Weiß-rote Kontroverse

Mein geschätzter Mitbewohner Tomek und ich mitten im Geschehen.

Mein geschätzter Mitbewohner Tomek und ich mitten im Geschehen.

Brennende Straßen, offener Fremdenhass und Nationalismus oder hundertjähriges Jubiläum, Feiern mit der ganzen Familie und Gemeinschaftsgefühle? Ich war dabei.

Warum reizen uns Verbote nur so sehr? Selbst wenn es gut gemeinte Ratschläge sind. Der Tag der wiedergewonnenen staatlichen Souveränität Polens stand bevor. Man konnte es nicht ignorieren, die ganze Stadt hat sich darauf vorbereitet. Und Gerüchte gingen um. Denn letztes Jahr kam es zu unschönen Szenen. Alle waren übervorsichtig. Drei Dozenten haben unabhängig voneinander gesagt: „Geht dort nicht hin, das wird gefährlich. Gewisse Leute wollen euch Böses.“ Besonders deutlich wurden sie bei einer guten Freundin. Bei ihr im Kurs wurde ein dunkelhäutiger Student direkt darauf angesprochen, dass er das Wochenende lieber woanders verbringen sollte.

Anderer Tag, andere Zeit. Ich sitze beim Friseur, unterhalte mich angeregt, denn die Dame spricht Englisch. Sie nutzt den Feiertag, um in den Urlaub zu fahren und rät mir eindringlich davon ab, mich am 11. November in Warschau aufzuhalten. Selbst die amerikanische Botschaft gab eine Warnung heraus. Wie geht man damit um? Die Gedanken kreisten. Und mir wurde erst recht bewusst, wie privilegiert ich bin: männlich, weiß, aus Mitteleuropa, genügend Polnischkenntnisse für eine kurze Unterhaltung. Alle Zweifel beiseite; mein polnischstämmiger Mitbewohner möchte mit seinem Freund auf den Unabhängigkeitsmarsch. Was soll’s?

Das Problem mit patriotischen Festen

Warum gibt es überhaupt so viel Verwirrung um einen Nationalfeiertag? Sowas ist doch normal; wird überall gefeiert. Erst recht, wenn es ein Jubiläum gibt. Und so ein Termin ist lange im Voraus bekannt. Aber genau deshalb ist dieses Ereignis eine gute Fallstudie, um die aktuelle Lage in Polen zu analysieren.

https://i.wpimg.pl/O/600x400/d.wpimg.pl/16967268--1271382208/wp_hanna_gronkiewicz_waltz_a_hulimka3_600.jpeg

Hanna Gronkiewicz-Waltz (Foto: wiadomosci.wp.pl)

Alles begann mit der Warschauer Bürgermeisterin Hanna Gronkiewicz-Waltz, die nicht dem Lager der Regierungspartei entspringt. Wie es für patriotische Feiertage zu erwarten ist, wurde er regelmäßig von nationalkonservativen und rechten Gruppierungen instrumentalisiert. Von überall aus Polen kamen Leute, um in der Hauptstadt Präsenz zu zeigen und zu provozieren. In den letzten Jahren waren zusätzlich immer mehr Gleichgesinnte aus ganz Europa dabei. Perfektes Material für aufmerksamkeitsorientierte Journalisten. So ist es nur verständlich, dass die scheidende Bürgermeisterin das vermeiden wollte.

Die Kontroverse

Deshalb verbot sie einfach den jährlichen sogenannten Unabhängigkeitsmarsch vom Warschauer Hauptbahnhof über die Poniatowskibrücke zum Nationalstadion. An sich kein Problem; ähnliche Veranstaltungen finden im ganzen Land statt und die allgemeinen Festivitäten sind davon nicht betroffen. Trotzdem hatte das Folgen. Der polnische Präsident ergriff die Initiative, richtete seinen eigenen Marsch zusammen mit dem Premierminister aus und schon stand staatliches gegen lokales Recht. Auf dem Papier eine völlig andere Situation, in der Realität änderte sich nichts.

Das Grundproblem blieb jedoch. Der Präsident führte den Marsch an und würde in Verbindung mit allem stehen, was vorfallen könnte. Und das ist dann auch passiert: nationalistische Gruppen drängten sich an die Spitze der Menschenmenge, sodass die polnischen Offiziellen zwangsläufig vor ihnen laufen mussten. Gleichzeitig sah man zwischen den polnischen auch ungarische, slowakische und italienische Flaggen. Es stimmt also: die Rechtsnationalen vernetzen sich in Europa. Denn sie trugen zudem die Symbole ihrer zugehörigen Organisationen. Kein Wunder, dass das internationale Medienecho negativ ausfiel. Reden kann man viel, schreiben kann man mehr – was ist nun mein eigener Eindruck?

