Zwischen den Stühlen

Erasmus ist, wenn ein Semester deines Lebens in anderthalb Koffer passt.

Der Trubel ist vorbei. Alles mitgenommen. Wieder daheim. Und jetzt?

In der Fremde stößt man auf ein interessantes Phänomen: man wird sich seiner Herkunft bewusst. Ständig die Frage „Where are you from?“, die Antwort und die aufleuchtenden Augen des Gegenübers: „Deutschland! Awesome. Da wollte ich schon immer mal hin. Euch geht es ja auch gut. Flagschiff Europas, starke Wirtschaft, Merkel.“ Berlin, Köln, Hamburg – alles keine Fremdwörter. Klar, da fühlt man sich schon geschmeichelt. Andererseits fängt man an, darüber nachzudenken, wie es denn wirklich so ist, in Deutschland zu leben. Genug Dinge zum Anpacken gibt es hierzulande auf alle Fälle. Ich spare mir an dieser Stelle politikwissenschaftliche Ausführungen über Bildung, Arbeitsmarkt und Sozialstaat. Das wisst ihr ja selber am besten.

Deutschland ist schön. Und doch reicht es mir nicht. Irgendwann zwischen Pubertät und Erwachsenwerden kam das Gefühl, dass da noch mehr wartet. Schon durch mein Studium fühlte ich mich mehr und mehr als Europäer. Und es zaubert mir jedes Mal ein freches Schmunzeln über die Lippen, wenn ich an die Warschauer Internationals denke, die eins zu eins so wie ich ticken. Was ein Gefühl Freunde aus halb Europa zu haben. Einen Fuß in der Tür, wenn man mal nicht weiß, wo man Urlaub machen soll. So schön von zu Hause aus zu verfolgen, was die anderen so treiben.

Eins, zwei oder drei

Szenenwechsel: ich durchsuche das Internet nach potenziellen Arbeitgebern. In einer Stellenanzeige wird „interkulturelle Kommunikation“ verlangt. Noch so ein schwammiger Begriff, der dazu einlädt, den Lebenslauf zu frisieren. Doch in Warschau habe ich gelernt, was er bedeutet: vor allem Missverständnisse. Verdrehtes Englisch, unverständliche Witze und kollidierende Essgewohnheiten. Die lustigsten Szenen erlebte ich beim Begrüßen und Verabschieden. Das ist ja in der eigenen Kultur schon schwer genug. Händedruck? Umarmen? Kuss? Die Polin, die einmal, die Portugiesin, die zweimal, die Italienerin, die dreimal küsst. Und ich, der umarmt. Da gingen die ein oder anderen Lippen schon einmal ins Leere. Was ein Glück, wenn man dann mal auf ein paar Deutsche trifft und alles auf Anhieb glatt geht.

Aber alle sind in der gleichen Situation. Alle sind etwas verschüchtert. Mit einem Lächeln lässt sich das klären und man ist sich direkt etwas sympatischer geworden. Man ist authentischer, weil man vermeintliche Fehler zulässt. Warschau hat mir eine Gelassenheit und Offenheit gegeben, die mich unglaublich bereichert. Langsam scheint das ganze Gefasel von Persönlichkeitsentwicklung Sinn zu ergeben. Ja, ich weiß jetzt besser, wer ich bin, weil ich ganz neue Seiten an mir kennengelernt habe.

Am Ende zählt der Mensch

Doch das ist nur möglich gewesen, weil ich ehrliche Freunde um mich hatte. Mit denen ich über Gefühle und Erfahrungen reden konnte, um es damit zu verarbeiten. Gerade weil sie das gleiche durchmachen und es nachfühlen. Im Grunde sind das Land bzw. ist die Stadt recht egal. Entscheidend sind die Menschen, die man um sich hat. Sie prägen die Erlebnisse, fordern heraus. Alleine wäre Warschau nach einem Monat Sightseeing langweilig geworden.

Es stimmt: die Leute zu Hause, die noch nicht länger im Ausland gelebt haben, können das nicht wirklich mit einem teilen. So lebe ich momentan noch zwischen den Stühlen. Aber ich habe Blut geleckt. Mit neuem Selbstbewusstsein, kosmopolitischem Geist und europäischen Chancen geht es weiter. Ob ich mir vorstellen könnte, wieder ins Ausland zu gehen? Ja. Ob ich mir vorstellen könnte, im Ausland eine Familie zu gründen? Ja. Ob ich mein Heimweh verloren habe? Nein.

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