Hitting the Road

An der Bepflanzenung des Straßenrands kann man die Jahreszeit ablesen.

Auf meine Frage, was das Beste an Tokio sei, antwortete mir ein Freund, der hier aufgewachsen ist: „Bei Nacht über den Highway fahren.“ Es sollte dann ein Trip nach Nikko werden. Ich weiß gar nicht, was das „soll“ hier soll. Also, es wurde ein Trip nach Nikko. Von Tokios Straßen und dem Autofahren in Japan.

Kurz vorweg: Das war nicht mein erstes Mal

Es war nicht das erste Mal, dass ich in Japan mit dem Auto gefahren bin. Damals in Osaka durfte ich auf der Rückbank des BMW meiner Gasteltern Platz nehmen, ein Auto, das wesentlich zu groß für die engen Straßen des Wohngebiets war, in dem wir wohnten. Wie mein Gastvater, ohne einen Kratzer in den weißen Lack zu machen, einparken konnte, ist mir bis heute ein Rätsel. Wo andere nur ein Navi benutzen, hatte das Auto einen Fernseher eingebaut. Nicht auf der Rückbank, sondern vorne beim Fahrer. Zusammen mit dem Fernseher im Wohnzimmer, im Badezimmer und im Schlafzimmer sorgte dieser Apparat dafür, dass nicht eine Minute ohne Entertainment zu verbringen war.

Bei meiner zweiten Auslands-Auto-Erfahrung wurde ich von netten Studierenden meiner Uni zu einem Tagesausflug nach Ise eingeladen. Zu spät bemerkte ich, dass es sich bei den Fahrern um lebensmüde Fahranfänger handelte. Ihre Motivation bestand scheinbar nicht darin, Ise in einem Stück zu erreichen, sondern möglichst wenig Abstand auf der Autobahn zu halten. Ich erinnere mich an kommentierte Fahrmanöver („Yabee, yabee, yabee“ – „Krass, krass, Krass“), die beinhalteten, möglichst spät Spuren zu wechseln oder während eines Pläuschchens mal ein bisschen länger zur Rückbank zu schauen. An viel erinnere ich mich aber nicht mehr. Am Ende des Tages hatte eins von drei geliehenen Autos ein Ticket aufgrund zu schnellen Fahrens. Und zum Ise-Schrein haben wir es auch nicht mehr geschafft.

Wir können jetzt losfahren

Aber das gehört der Vergangenheit an. Die Fahrkünste des Fahrers bei diesem Ausflug waren wundervoll. Er hatte seinen Führerschein in Tokio gemacht. Nach eigener Eigenaussage sei sein Hobby, über die Highways Tokios zu fahren. Außerdem konnte ich seine Fähigkeit bewundern, die Aussagen des Navis zu verstehen, das eine 3D-Karte von Tokio anzeigte. Spätestens als der Hochhaus-Dschungel von Shinjuku auf dem Display erschien, verstand ich nur noch Bahnhof.

Es ist durchaus ein ungewöhnliches Gefühl, auf der linken Straßenseite zu fahren. Ich kam nicht umhin, mich das ein oder andere Mal zu erschrecken, wenn es plötzlich links vor rechts hieß, oder wir auf dem Highway auf der rechten Spur überholten. Während der Rushhour kommt es derweil häufiger zu Staus, aber abgesehen davon ging es relativ zügig voran.

Disko-Baustellen und laserschwertschwingende Bauarbeiter

Es fällt auf, dass es sehr viele Baustellen gibt, die besonders um die Aufmerksamkeit der Fahrer kämpfen. In der Nacht wird dort die Disko-Beleuchtung angeschaltet. Blinkende Pylonen und bunte Anzeigetafeln mit sich wild drehenden Kreisen in allen Farben des Regenbogens sorgen für totale Reizüberflutung. So übersieht garantiert kein Autofahrer eine Baustelle. Was mich jedoch noch viel mehr erstaunt, sind die Bauarbeiter, die mit Sicherheit vor jeder Baustelle aufgestellt sind und mit laserschwertartigen Leuchtstäben herumfuchteln, um auf die Baustelle aufmerksam machen. Als ob die zwei duzend wild blinkenden Pylonen nicht schon Warnzeichen genug wären. Ich wundere mich also jedes Mal über die verschwendete Arbeitskraft und Lebenszeit, die jedes Schild genauso gut hätte erledigen können (über Bullshit-Jobs David Graeber).

Um fair zu sein, an manchen Baustellen gab es auch lebensgroße LED-Bildschirme, die genau das anzeigten: fahnenschwenkende Bauarbeiter in Vollmontur. Diese Baustellen waren jedoch in der Unterzahl. Und warum das nationale Zeichen für Baustellen zwingend ein lebender Bauarbeiter sein muss, verstehe ich nicht so ganz.

