zurück und zog sich bis zu seinem Lebensende 1922 zurück auf seine Villa in direkter Nähe zur Waseda Universität.

Blick vom vierzehnten Stock des dritten Gebäudes auf den Ōkuma-Garten und den Stadteil Shinjuku.

Diplomatie über politische Ämter hinaus

Nach all den Daten und Skandalen bin ich etwas mürbe und mache das, was viele Studierende tun, um sich zu entspannen. Ein Besuch im Ōkuma-Garten, eine weite Grünfläche inmitten der eher grauen Universitätsstadt. Hier soll Ōkuma in seiner Villa enthusiastisch Gäste aus dem In- und Ausland begrüßt haben, insbesondere die Ideen junger Menschen interessierten ihn. Ein Foto von seinem Gewächshaus zeigt einen weiten, lichtdurchfluteten Salon mit einem Holztisch in der Mitte und Stühlen um den ganzen Raum verteilt, gar als wäre es die Vorlage zu einem Ghibli-Film. Sein Anwesen wurde unter anderem als „privates Außenministerium“ bezeichnet. „Alle Wege führen zu Waseda“, so ein Sprichwort. Albert Einsteins Japanbesuch, der ihn auch zur Waseda führte, erfolgte 1922, gegen Ende des Jahres, in dem Ōkuma verstarb. Ob politisch aktiv oder nicht, Ōkuma blieb Zeit seines Lebens eine treibende intellektuelle Kraft Japans.

„Ausbildungsstätte für Rebellen“?

Nun weiß ich besser um die Persönlichkeit des Universitätsgründers, ein Punkt erschließt sich mir aber noch nicht. Ein Premierminister als Gründer und Präsident einer privaten Bildungsinstitution? Auch damals wurden Zweifel geäußert, unter anderem von Itō Hirobumi, der erste Premierminister Japans unter dem Ōkuma das Amt des Finanzministers bekleidete. Itō, politischer Rivale und Freund Ōkumas bezeichnete dessen Universität als „Ausbildungsstätte für Rebellen“, revidierte das aber zum 20-jährigen Jubiläum der Institution, deren Feierlichkeiten er schließlich beiwohnte. Sowohl Ōkuma Distanz zur Waseda-Universität als auch die oberste Maxime der „Unabhängigkeit der Wissenschaft“ sprechen für dessen Aufgeschlossenheit für freies Denken und neue Ideen. Aber vielleicht lag Itō mit dem Begriff Rebellen nicht ganz falsch. So stellen die zahlreichen Poster der LGBT-Unigruppe, die auf dem Campus aushängen, traditionelle Rollenbilder in Frage und repräsentieren ein diverses Bild Japans. Auf einem anderen Plakat wird zum gemeinsamen Protest von Studierenden und Arbeitern gegen die „neofaschistische Abe-Regierung“ aufgerufen. Das hat der Mann nun wirklich nicht verdient. Hat er doch vor kurzem in New York verkündet, man möge ihn einen rechten Militaristen nennen.

Die Statue von Ōkuma Shigenobu mit Blick auf die Ōkuma-Gedächtnishalle.

Ein letztes Mal für heute besuche ich die Statue von Ōkuma Shigenobu. Ja, seltsam schien es mir. Keine Falte im Gesicht, keine Altersmüdigkeit, nur ein lebendiger, energischer Blick. Wenn man Fotos von Ōkuma betrachtet, dann begreift man, dass dies weder Idealisierung noch Beschönigung ist. Warum stützt sich dann dieser Mann auf einen Gehstock? Es ist der einzige Hinweis, dass Ōkuma zum Opfer eines Bombenanschlags wurde und die letzten Jahrzehnte seines Lebens mit Beinprothese zubrachte. Keineswegs hat das seinen Willen gebrochen. In einem weiteren Nachruf im Japan Adviser heißt es: „It was his intention, he often said in public, to live to be 125 years old. To see him six months ago was to almost believe it possible.”

Seitengasse mit verschiedenen Lokalen und Werbung für das Universitätsfest. Im Hintergrund ist die Universität zu erkennen.

Waseda! Waseda! Waseda?

Über eine Seitenstraße verlasse ich die Universität und doch verlasse ich sie nicht wirklich. Waseda schwappt über die Grenzen und Gebäude hinaus, umrandet von beschaulichen Wohnhäusern und Studentenlokalen. Wenn es in Japan etwas wie eine Universitätstadt gibt, dann ist es sicher das Gebiet von Toyama über den Hauptcampus zu Takadanobaba, wo viele Studierende günstig essen und feiern. Wohnungsvermittlung, zahllose Cafés, sogar ein veganes Esperanto-Restaurant (kein Scherz). Überall erscheint der Name Waseda. Die Vorbereitungen für das Universitätsfest am Ende dieser Woche schreiten sichtbar voran; Werbeschilder hängen aus, Flyer werden verteilt. Unbewusst beginne ich den Refrain den Universitätshymne zu summen. Waseda erklingt, nicht einmal, nicht zweimal, ganze sieben Mal pro Strophe. Der Name hallt überall. Aber was bedeutet „Waseda“ eigentlich? Wörtlich setzt sich der Name aus 早稲 (Wase = frühreifender Reis) und 田 (Da = Feld) zusammen: Reisfelder. In meinem Kopf erscheint ein Foto aus der Ausstellung des Universitätsmuseums. Dieses Foto ist für mich der eindringlichste Beweis für die Modernisierung Japans, mehr noch als schwarze Schiffe, Revolten, Attentate und Machtwechsel. Das Foto zeigt die Tōkyō senmon gakkō bevor sie zur Waseda-Universität wurde. Eine überschaubare Zahl von Gebäuden umgeben von Reisfeldern. Reisfelder in Shinjuku, mitten in Tokio!

Damit endet meine kleine Zeitreise. Ich verabschiede mich und danke allen, die bis hierhin mitgelesen haben. Bis zum nächsten Monat!

PS: Mehr zum Alltag aus Japan gibt es in meinem Podcast „Resümee aus Tōkyō“, den ich alle zwei Wochen aktualisiere. Hier der Link zur aktuellen Episode.

Foto mit dem Maskottchen der Universität im Geschichtsgebäude

PPS: Das Maskottchen der Universität ist ein Bär, denn das japanische Wort für Bär heißt Kuma, wie in Ōkuma, wenngleich mit einem anderen Schriftzeichen geschrieben. Gegen die japanische Vorliebe für Kalauer kommt kein deutscher Friseursalon an.

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