„Weiß, rot, unbesiegbar“

Angefüllt mit Erwartungen standen Tomek und ich an der Kreuzung neben dem Hauptbahnhof. Nebenstraßen von der Polizei blockiert, Busse umgeleitet, Straßen gesperrt. Die Stadt begann sich mit weiß-roten Fahnen zu füllen. Natürlich ließen wir uns nicht lumpen und kauften je ein Fähnchen für eine handvoll Złoty. Small Talk hielt uns warm an diesem trockenen Novembertag, denn wir hatten damit gerechnet, dass es 14 Uhr losgeht. Gewartet haben wir eine Stunde länger. Überall Menschen: Kinder, Alte, Rollstuhlfahrer, Mittelschicht, Veteranen, Jugendliche. Die Stimmung war entspannt. Über Lautsprecher tönten patriotische Lieder aus Zeiten vor dem Zweiten Weltkrieg. Die ersten Bengalos wurden gezündet; die Umstehenden reagierten genervt und warfen verurteilende Blicke in Richtung der Rauchfahnen. Ab und zu hörte man einen Knall – Böller werfen ist auch in Polen Symbol für Devianz. Alles schon gesehen, alles schon erlebt, nichts Neues im Osten.

Dann ging es los: die Nationalhymne dröhnte blechern durch die Lautsprecher. Das erste Unbehagen: die lauten Stimmen, die fremde Sprache, der unentrinnbare Rauch der Feuerwerkskörper. Man konnte die Hand nicht vor den Augen sehen. Verschmelzen mit der Menge. Treiben lassen. Die Sonne geht unter und die kreischende Herde beginnt sich zu bewegen. Endlich geht es los! Tomek stellte sicher, dass wir mit den ruhigen Solidarność-Leuten mitlaufen. Die Atmosphäre ist entspannt: alle achten aufeinander, für Anrempeln wird sich entschuldigt, sicherheitshalber laufen Sanitäter umher und als sich ein Krankenwagen in Bewegung setze, schmiegte sich die Masse an den Rand. Danach setzen die Sprechgesänge wieder ein: „weiß, rot, unbesiegbar“ (biały czerwony niezwyciężony/biawij, tscherwonij, njeswitschenschonie).

Kitsch und Gemeinschaft

Es war wie auf einem Volksfest. Oder auf einer Demonstration. Oder im Fußballstadion. Die Masse hat ihre eigene Logik. Gruppengesänge, gemeinsames Gehen und bunte Fähnchen. Alles friedlich, alles freundlich, einem hundertjährigen Jubiläum angemessen. Der offen zur Schau gestellte Patriotismus mag als Deutscher außerhalb der Fußballweltmeisterschaft irritieren, doch die Polen feiern nicht anders, als die Franzosen oder Amerikaner. Dass die Sicherheitskräfte trotzdem angespannt blieben, bemerkte man erst, als der Marsch nach rund zwei Drittel der Strecke vor der Brücke gestoppt wurde.

Die Warschauer Polizei hat am Ende 250.000 Teilnehmer gezählt, was die Veranstaltung zu einer der größten dieser Art in Europa macht. Und sie ist offen für jeden. Wieder die unlösbare Frage: legimiert man die radikalen Gruppen, wenn man gemeinsam auf der gleichen Veranstaltung ist? Persönlich rechne ich mich zu den Unterstützern des übergeordneten Sinnes: ein historisch zerissenes Land bei der Schaffung einer Identität zu unterstützen.

Die Frage aller Fragen: was bleibt?

Am Ende war es gar nicht so spannend. Es erinnerte mich an das Leipziger Lichterfest zur Feier der Friedlichen Revolution. Und es lohnt sich, zwischen den Zeilen des Medienechos zu lesen: ja, Nationalisten waren vor Ort. Eine EU-Flagge wurde verbrannt. Das war’s. Darauf haben sich die Medien gestürzt, wobei die Warschauer Polizei eine Belohnung auf die Missetäter ausgesetz hat. Im Vergleich zu den Vorjahren gab es im Grunde keine Zerstörungswut und einen Tag später hat niemand mehr ein Wort über den Marsch verloren. Fertig.

Was bleibt? Der gemeine Pole unterscheidet zwischen Patriotismus und Nationalismus. Er mag es nicht, instrumentalisiert zu werden. Als Reaktion darauf folgt pragmatische Ignoranz: zurück zum normalen Leben. Polen arbeitet an seinem Selbstverständnis. Ich wünschte, ich könnte euch eine klare Antwort geben. Doch wie so oft liegt die Magie in den Abstufungen des Grautones.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.