Raus aus der Stadt, auf ins Inaka (Land)

Der Weg aus Tokio heraus führte uns über Highways, die meistens ein Stockwerk über den gewöhnlichen Straßen gebaut sind. Damit tragen sie dazu bei, dass man in Tokio noch weniger Sonnenschein abbekommt, als allein schon durch die vielen Hochhäuser. Auf den Highways kann man dann auch mal auf die Tube drücken: Das Tempo-Limit liegt in der Stadt meistens bei 80 km/h.

Beeindruckt von den Hochhäusern, die vor einem strahlend blauen Himmel an uns vorbeiziehen, kann ich hin und wieder beobachten, wie uns das Geld aus der Tasche gezogen wird. Das Navi zwitschert dann in bester Laune, wieviel wir gerade blechen mussten. Japanische Autobahnen sind meistens in privater Hand und noch nicht abbezahlt. Das führt dazu, dass man am Ende der Bahn für die Kilometer, die man gefahren ist, bezahlen muss. Bei der Ausfahrt der Autobahnen stehen dann Stationen, ähnlich zu Zoll-Stationen, die man durchfahren muss. Automatisch wird dabei der Chip gescannt, der in dem Auto eingebaut ist, dann öffnen sich die Schranken. Da wir für dieses Prozedere nicht bremsen müssen, aber sich die Schranken erst im letzten Moment öffnen, habe ich gefühlt zwanzig Herzinfarkte durchlitten. Am Ende des Monats kommt dann die Rechnung für die gefahrenen Kilometer ins Haus geflattert (über die Gebühren und das privatisierte Highway-System)

Langsam nimmt die Dichte des Hochhaus-Dschungels ab, während wir in die Nachbarpräfektur Saitama hereinfahren. Am Horizont zeichnet sich die Berglandschaft der japanischen Provinz in majestätischer Größe ab. Die Berge sind über und über mit Bäumen bedeckt, deren Laub sich zur Herbstsaison in feschen Rot- und Brauntönen zeigt. Häufig lässt sich kein einziges Haus auf diesen Bergen finden, zu steil ist der Weg und zu abgelegen wäre die Position. Als wir eine Hügelkette in Nikko passieren wollen, zieht sich eine endlose Abfolge von Kurven über den Hang. Da wohnen die Leute dann doch lieber im Tal.

Tokio bei Nacht – Schwimmen im Lichtermeer der Hochhäuser

Nach einem wundervollen Tag in Nikko geht es dann wieder zurück nach Tokio. Während wir auf dem Weg aus Tokio uns immer weiter von der dichtgedrängten Zivilisation entfernten, ist es nun umgekehrt, die Lichter der Stadt nehmen mit jedem Kilometer, den wir uns nähern, zu. An diesem Punkt macht es mir gar nichts mehr aus, dass wir fast durch die Schranken der Gebühren-Stationen brettern. Vor uns erstreckt sich ein Meer aus Lichtern. Das Auf und Ab der Straßen erzeugt ein Gefühl als würden wir auf den Wellen der Stadt reiten. Zwischendurch taucht man in einen orange-erleuchteten Tunnel unter, dann taucht man wieder auf und ist umgeben von Neonlichtern und Wolkenkratzern. Dazu hören wir einen City Pop Mix, ein Genre, das in den 80ern anscheinend extra erfunden wurde, um die städtische Atmosphäre auf Tokios Straßen einzufangen (Hört gerne rein, es ist sehr entspannend). Ein Wahnsinnsgefühl!

Wir drehen eine komplette Runde durch die Stadt, da sich der Highway ringförmig durch Tokio zieht. Vorbei an dem Tokio-Tower, eine orange illuminierte Nachbildung des Eifelturms, über die Rainbowbridge, von der aus man die beste Sicht über die Stadt hat. Vorbei an den Disko-Lichtern unzähliger Baustellen, vorbei an lustlosen laserschwertschwingenden Bauarbeitern (Geht nach Hause, es ist schon zwölf Uhr! Danke, ich habe die Baustelle schon aus einem Kilometer Entfernung gesehen).

Eine kurze Video-Empfehlung zum Schluss

Leider konnte ich wegen der Lichtverhältnisse keine Fotos machen, aber das folgende Video vermag es vielleicht, einen kleinen Eindruck der städtischen Landschaft zu vermitteln.

Und wer jetzt noch 30 Sekunden Zeit übrig hat, den lade ich herzlich dazu ein, einen Blick auf die oben beschriebenen Baustellen zu werfen. Die machen mich echt fertig.

 

3 Kommentare

  1. Der Artikel ist,wie auch die vorherigen, super geschrieben. Durch die Bilder und die Links konnte ich an dem Ausflug teilnehmen. Super Hanna
    Ich freue mich schon riesig auf den nächsten Artikel.

  2. Wie immer sehr unterhaltsamer Artikel! Schön, dass du das Thema Bullshitjobs aufgegriffen hast, da muss ich auch jedes Mal dran denken, wenn ich die Laserschwerter sehe. Meine Theorie ist ja, dass es sich um eine große ABM für Senioren mit zu viel Freizeit und zu wenig Rente handelt.

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